Der Zastava läuft: Jugo Ürdens mit „YUGO“ // Review

(Futuresfuture/VÖ: 05.10.2018)

Das namensbedingte Vorurteil des Klamauks, untermauert durch teils plumpe Partytracks in den Anfangstagen, hat sich bei Jugo Ürdens rasch verflüchtigt. Ursächlich dafür, dass sich der Wiener Rapper mit Sprachsex-Background im Fortlauf seines Rapper-Daseins verstärkt um die Aussagekraft seiner Kunst bemühte. Jugo Ürdens hat nämlich weitaus mehr zu erzählen als Geschichten mit Jägermeister-Geruch. Eine positive Entwicklung vor dem ersten Albumrelease, würde einem Longplayer voller Songs über den Prolo-Lifestyle ähnlich schnell die Puste ausgehen wie einem Zastava auf der Autobahn. Ein Schicksal, das dem Debütalbum „YUGO“ nicht ereilen sollte, wie bereits die bildkräftigen Video-Singles und die Teaser-EP erahnen ließen.

So wandert der autoaffine Titeltrack „YUGO“ im Watt der Jugoslawien-Nostalgie umher, verzichtet jedoch auf großen Kitsch. Mit dem Track schreibt sich Jugo Ürdens vielmehr in die Tradition des serbischen Filmregisseurs Zeljko Mirković oder des bosnischen Künstlers Mladen Miljanović ein, denen es ebenfalls gelang, diesem Zastava-Modell neue Bedeutung jenseits der Rolle eines reichlich schnöden, aber nicht tot zu kriegenden Transportmittels zu verleihen. Der ehemals belächelte „YUGO“ ist heute ein Ausdruck geteilter jugoslawischer Identität, durchaus mit Stolz behaftet. Ein Gefühl, das auch Jugo Ürdens, in Skopje geborener Sohn eines Mazedoniers und einer Serbin, mit dem Song vermittelt. Ein Auto, mehr als nur ein Auto.

In ähnlich gefälligen Gefilden bewegen sich „Allein“, eine seinerseits doch unerwartete Ode an die Einsamkeit, und „Vater“, das einen ungeschminkten, ehrlichen Einblick in die familiären Verhältnisse des Rappers bietet, die alles andere als leicht sind: „Ich weiß dir geht’s, dir nichts ganz so gut/Midlifecrisis, arbeitslos“, rappt Jugo Ürdens hier im nachdenklichen Tonfall. „Vater“ bietet eine mitreißende Charakterisierung einer Vater-Sohn-Beziehung, die in dieser Konstellation vielen aus der Seele sprechen dürfte. Eine gelungene, weil überaus reflektierte Darstellung.

Dieses inhaltliche Niveau hält das Album jedoch nicht immer. In solchen Situationen kommt Jugo Ürdens‘ Delivery zum Tragen, die auftretende Schwächen kaschiert: Ein Track wie „Ich verstehs nicht“ hat so als ignorante Abrechnung mit einem falschen Freund durchaus Qualitäten. Weniger in inhaltlicher Hinsicht, werden textlich keine Revolutionen vorgenommen. Aber auf welch stilsichere Art Jugo Ürdens nicht nur auf diesem Track seine Zeilen an den Hörenden bringt, ist beachtlich. Dabei klingt er entweder ungemein sympathisch oder zeigt Anflüge von Arroganz. Nur egal klingt er nie. Das ist der Hauptgrund, warum sogar ein Song wie „Woman“, der älteste und schwächste Track des Albums, noch punkten kann.

An alte Zeiten erinnert auch „Allegro“, auf dem Edwin seine große Show abzieht. Edwin, ein musikalischer Sonnenaufgang, beweist sogar Mehrsprachigkeit, indem er ganz harmonisch einen Satz auf Mazedonisch in die Hook einbaut („Leta me do nebo“, was soviel heißt wie „Ich hole dir die Sterne vom Himmel“). Weniger sonnig stehen die Zeichen beim anderen Featuregast,  EINFACHSO, ebenfalls aus der FuturesFuture-Fam. Auf dem düsteren „Läuft“ bahnt sich dieser seinen Weg zwischen Großkotzigkeit und Gemeindebautristesse, hinkt in seinem Part aber Jugo Ürdens hinterher, der seine depressiven Beton-Zeilen so eindringlich über den Beat stülpt („Und sie schreiben mir auf Insta/Schicken Bilder von ihrem Hintern/Schau‘ kurz hin, drück’ sie weg/Und spiel‘ den ganzen Tag nur FIFA“), dass es der nachkommende EINFACHSO schwer hat, Schritt zu halten – wenngleich die Abschlussline „Aber was soll ich den’n erzähl’n/Dafür müsste ich eine halbe Stunde steh’n“ doch ausgesprochen gut sitzt.

Gut sitzen auf „YUGO“ auch die Beats zwischen Synthies und obskuren jugoslawischen Samples, produziert von Joce und Jugo selbst. Manchmal fallen diese träumerisch-warm, manchmal geradezu unterkühlt aus, sind aber immer mit Leben gefühlt. Dass der Sound nicht steril und sauber klingt, passt zur gesamten Ästhetik. Die Drums auf der Platte bieten das bekannte 2018-Programm, welches sich stilistisch in der Verwendung von Autotune und Singsang in den Hooks fortsetzt. Alles greift nahtlos ineinander, was auch auf die Tracks an sich zutrifft, war die Gestaltung der Übergänge für Jugo Ürdens ein hörbar wichtiges Thema. Deswegen fühlt sich „YUGO“ wie ein Album, und nicht wie eine Spotify-Playlist an. Passt eigentlich nicht ganz zu 2018, ist aber schön.

Fazit: Mit seinem Debütalbum präsentiert Jugo Ürdens ein Werk, das vor allem durch eingängige Beats und der Delivery des Hauptprotagonisten überzeugen kann. Thematisch gelingt selbiges über weite Strecken, vor allem die persönlichen Töne sind interessanter Natur und zeichnen ein vielschichtiges Bild der Zerrissenheit, die nicht nur bei Personen mit Migrationshintergrund, sondern bei der Generation Y an sich, wenn auch mit anderen Vorzeichen, gegenwärtig existiert. Jugo Ürdens‘ großes Potential ist auf „YUGO“ unüberhörbar, da lässt sich noch manch stellenweise vorhandene textliche Beliebigkeit entschuldigen. Der Grundstein für eine Karriere, der nicht so schnell die Puste wie einem Zastava auf der Autobahn ausgehen wird, ist damit gelegt.

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