Kein Mensch braucht Radio, aber FM4!

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Wenn große Teile der österreichischen Musik- und Medienszene in Schnappatmung verfallen, braucht es dafür einen triftigen Grund. Im schönen Alpenland ist man schließlich an viele Absurditäten gewöhnt, das Fell dementsprechend dick.

Ein solcher Grund liegt in Gerüchten über ein Ende von FM4 vor. Ausgelöst wurde die Diskussion von Falter-Chefredakteur Florian Klenk, der in einem mittwochs veröffentlichen Bericht eine anonyme Quelle zitiert, die von einer geplanten Einstellung von FM4 für 2019 berichtet. Der große Schock im Internet ließ nicht lange auf sich warten, besteht im „Jugendsender“ FM4 ein alteingesessenes Sprachrohr der alternativen Szene in Österreich. Die hervorragende Reputation von FM4 geht dabei weit über die Landesgrenzen hinaus, der Sender gilt als internationales Aushängeschild für eine vitale, urbane, österreichische Musikszene mit dem Schwerpunkt Wien. Und trotzdem soll er nächstes Jahr, knapp vor dem 25-Jahre-Jubiläum, in Rente geschickt werden? Wahrlich unglaublich.

Endgegner Streaming

Dabei sind Gerüchte über eine Einstellung des Senders nichts Neues. Schon vor fünf Jahren kursierten Befürchtungen über ein Aus von FM4, die sich im Endeffekt als haltlos darstellten. Warum sich die Kämpfe immer wieder um diesen Sender entladen, hat eine Vielzahl von Gründen, nicht alle davon sind politischer Natur. FM4 leidet besonders am schleichenden, aber kontinuierlich schwindenden Bedeutungsverlust des Radios, trat gerade im FM4-Metier in den vergangenen Jahren ein überlebensgroßer Kontrahent auf: Streaming ist das Reizwort, sind Plattformen wie Spotify oder Apple Music mit Features wie personalisierter Inhalte und der ständigen Verfügbarkeit einer Unmenge an neuer Musik, die für Werbung auf Spotify sogar kostenfrei angeboten wird, dem Radio deutlich überlegen. Vor allem für Fans von Rap, der Musik der Millennials, ein nicht zu verleugnender Vorteil, war Rap auf Grund der unbequemen Sprache nie wirklich ein Wunschkind des Radios. Mittlerweile haben Playlists das Radio zum Teil ersetzt, die Trends finden dort statt. Die frühere Gatekeeper-Funktion kam dem Radio längst abhanden.

Der Streamingtrend sickert nicht bei allen Bevölkerungsschichten gleich stark ein, sondern findet vor allem bei Teenagern und Twens Anklang. Gruppen, für die FM4 kaum mehr eine Rolle spielt. Die Hörerschaft des Senders hat sich dadurch, im Vergleich zu früheren Jahren, deutlich gewandelt. Hartnäckig halten sich Vermutungen, dass der „Jugendsender“ sein Hauptpublikum mittlerweile in einer Altergruppe um die 40 vorfindet; ein Publikum also, das mit zweifelsfrei immer noch hochwertigen Formaten wie „Tribe Vibes“ ihre Jugendjahre verbrachte. Diese Einschätzungen lassen sich zum Teil mit Zahlen des jüngsten Radiotests untermauern, der FM4 für die Gruppe zwischen 14 und 49 Jahren einen Marktanteil von knapp über 5 Prozent bescheinigt.

„Nichterfüllung eines Bildungsauftrages“

Das ist einerseits traurig, andererseits ist FM4 eben ein öffentlich-rechtlicher Sender. Die Quote sollte hier, wenn überhaupt, nur eine sekundäre Rolle spielen. Die Existenz rechtfertigt sich im Bildungsauftrag, den FM4 alleine durch seine multilingualen Inhalte mit Leichtigkeit erfüllt. Umso absurder daher das Gerücht, eine „Nichterfüllung dieses Bildungsauftrages“ sei der Beweggrund für die angedachte Einstellung des Senders. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei lediglich um einen Vorwand handelt. Wahrscheinlicher ist, dass die neue Regierung, insbesondere die FPÖ, wenig Freude mit der politischen Ausrichtung des Senders hat. Bringt FM4 im Radio als auch auf seiner Internetpräsenz immer wieder kritische Berichte zur FPÖ und ihr nahestehenden Organisationen, eine linke Grundhaltung ist schwer zu überhören. Ob sich ein öffentlich-rechtlicher Sender überhaupt politisch positionieren sollte, darüber darf diskutiert werden. Bei Betrachtung von FM4 in der Gesamtstruktur der österreichischen Medienlandschaft, die unbestritten eine konservativ-populistische Schlagseite aufweist, bietet der Sender aber eine notwendige Gegenstimme.

Am Tag der Veröffentlichung des Falter-Berichts bemühten sich die ORF-Verantwortlichen um Besänftigung, ORF-Radiodirektorin Monika Eigensperger, ORF-Manager Pius Strobl und der ORF-Sprecher Martin Biedermann dementierten im Gleichklang die angeblichen Pläne. Der FPÖ-Stiftungsrat im ORF, Norbert Steger, sprach sich hingegen nur gegen eine geplante Privatisierung von Sendern aus. Eine Einstellung sei theoretisch möglich, im Falle von FM4 derzeit aber kein Thema, so Steger gegenüber dem Standard. Auch FPÖ-Mediensprecher Hans-Jörg Jenewein wollte nichts von einer Einstellung von FM4 wissen.

Kein FM4, kein relevantes Radio?

Dennoch herrscht bei Teilen der Bevölkerung Skepsis, wie der rege Zulauf der Petition „RettetFM4“, am Mittwochvormittag in einer Gemeinschaftsaktion von „Reporter ohne Grenzen“ und „#aufstehn“ initiiert, beweist. Für wirkliche Klarheit wird erst die ORF-Enquete im Frühjahr sorgen: „Nach Ostern wird man eine Enquete zum ORF abhalten und dann weitersehen“, sagt Steger im Falter. Realistischer als ein Eintreten des Schreckensszenarios ist die Übernahme bisheriger FM4-Frequenzen durch Privatsender wie KroneHit oder Oe24. FM4 wäre somit zwar am Leben, aber noch stärker in ein Nischendasein gedrückt und aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt. Die Qualität der Radiolandschaft würde sich dadurch sicher nicht erhöhen.

Ein wichtiger Schritt hierfür wäre, wenn Platzhirsch Ö3 endlich den Anteil von österreichischer Musik in ihrem Programm anheben würde (gegenwärtig etwa 15%). Dann hätten auch österreichische Musiker eine Bühne, so groß, wie sie FM4 nie zur Verfügung stellen könnte, und das Programm von Ö3 wäre vielfältiger und hochwertiger. Ein etwaiger Verlust von FM4 könnte so leichter verschmerzt werden. Andernfalls macht man es Streaminganbieter außerordentlich leicht, die letzten Skeptiker von ihrem Angebot zu überzeugen.

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