„Die Lederhosen haben jetzt andere an“ – Hinterland-Interview

Fast genau zehn Jahre nach ihrem Demo „Hillbilly Souldiers“ (a.k.a. the bloodclaaath motherf… Hinterland Bauerncrew-Promo) droppen Hinterland ihr mittlerweile drittes Album. Bis ana reat heißt es, die Tränen sind uns aber weder beim Interview noch beim Hören gekommen – außer Abby Lee Tee am Spielplatz.

Interview: Stefan Anwander & Thomas Kiebl
Fotos: Daniel Shaked

Wie schon im (Unter-) Titel ihres Demos erkennbar, gingen Hinterland (a.k.a. Abby Lee Tee, Akinyemi und Sam) ursprünglich aus dem Mühlviertel, immer humorvoll und reflektiert damit um, als „Bauerncrew“ bezeichnet bzw. beschimpft zu werden. Spätestens mit Voixsmusik hatten sie dann den Spieß umgedreht und setzten verstärkt auf das „Bauern“-Image als Alleinstellungsmerkmal. Damit soll aber jetzt Schluss sein. Im Interview in einem Alt-Wiener Kaffeehaus sind dabei nicht nur der vermeintlich zu Grabe getragene „Hillbilly“ und das neue Album Thema, sondern auch die Generation X, Alltagsrassismus im Mühlviertel und – dem Interview-Ort entsprechend – „Echte Wiener“.

The Message: Obwohl euer letztes Album schon einige Jahre alt ist, wart ihr in aller Munde – wie waren die Reaktionen darauf, als Casper sein (mittlerweile Platin-)Album „Hinterland“ nannte?
Akinyemi: Wir dachten da eigentlich nicht daran, dass er uns jetzt unseren Namen geklaut hätte.  Wir haben uns dann eher einen Spaß daraus gemacht und ein Foto auf Facebook gestellt, auf dem wir das Casper-Cover nachgestellt haben. Lustig war dann auch, dass einige Leute wirklich dachten, wir würden unser Album Casper nennen.

Hinterland

Sam: Wir sind dann auch zur Ticketbörse für Casper-Konzerte geworden… Wir haben dann aber mehrmals erklärt, dass hier nicht der geeignete Ort wäre, um Tickets zu verkaufen…Wir haben uns schon gefragt, ob er davon weiß. Wir hätten uns beinahe auch mit ihm getroffen, weil das auch in Österreich einige lustig gefunden haben und uns zusammen führen wollten. Aber das ist zweimal gescheitert. Semicool ist es aber, wenn man jetzt Hinterland googelt, muss man uns ganz lange suchen… Wir haben auch überlegt, einen Song namens „Casper“ zu machen, aber da sind wir in unserer Arbeitsweise zu langsam…Wir haben schon für das Foto so lange gebraucht, dass viele nicht mehr gecheckt haben, in welchem Zusammenhang das überhaupt steht…

TM: Ihr habt euch ja von Beginn an als „Hillbillys“ und „Bauern“ definiert. Das Signifying, also Vorurteile und Stigmatisierungen aufzugreifen und zu übernehmen, um sich selbst zu ermächtigen, hat ja eine lange Tradition im HipHop. Wie war das bei Euch? Ist dieses Spielen mit dem „Bauern“-Schmäh auch in dieser Tradition des „Signifying“ zu verstehen?
Sam: Zunächst haben wir diese Rolle nie bewusst eingenommen und gesagt, wir sind „die Bauern“, sondern wir waren einfach immer „die Bauern“. Das war also der Schmäh, mit dem wir konfrontiert waren. Das ist nicht von uns ausgegangen, sondern ist uns zugetragen worden, weil wir eben aus dem Mühlviertel kommen. Erst später haben wir uns dann dafür entschieden, damit zu arbeiten. Aber da war auch keine große Strategie dahinter. Wir haben es aber dankend angenommen und durchgezogen. Wir begraben aber den Hillbilly auf diesem Album, was vor allem daran liegt, dass es auf einmal „cool“ ist, wenn man in Österreich mit Lederhosen rappt. In diese Richtung wollen wir nicht gehen. Wir wollen auch nicht mehr dieses „Bauern“-Image als bewusstes Stilbild vor uns hertragen wie noch bei Voixsmusik. Weil es haben jetzt andere die Lederhosen an.
Akinyemi: Das stimmt ja so auch nicht, wir waren privat auch nicht in Lederhosen unterwegs.

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TM: Mit „Hillbilly R.I.P“ deutet ihr ja zumindest dem Titel nach an, dass nun der „Hillbilly“ begraben werden soll und eine neue Phase für Hinterland anbricht. Wie soll in Zukunft Hinterland ohne „Hillbilly“ auskommen?
Akinyemi: Wir können uns ja nicht selber ändern, also man kriegt den Bauern nicht aus uns raus (allgemeines Auflachen). Wir sind zwar als Personen und musikalisch etwas gereift, aber wir bleiben trotzdem Hinterland, ohne aber vordergründig den „Bauern“-Schmäh weiter zu propagieren. Es gibt auch genug andere Facetten von Hinterland wie Wortwitz und Lockerheit und das wird uns auch weiterhin ausmachen.
Sam: Dass man den Bauern aus uns nicht rauskriegt, unterschreib ich… Wir wollten uns ja wie vorher schon gesagt vor allem deshalb nicht mehr dieses Images bedienen, weil das jetzt andere machen. In diesem „Traktor-Rap“ – Eck möchten wir nicht sein.

TM: Bezüglich der Tracks „Kinnts knicken“ & „Föhl am Platz“: Inwiefern fühlt ihr euch einem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt bzw. in eine Rolle gezwängt? Und wird eine unkritische Jugend erzogen?
Sam: Es gibt momentan eine Generation von Jugendlichen, die vielleicht nicht alles hat, aber vieles hat und im Großen und Ganzen keine existenziellen Sorgen haben muss. Einige nennen das „Generation X“, die nichts zu bekämpfen hat und auch kaum wo anecken kann. Früher hat man sich einen Irokesen geschnitten oder Baggypants angezogen und damit hat man schon provoziert. Heutzutage ist es viel schwieriger zu provozieren und dann entsteht ein Trott, in dem auch Widerstand und Aufbegehren schwieriger geworden ist. Ich glaube aber nicht, dass die Jugend nicht mehr bereit dazu wäre, sondern die Möglichkeiten sind nicht mehr so sehr gegeben. Das wollten wir ja auch mit „Kinnts knicken“ sagen, der Jugend wird etwas vorgesagt und –gelebt und als Jugendlicher muss man in viele gesellschaftliche Rollen schlüpfen. Und da einmal nein zu sagen oder sich die Frage zu stellen, ob das dein richtiger Platz ist, darum geht’s eben in den beiden Nummern.
Akinyemi: Ich hatte schon teilweise das Gefühl, das du als Jugendlicher in irgendeine Schublade passen musst. Es wird einem im Leben ja gelehrt, wenn du nicht das und das machst, wirst du nicht weiterkommen. Dazu wollten wir eben einen Gegenpol entwerfen, dass man sich eben nicht fügen braucht, sondern auch seine eigenen Wege gehen kann.

TM: Akinyemi, in eurem ersten The Message – Interview 2007 (TM Issue 31, S.12-13) hast du gesagt: „Was uns am Land eigentlich besonders geprägt hat ist der Alltagsrassismus. Auf Bauernfestln ist es fast garantiert, dass irgendwer mal einen >Neger<-Spruch ablässt.“ Wie sieht es heute mit Alltagsrassismus bei euch in der Gegend aus? Thema ist es ja auf der neuen Platte keines mehr. Etwas provokant gefragt: Kann man auch darauf schließen, dass damit der Alltagsrassismus keine Rolle mehr spielt?
Akinyemi: In dem Umfeld, in dem mich jetzt bewege, ecke ich nicht an, weil ich sehr integriert bin. Aber natürlich wird das immer ein Thema in meinem Leben sein und bleiben. Ich werde nicht aus meiner Haut rauskommen … Vielleicht bin ich aber nach dreißig Jahren Österreich auch schon ein wenig weißer geworden … Aber in meinem jetzigen Umfeld ist es diesbezüglich ruhiger geworden und deshalb hab ich auch thematisch den Schwerpunkt auf andere Sachen gelegt.

TM: Glaubst du, etwas klischeehaft gefragt, dass durch Musiker und Sportler dahingehend etwas aufgelockert wurde? Für Kids ist ja ein Alaba, vielleicht auch ein Okotie, ein Held.
Akinyemi: Die Sportler genießen schon eine Sonderbehandlung. Wenn er ein Tor schießt, ist er der beste Alaba der Welt. Aber wenn sie ihn dann in einer dunklen Seitengasse begegnen, könnten sich die meisten von denen ihre rassistischen Sprüche wahrscheinlich nicht mehr verkneifen. Das wird wohl noch einige Generationen dauern, es geht hier langsamer voran als in anderen Ländern, in denen Einwanderung schon über mehrere Generationen ein Thema ist.
Sam: Es hört leider sowieso nicht auf, ich weiß nicht, ob es fünf Generationen später keinen Rassismus mehr gibt. So viel kann man wahrscheinlich sagen, dass sich in unserer Gegend, im Mühlviertel, wo wir noch ab und zu sind, nichts geändert hat. Da könnte man nicht sagen, in den letzten 10 Jahren ist irgendwas besser geworden. Wenn wir da mit Leuten in unserem Alter verkehren, da ist alles wie früher, die haben nichts dazu gelernt und werden es auch nicht mehr. Die kriegen noch immer einen Herzinfarkt. Sobald sie Akinyemi aber kennen, dann ist er eh cool.
Akinyemi: Ich bin sozusagen der Alaba vom Mühlviertel… Der „Quotenschwarze“… So nach dem Motto: „Du bist eh cool“ und dann kommt das „Aber die Anderen…“.

TM: Zurück zum Musikalischen und zu den Produzenten: Alex hat ja mit seinem Sound dem Album besonders seinen Stempel aufgedrückt. Mit Kalifornia Kurt und Concept hat es aber hörbar auch sehr gut harmoniert? Warum wurden von ihnen nicht mehr Beats gepickt? Auf der einen Seite habt ihr ja diesen „modernen“ Sound á la Gerard und Kollegen, auf der anderen Seite die boombap-lastigeren Nummern.
Sam: Das lag eher an Versäumnissen, die während den Aufnahmen zum Album passiert sind… Wenn wir das Album ein Jahr nach Voixsmusik gemacht hätten, würde es wahrscheinlich ganz anders klingen. Wir haben eigentlich schon vor zwei Jahren gesagt, wir fangen mit dem neuen Album an. Da hatten wir aber noch ganz einen anderen Ansatz als jetzt beim Fertigmachen im Frühjahr/Sommer 2014. Das war also nicht wirklich eine bewusste Entscheidung. Ganz ursprünglich hätte das Album komplett von Kalifornia Kurt produziert sein sollen.

TM: Welche Rapalben haben euch hinsichtlich des Sounds auf Bis ana reat am stärksten beeinflusst? Und wie seht ihr gerade diesen „Hype“ um Leute wie Casper, Maeckes, Tua, Gerard? Euer Sound geht ja auch ein wenig in die Richtung.
Sam: Ich für meinen Teil kann sagen, dass die Musik, wie Casper sie gerade macht, mich sehr auf dem Album beeinflusst hat. Ich bin ein großer Casper-Fan, hab das sehr gefeiert. Ich glaube, das hört man auch, wenn man Voixsmusik und Bis ana reat vergleicht. Da merkt man schon, dass ich mich in meiner Art und Weise Musik zu machen, verändert habe. Wenn man dann sagt, ich würde Casper einfach biten, würde man es sich wahrscheinlich etwas zu leicht machen, aber beeinflusst von den genannten Leuten ist es sicher.
Akinyemi: Bei mir waren es bei dem Album vor allem Kendrick Lamar und auch Schoolboy Q, aus Deutschland Hiob & Dilemma.

TM: Besonders beim Titeltrack Bis ana reat geht es ja auch darum, eigene Grenzen zu überwinden, aber auch auf solche zu stoßen. Habt ihr eigentlich jemals überlegt, keine Musik mehr zu machen bzw. gedacht, die Schmerzgrenze wäre erreicht?
Akinyemi: Schwierig, es gibt schon immer wieder Situationen, wo man keinen Bock hat. Vielleicht dauern unsere Alben auch deshalb immer etwas längern. Aber eigentlich hat es bis heute keinen Moment gegeben, in dem ich ganz ans Aufhören gedacht habe. Ich bin halt doch noch so optimistisch, dass was geht, und dafür auch bereit, an die Schmerzgrenze zu gehen.
Sam: In der Zeit zwischen Voixsmusik und Bis ana reat ist bei uns schon ein gewisser Realismus eingekehrt. Wir sind uns schon darüber bewusst, dass nicht ganz Österreich auf unser Album wartet. Das heißt, wenn’s Hinterland nicht mehr geben würde, würden sich zwar ein paar Leute ärgern, aber es würde auch keine Staatstrauer geben … Wenn wir in der nächsten Zeit also sagen würden, das war’s, wäre es wahrscheinlich auch wurscht. Und deshalb gibt es für uns keinen Punkt, an dem uns Musik frustrieren könnte, weil wir es ja vor allem aus Spaß machen.

TM: Aber lebt in euch nicht auch der Traum weiter, dass mit dem jetzt dritten Album der Durchbruch gelingen könnte?
Sam: Sicher. Aber was ist der Durchbruch? Wir wissen, dass wir in der nächsten Zeit nicht in der Stadthalle spielen werden … Wir haben noch Ziele und wir haben auch vieles schon erreicht, an das wir nie geglaubt hätten. Wir haben zum Beispiel am Splash gespielt oder als Headliner auf kleineren Festln. Das können wir heute realistischer betrachten und uns auch mehr darüber freuen. Wenn uns das 2005 jemand prophezeit hätte, hätten wir dankend angenommen.

TM: Apropos Festln, Nummern wie „Wochenend“ oder „Sperrstund“ stehen ja, überspitzt gesagt, an der Kippe zu Bierhymnen, die in Großraumdiscos rauf und runter laufen könnten. Seht ihr da ein potentielles Publikum für Hinterland oder liebäugelt ihr da mit Kreisen außerhalb eurer sonstigen Hörerschaft?
Akinyemi: Ich würde es zwar ziemlich schräg finden, wenn die Nummern tatsächlich in der Großraumdisco funktionieren sollten, vielleicht muss man das dann aber auch irgendwie annehmen. Ich muss jetzt keine ganze Großraumdisco-Tour machen, aber für einen Track …
Sam: Falls es jemals zu so einer Tour kommen sollte, dann nur unter der Bedingung, dass Abby Lee Tee vorher eine Viertelstunde auflegt …

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TM: Kurz noch mal weg vom Album, ihr seid ja auch beim zweiten Teil vom „Echten Wiener“ dabei gewesen. Hat es danach für euch einen Popularitätsschub gegeben oder ist das spurlos vorübergegangen?
Akinyemi: Also es hat uns auf jeden Fall nicht tausende Klicks gebracht, es gab auf Facebook Reaktionen dazu und ich werde auch noch ab und zu darauf angesprochen …Man kann ja ganz offen sagen, dass es sich dabei nicht um die großartigste schauspielerische Leistung handelt…
Sam: Eigentlich ist der Film Scheiße…

TM: Bei dem Film merkt man schon, dass es sich um einen mehr oder weniger plumpen Versuch handelt, einen „Hit“ zu landen. So nach dem Motto: wir peppen den Mundl auf und nehmen HipHop mit rein, weil das hören jetzt die jungen Leute.
Sam: Genau das war es…Besser kann man den Film nicht beschreiben.

TM: Wie seid ihr damit umgegangen, beide Augen zu und durch oder habt ihr versucht, da was anders, Szene-näheres rein zu bringen?
Akinyemi: Wir haben schon versucht, die SchauspielerInnen dort ein wenig zu „teachen“ und rap-technisch so gut wie möglich zu unterstützen.
Sam: Wir haben teilweise auch Dialoge und Wörter ausgewechselt…

TM: Wart ihr eigentlich damit auch einverstanden, welches klischeehafte Bild von HipHoppern in dem Film transportiert worden ist?
Sam: Mich hat eigentlich noch nie jemand auf diesen Film angesprochen, aber wenn ich es aus heutiger Sicht sehe, haben wir da ja voll mit gespielt. Eigentlich war es nicht besonders cool, was wir und andere Rapper, die in dem Film mitgespielt haben, HipHop angetan haben…
Akinyemi: Das haben wir damals 1:1 übernommen. Es war ja unser erstes Mal als „Schauspieler“, du kriegst eine Szene und da haben wir uns auch nicht wirklich überlegt, welche Auswirkung das haben wird.
Sam: Wir waren mit uns selber sehr beschäftigt… Wie ich ihn das erste Mal gesehen habe, hat er mir noch fast gefallen, aber beim zweiten Mal, als ich ihn mit meinen Eltern und Freunden angeschaut habe, dachte ich mir meinen Teil …

TM: GC (ehemals DIE ANTWORT, MARKANTE HANDLUNGEN, Anm.) war ja ebenfalls ein wichtiger Bestandteil eures Teams, gab es auch mal die Überlegung auf Shash Records oder auf einem anderen Label zu veröffentlichen?
Akinyemi: Nein, weil Tonträger ja eigentlich die HipHop-Schiene macht und Shash stärker die elektronischere Produzenten- und Instrumental-Schiene.
Sam: Nein, es hat keine Überlegungen gegeben, wo anders zu releasen. Es stimmt zwar, dass sich die Wahrnehmung von Tonträger in den letzten Jahren etwas verändert hat, aber Ende der Nuller Jahre war es definitiv das Label Nummer Eins in Österreich. Jetzt gibt’s zwar weniger Releases, aber für uns ist Tonträger das Label schlechthin. Wir waren schon immer Tonträger-Fans und sind sehr froh, dort releasen zu dürfen.

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