„Ich habe auch mal Songs mit Sinn gemacht“ – Haftbefehl Interview

Wer den zurzeit bekanntesten Gangsta-Rapper deutscher Sprache zum Interview trifft, wird zwei Dinge zur Kenntnis nehmen müssen. Nummer Eins: Aykut Anhan, der Mann hinter der Kunstfigur Haftbefehl, hat wenig Zeit und sollte eigentlich gleich weiter. Und der zweite Punkt ergibt sich aus dem Ersten: die Fragen sollten nicht allzu lang formuliert sein. Zeit ist Geld. Deswegen war es uns nicht möglich, auch tiefer gehende Fragen zu stellen, die sich auf die Kritik beziehen, mit der sich Haftbefehl konfrontiert sieht. TheMessage hat sich der Herausforderung trotzdem gestellt, Medienkollegen abgewartet, sich das Konzert angesehen und die autogrammjagenden Massen vorüberziehen lassen. Und schließlich aus achteinhalb Minuten wohl das Beste herausgepresst. Haftbefehl im Gespräch über seine Offenbacher Jugendzeit, sein breit gelobtes Spiel mit der Sprache und warum er keine Musik mehr macht, die sinnvoll ist.

TM: Nirgendwo prallen die sozialen Widersprüche so unvermittelt aufeinander, wie in der Gegend, aus der du eigentlich kommst. Die wohlhabendsten Deutschen leben im Taunus bei Frankfurt, gleich daneben findet man jene, die in großer Armut leben. Wie bist du als Jugendlicher mit diesem unmittelbaren Widerspruch umgegangen?
Haftbefehl: Außerhalb der Musik war es nicht so krass für mich. Also ich war nicht jeden Tag auf den Straßen, um gegen den Staat anzukämpfen oder um mich zu radikalisieren. Ich habe vielmehr versucht mir den Kopf davon frei zu machen. Aber ja, gemerkt habe ich es schon. Deshalb hat es mich auch in meiner Musik geprägt. Die Dinge, worüber ich rappe, sind Sachen, die ich ansprechen möchte. Dabei geht es auch um Ungleichheit. Obwohl ich Abstand halten wollte, hat es auch mein Verhalten geprägt. Damit meine ich, wie ich spreche oder wie ich mich verhalte.

Gäbe es denn den Rapper Haftbefehl, wenn die Offenbacher Jugendzeit so nicht passiert wäre?
Ja, ich denke schon. Weil ich vor allem ein musikalischer Mensch bin. Ich habe meine Stimme, die ich sehr gut an die jeweilige Musikrichtung anpassen kann. So kommt es auch, dass ich mir bei anderen Musikgenres leichter tue.

Bis zu deinem 14. Lebensjahr warst du einer, der sich im positiven Sinne gut geschlagen hat. Du warst ein guter Sportler und hast in der Schule nichts dem Zufall überlassen. Welche Ziele hattest du zu dieser Zeit?
Ich habe zum Beispiel viel Basketball gespielt. Dann habe ich acht Jahre lang bei den Kickers Offenbach Fußball gespielt. Als ich jünger war, habe ich Taekwondo gemacht. Ich wollte auch Polizist werden. Vor allem wegen meinem Vater. Ich dachte, was tut man nicht, um den Vater stolz zu machen? Dann hat er sich das Leben genommen. So hat sich die Sache erledigt. Ab da an bin ich auf die schiefe Bahn geraten.

Dieser tiefe Einriss in deinem Leben war für deinen weiteren Lebensverlauf maßgeblich: Schulabbruch, kein positives Berufsziel mehr. Vom angehenden Polizisten zum Kriminellen?
Es hat sich vieles von einem Tag auf den anderen für mich geändert. Ich war anfangs sehr wütend – habe dann angefangen mich anderen Dingen zu widmen, fing an mehr HipHop zu hören. Auch wegen meinem großen Bruder, der mir zirka 100 CDs besorgte.

Was hast du damals gehört?
Sehr viel Rap aus New York. Meine erste Platte war aber von Skee-Lo, danach folgten Luniz. Später dann viel von Biggie, Jay-Z und vieles aus Frankreich. Booba zum Beispiel. Ich hatte auch das Album von Lil´Kim, wo sie am Cover wie eine Hure aussah. (lacht)

Als dir eine längere Gefängnisstrafe drohte, bist du gemeinsam mit deinem Bruder 2006 zunächst nach Amsterdam und Arnheim, dann nach Instanbul geflüchtet. Wie hast du die Zeit in der Türkei erlebt, die kulturellen Kontraste zu deiner deutsch-kurdischen Prägung?
Sicherlich gab es kulturelle Unterschiede. Aber ich komme überall klar. In Miami gab es auch große kulturelle Unterschiede, auch in Russland. Ich war in der Türkei zwar viel länger, aber da ich schon in meiner Jugendzeit dort gewesen war, waren die Unterschiede nicht so groß. Ich wusste schon, wie es dort läuft.

Dein Sprachgebrauch und die Wortkreationen, so wie du sie einsetzt, werden von Journalisten und Musikkennern weitergehend gelobt. In deiner Anfangszeit, als du in der Türkei untergetaucht warst, hast du viel französischen Rap gehört. Haben dir diese Texte die Inspiration gegeben, vor allem sprachlich, etwas Ähnliches auf Deutsch zu machen?
Ja, auch. Die Franzosen verwenden viele arabische Wörter und auch afrikanische Sachen. Ich wollte es auf die deutsche Art und Weise machen. Dazu habe ich Wörter benutzt, die bei uns auf der Straße gängig sind. Diese Wörter kommen aus dem Kurdischen, Türkischen, Arabischen, Albanischen und dem Jugoslawischen. Ich habe sie alle verwendet und daraus etwas Anderes gemacht. Ich wollte diese Sprachen in meinen Texten einbinden – was Neues bringen. Denn die deutsche Sprache hört sich langweilig an. Wenn zum Beispiel Merkel spricht, dann möchte man echt gleich einschlafen.

Du erwähnst oft, dass deine Alben so wie Actionfilme zu verstehen sind. Sind sie nun Realität oder doch Fiktion?
Das sind Sachen, die ich wirklich erlebt habe – das kann ich von mir behaupten. Das unterscheidet mich von Leuten, die gar nichts erlebt haben, aus einem guten Elternhaus kommen und denken, nur weil sie einen Vollbart haben und Aussehen wie ein Kanacke, jetzt Musik machen zu müssen. Ich finde, dass man alles im Rahmen machen sollte. Sicher, man sollte schon ein bisschen übertreiben, damit es dem Ganzen mehr Energie gibt. Aber man sollte auch aufpassen. Wenn man sagt, dass man jemandem in den Kopf schießt und diese Stelle zur richtigen Zeit auf den Beat bringt, dann kommt schon die negative Energie bei einem hoch. So machen es auch die Amis.

Ist dir bewusst, dass auch viele Kinder von Bankern und Rechtsanwälten deine Musik hören?
Ja, ist doch geil. Ob es Bonzen sind, Arme sind, Reiche sind, Schwarze oder Gelbe sind. Ist mir egal. Hauptsache sie feiern alle meine Musik. Vielleicht sollten sie aber auch was von meinen Liedern für sich mitnehmen. Ich habe auch mal Songs mit Sinn gemacht, aber die Verkaufszahlen fand ich nicht so überragend. (lacht)

Interview: Toumaj Khakpour
Fotos: Siniša Puktalović

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