„Alkohol gehört verboten“ // Haze Interview

Es ist ein sonniger Abend Anfang Mai, als wir uns mit Haze vor seinem Konzert für das Interview treffen. Die Entourage ist vom anstrengenden Tourleben gezeichnet und froh, endlich in Wien zu sein. Für Haze persönlich ist es der erste Besuch in der österreichischen Hauptstadt und vor allem dadurch besonders, dass es die Heimat seines Freundes Svaba Ortak ist. Aufgrund des Bombenwetters entscheiden wir uns spontan dafür, das Interview draußen am Kanal zu führen, an dem sich bereits viele jüngere Fans versammelt haben, um ihr Idol einmal persönlich treffen zu können. An einer nahgelegenen Bank finden wir unseren Platz – neben uns finalisiert gerade ein Sprayer die Outlines seines frischen Werkes. Im Interview sprechen wir über die Labelarbeit von „Alte Schule Records“, das Falco-Projekt „Sterben um zu Leben“ und sein persönliches Innenleben als Kind von Gastarbeitern.

Fotos: Lena Bischoffshausen

The Message: Bist du öfters in der Stadt oder ist es das erste Mal Wien für dich?
Haze: Erstes Mal in Wien und es gefällt mir sehr. Ich hab mich hier vorhin erstmal oberkörperfrei hingesetzt und Joints geraucht. Die Leute haben uns herzlich empfangen. Es gibt einfach aus den verwinkelsten Ecken vom ganzen Balkan Leute hier aus Dörfern, von denen ich bisher noch nie etwas gehört habe. Ich meine, es sind überschaubare kleine Ländchen, von denen wir hier reden. Kroatien hat ja auch nur ein paar Millionen Einwohner.

Wie würdest du deine Beziehung zu Svaba Ortak, der auch aus Wien kommt, beschreiben?
Wir waren schon vor seinem Signing verbunden. Er ist der Taufpate meines Sohnes, genau wie auch Eazyono. Wir halten Alte Schule in dieser Hinsicht, sehr familiär im Kern. Das ist Familie und steht vor der Musik und der Arbeit.

Kürzlich wurde bekannt, dass die Argonautiks nun ebenfalls bei Alte Schule gesignt wurden. Was war der ausschlaggebende Punkt dafür?
Ich feiere die beiden einfach übeltrieben. Auch wenn viele denken, dass ich auf dem alten Sound verharre, heißt das nicht, dass ich mit Scheuklappen durch die Gegend laufe. Ich kenne mich in anderen Bereichen aus, auch außerhalb von Rap. Mit den Argonautiks habe ich Leute gefunden, die das Alte und das Neue dermaßen gut verbinden und eine Symbiose des Ganzen anstreben, dass man das gar nicht mehr trennen kann. Zuletzt ging es mir mit Kalim so. Die erschaffen ein ganz eigenes Soundbild und es ist alles hausproduziert.

„Die Leute verlieren ihren Kopf in Drogen und Geld“

Wie kann man sich die Labelarbeit bei Alte Schule Records vorstellen? Macht ihr alles selber?
Ich habe vor ein paar Jahren bei Chapter One unterschrieben, noch bevor mein erstes Album „Guten Abend Hip-Hop“ erschien. Eigentlich hatte ich einen Vertriebsdeal als Einzelkünstler, allerdings hatte ich mich auf Anhieb mit Ramin sehr gut verstanden. Er ist gebürtiger Karlsruher und hat mich vor allem deswegen gesignt, weil er meine Musik privat sehr gerne hört und nicht aus rein wirtschaftlichen Gründen. Weil wir uns nahestehen, war es naheliegend, dass ich ihn anschließend in die ganze Labelgeschichte involviere. Nachdem ich ihm von meinen Plänen erzählte, erweiterten wir meinen Vertrag auf einen Labeldeal, sodass auch alle meine Künstler über Chapter One und Universal vertrieben werden. Dasselbe haben wir anschließend auch mit dem Management gemacht, indem ich mit Patrick Thiede von „Das Maschine“ einen Managementdeal abgeschlossen habe, sodass ich mich rein auf die Musik und die Künstler konzentrieren kann. Die Strukturen haben im Hintergrund einfach Leute übernommen, die seit Jahren extrem erfolgreich in dem sind, was sie machen. Industrie hin oder her. Ich habe mir vorgenommen, dass ich allen zeigen werden, dass man auch mit Majordeal seine Mucke selber in der Hand hat. Keiner redet dir rein, die Leute kommen einfach nur auf komische Filme und verlieren ihren Kopf in Drogen und Geld. Keiner hat mir jemals in meine Musik reingeredet. Ich komme in deren Büro und lege denen ein fertiges Master auf den Tisch. Was ich bis dahin mache, ist denen scheißegal und so gehört sich das auch in einer Künstler-Label-Beziehung. Es ist ein einzigartiger Deal und ich bin sehr glücklich. Auch die Arbeit mit der Bookingagentur Kingstar lief super. Die Tour ist bis auf den heutigen Termin restlos ausverkauft, doch wir sind dafür hochverlegt worden. Wir werden nachher richtig Party machen. Mir wurde auch gesagt, dass Wien gerade abends eine krasse Stadt ist, in der die Leute auch bei so schönem Wetter noch rausgehen.

Österreich ist auch für die fortschrittliche Drogenpolitik im Bereich des Cannabis bekannt. Schließlich darf man sogar die weiblichen Stecklinge im Laden kaufen.
Ich kenn mich leider in dem ganzen gesetzlichen Feld nicht so gut aus, wie ich eigentlich müsste. Vorhin habe ich allerdings meine Joints gebunkert, als die Bullen vorbeigefahren sind (lacht). Ich bin der Überzeugung, dass Cannabis eine Medizin ist, die gegen tausende… 

Unbekannte Person erscheint mit Sportzigarette in der Nähe… …da haben wir es gerade von einem perfekten Thema. Mit dieser Medizin therapieren Leute sich selber unbewusst. Wenn also jemand anfängt zu kiffen und merkt, dass es einem dadurch besser geht, zum Beispiel. Es gibt auch Nachteile, wenn Leute hängenbleiben und ihren Job nicht mehr auf die Reihe bekommen. Ich habe das Glück, dass ich Musik machen darf und alles unter einen Hut bekomme. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass jeder, der kifft damit etwas therapiert. Deshalb bin ich auch Befürworter in Richtung einer Legalisierung. Wenn es Leute runterzieht, dann haben sie schlichtweg keinen Plan von Sorten. Du musst wissen, was du rauchst. Du kannst dir nicht irgendeinen Scheiß im Park kaufen und dich dann wundern, wenn das nicht sauber ist. Die besprenkeln das heutzutage mit jedem Scheiß. Du weißt nicht, ob das afghanische Hasch mit Heroin gestreckt ist, das ist richtig ekelhaft geworden. Du musst selber anbauen. Dann weisst du, was du rauchst und kannst dir die Sorten aussuchen. Willst du eher Indica oder Sativa, hoher CBD oder THC-Gehalt? Willst du dich entspannen oder schlafen gehen? Willst du arbeiten und kreativ denken? Das ist ein riesiger Themenkomplex, der leider noch unerforschtes Land in unserem Gesundheitssystem darstellt.

„Ich respektiere und ehre Falco für seine Vorreiterrolle sehr“

Österreich ist auch bekannt für die Musik des legendären Falco. Mit dem Lied „No Time For Revolution“ bist du auf dem bald erscheinenden Sampler enthalten. Kannst du uns etwas zu dem Projekt erzählen?
Es ist ein offizielles Falcoalbum, welches Neuauflagen seiner Lieder enthalten wird. Jeder Künstler konnte sich hierbei seinen eigenen Titel auswählen und ihn reinterpretieren. Es gab in dieser Hinsicht fast keinerlei Vorgaben. Wir haben es auf die alte Schule gemacht. Sample, Loop, Drums druntergesetzt und drauf gerappt. Ich respektiere und ehre Falco für seine Vorreiterrolle sehr. Er spielt in der Retrospektive eine sehr große Rolle für Deutschrap und daher war es mir eine Ehre, ein Teil des Projektes sein zu dürfen.

Auf Becher und Blunt sagtest du, dass dich Deutschland „abfuckt“ und du zurück in die Heimat willst. Dein Kind ist multikulturell geprägt und hat eine kurdischstämmige Mutter. Was können wir als Gesellschaft im multikulturellen Miteinander verändern und besser machen?
Für mich ist das keine multikulturelle Thematik. Es ist nicht so, dass ich Multi-Kulti nicht mag, sondern eine tiefe Sehnsucht nach einer Heimat habe. Es ist die Sehnsucht nach der Sprache, der Familie, dem Essen, dem Meer und dem Klima. Ich komm nicht von hier. Ich fühl mich heute wohl, weil es so warm ist. Im Winter komm ich gar nicht klar. In meiner Heimat wachsen Palmen und Oliven. Eines Tages will ich heimkehren und ich glaube auch, dass es der tiefste Wunsch eines jeden Gastarbeiterkindes ist, eines Tages zurückzukehren. In meinem Fall habe ich das Glück, dass ich es ein wenig früher schaffen kann. Dafür muss ich allerdings noch ein wenig Gas geben. Im Idealfall würde ich dann immer noch Musik machen und hin- und herpendeln. Ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr dort. Was wir wirklich besser machen können, kann ich dir nicht sagen. Ich hatte in meinem Leben noch nie das Recht zu wählen. Ein paar Kleinigkeiten würde ich natürlich schon ändern. Die Sache mit dem Kiffen zum Beispiel. Alkohol gehört verboten. Gerade auf so Tourgeschichten merke ich immer wieder, dass dich der Alkohol zu einem Menschen macht, der du nicht bist. Man sollte Kokain von der Straße holen und Kinderschändern auf offener Straße die Todesstrafe verhängen, so wie im Mittelalter, sodass es jeder sieht. Man sollte die Pharmaindustrie stärker überwachen, sodass sie Menschen und Tiere nicht mehr ausbeuten können. Die sollen keine Omas operieren, bei denen sie nicht wissen, ob sie noch aus der Narkose aufwachen werden. Die sollen auch meiner Hündin keine falschen Impfstoffe geben, sodass sie erblindet und ich ein halbes Jahr später 5000 Euro Rechnungen zu zahlen habe. Wir haben die gegen Hepatitis impfen lassen und weil der Arzt billigere Hersteller nutzte und gepfuscht hat, ist sie erblindet. Wenn ich zur Apotheke gehe und mir Medikamente holen will und lediglich Ratiopharm bekomme, weil meine Krankenkasse mit denen zusammenarbeitet, dann will ich das nicht mehr haben. Dann gehe ich lieber zu einer anderen Ärztin und lasse mir aufgrund meiner positiven und langjährigen Erfahrung mit Cannabis ein Rezept dafür geben. Dadurch wird es öffentlich und ich habe keinen Stress mehr. Und so was lernen wir nicht in der Schule. Wir kriegen den Kopf vollgestopft mit irgendeiner Scheiße, die wir dann runterbeten. Solange sich das nicht ändern, bist du für die doch in Ordnung. Wir sollten lernen, selbstständiger zu sein. In der Schule lernen wir nur Gehorsam und das Beugen vor Autoritäten. Du musst aufstehen, wenn der Lehrer reinkommt und die Fresse zu halten, wenn er etwas sagt. Das ist Gehirnwäsche und Manipulation für ein komplett falsches System. Deshalb versuche ich auch mit steigendem Alter, meine Musik in der Hinsicht zu ändern, dass es Aussage hat und auf keinerlei Lückenfüller zurückgreifen muss. Ich will den Kindern einfach keine Scheiße erzählen. Okay, vielleicht habe ich mal gekokst, vielleicht kokse ich auch immer noch, allerdings ist das der Tod. Ich kenne keinen, der morgens aufwacht und darüber glücklich ist, dass er am Vorabend gekokst hat. Dieses ganze Superstarleben wird falsch dargestellt und trägt die falschen Werte nach außen. Leute trinken Codein und halten sich für Rapper obwohl sie kein Geld damit verdienen. Dann klappt das mit der Karriere nicht und sie sind abhängig von dem Zeug. Jeder Heroinabhängige wird dir bestätigen, dass der Heroinentzug verglichen dem Codeinentzug ein Witz ist. Das ist krank und die Verhältnisse stimmen nicht mehr. Die trinken das, weil es nach Himbeere schmeckt. Ich habe es einmal konsumiert und am darauffolgenden Tag war ich sehr aggressiv und wollte es wieder haben. Das ist der Teufel. Und weil ich das alles schon gesehen habe, kann ich den Finger haben. Als Künstler kann ich lediglich meine Lieder schreiben und hoffen, dass es besser wird. Vielleicht werde ich in Kroatien irgendwann einmal Politiker (lacht). Wer weiß das schon. Kommt Zeit, kommt Rat – ich bin ja noch jung.

Interview: Max Cornelius

 

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