Meisterlicher Elzhi, durchschnittlicher Khrysis: „Jericho Jackson“ // Review

(Jamla Records/VÖ: 23.02.2018)

Für Elzhi war die Zeit nach seinem eindrucksvollen 2011er-Remake des Klassikers „Illmatic“, „Elmatic“, mit dem er sogar einen mittleren Hype um seine Person kreieren konnte, nicht wirklich vom Glück gesegnet. Depressionen und eine total verhaute Kickstarter-Kampagne, bei der sich einige Fans geprellt fühlten, machten dem Detroiter schwer zu schaffen.

2016 folgte dann der Release seines zweiten „richtigen“ Albums „Lead Poison“, das Elzhi als Plattform zur musikalischen Aufarbeitung aller Problemlagen, denen er sich in den Jahren zuvor ausgesetzt fühlte und die seine Arbeit behinderten, nutzte. Depressionen, aber auch Alkoholismus sind deswegen prominente Themen auf einem Album, das erneut beweisen konnte, warum das Ex-Slum-Village-Mitglied immer genannt werden muss, wenn es um die Top Ten der besten Lyricists im Geschäft geht. Nur hatte er in dieser Zeitspanne von fünf Jahren viele der Fans, die er mit „Elmatic“ gewinnen konnte, längst auch wieder verloren. Der Eindruck, Elzhi hätte „Lead Poison“ quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf den Markt gebracht, ist sicher nicht ganz falsch.

Zwei Jahre später startet Elzhi nun den nächsten Versuch im Streben nach verdienter Anerkennung. Für das Projekt „Jericho Jackson“ schloss er sich mit 9th-Wonder-Zögling Khrysis zusammen, der trotz Grammy-Nominierung (Rapsody sei Dank) primär als stilistischer Abklatsch seines großen Lehrmeisters gilt. Gute Beats kann Khrysis sicherlich produzieren, aber von Eigenständigkeit und einem Trademark-Sound ist er so weit entfernt wie Elzhi von einem Platz in der RapCaviar-Playlist auf Spotify. Allerdings stimmt die Chemie zwischen den beiden, wie sich auf „Jericho Jackson“, benannt nach der Hauptfigur aus dem Film „Action Jackson“, zeigt. Ein Projekt, welches die beiden auch gemeinsam innerhalb von fünfzig Tagen in einem Studio in North Carolina produzierten.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht natürlich Elzhi, der erneut eine makellose Leistung als Rapper abliefert. Sein Flow, seine Wortspiele und seine Fähigkeit, tiefgründige Geschichten zu erzählen, sind ebenso bemerkenswert wie die Vielzahl an Themen, die er in „Jericho Jackson“ aufgreift. Das beginnt bereits im Einstiegstrack „Overthinking“, in dem er sich mit verpassten Karrierechancen über familiäre und monetäre Probleme bis hin zu Trump beschäftigt. Besonders eindrucksvolle Exemplare introspektiver Gedankenarbeit, die ihren Weg an die Oberfläche fanden, sind die Tracks „F.R.I.E.N.D.S.“, „Listen“ und „Thank You“: In „F.R.I.E.N.D.S.“ widmet sich Elzhi falschen Freunden („Cause now you know the reason why I’m private/True friendships, I’ve been deprived it“) und schildert die Gründe für menschliche Enttäuschungen auf so detaillierte Weise, dass man nur mit ihm mitfühlen kann.

Ähnlich „Listen“ mit R’n’B-Sängerin Amber Navran, das in einem Kosmos zwischen Depression und Beziehungsaus schippert („And I still think about relating to my struggles with depression/Feel like I had rest with Satan in the pit of fire/For the longest time, he was sucking oxygen out the room/So you were a humidifier“), und der Danksagungstrack „Thank You“: Hier sticht Elzhis Dank an seine Mutter dafür, sich nicht für eine Abtreibung entschieden zu haben, aus der Vielzahl hochemotionaler Zeilen heraus.

Nicht minder hervorhebenswert ist sein Storytelling, vor allem auf „Cuffin‘ Season“ und „Seventeen“. Die Handlung in „Cuffin‘ Season“ liefert ein drastisches, warnendes Bild von der Straße, das aber ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. „Seventeen“ hingegen ist quasi Nachfolger des „Lead Poison“-Tracks „Two 16’s“ und zeichnet detailliert das Schlittern eines 17-Jährigen in den Strudel der Straßenkriminalität nach. Beides Tracks, die mit einer ausgeklügelten dramaturgischen Inszenierung überzeugen können, die Elzhi mit erstaunlicher Leichtigkeit über die Beats spinnt. Und da wäre noch das überaus amtliche Niveau der Wortspiele, insbesondere auf dem Track „Breguets“, der ein einziges Manifest in dieser Disziplin darstellt, die Elzhis Leistungen auf „Jericho Jackson“ veredeln.

Im Vergleich zur Sprachgewandtheit von Elzhi fallen die Beats jedoch ab. Khrysis, der auf „Talkin‘ Bout“ einmal als Rapper in Erscheinung tritt, liefert zwar ordentlich fabrizierte jazzig-soulige BoomBap-Instrumentals auf Sample-Basis, die sich nicht in den Vordergrund drängen. Warum er allerdings nur ein Produzent aus der zweiten Reihe ist, beweisen Umgang und Wahl der Samples: Oft klingen diese allzu vertraut, wie etwa im Fall von „Self Made“, auf dem wieder einmal „Darkest Light“ von The Lafayette Afro Rock Band gesampelt wird. Anrechnen muss man Khrysis, dass er sich wenigstens bemüht, das jeweilige Sample auf neue Weise zu flippen. Am überraschendsten ist das Sampling des relativ neuen Songs  „Deep Down Body Thrust“ von N.E.R.D., das Khrysis auf „Seventeen“ verwendet. Ein rar gesäter Überraschungsmoment eines Producers, der insgesamt solides Handwerk liefert, aber zu wenig leistet, um sich in die erste Liga der Produzenten vorzuspielen.

Fazit: „Jericho Jackson“ zeigt einen Elzhi in großartiger Form, der auf jedem Song mehr als nur überzeugen kann, hinterlassen insbesondere die Reflexionen aus seinem Seelenleben einen nachhaltigen Eindruck. Khrysis an den Boards kann hier leider nicht mithalten, weswegen das abschließende Urteil zur Platte zwiegespalten ausfällt. Die Rap-Parts von Elzhi sind überragend, die Produktionen lediglich knapp über Mittelmaß. Vielleicht kann Khrysis beim nächsten Mal zulegen, ist doch definitiv ein Nachfolger dieses Projekts geplant. Elzhi muss hingegen nur seine Form bewahren, um eines zu beweisen: Es gibt wirklich gar keinen Zweifel darüber, dass er in die Top Ten der besten Lyricists gehört, die Rap zu bieten hat. Bleibt ihm nur zu wünschen, dass er mit „Jericho Jackson“ auch die verdiente Aufmerksamkeit bekommt.

3,5 von 5 Ananasse

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