Die Ananas weist dir den Weg // Jahresvorblick 2018

Ganz ehrlich, wir könnten hier genauso gut einen Auszug der Telefonnummer von Seite 222 bringen und es hätte wohl dieselbe Aussagekraft. Vielleicht sogar mehr Unterhaltungswert, denn mittlerweile wissen wir alle nur zu gut, wie austauschbar Ankündigungen geworden sind  was wahrscheinlich auch daran liegt, dass ein Gros der österreichischen HipHop-Musiker seine musikalische Karriere als Freizeitbeschäftigung vorantreiben muss statt diese als Brotberuf wahrnehmen zu können. Dennoch freuen wir uns auf mögliche Veröffentlichungen unserer Lieblingsrapper und -produzenten, erwarten aber nicht zu viel, um dann nicht enttäuscht zu werden. Damit ihr euch mit uns vorbereiten könnt, haben wir zusammengefasst, worauf wir 2018 national wie international Augenmerk legen und welche Newcomer besonders spannend sind.

Thomas Kiebl

Bevor ich meinen Blick in die Zukunft richte, noch ein paar Worte (eher Sätze) zu meinen Einschätzungen aus dem vergangenen Jahr: Roc Marciano, Arca, Jay Z, Casper und SOHN standen damals auf hervorgehobene Weise in meiner Liste. Nun, an Einzelheiten von Roc Marcianos Album kann ich mich ehrlicherweise kaum noch erinnern, das meiste auf „Rosebudd’s Revenge“ plätscherte nur uninspiriert vor sich hin. Lediglich der schrecklich nervige Flöten-Loop auf „Herringbone“ hat sich bei mir ins Gedächtnis eingebrannt – negativ, versteht sich. Ein paar Tracks speicherte ich mit einem „Like“ ab, aber das war im Endeffekt doch alles deutlich unter den Erwartungen. Arcas selbstbetiteltes Album entpuppte sich hingegen als regelrechtes Highlight, viele Tracks davon begleiteten mich das ganze Jahr über – „Desafío“ oder „Piel“ stehen schließlich stellvertretend für jenen irren Alien-Techno, den Arca mit seiner Musik fabrizieren will. Brauche jetzt nicht viele Worte verlieren, alles weitere kann in meiner Review nachgelesen werden. Ebenfalls als gelungen kann man Jay Zs „4:44“ bezeichnen, komplett produziert von No I.D., der einen ungemein spannenden Soundteppich für den rappenden Großmeister knüpfte; wenngleich die Handhabe der Samples stellenweise doch herausfordernd wirkte. An Jays Leistungen gab es nichts auszusetzen, man höre nur „The Story of O.J.“. Er kann es halt noch immer. Casper hat mit „Lang lebe der Tod“ (Review) ebenfalls gut abgeliefert, richtig lange blieb das Album bei mir allerdings nicht in der Rotation. Hat sich leider schnell totgehört. Aber immer noch besser als SOHNs belangloses „Rennen“, eine einzige musikalische Ideenlosigkeit. Tod durch Repetition gleicher Muster. Schade. Aber auch hier kann man meine Gefühlslage beim Hören des Albums detailliert in meiner damaligen Review nachlesen.So weit, so gut, nun aber meine musikalischen Wünsche für das nächste Jahr. Und da treffe ich gleich auf ein Luxusproblem: Das Musikjahr 2017 war so extrem stark, fast alle meine Favorites aus diversen Genres haben Material veröffentlicht und mit hervorragenden Alben sich direkt in mein Herz gespielt, es fällt schwer, noch irgendwelche konkreten Wünsche zu formulieren. Über ein neues Release von FKA twigs würde ich mich aber freuen – also Tahliah: Ich weiß ja, dass du den Schmerz deiner Trennung mit Robert Pattinson (mag dich trotzdem) einfach musikalisch verarbeiten musst. Und da mir eine Bekannte gezwitschert hat (hehe), dass du zurzeit sowieso oft in der Nähe eines bekannten Londoner Studios anzutreffen bist, scheinst du gerade sowieso voll im Prozess zu sein. Top.

Über ein neues Album von Danny Brown würde ich mich ebenfalls freuen, aber da kommt die nächsten fünf Jahre mit ziemlicher Sicherheit nichts. Bei Chance the Rapper stehen die Chancen für ein Release schon besser. Aus dem TDE-Stall darf 2018 bitte wieder erstklassige Ware kommen, als Nächster ist wohl ScHoolboy Q an der Reihe. An Roc Nations Jay Electronica musste ich kürzlich denken, aber lassen wir das. Realistischer ist, dass die Gayboiclique nächstes Jahr durchstartet und den SoundCloud-Stempel abstreifen kann – mit weiteren Tracks wie „NASA“ sollte das gelingen. Bei GHOSTIE und 10CEVX erhoffe ich ähnliches, da Nummern wie „Clone Myself. Murder Myself“ (GHOSTIE) oder „Reaper Chain“ (CEV) schließlich extrem dem Zeitgeist entsprechen. Und La Goony Chonga müsste schon längst ein Superstar sein. Die Zeit ist reif!

Da bei uns – im Gegensatz zu anderen – der Tellerrand nicht bei launigen Yo-Yo-Sagern endet, noch ein Blick auf Vertretern abseits des rhythmischen Sprechgesangs oder alternativen R’n’Bs: Auf das neue Release von My Bloody Valentine freue ich mich extrem, „MBV“ (2013) war ein Wahnsinn von einem Comeback-Album. Bitte wiederholen. Von Oneohtrix Point Never ist ebenfalls ein Release geplant, könnte ein Kandidat für die Jahresbestenliste 2018 werden. Alles, was von Helena Hauff sowie den Labels [Aufnahme + Wiedergabe] und Italians Do It Better kommt, werde ich mir selbstredend auch 2018 reinziehen. In „Destroyer“ von TR/ST bin ich ein bisschen verliebt, das neue Album wird daher freudig erwartet. Zudem, da lege ich mich fest: Charli XCX wird den Popthron so richtig erklimmen. Wie die Schönbrunner Gloriettenstürmer im Schlager-Genre, denen ich alles erdenklich Gute wünsche. Viel Liebe bekommen auch diejenigen, die Youth Code (Vorfreude aufs neue Album!) für März endlich wieder nach Wien holten – Sara Taylor reißt live einfach alles ab und ist sowieso der Inbegriff von Coolness. Zum Abschluss noch ein paar weitere bahnbrechende Predictions: Der HSV steigt nicht ab, MC Bogy wird weiterhin der beste Mensch auf Erden sein, Deutschrapper werden sich erneut allerhand bescheuerten Krimskrams für ihre Deluxeboxen ausdenken und die Deutschrap-Berichterstattung wird regelmäßig für mystische Momente mit Gänsehautfaktor sorgen. Ist doch klar.

 Julia Gschmeidler

Meine größte Entdeckung im vergangenen Jahr war Tash Sultana. Die 22-jährige Australierin wurde mit YouTube-Videos bekannt, in denen man sie mit Gitarre und Looping Station in Melbournes Fußgängerzonen musizieren sieht. Die Singer-Songwriterin beherrscht neben der Gitarre (Jimi Hendrix lässt grüßen) noch zehn weitere Instrumente wie Mandoline, Saxofon und Percussioninstrumente, die sie sich alle selbst beigebracht hat. Und beatboxen kann sie natürlich auch. So werden ihre Live-Sessions zu Jams und Tash zeigt bei ihren Konzerten alleine mit ihrem Gesichtsausdruck, welche großen Emotionen die Musik in ihr weckt. Für April hat dieses Wunderkind sein Debütalbum angekündigt, leider schafft Sultana es auf ihrer anschließenden Europa-Tour aber nicht nach Österreich. Allein in London spielt sie gleich mal in der Brixton Academy, wo sonst Beyoncé und Elton John performen, und verkauft auch sicherlich die weiteren Locations mit ihrer Einzigartigkeit aus. Beschreibt sie doch ihre Musik selbst als „nicht genre-basiert“ und mixt Rock, Soul, Reggae, Folk und Jazz mit elektronischen Klängen.

National wurde auch einiges angekündigt, auf das ich sehr gespannt bin. Aus dem Hause Futuresfuture kommt Neues von EDWIN und Einfachso, die bei ihren kommenden Veröffentlichungen definitiv noch eine andere Seite von sich zeigen werden. Fid Mella hat eine gemeinsame EP mit Clefco, Young Krillin und Crack Ignaz angekündigt – eine Kombo, die Episches erschaffen kann. Und bei Duzz Down San steht neues von Karäil (endlich!) und The Unused Word an. Das kann nur gut werden. Außerdem bin ich gespannt darauf, wie das neue Album von Kopf an Kopf ab klingen wird, die heuer über das neue Label Heiße Luft releasen werden. Großes Augenmerk bitte auch auf SAVNT, der von seinem Studio in Liesing aus mit elektronischem Baile Funk die Wiener Produzentenliga aufmischt.

2018 wird meiner bescheidenen Meinung nach übrigens das Jahr von Lord Folter, der Lazy Lizzard Gang, Young Person (Jungs aus der Schaft) und hoffentlich auch von Antifuchs. Bis dahin empfehle ich einen Konzertbesuch in Wien von der niederländischen Performancekönigin Sevdaliza (2.2. // Grelle Forelle), den brachialen Gesellschaftskritikern von Zugezogen Maskulin (3.3. // Grelle Forelle) und Livemonster Goldroger, der heuer auch was Neues releasen wird (7.4. // Flex). Für die leisen und gefühlvollen Töne sorgt zum Abschluss die deutsche Singer-Songwriterin Mogli (18.4. // WUK).

Daniel Shaked

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich nie jemand war, der sich an Releaseankündigungen orientiert, sondern vielmehr freut, wenn dann ein gutes Album erscheint. Und bevor wieder lieblos dahingerotzte Alben erscheinen, warte ich lieber gern Jahre auf solche Sachen wie D’Angelo oder Tribe. Ausnahme: Kendrick Lamar. Dem muss man ja mittlerweile alles zutrauen. Im positiven Sinn. Im Gegensatz zu Eminem, der es ja ziemlich verbockt hat. Daher lasse ich mich überraschen und halte es wie in jedem Jahr: Ich freue mich vor allem auf gute Live-Shows, das viel gepriesene Salz in der Suppe. Weil es aber sonst doch fad wäre, hier ein paar Namen, über deren neuen Output ich mich sehr freuen würde.

Monobrother: So mein Freund, der Erwartungsdruck steigt. Features und gelegentliche Live-Auftritte reichen nicht mehr  der Mob braucht mehr! Um es mit Karl Kraus zu halten: Wenn die Sonne der Kultur tiefsteht, werfen selbst Zwerge lange Schatten. Die Zeit ist reif. Ich will sehen, welche Schatten „der Lange“ zu werfen vermag, ob der tiefstehenden Sonne unserer Zeiten.

Kamp: Auch wenn es hieß „Nur die eine Platte“ und ein Kamp-Release so weit weg erscheint wie ein Meistertitel von Rapid Wien, behalte ich es einfach auf der Liste. Obwohl es wohl immer unrealistischer wird. Vielleicht auch besser so lieber ein Meisterwerk als viele mittelmäßige, oder so.

Auf jeder Liste enthalten und Wiens neues Liebkind ist EDWIN. Nac hdem ersten Kokosbusserl war es um mich geschehen und der Charme des Manns aus Wien-Währing hat mich im Rückwärtslaufen erobert. Da kommt mit Sicherheit einiges Feines auf uns zu! Aufpassen!

Lylit, die wohl beste Stimme Österreichs, wird auch mit neuem Material aufzeigen, wie sie schon in unserem Rückblick anmerkte. Wo-, was- und wannauchimmer es erscheint, es wird sicherlich ein Highlight! Ihre neu gewonnene musikalische Freiheit verleiht ihr hoffentlich die verdienten Flügel.

Kroko Jack: Nachdem das gegen Jahresende erschiene Release ja zu einem Teil aus bereits bekannten Nummern bestand, liegt der Schluss nahe, dass es die Aufwärmrunde für ein Kroko-Album 2018 sein muss. Alles andere wäre fahrlässig, jetzt wo der Hype wieder mal da ist. Aber war er irgendwann eigentlich weg?

Tonträger Records kommen mit etwas Neuem. Gespannt bin ich, wie die neuen Sachen der Linzer klingen.

Weiters freue ich mich auf mögliche Releases von Crack Ignaz mit oder ohne Wandl, wie auch von Wandl mit oder ohne Crack Ignaz. Wie man es dreht oder wendet, ein potenzieller Raumflug! Und da schließe ich auch das ganze Team ein, angefangen von Young Krillin bis zu Lex Lugner! Her mit dem Zeug.

Das ist jetzt nichts für die HipHop-Polizei. Denn wenn’s um Live-Auftritte geht, so sind die meisten Rap-Acts unter Meister der Langeweile, Dilettantismus und Ideenlosigkeit im Guiness Buch der Rekorde zu finden. Lebendes Beispiel: Kollegah und BFF Farid, die könnten, wenn sie es könnten, gemeinsam davon rappen. Zum Glück können sie es nicht.  Aber zurück zum Thema: Die Jungs von Buntspecht haben mich im vergangenen Jahr schwer beeindruckt mit ihrem Auftritt. Das könnte das nächste große Ding werden, das von Wien aus den deutschen Raum erobert. Schönes Songwriting, markante Stimme, ein Drummer, der wie ein Uhrwerk die Band vor sich herschiebt und dabei so funky klingt, als würde er gerade MoTown-Hits spielen. Und Freude, pure Freude am Spielen. Wenn Menschen Freude an dem, was sie tun, empfinden, so ist das ansteckend. Warte auf das Album.

Zu guter Letzt zu zwei Acts, die mich seit 2016 begleiten und deren Alben seit 2016 in meiner Dauerschleife zu finden sind. Zum einen ist das der Gitarrist, Vokalist und Bandleader Bombino, der mit seinem Tuareg-Blues die Sonne in jedes Wohnzimmer trägt. So in etwa mal ich mir das aus, wenn Jimi Hendrix nach Westafrika ausgewandert wäre und dort weiter musiziert hätte. Fantastisch. Zum anderen O terno, ein Trio aus São Paulo, die mit ihrem Album „Melhor do quer parece“ ein verschollenes Kind des Tropicalismo geboren haben. Abgesehen von irrem Sound und Texten, die einem das Lachen ins Gesicht zaubern, erobern sie alles und jeden mit ihren genialen Videos. Diese sind nicht umsonst mehrfach prämiert. Nachdem beide Alben 2016 erschienen, stehen also die Chancen sehr gut, dass sie hier heuer noch etwas tut.

Jedes Ende birgt auch einen Neuanfang. Gespannt auf einen solchen bin ich auf die Projekte, die sich aus der Auflösung der Band ROBB ergeben, insbesondere von Lead-Sänger und Hirn hinter der Formation. Nächstes Jahr sollen neue Sachen erscheinen. Sicher ein Geheimtipp.

Simon Nowak

Wenn ich auf meinen Vorblick von vergangenem Jahr zurückblicke, wittern die Augenbrauen Höhenluft – als Prophet bin ich offenbar genauso gut geeignet wie die Rapid-Chancentode Giorgi Kvilitaia und Joelinton zum Toreschießen. Von vier der fünf Acts, die ich 2017 aufgeführt habe, gab es genau nichts zu hören. Nada. Weder von Black Milk, PRhyme (nun ja, wenn Premo von „almost done“ schwadroniert, kann es sich ja nur noch um Jahre handeln), Monobrother oder Kamp gab es die erhofften musikalischen Lebenszeichen. Einzig „Which Way Iz West“, das überfällige Album von MC Eiht und Brenk, ist erschienen und konnte dabei sogar durchaus den Vorschusslorbeeren gerecht werden. So ist es nunmal mit Ankündigungen, so vage sie auch sein mögen: Sie schaffen Erwartungen – und führen zu Enttäuschungen. Die sind zum Glück eh nicht nachhaltig, es gibt ja ohnehin ein massives Überangebot an neuer Musik aus allen stilistischen und geografischen Ecken. Wozu also vorab auf bestimmte Alben fokussieren, die womöglich doch nicht so bald erscheinen oder dann gar nicht so gut sind?

Daher gehe ich es diesmal anders an und lasse die Releases im Jahr 2018 so gut es geht auf mich zukommen. Sicher ist: Auch in diesem Jahr werden wir viele tolle Tracks, EPs und LPs zu hören bekommen. Ich werde viele talentierte Artists entdecken, mich mit einem Haufen doper Instrumentalreleases auseinandersetzen und auch in der Österrap-Landschaft dürfte sich wieder einiges tun. Und auf all das freue ich mich mehr als auf einzelne Alben – meine Ohren können sich jedenfalls wieder einmal darauf einstellen, nur selten in den Genuss von Stille kommen. Was die kommenden Wochen angeht, blicke ich dennoch erwartungsvoll auf das ein oder andere bereits fixierte Release:

12.01.: Kreiml & Samurai – „Wuff Oink
26.01.: Evidence – „Weather or Not“
26.01.: Khruangbin – „Con Todo El Mundo
23.02.: Vearz – „INVEARZION“
23.02.: Calvin Valentine – „Plush Seats

Roman Gessler

In der Gerüchteküche brodeln dieses Jahr ein paar richtig große Alben. Gerüchte besagen, Chance the Rapper, Drake, Pusha T und sogar Nas veröffentlichen 2018 neue LPs. Damon Albarn und seine Gorillaz werden einen Nachfolger zu „Humanz“ liefern und auch Moby veröffentlicht im März ein neues Album. Besonders freue ich mich aber auf ein neues Album von The Prodigy und eine weitere EP der Nine Inch Nails.

Brockhampton – Team Effort
Kevin Abstract und seine vielköpfige Boyband haben im vergangen Jahr mit der „Saturation“-Trilogie drei wahnsinnig innovative und geniale Alben veröffentlicht. Alle drei Alben folgen dabei aber einem klaren Schema und wirken, als wären sie aus einem Guss. Für 2018 kündigten Brockhampton das vierte Studioalbum „Team Effort“ an. Ich bin sehr gespannt, ob es Brockhampton gelingt, ihren Stil weiterzuentwickeln, ohne die Energie der letzten drei Alben zu verlieren. Wenn „Team Effort“ klingen würde wie Saturation 4 wäre ich nicht mal sauer. Die Erwartungen liegen aber viel höher.

Haiyti – Montenegro Zero
Haiyti veröffentlicht am 12. Jänner das Album „Montenegro Zero“. Mittlerweile ist die Hamburger Rapperin bei Universal unter Vertrag. Der Schritt zum Majorlabel ging bei vielen Künstlern und Künstlerinnen mit einem Image- und Stilwechsel einher. In den drei Vorab-Singles hat Haiyti zwar das Fußballtrikot gegen Designerkleid und Lederkluft getauscht, ihr Sound hat aber immer noch dieselbe Agressivität. Auf den minimalistischen Beats von KitschKrieg zerschneidet ihre Stimme regelrecht die Luft.

Jonny Shredder – Rattengift EP
Der Waldviertler, jetzt Wahlwiener, Jonny Shredder kam am 1. Jänner 2018 wie aus dem Nichts mit der Debütsingle „Lärmschutz“ ans Tageslicht. Der Song beginnt mit smoothem Trapbeats und genuschelten Bars im Dialekt, weicht dann aber plötzlich den fiesen Breakbeats vom Produzentenduo Adphonia Audio. Klingt alles sehr spannend und macht neugierig auf die für März angekündigte Rattengift-EP. Veröffentlicht wird auf dem neuen Label Rainbow Papaya Music.

Meydo
Der französische Einfluss auf Deutschrap wird in letzter Zeit immer größer. Nur wenigen gelingt es, den Vibe in deutschen Reimschemen zu bewahren. Meydo gelingt der Spagat. Auf seinen beiden EPs „All eyez on Meydo“ und „20XX“ überzeugte der Grazer mit Autotune-Trap auf hohem technischen Niveau. Im neuen Jahr 2018 stehen einige Singles vor der Tür.

Simon Huber

Vergangenes Jahr habe ich an dieser Stelle mehr Toleranz von allen und für alles gefordert. Dass nur kurze Zeit später sowohl LGoony als auch Retrogott auf dem Album von Dexter waren, hat mich positiv überrascht und meine Meinung bestätigt – mein größter Wunsch für 2018 ist demnach, dass sich dieser Trend fortsetzt. Von den bisher angekündigten Releases sind wenige dabei, auf die ich mich explizit freue, viel mehr möchte ich auf einige Labels und Kollektive verweisen, deren Output hoffentlich auch im neuen Jahr an das vergangene anschließen kann.

Sichtexot: Als nerdiges BoomBap-Underground-Label hat sich Sichtexot seit 2012 einen Namen gemacht. Und auch wenn sie ihre Nische eine Zeit lang gut besetzt haben, zeichnete sich ab, dass es eventuell zu repetetiv werden könnte. Zum Glück wurde die Eintönigkeit lange überwunden und vor allem mit Negromans jüngster Solo-EP zeigte sich die ganze musikalische Bandbreite, zu der das Kollektiv im Stande ist. Gerne mehr davon im neuen Jahr.

Nyati: In eine ähnliche Kerbe schlägt Nyati, die mit „Sand in der Lunge“ erst Ende 2015 eine breitere Masse erreichten, aber vieles richtig machen, was ein Großteil der Szene vermissen lässt. Oldschool, aber nicht altbacken. Kein Blatt vor dem Mund, aber nicht asozial. Manchmal deep, aber nie kitschig. Lord Folters „Rouge“ war eines der besten Alben 2017 und auch 2018 erhoffe ich mir viel Gutes.

Radio Juicy: Talentschmiede Nummer eins, sowohl instrumental, als auch in Kombination mit Rappern. Bei keinem anderen Label ist die Qualitätsdichte so hoch. Wo Radio Juicy draufsteht, ist Dopeness drin und bis dato ist mir auch keine Ausnahme aufgefallen. Deshalb freue ich mich auf jedes einzelne Release, eine Enttäuschung ist quasi ausgeschlossen.

Heiße Luft: Oida! Nicht, dass es in Wien keine guten Labels gäbe (und die zählen automatisch zu Künstlern und Labels, auf die ich mich mit am meisten freue – an dieser Stelle s/o an die üblichen Verdächtigen). Aber die Gründung von Heiße Luft kam ebenso überraschend wie viel versprechend, vereint es doch eine „neue Generation“ an jungen Wiener Rappern. Für 2018 sind einige Releases angekündigt, und ich bin gespannt, ob die Jungs die Erwartungen erfüllen können.

Emil Delivuk

Es ist mein dritter Jahresvorblick und langsam fühle ich mich bezüglich des monotonen Aufsagens von Stehsätzen auf Anrufbeantworter-Level angekommen. Gerade bezüglich Österrap liegt dies allerdings auch an etlichen Verschiebungen und/oder Falschmeldungen aus dem Umfeld diverser Künstler. Es wird jedenfalls dringend Zeit, dass das lange besprochene Monobrother-Album Nummer drei erscheint sowie die Kamp-Platte mit Fid Mella fertig wird. Wirklich. Des Weiteren freue ich mich über das dieser Tage erscheinende dritte Kind von Kreiml und Samurai „Wuff Oink“, die Debütauskopplung „Wiener“ macht Lust auf mehr. Durch das FreeTree-Festival des vergangenen Jahres bin ich hellhöriger geworden, was in Graz, Linz und Umgebung passiert und warte gespannt auf mögliche Erscheinungen von Siebzig Prozent, Bauer Max und 1er Koda, VSDG und weiteren. In Wien gibt es mit Heiße Luft ein kleines aber feines neues Label zu bestaunen, Erscheinungen von 3€ und 19HundertSchnee versprechen Großes, ein gewisser Fellowsoph wird auch releasen. Vermutlich.

In Deutschland habe ich mit Blick auf die kommerziell erfolgreichen Erscheinungen des vergangenen Jahres vor allem einen großen Wunsch: Die Flut an unzeitgemäßen, unkreativen sowie inhaltlich und musikalisch fragwürdigen Alben der Kategorie Sondermüll darf gerne wieder ein bisschen abnehmen. Ein frommer Wunsch, der angesichts der primären Zielgruppe von Kurdo, Majoe und Co. allerdings wohl unerfüllt bleiben wird. Herzlich willkommen sind Erscheinungen aus dem Sichtexot-Umfeld, mehr von Trettmann und Kitschkrieg und sehr vieles, was da im (Halb-)Untergrund brodelt. Prezident, Hinz & Kunz, Goldroger und viele weitere … mit Vergnügen!

Über den kleinen und den großen Teich wage ich lediglich einen kleinen Blick, da andere Kollegen da weit besser informiert sind. Mit Freude erwarte ich „Wizzville“, Ocean Wisdoms zweites Album, sowie alles, was das High-Focus-Camp da noch raushaut. Zudem lohnt sich ein offenes Ohr für die immer bunter werdende Grime-Szene. Bezüglich der Staaten wird es mir garantiert wieder gelingen, zwei Drittel der großartigen Releases erst im Laufe des Jahres 2019 zu entdecken. Releases von J. Cole, Chance The Rapper, Mick Jenkins, Earl Sweatshirt, Joey Badass und einigen anderen würden mich jedenfalls mit Glück erfüllen.

Alles in allem wünsche ich mir für das längst alle Grenzen sprengende Über-Genre HipHop, dass der extreme Diversifizierungsdrang und die Lust an Neuem ähnlich wie die vergangenen Jahre erhalten bleibt. Auch wenn die enorme Bandbreite an vielen Stellen „Scheißeberge auftürmt“, wie das Testo auf dem aktuellen Zugezogen-Maskulin-Album formuliert – auf denen wachsen die schönsten Blumen!

Max Cornelius

Wie bereits voriges Jahr freue ich mich auf das lang ersehnte Solorelease von LX aus dem Hause der 187 Strassenbande. Ob dieses auch wirklich seinen Weg vorbei an den anstehenden Releases von den Gelddruckmaschinen GZUZ, Bonez und Raf bis in die Ladenregale schaffen wird, bleibt abzuwarten. Releaseplan ist schließlich Releaseplan – Banger Musik lässt grüßen. Aufgeben möchte ich diese Hoffnung jedoch nicht, schließlich warte ich immer noch sehnsüchtig auf den ersten LX-Part, der mich auf ganzer Linie enttäuscht. Im Jahre 2017 begeisterten mich neben Lakmann und Gossenboss mit Zett auch die Werke der Funkverteidiger, Sichtexot und Upstruct. Shacke One, Negroman und T9 malten musikalische Bilder, vor denen ich noch lange verweilen sollte. Kendrick übertraf sich mit „DAMN“ erneut, Taimo brachte frischen Wind von der Elbe, Trettmann war überkrass, Wandl lieferte ein astreines Instrumental-Kuschel-Tape. Danke, ihr habt mein 2017 besser gemacht und werdet hoffentlich auch im neuen Jahr im Soundtrack zu meinem Leben zu finden sein.

Wirklich schwer tue ich mich dann doch meist damit, die vielversprechendsten Releases vorherzusagen. Das liegt vor allem daran, dass Deutschrapper häufig dazu neigen, bei steigendem Erfolg und sicheren Einnahmen zunehmend dünnere Bretter zu bohren, äh zu produzieren. Die Gründe hierfür sind sicherlich vielseitig. Außerdem bedeuten in unserer digitalen Welt Releasedates sowieso nicht mehr viel, s/o Fler. Und dennoch – Hoffnungen mache ich mir trotzdem. Von Said und Brenk Sinatra erwarte ich ein Kollabotape, das Saids Schaffen auf die Qualität eines „Zum Leben Verurteilt“ zurückbringt. Von Haze wünsche ich mir ein Album, das an die Qualität seiner Mixtapes herankommt. Im Übrigen bin ich relativ erwartungsoffen. Ach stop, bevor ich es vergesse: Ich wünsche mir, dass Afrotrap ausstirbt. So schnell wie möglich. Denkt euch was eigenes aus. Musiziert! Experimentiert! Kopieren ist ja sowas von 2017.

Adriana Juric

2017 kam die Musikwelt an das HipHop-Genre, wie vermutet, nicht vorbei. Auch in Deutschland entpuppt sich die neue deutsche Trap-Welle als Erfolgsgarant und lässt uns sehr gut erahnen, was uns dieses Jahr musikalisch zu bieten hat. Sowohl national als auch international wurden im Bereich HipHop Rekorde gebrochen. So cruist ein Bausa gemütlich mit seinem Debütalbum „Dreifarbenhaus“ und seiner Rekordsingle „Was du Liebe nennst“ am Major-Pop-Kosmos vorbei und öffnet dabei mit seinen Hit-Companeros Ufo361, RIN, Raf Camora und den Jungs der 187 Strassenbande die Pforten für die große Major-Welt. Die Deutschrap-Szene befindet sich in einem stetigen Wandel und der Hunger nach dem großen kommerziellen Erfolg lässt viele Rapper momentan von dieser einen berüchtigten, großen Single träumen. Jedoch werden 2018 die Karten erneut gemischt und man darf auf weitere Hits und Artists gespannt sein, die sich für dieses Jahr ebenso ein großes Stück vom gewinnbringenden HipHop-Kuchen reserviert haben.

Aber auch bei den großen internationalen Trap-Löwen wird fleißig an weiteren Projekten getüftelt. „Die Beatles unserer Generation“ – love them or hate them, diesem „Adelstitel“, den Childish Gambino bei den diesjährigen Grammys den Migos verliehen hat, werden die drei Jungs aus Atlanta langsam aber sicher gerecht. Platz eins in den Billboard Charts und internationale Top-Platzierungen mit ihrer Single „Bad and Boujee“, Auftritte bei allen relevanten Talk-Shows in den US und oplulent inszenierte Musikvideos tragen nur zum raketenhaften Aufstieg der drei Musiker bei. Besonders beim Video zu „What The Price“ drücken die drei mit Harleys, extravaganten „Rocker“-Outfits und Möchtegern-Gitarren-Geplärre einem nochmal besonders ins Auge, dass sie zu Recht als Rockstars unserer Zeit gefeiert werden sollten. Wer also 2017 nicht mindestens einen Tune aus „Culture“ in der Pre-Party-Playlist auf Dauerschleife abspielt, hat definitiv was im vorherigen Jahr versäumt. Im Frühjahr erwarten wir den zweiten Teil der Culture-Trilogie. Ich erhoffe mir neben einer revolutionären, fast schon bahnbrechenden Adlib-Pingpong-Akrobatik ein Meer von Traplords und Trapqueens in der Featureliste und natülich Hits, Hits und noch mehr Hits.

Neben dem ganzen Trap-Trubel freue ich mich aber auch auf die auditiven Hood-Impressionen von Zeeko alias Haze. Am 16. Februar erscheint seine Zwielicht-EP und verspricht mit den ersten zwei Videoauskopplungen zu „Es geht los“, „Weisch Weisch“ und der Studenten-Hustler-Hymne „Kopffick“, echten Karlsruher-Jugo-BoomBap. Auch in der Frauenfront sieht es dieses Jahr viel versprechend aus: Die Hamburgerin Eunique feiert am 23. März den Release ihres Debütalbums: „Gift“. Hamburgs Rose ist lang kein ungeschriebenes Blatt in der Deutschrapsphäre mehr, denn mit zahlreichen Feature-Auftritten und ihren ersten eigenen Videoauskopplungen konnte sich Eunique schon im vergangenen Jahr etablieren. Man darf also dieses Jahr wieder gespannt sein.

Foto: cc nc nd by Backpacking Bayani

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