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Der durch die Hölle geht // grim104 live

Nach der weihnachtlichen Pause hat Graf grim104 wieder sein großes dunkles Schloss verlassen, um seine „Das Grauen, das Grauen“-Tour fortzusetzen. Wien ist der fünfte von sechs auserwählten Orten und der einzige Auslandsstopp. An der Donaumetropole führt eben kein Weg vorbei, wenn es um das Morbide geht. Das erkannte schon Liedermacher Georg Kreisler vor über 50 Jahren, als er die Herkunft des Todes auf Wien festlegte.

Der Schauplatz der heutigen grimy Horror Picture Show ist das Flex Café, das sowieso immer mit einem leicht morbiden Charme ausgestattet ist. Mit „Wicked“-Stempel am Unterarm markiert geht es in den ordentlich gefüllten Tempel, wo grim 15 Minuten später als angekündigt seine Show beginnt. Unterstützt wird er vom DJ und treuen Begleiter Kenji 451, der auf „Das Grauen, das Grauen“ mit „Ratten im Gemäuer“ (angelehnt an eine Kurzgeschichte des Horrorliteratur-Heroen H.P. Lovecraft) auch einen Track produzierte.

Die Pforten der Hölle öffnet grim104 mit dem Opener seines letzten Werks, „Das Grauen“. „Doch deinem Horror kannst du niemals entkommen“, heißt es in der Hook, die gleich vorgibt, in welche Richtung sich heute das Konzert bewegt. grim spielt sich in der Folge durch die Tracks von „Das Grauen, das Grauen“, der Sound kommt kristallklar aus den Boxen.

Mit sympathischen wie unterhaltsamen Ansprachen knüpft grim die Songs einander: So stellt grimstadamus vor „Unter der Stadt“, das sofort Assoziationen an den Überlebenskampf einer Franka Potente in „Creep“ (2004) weckt, eine Verbindung zu den Bauarbeiten in der Pilgramgasse her. Mysteriöse Dinge würden da ablaufen! Dass grim zumindest einmal nach den momentanen Gesprächsthemen in Wien gegoogelt hat, beweist er auch mit einer anderen Ansprache. Vor „Geist“, das inhaltlich ein wenig an den Ulrich-Seidl-Film „Hundstage“ (2001) erinnert, erzählt er von einem neuen Karriereweg, den er als 31-Jähriger einzuschlagen habe. Es wäre nämlich nun an der Zeit, Techno-DJ zu werden. Genre-Kollegen würden es schließlich vormachen.

Aber Resident-DJ wolle er nicht irgendwo werden, sondern im „coolsten Club“ Wiens, dem „Horst“. Oder, alternativ, in der „Grellen Forelle“. Dafür erntet er Lacher vom Publikum, das im Gesamten an diesem Samstag aber ein wenig müde wirkt. Im Gegensatz zu grim, der mit der Stärke eines Michael Myers seine Songs auf die Bühne zaubert. Zu den dargebotenen Nummern gehört auch „Hölle“, das unter anderem vom Mietwahnsinn in Berlin handelt. grim weist eingangs darauf hin, dass der Song auch von der Wohnungssuche im 7. Bezirk handeln könnte. Wieder Lacher. „Überall ist es fast gleich“, nannte der 4.9.0 Friedhof Chiller Schlafwandler 2007 ein Album. grim beweist, dass das keine gänzlich leere Floskel ist.

Aber der Horror ist keine Sondererscheinung des Urbanen. Auch in den Dörfern kann es gruselig zugehen. Das zeigte nicht zuletzt „Das weiße Band“ (2009) von Michael Haneke. Deutschraps-Antwort auf „Das weiße Band“ ist grims „Crystal Meth in Brandenburg“, das heute ebenso nicht fehlen darf wie sein gut gealterter 2009er-Song „Dis is wo ich herkomm“ (der zweifelsfrei besser ist als der unerträgliche Samy-Deluxe-Song, auf dem grims Version basiert).

Den Horror in seiner konzentrierten Form und damit das Highlight des Abends präsentiert grim dann mit „Abel ’19“. Der Song setzt an „Abel ’82“ (1982) des großen österreichischen Liedermachers Ludwig Hirsch an. Die Besonderheit im Tracks liegt in der Erzählweise aus der Sicht eines Sterbenden. Geburtshelfer des Songs ist Journalist und Ex-Royal-Bunker-Chef Marcus Staiger, der grim den Song zeigte. Zum Glück. „Abel ’19“ ist ein packendes, bedrückendes Stück Musik, das einem ein weiteres Mal vor Augen führt, dass der Horror hinter jeder Ecke lauern kann. Egal, wo man sich aufhält.

Nach weiteren humorvollen Ansprachen, die unter anderem die Suche nach einem „Zivi-Bullen“ im Publikum (vor „Ich töte Anders Breivik“) oder eine Kostprobe seiner Indonesisch-Kenntnisse („Nama saya grim!“) beinhalten, beendet grim mit „Juri Gagarin“ vorerst sein Set. Sehr gut gewählt, eignet sich der Song mit der „Das Leben des Brian“-Referenz „Kommen aus dem Nichts, gehen in das Nichts“ in der Hook perfekt für einen Abschied.

grim verabschiedet sich aber nicht ohne Zugabe. Die Video-Single aus „Das Grauen, das Grauen“ fehlte bisher noch. Für „Graf Grim“ holt grim seinen schwarzen Dracula-Umhang hervor. Von „Graf Grim“ geht der Untote direkt zu „Hotline grim“ über, bevor die letzte Zugabe mit „Frosch“ erfolgt. Danach ist Schluss, das Höllenportal für heute geschlossen. Nach dem Set steht zwar nicht alles in Flammen wie in der Schlüsselszene des Roman-Polanski-Klassikers „Die neun Pforten“ (1999), aber fast. Ein gespenstischer Auftritt des unheiligen Grafen.

Fazit: Die weißrussische Literatur-Nobelpreisträgerin Svetlana Alexievich bezeichnete 2017 in einem Interview den Menschen als „schaurige Kreatur“. Wer die Musik von grim hört, kommt zu einem ähnlichen Schluss. Die durchaus schwierige Live-Umsetzung von „Das Grauen, das Grauen“ gelang der Zugezogen-Maskulin-Hälfte problemlos. Witzige Ansprachen mit Wien-Bezug rundeten eine fehlerfreie Darbietung ab. Nur das Publikum war nicht ganz so aktiv wie erwartet. Vielleicht saß ihnen aber auch nur der Schock in den Knochen, den grim mit seiner Horrorshow im positivsten Sinne ins Flex Café brachte. Es wäre nur verständlich.


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