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Gerard Interview: „Ich hätte schon gern einmal einen richtigen Hit“

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Gerard
erschafft sich seine „Neue Welt“: Weg von urbanem Großstadtgeflüster und melancholisch-grauer Sinnsuche, hin zu beflügelnden und bunten Fantasien einer neuen Generationen. Zwei Jahre sind seit „Blausicht“ vergangen, und der „Gerard-Sound“ hört sich merklich abwechslungsreicher und insgesamt stimmiger an. Wer in seine „Neue Welt“ eintauchen will, muss nur bereit sein mitzuschwimmen, der Welser legt jedenfalls den Grundstein für eine langanhaltende Reise, die noch in spannende Gefilde führen wird. Davon ist er scheinbar auch selbst überzeugt, wenn er im Interview von einer derzeitigen musikalischen „Transitphase“ spricht. So vielfältig das Album, so bunt waren auch die Themen, die Gerard im Rahmen seines letzten Tour-Konzerts im Wiener WUK aufgriff. Was der Rapper sonst noch zu erzählen hatte – über das Leidenschaft-Ausleben, Selbstsicherheit, österreichische Popacts und den Traum von einem Hit, lest ihr im
TheMessage-Interview.

Interview: Niklas Hintermayer & Daniel Shaked
Fotos: Daniel Shaked

The Message: Du meinst, wenn jeder Mensch seiner Leidenschaft nachgehen würde, hätten wir eine glücklichere Welt. Woran machst du das fest?
Gerard: Aus sehr persönlicher Erfahrung, da es erstens bei mir so ist. Zweitens ist jeder, den ich im Rap kennen lerne, durchaus glücklich. Glück heißt nicht, dass man dann keine Probleme mehr hat – ganz im Gegenteil. Aber wenn ich mit einem Freund spreche, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat und mit einem anderen Freund, der keinen Bock auf seine Job hat, merkt man auf jeden Fall Unterschiede.

Würde das auch global gesehen funktionieren, dass wir dadurch eine friedlichere Welt haben?
Es muss alles immer global funktionieren. Egal welche Krise, welches Problem in welcher Region – es ist nie nur dort das Problem. Man kann jetzt „leider“ sagen oder wenn es in die positive Richtung geht – „Gott sei Dank“. Es war einfach ein Gedankenexperiment. Man muss wissen, dass wir als Menschen noch sehr weit hinten sind. Es kann auch sein, dass sich die Welt wieder in eine andere Richtung bewegt. Das Album setzt sich sehr viel damit auseinander, wo wir als Menschen in der Weltgeschichte stehen. Worüber man uns in 100, 200 Jahren auslachen wird. Ich habe versucht, das bei den Videos reinzubringen. Zum Beispiel bei „Höhe fallen“, wo wir das erste Mal mit künstlicher Intelligenz gearbeitet haben. Oder bei „Licht“ über meinen Opa, wo ich mit der zweiten Generation vor uns einen Dialog geführt habe.

Gerard-by-Daniel-Shaked-2671.jpgDeine „Neue Welt“ wird anhand von verschiedenen Emotionen und Leitgedanken beschrieben, konkreter aber nicht. Warum?
Mein Konzept bei „Blausicht“ war ein sehr persönliches mit detaillierten Beschreibungen. Jetzt wollte ich eine Erzählstufe höher ansetzen und alles allgemeiner halten. Und so auch mehr Interpretationsspielraum lassen. Das war ein bewusst gewähltes Konzept.

Der Sozialphilosoph Max Horkheimer beschreibt die Utopie „als die Kritik dessen, was ist, und die Darstellung dessen, was sein soll.“ Ist das bei dir auch so?
Kritik weniger, aber Denkanstoß. Das Erste, was für mich falsch läuft, ist das Währungssystem. Dass ein Prozent der Menschheit 99 Prozent des Reichtums hat. Wie das im Jahr 2015 sein kann. Überhaupt – dass man aus Fehlern lernen muss. Der Film „Der Krieg des Charlie Wilson“ mit Tom Hanks erklärt das gut, dass das noch mit dem Kalten Krieg zusammenhängt: Die Amis haben die Taliban-Kämpfer mit Waffen und Geld unterstützt, um die Russen zu besiegen. Der Kalte Krieg wird nicht in Kuba entschieden, sondern da unten. Weil die solche Fanatiker sind, und in den Tod rennen. Da gab es ein paar Millionen an Unterstützung. Nachdem das gewonnen war, wollte der Charlie Wilson ein paar Millionen für dortige Schulen. Die haben gesagt: „Was sollen wir damit, die Russen sind doch besiegt?“ Das sind einfach Fehler, die man schon kennen müsste. Schon nach dem Ersten Weltkrieg: Dass man aus Kriegsgebieten nicht einfach abhauen kann, wenn alles gewonnen ist. Und nicht sich selbst überlassen kann, dass man auch Aufbau leisten muss.

Der Publizist Wolfgang Gründiger zeichnet in einem Zeit-Interview eine Zukunft, in der die Generationen immer mehr verschmelzen: die Älteren sich etwa in Kindergärten betätigen, sich im Alter auch noch produktiv beschäftigen, es wird Mehr-Generationen-WGs geben. Die Jungen werden vielmehr politisches Mitsprachrecht haben, weil sie zu einem „raren Gut“ geworden sind.
Ich bin generell ein positiv denkender Mensch, ich habe mir dazu schon Gedanken gemacht. Das werde ich jetzt vielleicht als Songtitel verbraten, mit „Kinder an der Macht“: Irgendwann sind die Kinder von heute an der Macht. Ich habe auch viele Kollegen, etwa im Medienbereich, denen das Arbeiten schön langsam Spaß macht. Die Chefs sind plötzlich aus unserer Generation und nicht mehr altbackene Menschen. Es dauert einfach… Man muss denken, unsere Großeltern waren noch im Weltkrieg. Allein die Flüchtlingskrise – das sind Dinge, wo wir uns hoffentlich in 100 Jahren anschauen werden und denken: „Echt, haben die das damals nicht hinbekommen?“

Wenn man sich die derzeitige Politik anschaut, herrscht sehr viel Banalität und Ratlosigkeit. Ist das nicht eine Kerbe, in die die Kunst einhaken müsste?
Doch. Ich denke, sie macht es jetzt schon. Zum Album muss ich dazusagen: Wenn die Leute es im Sommer hören, ist es vier oder fünf Monate fertig. Das war sicher ein Problem beim Album. Es war vom gesellschaftlichen Denken nicht der richtige Zeitpunkt. Wenn ich jetzt ein Album rausbringen würde, würde ich sicher mehr auf solche Themen Bezug nehmen. Auf meinen eigenen Style. So wie OK Kid mit „Gute Menschen“. Das hat eine eigene Aussage.

Im Splashmag-Interview sagst du, dass du deine Hörer bestmöglich inspirieren willst, ihre Träume zu leben. Bekommst du auch konkretes Feedback?
Ich bekomme sehr viel Feedback, dass die Musik geholfen hat. Dass es jemandem den Mut gegeben hat, dass er seinen Traum leben kann, so etwas war in Gesprächen noch nicht dabei. Mir wurde auf Facebook ein Artikel gepostet, indem stand, dass sich ein Student für ein Labor auf der Uni eingesetzt hat. Er hat laut eigener Aussage nicht lockergelassen, weil er durch Gerards Musik ermutigt wurde, für seine Träume zu kämpfen. Da ist schon krass. Der erfindet jetzt bestenfalls etwas gegen Krebs (lacht). Ich glaube an eine „Dominostein-Theorie“: Wenn du in einem Song oder Interview etwas sagst, und jemand nimmt sich das zu Herzen, dann macht der etwas daraus, und der inspiriert dann wieder andere. Das ist bei mir nicht anders. Mein Leben ist auch von Künstlern und von Menschen geprägt, die ich bewundert habe.

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Auf „Höhe fallen“ heißt es: „Bau mir aus den Steinen ’nen Palast, ein Monument für alle Zeiten. Unser Meisterwerk, das Ewigkeiten hält.“ Musst du der Menschheit etwas hinterlassen?
Lustigerweise habe ich „Höhe fallen“ in einem runtergeschrieben. Deshalb kann ich die Zeilen gar nicht bestimmt erklären. Zur Frage: Früher war mir das sehr wichtig, mittlerweile nicht mehr so. Mir ist bewusst geworden, dass es unrealistisch ist. Ich habe gemerkt, wie schnell man in Vergessenheit gerät. Ich will natürlich etwas hinterlassen, sei es zu inspirieren und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Aber es ist mir nicht wichtig, dass überall mein Name oben steht und dass es irgendwann die Gerald-Hoffmann-Straße gibt. Oder dass ich etwas hinterlasse, wo die Leute mir nach meinem Tod dafür danken. Nur als kleines Beispiel: Letztens ist die Autorin vom Pumuckl gestorben. Ein Fm4-Artikel schrieb vom „ersten Mcee“, der gestorben ist, weil er immer in Reimen gesprochen hat. Ich habe als Kind viele Pumuckl-Kassetten gehört. Da ist mir in den Sinn gekommen: Vielleicht habe ich deswegen meine Vorliebe für Reime entdeckt. Die Gründerin vom Pumuckl ist vielleicht dafür verantwortlich, dass ich heute im WUK spiele. Ich glaube so etwas mache ich selbst auch jetzt schon, ganz unterschwellig …

Auf „Hymnen“ rappst du: „Ich bleib einfach ich selbst. Der Rest ergibt sich.“ Bist du persönlich gefestigter?
Optimistischer. Es haben sich sehr viele Dinge ergeben, sodass ich jetzt mehr Vertrauen in mich und mein Können habe. Vor „Blausicht“ war bis zu den ersten Videos überhaupt nicht absehbar, ob das funktioniert. Auch wenn ich das gedanklich immer beiseitegeschoben habe, habe ich einmal aus Panik ein halbes Jahr nicht schlafen können. In dieser Zeit ist auch „Standby“ entstanden. In meinem Kopf war ich schon da, wo es zum Glück dann hingegangen ist. Wenn ich dann aber wieder kurz in der Realität war: Fuck, was ist, wenn das überhaupt nicht funktioniert? (lacht) Insofern bin ich selbstsicherer. Ich habe gemerkt, wenn man in etwas richtig viel Herz und Arbeit reinsteckt, das gewissermaßen etwas zurückkommt. Das war eine wichtige Erkenntnis.

Hast du dich nun seit „Blur“ soundtechnisch gefunden?
Gefunden noch nicht. „Neue Welt“ war für mich ein nächster Schritt zu etwas Neuem. Gleich nach der Tour werde ich anfangen, daran zu arbeiten. Da ich zum ersten Mal singe, hat man mit ganz anderen Dingen zu tun als die letzten 15 Jahre. Wenn du rappst, passt der Ton mehr oder weniger immer. Sobald du Melodien hast, musst du schauen, ob das mit den Synthies harmoniert. Das war eine Lernphase. Eine Schlüsselszene war auch: Der René, der mit Alex the Flipper die Beats gemacht hat, kommt aus einer Indie-Band. Der hat immer gesagt: Jetzt schreiben wir mal einen Song. Und ich: Was heißt das, was mach ich denn seit f15 Jahren? (schmunzelt) In einem Bandkonstrukt funktioniert Songsschreiben ganz anders. Da ist mehr Gejame, während das im HipHop und Pop eine ganz andere Herangehensweise ist. Eines der wichtigsten Dinge für mich ist, sich in jeglichem Bereich zu bilden. Ich kaufe mir sehr viele Songwriting-Bücher, da steht natürlich auch sehr viel Mist drinnen, aber wenn ein Satz etwas bringt … Die „Türklinke“ hab ich aus einem Buch: Wenn du mit einem Satz in einer Strophe anfängst, der die Zuhörer verwirrt. Damit sind sie gleich fokussiert. Auf „Umso leerer der Laden“ habe ich auch den Satz „Ich muss Michael Jackson leider unterbrechen“. Allein der hat sich ausgezahlt, dass ich das Buch gelesen habe.

Im Noisey-Interview sagst du, dass du nicht der Dritte nach Bilderbuch und Wanda sein willst. Warum?
Ich habe immer schon mein eigenes Ding gemacht. Ich war nie Teil einer Bewegung. Das würde ich mir gerne als Trademark beibehalten. Als wir in Dortmund gespielt haben, hat eine Zeitung getitelt: „Gerard eröffnet die Österreich-Wochen“ – weil da drei Österreicher gespielt haben. Das klingt so nach McDonalds (lacht). Das hat nix miteinander zu tun. Wanda nicht mit Bilderbuch, ich noch mehr mit Bilderbuch, aber das ist trotzdem was ganz Eigenes. Es ist daher egal, woher man ist. Ich glaube nicht an schnelle Hypes. Meine Musik braucht längere Zeit, um sich aufzubauen. Je länger es braucht, desto länger bleibt es bestehen.

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In deinen Songs wird oft ein „Du“ angesprochen. Wer ist damit gemeint?
Wer das „Du“ sein will. Bei den Songs denke ich natürlich an bestimmte Menschen. „Höhe fallen“ ist zum Beispiel entweder ein Drogensong oder ein Liebeslied. Patrick Pulsinger (Produzent auf „Neue Welt“, Anm.) hat sofort gedacht, es ist ein Trip-Song. „Hymnen“ ist ein Bild, das mir konkret im Urlaub mit meiner Freundin gekommen ist.

Produktionstechnisch warst du viel involvierter als auf „Blausicht“. Was sind noch wesentliche Unterschiede zwischen den Alben?
Der Fokus war mehr auf das Album gelegt. Mir ist bewusst, dass da keine Hits oben sind. Das Management hat mir auch nahe gelegt, dass wir noch ein halbes Jahr warten und ich einen „Hit“ mache. Das hätte dem Album geschadet. Ich wollte diesmal ein rundes Album-Album. Es ist für mich kein Problem, wenn kein 500.000-Klick-Video dabei ist.

Das hat das Management so gefressen?
Ja, ich bin mein eigener Chef. Ich sage immer, wie ich es mag.

Steht ein Hit einem Album manchmal im Weg?
Kommt auf das Album an. In diesem Fall hätte das nicht funktioniert, der wäre total ausgebrochen. Wenn, dann wäre das „Höhe fallen“ gewesen. Da haben wir uns gedacht, dass er vielleicht groß wird. Weil er so anders ist. Aber er ist zu kompliziert für die Menschen. Ich als Gerard kann keinen credibilen Hit planen. Wenn ich als Gerard mal einen Radiohit habe, der überall rauf und runter läuft, dann nur, weil der Künstler oder der Song so groß geworden ist, dass das Radio nicht mehr drumherum kommt. Es wird nie ein Song sein, den ich auf das Radio hinschreibe. Dann verliere ich alles, was ich mir aufgebaut habe. Die Menschen checken, wann sich wer ausverkauft. Dann wird es auch kein Hit. Vor allem bei mir, wo nicht die Infrastrukturen dahinter sind.

Ist das etwas, wo du hinwollen würdest?
Auf jeden Fall. Ich mag spätestens auf den nächsten zwei Alben einen richtigen Hit haben. Das ist natürlich mein Traum. Vor ein paar Wochen habe ich in Berlin mein Text-Idol Judith Holofernes von „Wir sind Helden“ getroffen. Das war sehr inspirierend. Wenn du einen Song schreibst, den ein bis zwei Millionen Menschen kaufen. Das heißt, dass der Song richtig gut ist. Es ist möglich, dass du Musik machst, die richtig viele Leute erreicht. Jeder sagt, dass das Peter Fox „Stadtaffe“-Album geil gemacht ist. Da kann man nichts sagen. So eine Musik will ich machen: wo jeder sagt, das ist geil gemacht. Auch wenn es nicht sein persönlicher Geschmack ist.

Gerard-by-Daniel-Shaked-2780.jpgHast du das Gefühl, dass das bei „Blausicht“ nicht so war, genreübergreifend?
Ja doch, aber … Jetzt funktioniert das ja auch schon im Kleinen. Wir haben trotzdem nicht eine Million verkauft. So ein Song wie „Haus am See“ interessiert schon ganz andere Menschen. Wenn du jemandem „Blausicht“ auf der Straße vorspielst, ist das viel zu kompliziert. Peter Fox nicht.

Gibt es einen langfristigen Plan?
Nein, ein Ziel. Wir waren zum Beispiel beim Circus HalliGalli: Wir haben in der Telefonzelle gespielt und ein Pop-Act hat für die Showbühne abgesagt. Da haben wir scherzhaft gefragt, ob wir nicht anbieten sollen, dort zu spielen. Ich hätte nicht einmal gewusst, welchen Song ich spielen soll. Bei Bilderbuch „Maschin“. Das sind Hits. Viel mehr als ich einen auf meinen Alben habe. Wenn ich „Verschwommen“ oder „Lissabon“ bringe, wird sich die Hälfte denken, was ist das jetzt … Ich hätte schon gern mal einen Song, der cool ist und eine gewisse Reichweite kreiert.

Worauf führst du zurück, dass das noch nicht passiert ist?
Ich habe mich erst einmal finden müssen. Ich hab erst drei, vier Jahre, in denen ich mich wirklich auf Musik konzentrieren kann. Manche brauchen 10, 15 Jahre für so etwas. Ich glaube schon, dass das funktioniert …

Fehlt dir dazu das Rotzfreche?
Alles zur richtigen Zeit. Ich bin mit dem Matthias Schweighöfer befreundet: Da wäre es natürlich auch super, wenn ein Song von mir in einem seiner Filme unterkommt. Aber dafür brauche ich eben erstmal einen Song, der über eine Million Leute im Kino anspricht. Ich mag mir meine Slots nicht vorab falsch verspielen. Ich mag meine Kunst immer in dem Rahmen präsentieren, wo es am meisten Sinn hat.

Du bist sozusagen in der Transitphase?
Ja. Es sagen auch die Medien bei dem Album: für Pop zu rappig, für Rap zu poppig. Wir züchten da grad unsere eigene Base.

Unser erstes österreichisches Message-Mixtape mit Gerard als Gast könnt ihr hier hören.

www.gerardmc.at

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