FM4 Frequency Festival 2017 Day 2

Der zweite Tag des FM4 Frequency Festival 2017 steht ganz im Zeichen des HipHop. Fiva und die Jazzrausch-Bigband eröffnen nachmittags die große Space Stage wortwörtlich mit Pauken und Trompeten. Neben der Rapperin steht ein kleines Orchester samt Streichern, Bläsersatz und DJ auf der Bühne. Fiva rappt gut gelaunt und ansteckend optimistisch, die Bigband sorgt für eine abwechslungsreiche Untermalung von ruhigen Streicherballaden bis hin zu jazzy Gitarrenbeats. Wann hört man schon mal Rap auf ein Klarinettentrio?

Das war’s dann aber auch mit der Sonne. Den Rest des Tages verbringen HipHop-Fans in der dunklen Halle der Weekender Stage. Beat The Fish bringt heute fünf Rap-Acts nacheinander auf die Bühne. Als sich die Tore der Hallen um kurz vor vier öffnen, stehen bereits große Trauben von Fans vor den Eingängen. Verantwortlich dafür ist der Stuttgarter RIN, einer der viel versprechendsten neuen deutschen Rapper. RIN bringt hedonistische Bars über harte Trap- und Cloudrapbeats. Er hat eine faszinierende Bühnenpräsenz und rappt im Gegensatz zu anderen Festivalauftritten dieses Jahr live mit. Die randvolle Halle dankt ihm mit Moshpits, die mit jedem „Oh Junge“-Adlib noch größer werden. RIN hätte ein Slot um acht besser gestanden.

Den verschwitzten Fans wird in der stickigen Halle keine Verschnaufpause gegönnt. Nimo zieht zwar nicht ganz so viele Zuhörer wie RIN, hält die Stimmung aber am Kochen. Das 385i-Signing überzeugt mit einem einzigartigen Flow und seiner markanten Stimme, die auch in gesungenen Parts ohne Autotune perfekt intoniert. Nimo ist erst 21 Jahre alt, aber technisch der stärkste deutschsprachige Rapper des Festivaltages. Karate Andi kann da nicht ganz mithalten. Seine Stimme klingt im Vergleich mit Nimo unpräzise. Die Stärken des Berliners liegen in seinen Punchlines. Mit durchdachten und wunderbar asozialen Mehrfachreimen beleidigt Andi eine Stunde lang Rapper und deren Mütter. Das Publikum zeigt sich textsicher und öffnet die bisher größten Moshpits.

Nach drei deutschen Künstlern spielt Vince Staples als erster internationaler HipHop-Act des Tages. In einer undurchdringlichen Wand aus Nebel und Licht ist über weite Teile des Konzerts nur seine Silhouette auszumachen. Treffsicher flowt er über ungewöhnliche elektronische Beats. Songs wie „Yeah Right“ von seinem aktuellen Album „The Big Fish Theory“ klingen sehr futuristisch, bleiben aber zugänglich. Vince Staples wird ständig mit Kendrick Lamar verglichen. Das ist vielleicht noch etwas hoch gegriffen, der 24-Jährige ist aber auf dem besten Weg, einer der ganz großen Namen im HipHop zu werden.

Mit Yung Hurn spielt als letzter Act wieder ein österreichischer Künstler auf der Weekender Stage. Nach nur einem einzigen schnell ausverkauften Konzert im Wiener WUK im Januar sind viele Fans und Neugierige gekommen, um den Rapper zum ersten Mal live zu erleben. Kurz nach Beginn des Konzerts müssen die Securitys die Eingänge schließen. Die Halle ist brechend voll und die Stimmung am Höhepunkt. Yung Hurn steht mit seiner Entourage von zehn jungen Männern auf der Bühne, die durchgehend Videos mit dem Smartphone schießen und sich selbst feiern. Das Publikum kennt jeden seiner Songs auswendig und bringt die Temperaturen in der Halle auf neue Rekordwerte. Hurn performt solide und spielt sogar ein paar Songs seines leider Abwesenden Bruders K. Ronaldo. Mit diesem Auftritt zeigt der Wiener eindrucksvoll allen Kritikern, dass seine Musik tausende Fans ganz unironisch begeistern kann.

Endlich wieder unter freiem Himmel sorgen die kalifornischen Rap-Urgesteine von Cypress Hill und ihre Fans für jede Menge Nebel. In zahlreichen Songs huldigen sie den, zumindest in ihrer Heimat, legalen Kräutern. Dementsprechend entspannt ist die Stimmung im Publikum. Wie lange Cypress Hill schon im Geschäft ist, merkt man der Dichte an Hits in der Setlist.

Beendet wird der Abend von der Band Bilderbuch wohl gemerkt nach dem Auftritt von Placebo. Nach Startschwierigkeiten und viel zu basslastiger Mischung in der ersten Stunde, wird die Stimmung gegen Ende immer besser. Das Auftreten von Sänger Maurice, die grandiosen Gitarrensolos von Mitzi Blue und die energiegeladenen Einlagen der Backgroundsängerinnen retten das Konzert. Bilderbuch haben einen ganz eigenen Sound kreiert, der hervorrgend auf große Bühnen passt. Österreich hatte lange keinen so starken heimischen Headliner mehr.

Fazit: Das FM4 Frequency Festival sorgte am Mittwoch für ein facettenreiches HipHop-Line-up, unterschätzt das Genre dabei aber immer noch. Die Tage, an denen Rap in dunklen Hallen am Rand des Festivals nur ein paar Szenegänger anzieht, sind eigentlich schon lange gezählt. Nächstes Jahr darf für die Veranstalter kein Weg mehr daran vorbeiführen, dem HipHop einen fixen Platz auf einer der Open-Air-Bühnen einzuräumen.

Wer RIN, Nimo oder Karate Andi verpasst hat oder einfach noch mal sehen möchte: Alle drei Acts kommen unabhängig voneinander dieses Jahr noch mal nach Wien. Alle Konzerte findet ihr in unserer Event-Rubrik.

Mehr Fotos von  Thomas Steineder:

   

    

 

Kommentar

Aktuell gibt es noch keine Kommentare. Seien Sie der Erste!

Kommentare verbergen
TeilenTw.Fb.Pin.
...

Bitte verwenden Sie einen aktuellen Browser, damit die Website korrekt funktioniert.

Sie sollten noch heute aktualisieren.

X