Gerard – Blausicht

Gerard Blausicht(Heart Working Class (Groove Attack)/VÖ: 20.9.2013)

Im Winter, nach einer durchzechten Partynacht, den Weg nach Hause suchen. Handy verloren, Orientierung verloren, irgendwie alles verloren. Der Spagat zwischen maximal angepisst und einem „es muss weitergehen“. Bisher wurde besagte Situation wohl am treffenstend von Mike Skinner und seinen Kollegen vertont, doch Mitte September versucht der Wahlwiener Gerard, eine neue Version des Soundtracks für die Post-Absturz-Phase abzuliefern. Und für den hat er sich ordentlich Zeit gelassen, sodass manch einer Zweifel daran hegte, ob „Blausicht“, so der Titel des dritten Gerard-Albums, überhaupt jemals das Licht der Welt erblicken würde. Aber alles wurde gut, und das Volk, noch immer gehypt von den Vorabsinglen, schlug reichlich zu, wie den amazon-Vorbestellungcharts entnommen werden konnte. Doch bekam das Volk auch das, was es sich so sehr wünschte?

Die Antwort lässt sich mit einem klaren „JA“ beantworten. Schon die Singles zeigten, welcher Sound einen auf „Blausicht“ erwartet, eine Collage, die auch bei den restlichen Tracks konsequent beibehalten wurde. Elektronisch, manchmal reduzierter, manchmal opulenter, zwischen den Polen SOHN/Robot Koch/Project:Mooncircle/The XX schwebend – das klingt frisch, neu und passt perfekt zu den Texten Gerards, die Produzenten, vor allem Nvie Motho, leisteten hier volle Arbeit. Als Rapper kann auch Gerard überzeugen, der absolut glaubwürdig und authentisch über die Beats gleitet. Textlich wirken einige Lines aber zu vage und zu unpräzise, bei einigen Tracks, wie „Irgendwas mit Rot“ oder dem von Antithesen-strotzenden „Zünd den Regen an“ wird sich wohl so mancher fragen, was der gebürtige Welser wohl hier zum Ausdruck bringen wollte, ein Problem, mit dem sich schon Casper in Zeiten von „XOXO“ herumschlagen musste.

„Ich will die Welt verstehen
Will keinen festen Plan
Sondern die Auswahl
Mir mein Leben ausmalen
Ihr wollt mir das Gemälde stehlen
Schwimmt ihr ruhig mit dem Strom

(Gerard in „Alles jetzt“)

Abgesehen davon, funktioniert beinahe alles richtig prächtig, Hits wie „Lissabon“ und „Manchmal“ sind zwar nahe am Kitsch gebaut, kriegen aber gerade noch die Kurve und können getrost als Highlights der Platte genannt werden. „Verschwommen“ weiß ebenso zu gefallen, allerdings wirkte die Videoversion um einiges dynamischer als jene auf dem Album. Die eingangs besprochene Stimmung wurde wohl selten so gut umgesetzt wie in „Wie neu“, „Raten“ thematisiert hingegen gekonnt die „Wo-gehöre-ich-hin?“-Thematik. Abgeschlossen wird das Ganze von „Nichts“, das Melancholie und Trauer in bester „The Streets“-Manier liefert. Großes Kino.

Fazit: Die Erwartungen wurden erfüllt, „Blausicht“ ist der erwartete große Wurf und der neueste Baustein im „XOXO“/„Zurück in die Zukunft“/„KIDS“/„Grau“-Konglomerat und setzt dort an, wo Gerard mit „Blur“ aufgehört hat. Klar, textlich erinnert so einiges an einen, ebenfalls sehr gehypten, Bielefelder Rapper, aber der doch stark unterschiedliche musikalische Kontext beseitigt jeglichen Kopieverdacht. Ein rundum stimmiges musikalisches Gesamtkonzept, welches uns Gerard mit Blausicht liefert. Bleibt also nur zu sagen: das kaufende Volk wird zufrieden sein. Mission complete.

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(thomki)

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