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„Ich habe eine Hassliebe mit Rap!“ // KeKe Interview

Mit ihrer ersten Single „Donna Selvaggia“ erreichte KeKe prompt Aufmerksamkeit in der österreichischen Musiklandschaft. Obwohl sie eigentlich eher zufällig zu rappen begonnen hatte, konnte sich KeKe in kürzester Zeit einen Namen in der Rapszene machen. Klarer Rap und nach vorne gebretterte Lines, vermischt mit weichem Gesang KeKe lässt sich nicht so recht in ein Genre einordnen. Und das hat die ausgebildete Jazzsängerin auch gar nicht nötig. Als wir sie zum Interview am Yppenplatz treffen und im Freien die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießen, unterhalten wir uns mit einer reflektierten, aufgeschlossenen und faszinierend meinungsstarken jungen Frau, die definitiv noch länger die Musikszene aufmischen wird. 

Ihre neue Single „Paradox“ zeigt die sonst zumeist taff auftretende KeKe von einer sehr persönlichen Seite. „Ich bin auch etwas nervös, weil das ein Thema ist, mit dem man sich arg verwundbar macht“, gesteht uns KeKe. In dem Song erzählt sie zu Beginn von einer Panikattacke: „Es geht ja in dem Track auch darum, dass man eigentlich permanent damit leben muss, eine Angststörung zu haben und dass das voll anstrengend ist“. Man merkt KeKe an, dass es ihr sehr am Herzen liegt, diese Thematik an die Öffentlichkeit zu bringen, auch wenn da sehr viel Mut dazugehört. „Aber ich weigere mich stark, inhaltlich nur ein Thema zu haben, das geht auch gar nicht!“, stellt sie noch schnell klar. 

Fotos: Alexander Gotter

The Message: Du studierst Jazz und bist eher zufällig zum Rappen gekommen. Wann hast du überhaupt angefangen, Musik zu machen?
KeKe:
Ich habe mit elf Jahren angefangen, Musik zu machen, mit zwölf war ich dann in meiner ersten Band. Ich war auch dann sieben Jahre in der gleichen Band, so hat sich das dann dahingezogen. 

Und dass du jetzt rappst, war ja nie geplant, oder?
Ja genau. Der Max (Matschnig, Anm.) von Mom I Made It ist auf mich zugekommen und hat gemeint, dass er was von mir gehört hat und ob ich mal Bock auf eine Session hätte. Das haben wir dann gemacht. Da habe ich auch schon eine Zeit lang mit Shawn The Savage Kid zusammengearbeitet, wir haben jedoch eher Gesang-Tracks gemacht. Mein erster Rap-Song entstand ganz einfach aus Spaß heraus. Das war „Donna Selvaggia“, meine erste Single. Aber mir wurde nie vorgeschrieben, was ich wie machen soll, mir wurde mein Freiraum gelassen und zu rappen hat mir einfach echt viel Spaß gemacht. 

„Mir haben kleine Burschen geschrieben, dass ich hässlich bin und mich erschießen soll“

Fühlst du dich mittlerweile im Rap zu Hause?
Ich bin natürlich sehr neu in dem Ganzen und habe noch viel zu lernen und zu entdecken, aber ich würde sowohl den Gesang als auch den Rap als meine Genres betrachten. Ich möchte auch beides weiterverfolgen. 

Hast du dadurch, dass du Jazz studierst, eine andere Betrachtungsweise oder Wahrnehmung von Musik?
Ich bin sehr schlecht in meinem Studium (lacht). Ich bin ein intuitiver Mensch, ich geh da gar nicht technisch ran. Aber natürlich wusste ich dadurch schon, was eine BPM-Zahl ist, also so basic Recording-Stuff eben. 

Deine Songs sind meist eine Mischung aus Gesang und Rap. Findest du es noch notwendig, diese klassische Genre-Abgrenzung zu haben? 
Überhaupt nicht. Es wäre doch schlimm, wenn es immer nur die gleichen, klassischen Genres geben würde. Dadurch entsteht ja nichts Neues. 

Du bist eine junge Frau im Musikbusiness. Hast du das Gefühl, dass du benachteiligt wirst?
Nicht mehr als in anderen Bereichen. Egal, ob es im Stillen passiert und fast nicht wahrnehmbar ist es passiert überall, in jedem Beruf. Wenn du als Frau in der Musik einen Output hast, wird man sehr viel danach beurteilt, wie man aussieht, was man sagt, wie man sich verhält. Viel, viel mehr als es bei einem Mann passiert. That’s a fact. Ich habe auf Instagram Nachrichten von kleinen Burschen bekommen, die mir geschrieben haben, dass Frauen nicht rappen können, dass ich hässlich bin und mich erschießen soll. Natürlich erfahren auch meine männlichen Kollegen Hate, aber in einer anderen Form. Denen wird eher nicht geschrieben, dass sie zu fett sind oder ihre Jacke hässlich ist. 

Antifuchs beispielsweise trägt eine Maske, um sich genau davor zu schützen. Weil sie keine Diskussionen über ihr Aussehen haben möchte …
Jeder muss seinen eigenen Weg durch diese Sache finden, ich möchte das auch gar nicht kritisieren. Für mich persönlich wäre das einfach nichts, weil ich bin wahnsinnig gerne eine Frau und stolz darauf. 

Nervt es dich, dass du immer auf diese Thematik „Frauen im Rap“ angesprochen wirst?
Es ist so langweilig. Aber ich freue mich, wenn ich darüber reden kann, weil mir dieses Thema sehr wichtig ist. Und wenn ich schon in Interviews über etwas reden kann, dann finde ich das auch ein gutes Thema, weil ich damit Leute erreichen kann. Es gab auch Artikel, in denen stand sowas wie „KeKe zeigt, dass auch Frauen den neuen Style machen können“. Das finde ich fast sexistischer auf eine umgedrehte Arte und Weise. Weil dadurch spricht man den Frauen doch ab, dass sie es unabhängig von ihrem Geschlecht genauso gut machen könnten. 

In „Donna Selvaggia“ stilisierst du diese Person, die etwas polarisiert. Hast du dich je bewusst dazu entschieden, dass du mit deiner Musik anecken magst?
Überhaupt nicht, weil ich es anfangs auch gar nicht so empfunden habe. Das ist einfach meine Art, mein Plan war das nicht. Aber umso besser, wenn es Leute aufregt, dann denken sie wenigstens darüber nach!

Du bist ja noch etwas jünger. Was waren deine ersten Begegnungen mit Rap, was hat dich geprägt?
Ich bin in einer ganz anderen musikalischen Ecke aufgewachsen. Aber ich kann mich daran erinnern, dass wir eine CD von Eminem und eine von 50 Cent hatten. Mein erster bewusster Kontakt war Princess Nokia. Dann kam das alles ins Rollen, wobei natürlich HipHop immer eine Rolle gespielt hat.

„GZUZ will doch auch bestimmt, dass seine Tochter in einem sicheren und freien Umfeld aufwächst“

Ist diese Art von Rap, die aktuell so erfolgreich ist, aufgrund der Inhalte problematisch für dich?
Musikalisch gar nicht, ich höre solche New-Style-Sachen echt gerne. Aber textlich sehe ich das schon etwas problematisch, vor allem die sexistischen Inhalte. Ich habe eine Hassliebe mit Rap! Rap ist mittlerweile definitiv mein Lieblingsgenre geworden, aber dann kommt wieder so eine Line, bei der ich mir denke: „Oh mein Gott. Why? I love you so much. But why?“. 

Wen siehst du da in der Verantwortung? Hoffst du, dass die Rapper selbst aufwachen und sich weiterentwickeln?
Das kommt von den Labels, das kommt von den Konsumenten und von den Künstler und Künstlerinnen selbst. Das ist ein Zusammenspiel: Die Labels wollen diese Musik, weil sie wissen, dass eine große Masse diese Musik auch hören will. Viele Leute sind da in der Verantwortung. GZUZ hat jetzt zum Beispiel seine zweite Tochter bekommen. Da habe ich mich gefragt, ob er wollen würde, dass seine Tochter später mal seine Musik hört. Er will doch bestimmt auch, dass seine Tochter in einem sicheren und freien Umfeld aufwächst, in welchem sie sich gleichwertig fühlt. So ein Twist wäre schön. Aber die Musik an sich mag ich! 

Auch wenn solche Musiker privat wahrscheinlich gar nicht so sind, wird trotzdem etwas durch deren Texte transportiert …
Mir ist auch vollkommen bewusst, dass einige Rapper und Rapperinnen übertreiben, dass sie das für ihr Image machen. Oft sagen sie auch etwas nur, weil es sich gerade gut reimt. Aber man kann Künstler und Privatperson nicht völlig trennen. Man ist verantwortlich für das, was man sagt! 

Oft wird an dieser Stelle argumentiert, dass Rap wie etwa ein Actionfilm auch der Unterhaltung dient. Kannst du dem zustimmen?
Es kommt immer darauf an, was die Person inhaltlich vertritt. Natürlich ist Rap Entertainment, das sind Leute, die unterhalten. So wie Beyoncé oder Lady Gaga in einem anderen Genre Entertainerinnen sind. Aber es gibt auch Künstler wie Trettmann, die fühle ich richtig, die sind für mich nicht fake. Auch nicht alle Rapper, die über VVS oder ihre Sidebitches rappen, sind fake. Die übertrieben vielleicht, haben zwar eine Kunstfigur, aber leben das auch zu einem gewissen Grad. Aber zu unterhalten und zu rappen geht genauso auch ohne Sexismus. Die haben doch so vieles, über das sie rappen können. Wenn sie den Sexismus in ihren Texten weglassen würden, würde ihnen nichts fehlen. Kendrick Lamar schafft das auch! Natürlich kann man das umdrehen und in seinen Texten Sexismus behandeln, um auf die Problematik aufmerksam zu machen, daran ist nichts verkehrt.

Um kurz bei Beyoncé zu bleiben: Einige werfen ihr immer wieder vor, dass sie und andere Künstler den Feminismus-Begriff zu sehr kommerzialisieren. Wie siehst du das?
Es ist schade, dass die erste Wahrnehmung, die manche Leute von Künstlern, die das öffentlich thematisieren, diese ist, dass sie sagen: „Die machen das doch nur, weil es gerade in ist“. Nein, vielleicht liegt es den Künstlern ja wirklich am Herzen. Vielleicht wurden sie von einer Künstlerin, die das davor gemacht hat, ermutigt. Vielleicht interessieren sie sich wirklich für das Thema. Es ist doch besser, jemand ist frei mit seinem Auftreten und mit seinem Körper, so wie es Beyoncé in meinen Augen ist, und transportiert eine feministische Message, als gar nichts. Natürlich ist es problematisch, wenn auf jedem Shirt „Feminist“ oder „Girl Power“ steht, wenn es dazu dient, Geld zu machen. Dadurch geht dann leider am Weg etwas von der ganzen Thematik verloren. Aber wenigstens wurde mal eine Konversation gestartet! Ich merke auch, dass sich in meinem Umfeld etwas verändert hat. Einige männliche Bekannte von mir würden sich nicht mehr trauen, gewisse Sachen vor mir zu sagen. 

„Man ist verantwortlich für das, was man sagt“

Würdest du sagen, dass diese ganze Bewegung also etwas hinterlassen hat?
Definitiv. Das hat sehr viel bei mir selbst hinterlassen und geprägt. Ich folge auf Instagram mittlerweile vielen Frauen, die mich durch ihr Auftreten ermutigen. Das sind Leute in der Öffentlichkeit, mit denen ich mich identifizieren kann. In meiner Kindheit gab es nur Pro7, Sat1, Germany’s Next Topmodel und so weiter. Dann kam Instagram und da waren Mädels, die den gleichen Körpertyp wie ich hatten, oder über Dinge gesprochen haben, die mich persönlich auch berühren. Die Representation ist einfach eine andere geworden! 

Du sagtest in einem Interview, dass du dich bislang nur traust, zu einem gewissen Grad politisch zu sein. Transportiert man aber als Musiker nicht automatisch eine Message, eine Haltung?
Wenn ich über Themen nicht wirklich informiert bin, dann sage ich lieber gar nichts und beschäftige mich danach intensiver damit. Danach rede ich aber gerne darüber, es ist mir auch wichtig, Statements zu setzen.

Du bist bei Mom I Made It unter Vertrag. Wurden dir dadurch Türen geöffnet, zu denen du sonst nie Zutritt gehabt hättest?
Klar hat Universal eine riesige Infrastruktur und ist nichtsdestotrotz ein Major Label, allerdings ist Mom I Made It mein Team, mit dem wir das alles hier schupfen. Ohne die würde das alles nicht so sein. Natürlich ist es aber hilfreich, wenn da ein großes Label dahintersteht, das möchte ich auch nicht leugnen. Vor dem Team von Mom I Made It muss man aber echt den Hut ziehen! 

So wie es wirkt, spielt da auch viel Freundschaft mit?
Ja! Das sind alles Menschen, die ich wahnsinnig schätze. Über die zwei Jahre hinweg sind diese Leute Fixpunkte meines Lebens geworden, die ich nicht missen will. Deswegen funktionieren wir auch so gut miteinander: Jeder macht seinen Teil, jeder arbeitet hart und jeder gibt sein Bestes. 

„Es wäre wichtig, dass mehr Unterstützung kommt“

Findest du, dass in Österreich zwischen den verschiedenen „Camps“ ein Konkurrenzdenken herrscht?
Ich bekomme davon gar nichts mit. Ist das so? Ich kenne eher wenige Leute aus der Szene, ich bin noch relativ neu in dem Ganzen. Aber was ich nie ändern möchte ist, dass mir das auch echt egal ist. Solange jemand nett zu mir ist, freue ich mich immer, jemanden Neuen kennenzulernen. Ich mache einfach weiter mein Ding und habe keine Ahnung davon (lacht). Aber es ist doch furchtbar, wenn man anderen Kollegen und Kolleginnen Erfolg nicht gönnt. Wenn jemand in der Szene erfolgreich ist, dann ist das doch gut für uns alle! In Österreich ist die Szene doch sowieso so klein, wenn da jemand richtig erfolgreich ist, bringt das uns allen etwas, weil dadurch mehr Leute darauf aufmerksam werden. 

Aber gibt es genügend Förderungen und Support für Musiker und Musikerinnen in Österreich?
Förderungen, bei denen man Geld bekommt, gibt es schon, das ist auch echt cool. Ich persönlich fühle mich auch sehr supportet, ich hatte aber einfach wahnsinniges Glück. Ich habe vielleicht diesen Punkt übersprungen, dass ich überall hinlaufen muss, um mich vorzustellen und zu bewerben. Natürlich ist aber immer mehr und mehr Unterstützung gut! Wenn von vielen verschiedenen Seiten mehr Support da wäre, dann gäbe es auch mehr von uns Musikern und Musikerinnen. Es wäre wichtig, dass sowohl innerhalb der Musikszene als auch von außen mehr Unterstützung kommt. Solche Nischensachen wie die Jazzszene zum Beispiel sind der Horror. Um da international etwas reißen zu können, musst du wirklich sehr gut sein und extrem viel Glück haben. Das ist leider fast nicht möglich. Ich kenne Leute, die sind auf einem so hohen Level, aber öffentlich wird das leider nicht wahrgenommen. 

Warum ist die Musikszene in Österreich verhältnismäßig immer noch klein?
Meine Antwort aus dem Bauch heraus: Vielleicht ist es die Skepsis vor Neuem. Ich persönlich habe hin und wieder erfahren müssen, dass manche Leute neue Dinge schon vorneweg ablehnen. Es ist doch cool, mal was Neues zu machen. Es ist auch überhaupt nicht verwerflich, wenn jemand Musik macht, die ein bisschen mehr Mainstream ist. Man sollte das alles nicht so engstirnig sehen. 

Was sind deine musikalischen Ziele? 
Ich mache das immer so day by day. Meine EP möchte ich aber definitiv bald fertig machen. Zwei Songs sind schon fertig, mit denen bin ich sehr happy. Darauf möchte ich auch wieder etwas den Fokus auf Gesang legen, zur Abwechslung. 

Live zu sehen ist KeKe beim Electric Spring Festival von 25. bis 26. April im Museumsquartier.

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