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Keine Macht der Whacksualität // Gigolo D & JerMc Interview

Am Freitag haben Gigolo D & JerMc ihr zweites Album „Eher tiaf, aber eh ganz deep“ veröffentlicht. Um über den Nachfolger des 2017 erschienenen Debüts „Eher schiach, aber eh ganz lieb“ zu sprechen, verabreden wir uns im Souterrain eines ehemaligen Schulgebäudes in Wien-Margareten. Dort werden gerade einige Räume zwischengenutzt, darunter mit „Die Schule“ das frisch eingerichtete Hauptquartier von Heiße Luft. Während die Labelkollegen HipHop Joshy und Jonas Herz-Kawall im kargen Nachbarkammerl an der Entstehung einer Booth werkeln, platzieren wir uns auf der Studiocouch.

Mit Gigolo D & JerMc unterhalten wir uns unter anderem über den Kampf gegen die Whacksualität, Kopfficks beim Schreiben, die DLTLLY-Laufbahn und die vielen künstlerischen Persönlichkeiten in JerMcs Schädel, bevor wir für die anschließende Fotosession das Gebäude abklappern.

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Zwei Musterschüler. Fotos: Niko Havranek

The Message: Vor einem Jahr war Joshys Einzimmerwohnung quasi das Hauptquartier von Heiße Luft. Wie seid ihr dann hier gelandet?
JerMc: Wir haben uns ein bisschen umgeschaut. Melonoid hat zufällig auch ein Studio gesucht. Ohne ihn hätten wir das nicht machen können. Für uns ist es eigentlich mehr ein Lager und zum Chillen – danach Aufnehmen natürlich auch. Es ist super, dass wir hier chillen, Sessions machen können und ein Büro haben.

Ändert sich durch den zentralen Ort etwas an deiner Herangehensweise? Also schreibst du zum Beispiel mehr direkt im Studio?
Nein, ich schreibe noch immer zu Hause. Aber hier kann man Tracks machen, die man sonst wahrscheinlich nicht machen würde.

Schreibst du ganz klassisch mit Stift und Papier?
Meistens am Lappy. Manchmal auch mit Stift, aber das geht meistens nicht gut. Da muss ich die ganze Zeit was durchstreichen und kann nicht umschichten, das will ich aber ständig. 

Was hat sich generell bei der Aufnahme vom zweiten Album verändert?
Eigentlich nichts. Außer dass ich jetzt woanders wohne, mir ein besseres Mic ausgeborgt habe und eine Booth aus einer Kühlschrank-Box gemacht habe. Davor waren es halt Vorhänge und ich habe mich vors Bücherregal gestellt.
Gigolo D: Es war derselbe Prozess. Ich habe aber mehr gediggt und mehr Drumbreaks gesammelt.

Wie hast du nach Drumbreaks gediggt?
Gigolo D:
Ich war viel mehr in Plattenläden unterwegs, meistens mit HipHopJoshy. Im Teuchtler, Record Shack oder Deep Soul zum Beispiel. Aber es ist immer schwierig, einen Drumbreak zu finden. Wenn du einen Track auf YouTube findest, kaufst du die Platte. Sie im Plattenladen zu finden, ist natürlich geiler, aber es dauert länger. Wir verbringen dort meistens drei, vier Stunden, flashen uns richtig rein und hauen uns dann gegenseitig, wenn wer einen richtig dopen Track findet (lacht).

Machst du vorher den Beat und er schreibt drauf, oder steht eher der Text zuerst?
JerMc:
Meistens habe ich schon was und es passt dann perfekt zum Beat, auf dem wir es wollen – und sonst passt es auf einen anderen Beat.
Gigolo D: Oder ich sage ihm, dass ich einen Beat gemacht habe, schicke ihn und irgendwann sagt er: ‚Hey ich hab einen Text geschrieben.‘ Und dann ist es eigentlich fertig, also echt basic (lacht).

Bist du lyrisch noch verkopfter rangegangen?
JerMc:
Es war fast einfacher. Ich habe viel mehr erlebt und dadurch auch mehr Material. Der Anspruch ist gestiegen, aber egal wie hoch der ist, es ist immer ein Kopffick. Jetzt sind weniger Random-Battle-Punchlines oben, alles hat mehr Hand und Fuß. 

Hast du drauf geachtet, introspektive Tracks und Battle-Tracks klarer voneinander zu trennen?
Ich habe es mehr nach Beats geordnet – also für Battle-Tracks, für introspektive Tracks und welche, die lustig sein sollen. Dann auch danach, wo man eine eingängige Hook machen sollte und wo man keine oder keine besonders anspruchsvolle braucht.

Wie würdest du generell den JerMc von heute mit dem von vor zwei Jahren vergleichen?
Weniger Selbsthass, dafür mehr Hass auf andere. Ich bin zufriedener mit mir, aber desto mehr man sich selbst okay findet, merkt man auch, dass die anderen die ärgsten Trotteln sind (lacht). Beim letzten Mal waren mehr cringy Sachen dabei. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll.

Meinst du einzelne Zeilen?
Ja, so bisschen mädchenhaft auf: ‚Ich bin so schiach. Sagt’s mir, dass ich schön bin!‘ Aber auch nicht so wirklich, weil es immer einen Twist gehabt hat. Es war an der Grenze zu too much information und dann wieder zurückrudern. Das war diesmal weniger. Ich bin besser geworden und es ist jetzt mehr Zufriedenheit da.

Inwieweit haben deine A-capella-Battles dazu beigetragen?
Die sind ein gutes Training fürs Durchziehen von Konzepten und „skeemige“ Tracks wie „Ess grad“, wo du aus einem Vokabularfeld so ziemlich alles einbaust. Auch um zu wissen, dass es irgendwo einen Reim gibt, der eine Line vollendet und du es nicht hingezweckt machen musst. Und natürlich allgemein für Punchlines.

Nach dem Battle gegen Robscure hast du im Interview gemeint, bisschen den Hunger verloren zu haben. Ist die Mucke der einzige Grund dafür?
Wenn ich jetzt ur scheiß Mucke machen würde und mir nicht denken würde, dass es noch besser wird, würde ich eh mehr battlen. Aber es gibt irgendwie nicht so viel zurück. Vor allem wenn du dich drei Monate vorbereitest und dann in zehn Minuten alles verkackst. Da mache ich lieber einen Track, bei dem ich alles genau so arrangieren kann, wie es am Ende klingen soll und bin zufriedener. Ich habe es damals gesagt: Wenn ich jetzt ein Battle machen würde, wäre das nur für Promo und Geld – und das sind die zwei Gründe, aus denen man es vielleicht gerade nicht machen sollte.

Aber du magst dir die Türe noch offen lassen?
Ja, schon. Also wenn DLTLLY so groß wird, dass sie auch Small-Room-Events machen, wo absichtlich wenig Leute sind, dann vielleicht mal wieder.

Weil dann der Druck geringer ist?
Auch. Dieses Riesending ist kurz gut gegangen, aber auch nicht wirklich, weil ich bis aufs erste Battle nie fehlerlos war. Es wird mehr auf die Lines geachtet, es ist nicht so schlimm, wenn du verkackst und es kommt auf Video besser rüber. Wenn es im Großraum gut läuft und die Leute jubeln, bin ich überwältigt und komme raus. Wenn sie nicht jubeln, bin ich unterwältigt und komme auch raus. Es gibt sicher Leute, die sich mit dem Adrenalin einen Drive daraus ziehen, aber ich habe das nie so geil gefunden. Ich habe auch nie Achterbahn fahren wollen. Es ist ein geiles Gefühl, aber ich habe es nie wirklich genossen. Und wenn ich gebattlet habe, habe ich mir gedacht: ‚Eigentlich ur behindert, dass du das machst! Du könntest jetzt auch chillen und zuschauen, das wäre viel geiler.‘ Es ist eh geil, dass alle es so ernst nehmen – mache ich als Fan auch. Aber wenn du drinnen bist, ist es zu serious und ich habe es dann so ernst genommen, dass es nicht mehr so viel Spaß mehr gemacht hat. Davor hat der Komplexler in mir noch eher gesagt: ‚Ich zeig denen, wie geil ich schreiben kann!‘ Jetzt kann ich das mit Mucke auch machen, also brauche ich es de facto nicht mehr so.

In A-capella-Battles hast du komplett auf einen Gegner hingeschrieben, jetzt quasi gegen imaginäre Gegner, auch wenn du dabei sicher an jemanden denkst. Ist das für dich ein großer Unterscheid?
In den Battles wollte ich oft auch so etwas machen, also großflächiger kritisieren. Aber das geht nicht wirklich. Dann stehst du drinnen und denkst dir vielleicht: ‚Boah, das ist ur geil!‘ Aber wenn du es dir anschaust, denkst du: ‚Was redest du da, red lieber über den da!‘ Am geilsten ist es eh, wenn du einen whacksuellen Gegner hast und das alles gegen ihn bringen kannst. Aber die meisten waren ganz nett und nicht so whacksuell. Es gab keinen, den ich richtig gehasst habe. Das wäre irgendwie geil, aber auch anstrengend und würde schnell verkrampft wirken.

An wen denkst du am meisten, wenn du über die Whacksualität rappst?
An allerlei Leute. Es ist einfach ein geiles Denken, in Whacksuelle und Nicht-Whacksuelle einzuordnen. Ein lustiges Konzept, eine Parallelwelt. Wenn du wen siehst, der auf einer Party viel Scheiße redet, dann ist er ein richtig whacksueller Adam Steinberg.

Es fällt auch auf, dass du das Französische diesmal komplett weggelassen hast. Hast du bewusst darauf geachtet?
Es versteht eh fast keiner. Ich mache lieber irgendwann mal eine französische EP unter einem anderen Namen. Ich habe vor, wenn ich auf Deutsch mein Opus Magnum gemacht habe, mal wieder auf Französisch zu rappen. Also dann wirklich, bis jetzt war es eigentlich nur Kinderscheiße.

Hörst du noch viel französischen Rap?
Eigentlich nicht mehr so viel.

Was sind deine jetzigen Hauptbezugspunkte?
Ich weiß gar nicht. Das Auflegen hat die Musik bisschen beeinflusst. Ich höre Alben jetzt fast nur noch so auf: ‚Kann man das auflegen?‘ Und wenn man es nicht so gut auflegen kann, vergesse ich es meistens – auch wenn es ur geil ist. Boombap fast gar nicht mehr. Also wenn ich einen geilen Boombap-Track höre, dann nur fürs Auflegen. Bei Trap auch eher einzelne Tracks.

Du hast einige Aliasse wie Dyin Ernst, Schlagobers Duck oder Tina Turnup. Was hat es mit ihnen auf sich?
JerMc
: Ich mag es einfach, so Namen zu finden.
Gigolo D: Es gibt auch einen ganz neuen: Ramsey.
JerMc: Aja! Die von Austrovinyl haben zuerst auf den Auftrag Gigolo G & Ramsey geschrieben, weil sie es am Telefon so verstanden haben. Jetzt steht es auf der Testpressung auch so. Die hatten einen Monat vorher das Cover mit den richtigen Namen und haben es trotzdem so gelassen. Der bleibt jetzt irgendwie. Es wäre gar nicht so abwegig, wenn ich mich fürs nächste Album wieder anders nenne. Das macht’s nochmal lustiger.

Von Tina Turnup und Runnin Swag gab es lange nichts mehr zu hören. Hast du die beiden schon eliminiert?
Runnin Swag war nur ganz kurz für ein Feature da, der ist tot. Tina Turnup eigentlich auch. Die hat gemerkt, dass das Wortspiel doch nicht so toll ist. Es gab eine Line von Crack Ignaz und einen Money-Boy-DJ, der Timmie Turnup heißt. Schlagobers Duck legt jetzt eh alles auf. Das ist das Geile an ihm. 

Weißt du immer sofort, ob du für JerMc oder Dyin Ernst schreibst?
Ja, schon. Es fühlt sich schon anders an, aber es hängt auch von den Beats ab. Vielleicht gibt es mal ein Joint-Album.

Wie unterscheidet sich JerMc von Dyin Ernst?
Eigentlich nicht so stark. JerMc ist mehr random auf Battle-Punchlines aus. Er kann sich mehr erlauben. Dyin Ernst hat bisschen weniger Freiraum, er darf keine Fehler machen. JerMc müsste ihn eigentlich whack finden, weil er ja mehr so der Realkeeper ist. Aber Friede im Kopf.

Als es vor paar Jahren diesen „Cloud-Rap“-Hype gab, bist du auch mal kurz ziemlich reingekippt und hast den Style bei einem kleinen Auftritt angenommen. Wie blickst du heute darauf zurück?
Ah voll, das war „Richy Lugner“. Ich war ja vorher genauso hängengeblieben wie der Gigo (lacht). Durch LGoony und Yung Hurn habe ich dann gemerkt, dass es ur geil ist. Jeder in meinem Freundeskreis hat mich verarscht, aber ich habe Yung Hurn geliebt. Er war Gott. Der Gedanke war, dass ich mit einer Band rumhänge, wir den ganzen Sommer an einem Album arbeiten, nicht ansatzweise fertig werden und uns über jeden Scheiß den Kopf zerbrechen. Er macht halt in fünf Minuten einen Track mit Mac-Mic und der ist geiler als alles, was ich je gemacht habe (lacht). Dann haben wir es ausprobiert. Aber es war nur eine Kopie nach Schablone. Jetzt machen wir was ganz anderes. Ich habe gecheckt, dass es das Einzige ist, was ich schreiben kann und es sich nichts bringt, wenn ich es auf extra dumm mache oder mir extra wenig Zeit nehme. Das ist schon geil, aber ich bin nicht der Typ dafür.

Du kennst Gigolo D aus der Schulzeit. Wann kam euch erstmals der Gedanke, gemeinsam an Tracks zu arbeiten?
Gigolo D: 2012 oder 2013. Da haben wir es das erste Mal angesprochen.

Hast du damals schon produziert oder erst den Plan gefasst?
Gigolo D:
Ich habe 2012 Kevmaster kennengelernt. Der hat mir das beigebracht. Ich habe ihm kurz darauf die ersten Beats geschickt und war super stolz. Sie waren aber super Scheiße (lacht)
JerMc: Aber ich fand die Drums geil. Die hat sonst niemand so geschafft, wie ich sie wollte. Dann hat er einen Beat geschickt und ich habe gedacht: ‚Das sind genau die Drums, die ich wollte.‘ Ich wusste damals nicht, dass er einfach die Drums gesamplet hat, während die anderen sie selber gemacht haben und sie deshalb nie hinbekommen haben (lacht).
Gigolo D: So nach einem Jahr habe ich mir das erste Mal gedacht, dass ich Beat zeigen oder weiterschicken kann.
JerMc: Wir haben dann immer wieder Sessions gemacht und so ist es passiert. Und wie das erste Album fertig war, haben wir gleich fürs zweite angefangen.

War von Anfang an klar, dass es in die jazzige Boombap-Richtung geht?
Gigolo D:
Ich habe damals sehr viele jazzige Beats und Samples gehört. Das hat mich geprägt und ich wollte auch solche Beats machen.

Wann hast du damit angefangen, als Sunshine Daddy housige Sachen zu produzieren?
JerMc:
Kurz vorm ersten Album, oder?
Gigolo D: Ja, kommt hin. Da habe ich angefangen, bisschen mehr House zu diggen. Irgendwann war ich dann am Flughafen, dort gibt es an der Juice Bar einen Saft namens Sunshine Daddy (lacht). Ich so: ‚I’m takin‘ it! Das ist jetzt mein Name.‘
JerMc: Auch gesamplet.

Wie unterscheidet sich die Produktionsweise?
Gigolo D:
Als Sunshine Daddy ist es ein viel längerer Prozess. Bei HipHop ist es raw – Sample, Drums drauf, Bassline, vielleicht noch Cuts und es ist quasi fertig. Bei House hast du nicht unbedingt viel mehr Spuren, aber du musst viel mehr Shit beachten. Das Mixen zieht sich viel mehr in die Länge – die Kicks, Swings setzen und überhaupt jede einzelne Hi-Hat gescheit positionieren, damit es sich fresh anhört.

Habt ihr schon Pläne für die Zukunft?
JerMc:
Es wird wahrscheinlich in diesem Rhythmus weitergehen. Wir machen weiter, wir haben eh keine Wahl. Du kriegst das Rappen nicht aus unseren Köpfen raus. Jetzt haben wir den besten Spot hier, das ist für drei bis fünf Jahre angedacht. Da werden wir in unserem eigenen Sud kochen und schauen. Ich kann nicht sagen, was genau kommen wird, aber über Heiße Luft kommt eh immer wieder geile Mucke. Die wird auch noch immer besser werden, die Videos und das Drumherum geiler. Und noch mehr auflegen. Im besten Fall können wir Rap nebenbei als Hobby machen und sind Star-DJs (lacht). Das wäre der Traum. Da hast du eigentlich am wenigsten Druck, niemand nervt dich und sagt: ‚Uff, letzte Woche hast du noch das gespielt, jetzt spielst du das. Du bist nicht real!‘

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