Ungewisse Aussichten // Gerard Interview

Fotos: Moritz Nachtschatt

Das positive Mindset und das Geschick für Wortspiele ist Rapper Gerard auf jeden Fall geblieben, auch wenn sich alles andere verändert hat – neues Label, neuer Produzent, neues Album. Eine Neuausrichtung ist immer auch mit Risiken verbunden. Wir sind uns trotzdem sicher, dass die Fans bei seinem neuen Album eher ‚Play’ als ‚Skip’ drücken werden. The Message sprach mit Gerard kurz nach dem Release von ‚AAA’ über die neuen Möglichkeiten, Fans durch kreatives Marketing zu erreichen, die Furchtlosigkeit neue Ideen einfach umzusetzen und warum er sich mehr als Storyteller denn als Rapper sieht.

                                  Interview: Catherine Hazotte

The Message: Wie sieht dein Tagesablauf kurz nach dem Release aus?
Gerard: Ich hab’ eigentlich immer viel zu tun, also recht normal. Ich bin froh, dass das Album endlich draußen ist – bin aber im Kopf schon wieder bei neuen Projekten. Immer weiter, immer weiter, heißt es bei mir.  

Hat sich durch den Wechsel des Labels etwas für dich verändert hinsichtlich Deadlines?
Das funktioniert ganz gut. Ich habe von Anfang an sehr viel selber gemacht und das Album bei ‚Futuresfuture’ herauszubringen war gar nicht so viel Unterschied.  Ich setze mir selbst die Timelines und mach mir auch selbst dementsprechend Druck.

Für was steht der Albumname AAA’ für dich persönlich?
Vor Kurzem habe ich eine Band gefunden, die About An Author heißt und das fand ich als möglichen Albumtitel ziemlich gut. Ich nehme den Namen auf jeden Fall im Nachhinein noch mit dazu, denn eigentlich passt der Titel ebenfalls sehr gut zu mir, da ich selbst sehr gern Geschichten erzähle. Ich sehe mich mehr als Storyteller als harten Straßenrapper. Ich habe mir auch überlegt, wenn irgendjemand einen perfekt passende Bedeutung für den Namen ‚AAA’ findet, dann bringe ich das Album auf jeden Fall in einer zweiten Version nochmals heraus. Es ist ja alles möglich in der digitalen Welt.

„Ich sehe mich mehr als Storyteller als harten Straßenrapper“

Ein Noisey-Artikel bezeichnete dich seit Anfang an als ewigen Optimisten – hat sich diese Einstellung beim Aufnehmen des neuen Albums verstärkt?
Nein, ich bin noch immer sehr optimistisch. Das ist auch der einzige Weg, wie man halbwegs glücklich durch die Welt kommt.

Sind neue Emotionen hinzugekommen?
Naja, ein Album entsteht ja immer in einem Abstand von ungefähr eineinhalb Jahren. In diesem Zeitraum erlebt man natürlich immer ein Wechselbad der Gefühle. Sicherlich sind von Anfang an alle Emotionen, die man verspüren kann, ein Teil des Projekts. Zum Beispiel war bei ‚Blausicht’ mehr Zweifel da. Alles war noch unsicher, ob das mit der Musik klappen wird. Bei ‚Neue Welt’ habe ich ab und an mit dem Umstand beruflich Musik zu machen gehadert, da es einen immer wieder vor Herausforderungen stellt. Bei ‚AAA’ traue ich mir mehr zu, mache es einfach und bin gut drauf.

Produziert wurde dein aktuelles Album von Albin Janoska, der Teil der Band SOHN ist. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Wir haben uns über einen Bandkollegen von mir via Internet kennengelernt, am Tourabschluss meiner ‚Neue Welt Tour’. Der Kontakt kam ganz natürlich zustande, wir haben uns getroffen und ich habe ihm davon erzählt, dass ich an einem neuen Album arbeite. So kam eins zum anderen. Bisher war es jedes Mal so, dass ich mich mit einer Grundidee zum Album mit mehreren Leuten traf und mit ihnen gemeinsam Demo-Skizzen produzierte. Man merkt ziemlich schnell, ob man gut miteinander arbeiten kann und ein gemeinsamer ‚Flow’ da ist.

Dein Album wird bei laut.de als herrliche Symbiosen von nicht mehr zu unterscheidenden Einflüssen und Genres’ beschrieben. Auf das neue Album AAA’ trifft das ja ziemlich gut zu.
Ich höre selbst sehr viel unterschiedliche Musik. Alles was ich selbst irgendwie geil finde, hat natürlich auch einen Einfluss auf meine Arbeit. Eine Band, die ich sehr oft gehört habe, ist Everything Everything, eine britische Indie-Rock-Band, deren Sänger oft mit Kopfstimme singt. Das war auf jeden Fall Vorlage für den Anfang von ‚Moonbootica Mond’. Ich baue auf jeden Fall oft Dinge in meine eigene Musik ein, die mir persönlich gut gefallen.

Du hast auf deinem Instagram-Kanal gesagt, dass Moonbotica Mond’ dein Lieblingssong vom neuen Album ist. Warum?
Der Song ist der mutigste vom Album. Derzeit gibt es im deutschsprachigen Raum nichts Vergleichbares, das so klingt. Das ist auf jeden Fall mein Anspruch: Musik zu machen, die es noch nicht gibt. Ich habe mich mit dem Song auf jeden Fall weit aus dem Fenster gelehnt und meine eigene ‚Comfort Zone’ verlassen.

Welchen Kontext spielen Text und Video zueinander?
Eigentlich wollten wir das Video dazu ganz anders machen, bis wir es fünf Tage vor dem Videodreh nochmals komplett geändert haben. Der Song vermittelt das Feeling von diesem Moment, wenn man morgens um vier alleine im Club steht und sich selbst fragt, ob denn wirklich alle schon heimgegangen sind. Dieses Feeling haben wir auf den Büroalltag eines Workaholics übertragen, der nicht nach Hause kann oder auch will.

Jugo Ürdens hat dein Album Neue Welt’ im Gap als eines der schlechtesten deutschen HipHop Alben der letzten Jahre bezeichnet. Habt ihr darüber vor dem Signing bei deinem Labels gesprochen? Wie gehst du mit seiner Kritik um?
Ja, wir haben tatsächlich beim ersten Mal darüber gesprochen, als wir uns gesehen haben. Er hat mir dann gleich erzählt, dass er ‚Blausicht’ und sogar das Album davor, ‚Blur’, rauf und runter gehört hat und auch schon mit 16 auf einem Konzert von mir war. Er war von mir als Künstler enttäuscht, da es nicht in die Richtung ging, die er sich erhofft hatte. Wie kam es zu den Features mit Naked Cameo und den Schönbrunner Gloriettenstürmern? Wo finden sich hier die musikalischen Überschneidungen?
Zu den Features kam es über Samples. Meine Songs waren schon fertig, mir fehlte allerdings noch etwas Spezielles. Sowohl bei Naked Cameo und den Schönbrunner Gloriettenstürmern habe ich Elemente gehört, die ich super fand und dann versucht, die in den Song zu cutten. Das hat dann so gut gepasst, dass ich bei den jeweiligen Künstlern anrief und wir schließlich zusammen weitergearbeitet haben. Grundsätzlich möchte ich vor allem zeitlose Musik machen. Allerdings wollte ich dieses Mal gerne etwas ausprobieren und es so machen wie ich es will und auch Risiken eingehen. Gerade in einer Zeit, in der so viel gleich klingt und austauschbar ist. Auch wenn es vielleicht jetzt augenscheinlich nicht perfekt zum bisherigen Stil passt – es war einfach Zeit etwas Neues zu riskieren. Das war auch der Grund, warum die dritte Single Auskopplung ‚Moonbootica Mond’ ist. Ich wollte nach zwei Songs im gewohnten Stil, die gut ankamen, etwas Neues herausbringen und dementsprechend überraschen.
Warum ist es dir so wichtig, dein Marketing selbst zu machen?
Social Media gibt Künstlern die Möglichkeit, Marketing relativ einfach selbst zu machen. Man kann dabei sehr kreativ sein. Ich mache gerne Dinge, die ich persönlich lustig finde, wie Insta-Stories – man kann im gewöhnlichen Alltag kreativ sein und wie ein Regisseur agieren und Insider über mehrere Stories ziehen. Oder auch Dinge erfinden und die Leute rätseln lassen, ob das jetzt wirklich ist oder nicht – wie Matthias Schweighöfer durch das Bild laufen lassen, während du ihn beschimpfst, das sind alles Dinge die ich selbst richtig lustig finde und marketingtechnisch gut ankommen. Ich verwende das Tool allerdings nur, wenn wirklich etwas Relevantes passiert und ich die Welt daran teilhaben lassen will. Das geht ganz nebenbei.

Ein Blick in die Vergangenheit: Würdest du aus heutiger Sicht das Marketing von Blausicht anders angehen? Zu dieser Zeit hast du ja sehr viel Aufmerksamkeit von deutschen Medien bekommen.
Ich würde gar nichts anders machen. Damals waren es andere Zeiten und in Sachen Deutschrap waren ganz andere Sachen ‚in’. Ich denke, jeder der im Moment so Musik macht wie ich, hat nicht das leichteste Standing. Casper, Prinz Pi, oder selbst Marteria – das ist im Moment einfach nicht so krass gefragt. Gerade wenn man Playlisten auf Spotify durchgeht, ist zu 95% Straßen- oder Cloudrap dort gelistet. Das ist im Moment einfach so. Aber es kann in einem Jahr auch schon wieder total anders sein und es ist wieder mega gefragt, aber bis dahin mache ich ganz normal meine Musik weiter, für die Leute die daran Freude haben. Damals zu Zeiten von ‚Blausicht’ war das Album von Casper sicherlich auch Vorreiter und kam für mich genau zur richtigen Zeit und hat einige Türen eingerissen. Schade, dass er sein Album verschoben hat, ich hätte ja gehofft, dass es dieses Mal ähnlich gewesen wäre und er wieder die Wende bringt. Das Album von Prinz Pi war ja auch früher geplant, wurde allerdings ebenfalls verschoben … Ich denke, dass jeder der meine Art von Musik macht, einfach auch weiß, dass es derzeit nicht das Gefragteste ist – aber so sind wir und wir können jetzt auch nicht komplett etwas Anderes machen. Ich mache die Musik mit genauso viel Spaß wie damals zu der Zeit von ‚Blausicht’. Der Moment der Freude des Musikmachens ist für mich nicht an Plattenverkäufe gekoppelt. Und eigentlich geht es immer nur um den Spaß.

Dein aktuelles Album ist in einer speziellen Box-Edition erhältlich, mit der du viele besondere Erlebnisse und Aktionen mit dir persönlich anbietest. Was ist deine Motivation dahinter, da diese Aktionen ja doch mit sehr viel Aufwand verbunden sind, wenn du das Marketing selbst machst?
Die Idee dahinter ist es, neue Ideen auszuprobieren und den ganzen Restriktionen von Facebook in Bezug auf die Reichweite entgegenzuwirken. Wer Facebook dieses Geld nicht in den Rachen werfen will, muss kreativ werden. Die Leute, die dich abonniert haben, bekommen gar nicht mehr mit, dass es etwas Neues von dir gibt, ohne dass du deine Postings mit Geld unterstützt. Man erreicht vielleicht noch ein Zehntel ohne Geld und das war’s. Alle, die sich für mich und meine Kunst interessieren, will ich direkt erreichen können. Gerade diese WhatsApp-Gruppe mit meinem Zweithandy ist ein direkter Kommunikationsweg und ein sehr moderner Zugang zu den Fans. Ich schau sicherlich ein-, zweimal am Tag auf das Handy und schreib in die Gruppe. Ende Juni haben wir unsere erste Aktion geplant, eine Release-Rooftop-Party, weitere Aktionen in Berlin und München sollen folgen.

Was erwartest du dir von der kommenden Tour?
Ich wünsche mir, dass alle Konzerte ausverkauft sind. Es sieht derzeit auch sehr gut aus. Das Abschlusskonzert ist dann wieder in Wien, im WUK, am 15. Dezember 2017.

„Ich finde das Konzept einer CD an sich irgendwie nicht mehr geil“ 

Gibt es Pläne für danach?
Es wird direkt im Anschluss der Tour weitergehen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es nochmals ein Album, also eine CD, geben wird. Es gibt ja heutzutage andere Möglichkeiten. Ich finde das Konzept einer CD an sich irgendwie nicht mehr geil. Jugo Ürdens meinte einmal zu mir, dass er nie CDs machen will, da CDs ja auch voll die Umweltverschmutzung sind.

Du warst dieses Jahr beim SXSW South by Southwest – was nimmst du dir von einem solchen Festival mit nach Hause?
Ich interessiere mich sehr für Zukunftsvisionen, was auch in unserem Labelnamen ‚Futuresfuture’ zu erkennen ist. Das Festival war mega geil. Zukünftig werden CDs kaum eine Rolle mehr spielen und alles digitalisiert werden. Es wurde in einem offenen Kollektiv darüber gesprochen, wie man gegen die Kürzung der Reichweite auf Facebook und Instagram vorgehen kann und neue, spannende Wege findet. Man trifft extrem viele coole und spannende Leute aus verschiedenen Bereichen wie Technik, Film und Musik. Das ist schon sehr spannend. Es gibt außerdem Konzerte und ich konnte Franics And The Lights, einer meiner Lieblingskünstler, endlich Mal live sehen. Er hat vor 100 Leuten in einem Garten gespielt, das war wirklich einzigartig.  Außerdem hat eine Künstlerin von unserem Label, Bitten By, dort gespielt.

Wie wichtig sind Streaming-Dienste wie Spotify für euer Label?
Sehr wichtig. Darauf baut unser ganzes Label auf. Die meisten Künstler wissen gar nicht, dass Streaming gar nicht so wenig bezahlt, wie es immer heißt. Das Problem ist eher, dass die Labels alles wegschneiden und für sich behalten. Es ist auch sehr wichtig, die ganzen Anteile für sich zu behalten. Da kann auf die Dauer schon einiges zusammenkommen, da immer wieder Leute alte Songs und Alben hören. Auch wenn vielleicht nach einem Release ein Artist im ersten Moment enttäuscht ist, weil dieser nicht so durch die Decke geht – das summiert sich schon über die Jahre hinweg, wenn die Songs in diversen Playlisten gelistet sind. Streaming ist die Zukunft und es kommt danach auch nichts anderes mehr. Noch gemütlicher geht es ja auch nicht.

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