„Im Rap ghostwrite ich nicht gerne“ // Curly Interview

Auf den ersten Blick wirkt Curly wie dein sympathischer, hin und wieder etwas verpeilter Nachbar. Setzt man sich jedoch mit der Person hinter den Locken etwas intensiver auseinander, so kann man schnell feststellen, dass da viel mehr dahintersteckt. Curly ist Musiker durch und durch. Mit seinem auffälligen Stil kreiert er in seinen Musikvideos eine trappige, modische, leicht US-amerikanisch-angehauchte Atmosphäre, die sich in Kombination mit seinem Sound zum Curly-Lifestyle vereint: Eistee, Kiffen, Mode, Mucke. Dass Curly nebenbei für einige deutsche Hits als Songwriter verantwortlich ist, würde man auf Anhieb kaum vermuten. Exakt deswegen wagt The Message im Interview mit Curly einen Blick hinter die Fassade des Musikers.

Es ist ein Sonntagabend im Flex, als wir Curly zum Interview treffen. Leicht verspätet, leicht verplant, aber durchaus bemüht und sympathisch. „Wir waren gestern zu lange saufen“, gesteht er – mit einer heißen Tasse Tee in der Hand. Der Kater der vergangenen Nacht, der ihm scheinbar noch in den Knochen hängt, kann seinem Enthusiasmus jedoch nichts anhaben. Während des Interviews werden wir kurz unterbrochen, die Crew bestellt sich was zu essen. Curly ein Riesen-Schnitzel. „Das könnt ihr ins Interview packen“ scherzt er, lachend über sich selbst. „Die anderen wollten in Wien ernsthaft Pizza bestellen“. Als wir nach dem Interview wieder gehen, ist das Essen noch nicht da. Aber hoffentlich hat das Riesen-Schnitzel an diesem Sonntag in Wien geschmeckt.

Fotos: Paloma Despina

The Message: Du hast gerade zu Beginn deiner Karriere sehr viel gefreestylt. Jetzt ist dein Sound eher trappiger. Vermisst du manchmal die Freestyle-Battles, das Feeling?
Curly: Definitiv, damals sind wir immer mit dem Wochenendticket zu irgendwelchen Battles gefahren. Ich hab 2008 diesen 1on1-Battle gewonnen, da gab es 1000 Euro Preisgeld, das war krass damals. Heutzutage gibt es eher nur noch Written-Battles, die echten Freestyle-Battles von damals sind irgendwie verloren gegangen. Das vermisse ich schon.

Beim Freestylen liegt der Fokus ja eigentlich auf den Texten. Wenn man im Studio ist und einen Song macht, dann ist das eine ganz andere Herangehensweise. Was macht dir mehr Spaß: freestylen oder länger an Songs basteln?
Dadurch, dass das ganz verschiedene Herangehensweisen sind, ist es schwer festzumachen. Bei einem Battle zu sein und sich schnell irgendwelche Lines zu überlegen ist geil, genauso aber auch längere Zeit an einem Song zu sitzen und sich mehr Gedanken zu machen.

Unter dem Video zu deinem Song „Sie hasst mich“ hat jemand kommentiert: „Wärste in Amerika geboren, wärste jetzt reich“. Würdest du dem zustimmen beziehungsweise kannst du das nachvollziehen?
Dem muss ich ja wohl zustimmen (lacht). Ich kann nicht wirklich sagen, warum ich noch nicht den Status habe, den andere haben. Ich merke selbst nur, dass sowohl in Amerika als auch in Deutschland zurzeit so viel Musik veröffentlicht wird, dass da Songs schnell mal untergehen. Jeden Freitag gibt es unzählige neue Tracks, gefühlt jeden Tag haut Capital Bra ein neues Video raus, da verliert man irgendwann mal den Überblick.

Auf Instagram sieht man dich immer wieder mal mit Cro. Er selbst hat mal gemeint, dass er sein Haus extra so eingerichtet hat, dass dort möglichst viele seiner Freunde schlafen könnten. So sieht man auch stundenlange Jam-Sessions mit einem Haufen Homies. Warst du schon mal dort? Wie hast du das erlebt?
Ich war auch mal bei so einer Jam-Session dabei, das war ein supernicer Vibe und wir haben zehn Stunden am Stück gejammt und gefreestylt. Mir macht es einfach total viel Spaß, mit einem Haufen an Leuten abzuhängen und gemeinsam Musik zu machen. Wenn man alleine in seinem Studio ist, da steckt man manchmal irgendwo fest und kommt nicht weiter. Aber wenn andere dabei sind, kann man sich gegenseitig helfen. Gemeinsam Musik machen ist immer cool. S/o Cro auf jeden, bester Mann!

„Alleine das Wort Ghostwriting ist etwas negativ behaftet“

Du hast dir noch ein zweites Standbein aufgebaut – das Ghostwriting (u. a. als Co-Writer für Songs von Mike Singer und die Söhne Mannheims) Warum ist das speziell im Rap so ein heikles Thema, während es in anderen Genres akzeptiert wird?
Schwer zu sagen. Im Rap steht meistens die Lyrik im Vordergrund, da geht es um versierte Reime, gute Lines. Vielleicht deswegen. Im Pop ist schon meistens die Akzeptanz da, dass andere die Texte schreiben. Beziehungsweise erwarten die Leute da nicht unbedingt, dass der Künstler seine Songs selbst schreibt, da geht es vielmehr um Melodie. Im Rap ist das etwas anders, da auch die Person mehr mit dem Song verbunden wird, deswegen ghostwrite ich in diesem Genre auch nicht wirklich gerne.

Bushido ist das perfekte Beispiel dafür. Seit Jahren kommen immer wieder Ex-Weggefährten und behaupten, sie hätten seine Texte geschrieben. Dann gibt es öffentliches Aufsehen und Aufregung …
Bushido ist wahrscheinlich ein Fall für sich. Aber ich finde, dass alleine das Wort „Ghostwriting“ etwas negativ behaftet ist. Im Endeffekt ist es ja kein Ghostwriten, jeder kann in der GEMA oder sonst wo nachlesen, wer für den Text verantwortlich ist. Und oftmals entstehen Texte gemeinsam, weil man sich gegenseitig hilft, da steckt gar nicht dieses Negative dahinter, was dieses Wort ausstrahlt.

Welche Motivation steckt für dich hinter dem Ghostwriting?
Natürlich ist Geld ein Faktor, es ist ja mein Job. Aber ich genieße es einfach, unabhängig von meiner eigenen Musik Texte schreiben zu können, vor allem weil sie sich inhaltlich und auch stilistisch unterscheiden. Zudem lernt man auch bei jeder Session immer wieder dazu, wenn man sieht, wie andere arbeiten. Als ich damals in der Schule saß, war mein Traum immer, in Studios und auf Bühnen abzuhängen, und damit mein Geld zu verdienen. Das habe ich geschafft. Wenn man sich das zwischendurch immer mal wieder bewusst macht, ist das schon Motivation genug!

Stört es dich manchmal, wenn du im Geheimen für jemanden schreibst und somit keine öffentliche Anerkennung dafür bekommen kannst?
Ich sehe das eher als so ein Ehrenkodex-Ding, dass ich nicht rumlaufe und allen erzähle, für wen ich jetzt welchen Song geschrieben habe. Aber es ist ja dann auch nicht wirklich geheim, also wenn ich einen Hit geschrieben habe, dann erzähle ich das schon meinen Leuten. Und wenn ich was geschrieben habe, das Scheiße war, dann eben nicht (lacht).

Du machst auf jeden Fall kein Geheimnis daraus, dass du kiffst. Wie siehst du die Glorifizierung von Drogen im Rap?
Klar hat das alles irgendwie einen Einfluss auf die Jugend. Wenn alle Rapper nur noch rote Pullover tragen würden, dann würden sich bestimmt auch vermehrt die Kids rote Pullover kaufen. Das ist ein schwieriges Thema, man wird immer irgendwo von irgendwoher beeinflusst. Egal, ob von Rap oder von woanders.

Du verkörperst den Lifestyle, den viele Jugendliche sich wahrscheinlich wünschen würden: Mode und Mucke machen … Wusstest du immer schon, was du machen magst?
Dadurch, dass ich früh mit der Musik angefangen habe, wusste ich auch schon früh, dass das genau das ist, was ich machen will. Ich war in einer Band, war bei Freestyle-Battles, rappe schon etwas länger. Ich wusste immer schon, dass Musikmachen genau mein Ding ist, seitdem ich zum ersten Mal Gänsehaut von einem Song hatte und gecheckt habe, was Musik in mir, dir, jedem auslösen kann.

Du hast dich zuletzt eine Woche in DJ Desues Studio eingemietet, um das „Curly-Camp“ zu veranstalten. Kannst du mal einen kleinen Einblick geben, was dort so passiert?
Ich war zuvor ein paar Tage im Studio von DJ Desue für eine andere Session. Ich war echt schon in einigen Studios in Berlin, aber das ist definitiv eines der krassesten. Wenn es draußen dunkel ist und nur drinnen die Lichter an sind, dann denkst du, dass du gerade in L.A. bist. Wir haben uns dann dort für vier Tage eingebunkert und in dieser Zeit circa 12 oder 13 Songskizzen gemacht. Wir waren eine große Gang, alles nur Homies, hauptsächlich Produzenten, aber es kamen immer wieder Leute kurz mal vorbei. Das hat echt übel Bock gemacht.

Du hast 2017 dein zweites Album „Munchies“ veröffentlicht. Seitdem hast du nur einzelne Songs releast. Steht bald ein neues Album an?
Nach „Munchies“ kamen ja einige Songs raus, die ich zwar als EP veröffentlichen hätte können, allerdings wollte ich zu jedem Song ein Video machen. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass ich es mir derzeit schon erlauben kann, einfach ein Album rauszubringen und drauf zu vertrauen, dass es die Leute sowieso hören werden. Dafür gibt es heutzutage einfach zu viel Musik. Mein persönliches Ziel ist es aber, jeden Monat einen Song rauszubringen, dann auch mit Video.

„Den Affen haben wir aus dem Internet“

Was hältst du von dem Konzept, welchem beispielsweise einige Künstler von Chimperator nachgehen, keine Alben mehr zu veröffentlichen, sondern sich auf Singles und Playlists zu konzentrieren?
Das macht schon Sinn. Vor allem Spotify lebt uns sehr das Playlisten-Game vor und erzieht damit auch die Leute und ihre Hörgewohnheiten. Ich glaube, es ist heute relativ unüblich, dass man mehrere Songs von einem Künstler nacheinander anhört, weil man gewohnt ist, dass immer ein anderer in der Playlist kommt. Und wenn  nur einzelne Songs in einer Playlist landen, gehen die anderen Songs unter. Bei einem Album werden dann zum Beispiel nur ein paar Songs gehört und die anderen gehen verloren.

Eine letzte Frage, die einfach sein muss: Was hat es mit dem Affen im Video zu „Munchies“ auf sich?
Den Affen haben wir aus dem Internet (lacht). Wir dachten uns, es wäre nice, einen Affen dafür zu haben und dann haben wir den im Internet gefunden. Der hat auch alles gefressen und wenn wir wollten, dass er etwas Bestimmtes anfasst, dann wurde da Erdnusscreme draufgeschmiert. Aber man durfte ihm nie zu nahe kommen, weil er sonst dachte, wir wollen sein Essen essen, dann wurde der aggressiv.

Und ein Affe darf Pizza essen?
Das weiß ich nicht, aber sein Papa oder wie man den Dude nennt, der für ihn verantwortlich war, hat gemeint, normalerweise isst der Affe Früchte und so, aber für heute ist das okay. Der hat die Pizza in seinen Backen gesammelt und am Ende wieder ausgespuckt, glaube, der wollte sie mitnehmen …

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