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HipHop antwortet auf die Polizeigewalt

Be free jcole
Eine Szene aus J. Coles Video zu „Be free“

I can’t breathe!                                                           Is my son next?                                   Hands up, don’t shoot!

Ferguson is everywhere!                                AmeriKKKa                                     Stop killing black people!

Mit diesen Aufschriften marschieren die Anhänger der aktivistischen Bürgerrechtsbewegung Black Lives Matter (BLM), die praktisch über Twitter entstand, wieder einmal durch die Straßen der Vereinigten Staaten und erinnern an die Zeit der 1950er- und 60er-Jahre, in der Bürgerrechtler M. L. King oder Malcolm X noch tätig waren. Doch die Geschichte des Rassismus in den USA ist noch lange nicht passé, Hass allgegenwärtig. Insbesondere bei den weißen Polizisten gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung. Wir sprechen hier von einem der größten noch existierenden Probleme in den USA, der Polizeigewalt, die vor allem durch den bestehenden Rassismus geschürt wird und täglich Opfer fordert.

Auch nach „Fuck the police“ von N.W.A. um 1988 hat sich der polizeiliche Apparat in seiner fortlebenden Gewalt und unsinnigen Militanz in den meisten Städten nicht zum Positiven gewendet. Ganz im Gegenteil: Er hat Tote, die Wut der 60er-Jahre und verzweifelte Menschen hervorgebracht, die sich nun zu Gemeinschaften organisieren, um mit bestimmten Aspekten wie der schwarzen Unfreiheit, Polizeigewalt, ethnischem Profiling und rassischer Ungleichheit international Aufmerksamkeit zu erregen.

Aktivismus ist gut, doch was bringt er?

Schon seit Jahren versammeln sich betroffene Minoritäten. Rapper rappen über das gefährliche Leben in ihrer Hood, der polizeilichen Repression und ihrer willkürlichen Ein- und Angriffe auf die schwarze Bevölkerung. Musiker besingen Probleme. Journalisten und Medien bringen es hinaus in alle Welt und am nächsten Tag liegt ein afroamerikanischer Jugendlicher mit sechs Schusswunden leblos in einer Gosse und bereitet den Fliegen eine Mahlzeit. Michael Brown, Mario Woods, Eric Garner oder Freddie Gray sind nur noch Namen, mit denen versucht wird, Frieden zu schaffen und das Wort gezielte Polizeigewalt aus den Köpfen der Menschen zu entfernen. Doch es ist ein Teufelskreis: Kaum hat man einen Unschuldigen betrauert, demonstriert und vielleicht für Aufruhr gesorgt, wird der der nächste, oft unbewaffnete Unschuldige erschossen. Diese Sinnlosigkeit der Anprangerung, diese sinnigen und tröstenden Worte von Angehörigen, Celebritys, Politikern nach den täglichen Todesfällen werfen die Frage auf: Was können wir noch tun? Beyoncé zeigt beispielsweise den Mittelfinger in ihrem Lied „Formation„. Die Botschaft: Ich bin stolz, ein Negro zu sein und werde niemanden über meine Hautfarbe urteilen lassen. Ihr Ehemann Jay-Z veröffentlicht „Spiritual, eine musikalische Antwort auf die Opfer wie Mike Brown und die trauernden Angehörigen, und macht in einem Kommentar auf eine leider wahre Erkenntnis aufmerksam: „Punch (TDE) told me I should drop it [den Song] when Mike Brown died, sadly I told him this issue will always be relevant. I’m hurt that I knew his death wouldn’t be the last …” Snoop Dogg und The Game rufen zur H.U.N.T. (Hate Us Not Today)-Versammlung auf Twitter auf: “Operation H.U.N.T Meet NOW (…)! I’m calling ALL GANGS, ALL RACES, ALL GROWN MEN affiliated or not & WE WILL STAND UNIFIED tomorrow!!! ALL WE NEED IS EACH OTHER!” Mit der Äußerung “Stop killing my fucking people” meldet sich auch der Londoner Rapper und Grime-Musiker Stormzy auf Twitter zu Wort und sendet sein Beileid von der Britischen Halbinsel. Und John Legend schreibt: “Being against cops killing is not equal to being for killing cops. We need peace in our streets.” Doch um den Frieden auf den Straßen zu herzustellen, muss man sich den Begriff „White Privilege“ genauer anschauen, den Macklemore und Ryan Lewis in ihrem Song „White Privilege II“ aus dem Album „This Unruly Mess I’ve Made“ thematisiert haben. Das HipHop-Duo – oder the disrupters, wie der Reporter Sway Calloway sie zu Recht in einem Interview nennt – rappt über die Suprematie in den USA. Der Track geht inhaltlich auf die Wurzeln der Hierarchie während der Sklaverei zurück und beschreibt die Vorherrschaft der Weißen, die Privilegien, die sich der weißen Gesellschaft gegenüber den Minderheiten bieten. Immer wieder wird das Lied durch Ausrufe der BLM-Vereinigung und Meinungen von verschiedenen Personen unterbrochen. Das weiße Privileg geschildert von einem Weißen, der seine Überlegungen darüber anstellt, worüber kaum ein anderer weißer Musikkünstler öffentlich von sich aus spricht. Macklemore kritisiert dabei vor allem amerikanische Persönlichkeiten, die sich zwar mit den Themen Rassismus und Freiheit auseinandersetzen, sich Demonstrationen anschließen oder in der Öffentlichkeit „Ruhe in Frieden Michael Brown“ sagen, aber dabei nur sich selber in ein besseres Licht rücken möchten. Hierbei fragt er nach der Absicht jedes Einzelnen: „Is this about you, well, then what’s your intention? What’s the intention?“ Im weiteren Verlauf des Songs bezeichnet Macklemore unter anderem die australische Rapperin Iggy Azelea als falsch und künstlich („[…] you’re Iggy Azalea: fake and so plastic“), die die wahre HipHop-Kultur ausnutze und nichts zu ihr beitrage, außer Ruhm für sich selber. Kurz nach dem Release beschwerte sich die Fancy-Queen über diesen Diss auf Twitter. Und in diesem sich leicht anbahnenden Beef, schaltete sich der weltbekannte Rapper Talib Kweli ein mit den wahren Worten:  

In diesem Tweet verweist er darauf, dass es primär um etwas ganz anderes geht und dass Iggy Azelea nur ein pars pro toto sei:

You’ve exploited and stolen the music, the moment
The magic, the passion, the fashion, you toy with
The culture was never yours to make better
You’re Miley, you’re Elvis, you’re Iggy Azalea
Fake and so plastic, you’ve heisted the magic
You’ve taken the drums and the accent you rapped in

Außerdem bezieht sich Macklemore in die obigen Zeilen selber mit ein, spricht aus seinem Inneren heraus und überträgt die weiße Vorherrschaft in den HipHop-Bereich. Weiße Rapper benutzen schwarze Musikideen, schwarze Gemeinschaftskultur, aber was geben sie ihr zurück?  Hiermit spricht Macklemore die These an, dass weiße Rapper sich der schwarzen HipHop-Kultur nur profitierend bedienen würden, sie diese aber nicht leben oder in ihrem Kern verstehen würden. Dies erinnert an die Ausbeutung Afrikas durch weiße Herrschaft, welche aus Afrika nur eigenen Nutzen zogen, aber nichts als Gegenleistung parat hatten.

Es geht Macklemore und Ryan Lewis und Jamila Woods, welche den Song gesanglich als Feature abschließt, einerseits um fragenschaffende Momente über den Rassismus, die Polizeigewalt, dem White Privilege, andererseits geht es ganz stark darum, ob weiße Rapper das Recht dazu haben, sich auf einem afroamerikanischen Fundament, also dem HipHop, zu bewegen, und wenn ja, was sie Rap dafür schulden. Da die beiden vor allem eine weiße Hörerschaft betreuen, gelangen diese Themen nun auch in die weiße Gemeinschaft, von der sie sich erhoffen, mehr darüber nachzudenken und mehr Akzeptanz gegenüber anderen Kulturen zu zeigen.

Hieran kann man gut sehen, dass HipHop auch politisch tätig ist und sich in relevanten Situationen mit persönlichen Statements über die mediale Vielfalt ausdrückt. Schon seit den Anfängen von HipHop wurde über Polizeigewalt gerappt: Wir erinnern uns an N.W.As „Fuck tha police“, an „Fight The Power“ von Public Enemy oder an KRS Ones „Sound Of Da Police“, in denen die Brutalität der Cops und die teils aggressiven Reaktionen seitens der Afroamerikaner unterstrichen wurde. Doch da bis heute diese Gewalt nicht verschwunden ist, sind die Lieder darüber auch nicht verschwunden. Das beste aktuelle musikalische Beispiel im Rap für dieses Thema ist wohl der Song „Be Free“ von J.Cole, der seinen Track all den Opfern dieser Schonungslosigkeit widmet. Die Botschaft: All we wanna do is take the chains off. All we wanna do is be free.


Dieser wortgewaltige Song wurde auf den BlackLivesMatter-Demonstrationen oft zitiert und damit auf Eric Garner hingewiesen, der durch einen Polizisten am 17. Juli 2014 in New York ohne Grund ermordet wurde.

Egal ob Questlove, Drake, Kendrick Lamar, Nas, Beyoncé, Stormzy oder J.Cole: In dieser Zeit des Hasses, des Rassismus, der Repression, des Terrorismus oder der Armut müssen die Anhänger der HipHop-Kultur zu ihren philosophischen Wurzeln zurückfinden, sich festigen und zu einer dominierenden Stimme werden, um die seit Jahren andauernden Probleme endlich auf politischer Basis zu lösen. Und dieser Zeitraum vom Anfang des politischen HipHop-Gedanken bis hin zur gesetzlichen Umsetzung muss dringend vermindert werden. Ansonsten wird noch mehr unschuldiges Blut fließen.

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