„Wir leben im Endstadium des Turbokapitalismus“ // Galv Interview

Fotos: Niko Havranek

Ende Januar treffen wir uns mit Galv im Café VinziRast, das Teil einer sozialen Einrichtung ist, die von Cecily Corti mitbegründet wurde und obdachlosen Menschen eine neue Perspektive geben soll. Vieles ist seit unserem letzten Interview im Jahr 2016 passiert, nicht zuletzt wurde das schon damals angekündigte Album mit S. Fidelity veröffentlicht. Seit vergangener Woche ist „Shigeo“ endlich draußen, Galv mittlerweile in Ecuador – natürlich nicht, ohne Dogtown-Boy Fuzl vorher einen Besuch abzustatten und ein Video vor dem Wiener Rathaus zu drehen.

The Message: Du hast angekündigt, dass du in naher Zukunft aus persönlichen Gründen für längere Zeit Deutschland verlassen wirst – wohin und warum?
Galv: Ich bin Vater, meine Tochter wohnt in Ecuador. Für das restliche Jahr gehe ich nun dort hin. Vielleicht werden zwei oder mehrere Jahre daraus.

Okay, also wirklich längerfristig. Das letzte Mal, als du in Südamerika warst, war es im Rahmen einer Reise.
Ursprünglich ja, aber dann bin ich doch zwei Jahre geblieben. Es war vielleicht ein Stück Fügung. Vielleicht gehen wir in ein paar Jahren zusammen nach Europa, aber momentan bin ich zufrieden mit der Situation, weil ich dort auch sehr gut leben kann und mich sehr darauf freue, da ich erstmals seit fünf Jahren auch wieder eine Auszeit für mich habe. Aber ich werde auf jeden Fall zum Touren zurückkommen.

Inwiefern beeinflusst dieser Schritt jetzt deinen musikalischen Werdegang in Deutschland?
Nicht so arg, weil ich in letzter Zeit an so viel gearbeitet habe, so dass ich noch genug Material releasen kann. Das Album mit S. Fidelity ist das aktuellste.

Das war aber schon vor zwei Jahren fertig, oder?
Genau, aber es sind einfach einige Sachen dazwischen gekommen. Nicht nur Mix und Master, sondern auch S.Fidelitys Soloalbum und verschiedene, weitere Projekte von mir. Das nächste Album mit Fuzl ist auch soweit fertig. Das habe ich vielleicht im Winter auf Tour schon dabei, wir werden sehen. Obwohl ich dann nicht mehr physisch Deutschland bin, kann ich doch auf eine gewisse Weise stattfinden. Ich habe die vergangenen Jahre fast jeden Monat gespielt. Nun mach ich mich in nächster Zeit ein bisschen rar, aber das sehe ich eigentlich nicht als Problem. Ich will sowieso Mucke machen bis zum Ende.

Was hast du diese Woche in Wien gemacht?
Wir drehen heute noch ein Video für das Album mit Fuzl, dann haben wir noch einen Gig gespielt und ich wollte noch ein paar Leute besuchen und mit ihnen abhängen, bevor ich dann erst mal eine Weile weg bin.

„Ich hatte schon Probleme dabei, Sachen zu schreiben, die unter die Gürtellinie gehen“

Bei der Tapefabrik trittst du aber noch auf, oder?
Ja genau, da battle ich sogar! (Anm. d. Red.: Das Video des Battles ist mittlerweile online.)

Wie ist es dazu gekommen?
Hanno von DLTLLY hat mich überredet. Der ist ein guter Kollege von mir. Ich war gerade bei denen in Berlin, als denen das Main-Battle flöten gegangen ist. Seitdem wir uns kennen, versucht er mich, zu einem Battle zu überreden. Prinzipiell feiere ich battlen nicht wirklich, schon gar nicht mit drei Monaten Vorbereitung und so weiter. Aber sie haben halt einen neuen Gegner für Schote gesucht. Vielleicht hat er das aber auch nur erfunden, damit ich zusage (lacht).

Und was erwartest du dir davon? Was sind deine Ansprüche an dich selbst, wenn du schon mitmachst?
Es ist schon irgendwie absurd, sich vorzustellen, dass man sich drei Monate auf ein On-Beat-Written-Battle vorbereitet. Ich habe bis jetzt nur ab und zu bei Freestyle-Battles mitgemacht. Jetzt muss ich im Endeffekt drei Tracks performen. Außer du pokerst und freestylest vor Ort. Aber mein Anspruch ist schon, das Ganze ernst zu nehmen, wenn ich schon die Gelegenheit dazu habe.

Die Ankündigung kam auf jeden Fall überraschend und hat viele in der Battle-Szene gefreut.
Ich glaube, ich kann schon battlen, auch wenn ich wohl zu nett dafür bin. Ich hatte schon Probleme dabei, Sachen zu schreiben, die unter die Gürtellinie gehen. Es ist aber immer schön, auf der „Tapefabrik“ zu spielen und einen Haufen Leute nochmal zu sehen. Es ist auch ein Gefallen für die Jungs von DLTLLY, weil das meine Freunde sind. Aber ich denke nicht, dass das jetzt regelmäßig passieren wird.

Als wir uns das letzte Mal getroffen haben – mit Sendemast im „B72“ – habt ihr das „Bechaz“-Projekt angekündigt. Kommt aus der Richtung noch etwas?
War klar, dass wir da schon wieder groß etwas angekündigt haben (lacht). Das läuft auf jeden Fall noch, wir sehen uns halt nicht mehr so oft. Aber wenn das jemals rauskommt, wird das ein richtiger Abriss.

Pierre Sonality lebt mittlerweile alkoholabstinent.
Man kann die „Bechaz“ auch mit anderen Getränken füllen (lacht). Ist halt die Frage, wann und in welcher Form wir das dann raushauen. Pierre hat sich in letzter Zeit auch extrem weiterentwickelt, was die Produktionen angeht. Man muss halt ’nen passenden Zeitpunkt finden. Ich bin kein Fan davon, immer alles direkt rauszuhauen – vor allem, wenn man so viel gleichzeitig macht.

Sind in den vergangenen zwei Jahren noch neue Projekte dazugekommen? Die Liste an ausstehenden Alben war zuletzt schon ziemlich lang.
Ja, auf jeden Fall. Eine EP mit DJ D-Fekt ist fertig.

Geht das Konzept in die Richtung der EP mit DJ Crypt?
Nicht wirklich, D-Fekt hat schon einen eigenen Stil. Eher diesen HiFi-Sound, da ist kein klassischer BoomBap-Track drauf. Stattdessen so Banger und Tanzdinger, wie auch immer man das beschreiben soll (lacht).

Also eher wie das aktuelle Album, das ganz anders klingt als die vorherigen Alben?
Genau. Gerade bei S. Fidelity hat mich extrem gereizt, dass er anders an Sachen herangeht. Viel kontemporärer, aber trotzdem sehr eigen. Fidel ist auf jeden Fall einer meiner Lieblingsproduzenten. Ich hab mich bei dem Album auch mehr als Musiker verstanden und weniger als Rapper. Es geht nicht so sehr um Inhalte und Messages in den Texten, für mich sagt die Musik allein schon alles. Ich füge mich mit meiner Stimme mehr so als eigenes Instrument ein. Da sind auch Tracks dabei, wo ich 16 Zeilen über vier Minuten verteilt rappe.

Ist es dir allgemein wichtig, konstant mit einem Produzenten zu arbeiten oder wird es auch wieder Alben wie „Ogyarre“ geben?
Tatsächlich bin ich gerade wieder am Tracks und Ideen sammeln für eine Art „Ogyarre 2“, das dann wieder mehr eine Art Collage mit verschiedenen Produzenten wird. Da habe ich auch wieder Bock darauf, nachdem ich die letzten Alben immer nur mit einem spezifischen Produzenten gearbeitet habe. Hat natürlich alles seine Vor- und Nachteile, es entsteht eine viel tiefere Freundschaft, wenn man sich immer wieder trifft und gemeinsam arbeitet, aber es schränkt einen als Rapper auch manchmal sehr ein.

Wenn wir schon dabei sind: Wofür steht „Ogyarre“ eigentlich?
Das ist einfach eine Graffiticrew, mit der ich im Urlaub in Mailand war, also meiner Heimat. Die heißen eben OGR und italienisch ausgesprochen wird das dann zu „Ogyarre“. Das hat aber keinen tieferen Sinn, sondern soll nur Verwirrung stiften. Aber hat anscheinend funktioniert. Über die Bedeutung von „Ogyarre“ werde ich auf Konzerten regelmäßig gefragt.

Vielleicht fragt Ufo mich in 15 Jahren nach einem Feature“

Auch beim neuen Album stellt sich die Frage: Wofür steht „Shigeo“?
Das ein japanischer Musiker. Ein Keyboarder, den wir oft gesampelt haben. Das Outro ist quasi ein durchlaufender Track von ihm, wir haben nur die Drums druntergesetzt. Das Ding ist – und deshalb haben wir ihm das Album gewidmet – man findet nichts über ihn raus. S. Fidelity hat lediglich die Samples aus der Library von irgendeinem Freund bekommen. Wir haben zwei Platten auf Discogs, aber sonst keine Infos gefunden. Er muss in den 60er- oder 70er-Jahren Musik gemacht haben. Das eigentliche Ziel der Platte ist, dass er sich meldet und wir die Samplerechte klären können (lacht). Wir haben auch Bekannten in Japan den Auftrag gegeben, in sämtlichen Plattenläden nachzufragen, um irgendetwas herauszufinden.

Was bedeuten die japanischen Zeichen auf dem Cover?
Dasselbe, was auf Deutsch da steht. Nur für den Fall, dass es jemand findet. Shigeo ist auch ein echt verbreiteter Name. Das wäre so, als würde in Japan jemand sein Album „Thomas“ nennen und dann hoffen, dass sich jemand aus Deutschland meldet.

Interessant am neuen Album sind die Features. Über Der Nussigmilde habe ich noch etwas herausfinden können, aber wer sind die anderen Gäste auf der Platte?
Arèna ist ein Jazzpianist aus Paris. Der Track stand eigentlich schon ein bisschen auf der Schippe, den wollte Fidel gar nicht mehr auf dem Album haben, hat den aber dann nach Paris geschickt und Arèna hat dann noch die Chords und Bass druntergejammt. Der arbeitet sonst viel mit Bluestaeb zusammen. Der Nussigmilde ist ein Kollege von mir aus Stuttgart, der Schlagzeug spielt und das mittlerweile sogar studiert. Ein brutaler Multiinstrumentalist, hat auf seinem Album alles selber eingespielt. Drums, Bass, Gitarre, sogar die Cuts hat er selber gemacht. Zwei Features sind leider nicht auf dem Album gelandet, die ursprünglich geplant waren. Einmal mit Negroman, aber da war der Track noch nicht ganz fertig und ist nicht durch den Fidelity-Zensus gekommen.
Der andere wäre Ufo361 gewesen, allerdings ist der dann selber abgesprungen. Das war etwa ein halbes Jahr, bevor er voll durch die Decke gegangen ist und dann hat er alles, was er vorher gemacht hat, zurückgepfiffen. Allerdings haben wir seine Adlibs noch dringelassen, das war voll okay für ihn. Ich kannte ihn ja eigentlich gar nicht und wollte den Track ursprünglich mit Rob von Pretty Dirty machen (Anm. d. Red.: Rob Really, auch Teil der Formation MoonTroop), der hat zeitgleich mit Ufo361 das „Ich bin 1 Berliner“-Video gedreht. Und weil er selbst gerade nicht so aktiv am Schreiben war, hat er das dann vermittelt. Ufo hat noch am gleichen Tag seinen Part aufgenommen und ist am nächsten Tag ins Studio gekommen, um sich den Rest des Albums anzuhören. Das war innerhalb einer Phase, in der er ziemlich viel connectet hat. Als wir dann ein Jahr später ein Video dazu machen wollten, war das bereits nach seinem Hype. Dann hat er den ganzen Track gecancelled. Ein paar Wochen später kam  „Für die Gang“. Wir haben uns deshalb nicht zerstritten, haben auf einem Festival sogar nochmal geredet und ich hab’s auch voll verstanden. Für Fidelity war’s halt besonders bitter, weil der voll der Freak ist und allein an dem Track locker einen Monat am Abmischen gesessen hat.
Es wäre natürlich für mich gute Promo gewesen, aber ist das wirklich das Essentielle? Ich möchte keine Aufmerksamkeit, die ich nur wegen bekannten Features habe. Eigentlich bin ich happy über meine Situation. Klar könnte es immer besser laufen, aber ich denke, dass es besser ist, die Aufmerksamkeit über längere Zeit zu bekommen und damit eine langfristige Karriere aufzubauen, als ein kurzer Hype zu sein. Wer weiß, vielleicht fragt Ufo mich in 15 Jahren nach einem Feature (lacht).

Spontan fallen mir wenige Leute ein, die mit so vielen verschiedenen „Camps“ connectet sind wie du.
Voll, die Connection ist da und das ist allgemein wichtig. Ich bin aber kein Typ, der jede Connection so effizient wie möglich ausnutzt. Ich weiß es zu schätzen, viele Leute kennengelernt zu haben und auch, dass mich mittlerweile viele kennen. Es ist einfach ein organischer Prozess; ich spiele die ganze Zeit live und bin viel unterwegs, da ergibt sich das einfach. Was auch interessant ist: Ich habe für HipHop eine relativ alte Hörerschaft, wenn ich den Statistiken von Facebook glauben kann.

Das liegt wahrscheinlich an deinen Texten, die nicht gerade leichte Kost sind.
Ich könnte wahrscheinlich alles, was ich schreibe, deutlich simpler formulieren. Aber dieses Komplexe ist eigentlich der Reiz und das, was mir am meisten Spaß macht.

Es ist auf jeden Fall eine ganz eigene Herangehensweise. Auch, dass es auf einem Rapalbum Tracks gibt, die zu 70% instrumental sind.
Damit hole ich die die Leute ab, die gar keinen Rap hören (lacht).

„Ich bin voll der Nicolas-Jaar-Fan“

Es gibt mittlerweile eine große Szene für reine Instrumentalalben.
Deshalb war relativ früh klar, dass wir das Album auch instrumental herausbringen. Und a capella, was ich immer cool finde, damit die Leute etwas zum Remixen haben.

Apropos a capella: Auf der EP mit Crypt gibt es einen Track, der von Schasch produziert wurde. Habe ich das richtig verstanden, dass das auch auf der Basis von einem „Fan-Remix“ entstanden ist? Auf seiner Soundcloud-Seite ist nämlich ein Remix mit eben dem Beat und dem a capella von „Halt den Moment fest“.
Hast du das selber gediggt oder hab ich das irgendwo geschrieben? (lacht) Ja, das war quasi ein Remix vom Remix. Ich habe zehn Sekunden von seiner Version gehört und den Beat so gefeiert, dass ich einen eigenen Track darauf machen wollte. Daraus wurde „Venus“. Schasch ist ein toller Produzent und der Part von „Halt den Moment fest“ war viel zu lasch für den Beat. Ich hab ihn aber ursprünglich kennengelernt, weil er der Mitbewohner von Pierre war. Auf dem „Ogyarre“-Nachfolger werden auf jeden Fall ein paar Beats von ihm dabei sein. Der geht mehr in die Electro-Richtung, was mir allgemein gut gefällt. Ich bin auch voll der Nicolas-JaarFan, von diesen reduzierten Beats mit Knistern und Blubbergeräuschen. Ich schreibe zudem oft auf siebenminütige instrumentale Tracks, die ohne die klassischen HipHop-Drums auskommen.

Es gibt einen Track von dir auf einem lettischen Sampler
Haha, „Pussy Weed Warriors“! Das wird der erste Track für mein multilinguales Release, ich sammle die Tracks über Jahre. Der Track ist in Litauen entstanden. Nein, in Lettland, aber in einer Zeit, als ich in Litauen gelebt habe. Ich habe dort ein Auslandssemster gemacht. Auf der ersten Party, auf der ich war, habe ich total verrückte Writer aus Lettland kennengelernt und die wiederum kannten ansis, einen lettischen Rapper und Produzenten, zu dem ich dann ins Studio mitgegangen bin. Das mit Abstand krasseste Studio, in dem ich bisher war. Und dort haben wir dann einen Track recordet und nach der Crew von Freunden von mir benannt. Auf jeden Fall einer meiner bescheuertsten Tracks aller Zeiten.

Du hast auf jeden Fall ein Talent dafür, überall auf der Welt schnell neue Connections aufzubauen. Nicht nur in Südamerika und Lettland, auch in Italien, wo dein Vater herkommt, in Deutschland sowieso. Wie sieht das in Österreich aus? Hast du hier mit mehreren Leuten außer Fuzl regelmäßig Kontakt?
Regelmäßig wäre übertrieben. Ich kenne ein paar einzelne Leute von Live-Gigs. Mit Flip hatte ich ab und zu Kontakt, bei denen (Anm. d. Red. Texta) waren wir bei der Tour vor zwei Jahren. Das war schon sehr beeindruckend, Flip habe ich danach immer wieder mal getroffen. Sonst leider nicht so viel, wie ich gern würde. Meistens, wenn ich hier bin, bin ich bei Fuzl und treffe die Leute aus seinem Dunstkreis, für mehr ist dann meistens keine Zeit. Aber es gibt auf jeden Fall viele interessante Künstler. Das Album von Jamin & Fid Mella feier ich brutal. Mit denen würd ich sofort was machen, wenn sich etwas ergibt. Aber ich forciere das halt nicht aktiv und lasse alles auf mich zukommen.

Du hast Internationale Soziale Arbeit studiert. Ist das noch aktuell?
Nein, ich habe mich mittlerweile nur auf die Musik beschränkt. Ich habe ja auch in über drei Jahren nur fünf Semester studiert, sogar ein Jahr ohne festen Wohnsitz durchgezogen, weil ich nur unterwegs war. Es hat mir Spaß gemacht, aber ich würde mich, wenn dann, nur darauf konzentrieren wollen.

„Mein einziger Hustle ist die Zeit“

Ich frage mich immer wieder, wie viele tatsächlich von der Musik leben können und wie viele es als Hobby nebenei machen und trotzdem 40 Stunden arbeiten gehen.
Da stellt sich die Frage, wie man allgemein leben will und was man zum Leben braucht. Ich habe schon viel auf der Welt gesehen und wenn ich ehrlich bin, habe ich mehr als genug. Eigentlich sogar viel zu viel. Mein einziger Hustle ist die Zeit. Wie viel Zeit habe ich und wofür nutze ich sie? Und ganz ehrlich, wenn man nicht komplett verblendet ist, sieht man, dass die Welt immer extremer wird. Wer weiß, ob eine Ausbildung oder ein Studium mir dann auch den Job und das Leben verspricht, das man sich vorstellt. Es wird auch immer weniger Jobs geben, weil die Digitalisierung brutal schnell voranschreitet.
Ich nehme gerne die Momente, die ich erlebe, aktiv mit. Wir leben im Endstadium des Turbokapitalismus und eigentlich ist jedem klar, dass man nicht ewig so weitermachen kann. Es sind aber auch ultra interessante Zeiten und ich muss sagen: Früher, als ich in der Hinsicht noch nicht mit mir selbst im Reinen und auch Teil dieses institutionalisierten Werdegangs war, hatte ich viel mehr Angst vor der Zukunft als jetzt, wo ich mich davon befreit habe. Ich weiß, es kann brutal hart werden, aber auf der anderen Seite ist auch sehr viel Raum und Potential für Veränderung da. Und die wünschen sich auch viele Leute, weil sie das Kotzen kriegen im goldenen Käfig.

Wärst du gerne in einer anderen Zeit geboren?
Schwer zu sagen. Vielleicht wäre es früher besser gewesen, aber dafür hätten wir nicht das Wissen von heute. Ich durfte schon sehr früh erfahren und habe das auch verinnerlicht, dass alles seine guten und schlechten Seiten und jede Situation und Perspektive im Leben seine Berechtigung hat.

Gab es für diese Erkenntnis einen bestimmten Punkt in deinem Leben oder war das ein schleichender Prozess?
Ich glaube schon, dass meine Musik mir sehr dabei geholfen hat. Ansonsten auch die Zeit in Südamerika, wo ich bestimmte Grenzerfahrungen gemacht habe. Da habe ich beschlossen, dass ich mein Leben der Musik widmen möchte. Hier in Europa ist es schwierig, sich diesen „State of Mind“ zu behalten. Es müssen die Umstände passen, dass man überhaupt die Freiheit hat, so zu denken. Die haben viele Leute einfach nicht. Die Reizüberflutung ist überhaupt nicht vergleichbar mit Südamerika, die Leute dort sind auch allgemein viel lebensbejahender. Allein schon wegen des Klimas und der vielen Sonnenstunden.

Denkst du, dass es sich auch in solchen Gegenden in eine ähnliche Richtung bewegen wird wie hier?
Auf jeden Fall auf eine gewisse Art und Weise, aber vielleicht nicht so extrem. Man kann ja auch daraus lernen. Die größten Probleme, die wir in unserer Gesellschaft haben, sind auf jeden Fall psychische Erkrankungen, Stress, Ticks. Viele haben verlernt, einen Ausgleich zu finden. Ich freue mich auf jeden Fall riesig. Mein Leben wird komplett entschleunigt werden.

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