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Alles bleibt anders: Fler mit „Colucci“ // Review

(Maskulin/Universal: VÖ: 29.03.2019/Fotoquelle: Label)

Wir schreiben den Februar 2012, Schauplatz ein italienisches Restaurant in Berlin: Fler stellt sich in Anwesenheit seines damals besten Kompagnons Silla den Fragen von 16bars-Interviewerin Visa Vie. Zu dieser Zeit steht die Karriere von Fler unter dunklen Gewitterwolken. Die Nachwirkungen von „Fanpost“ sind 2012 noch deutlich wahrzunehmen. Jener Track, mit dem Kollegah 2009 auf brutale Weise das Ansehen Flers in der Szene demolierte. Der Konflikt zwischen beiden Parteien, bei dem es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen war, hat in der Folgezeit wenig an Härte verloren.

Es sind Jahre, in denen Fler enorm unter Druck steht. Das wird auch im Interview mit Visa Vie spürbar. Seine einzige gebliebene Bastion, um sich gegen Kollegah und Kollegen zu behaupten, ist der kommerzielle Erfolg. Dort kann der Ex-Aggro-Berlin-Künstler noch mehr vorweisen als Kollegah, der zu diesem Zeitpunkt mit „Bossaura“ erst zu Höhenflügen ansetzt. Doch selbst die bröckelt, und Fler muss auf kreative Ausflüchte zurückgreifen. Trüffelcarpaccio mampfend, legt Fler Visa Vie also dar, warum Kollegah mit „Bossaura“ gefloppt ist, trotz starker Verkaufszahlen. Eine abenteuerliche Begründung folgt, die nur den Eindruck hinterlässt, dass sich hier jemand in eine Illusion retten will.

Eine Episode, die viel über das damalige Mindset von Fler verrät. Zeitsprung, sieben Jahre vorwärts. Kollegah ist mittlerweile zu einer der großen Namen der Branche angewachsen, so groß, dass er sich nur selbst zerstören kann, woran er gegenwärtig mit Nachdruck arbeitet (siehe seinen YouTube-Kanal). Und Fler? Der bewies in den vergangenen Jahren fast schon unglaubliche Comeback-Qualitäten. Regelrecht verblüffend, wie der Berliner mit Rück- und Nackenschlägen umging, sich wieder nach oben kämpfte und heute besser dasteht als je zuvor.

Über die Jahre verfolgte Fler beharrlich seine Linie und verschrieb sich einem musikalischen Film, für den er zunächst noch stark belächelt wurde, der retrospektiv aber eine Richtung im Deutschrap vorgab. Ein Rigorismus, der sich auszahlte. Mit „Vibe“ (2016) und der Jalil-Kollabo „Epic“ (2017) veröffentlichte Fler Alben, bei denen selbst jahrelange Kritiker dem Berliner eine verblüffende Weiterentwicklung attestierten. Die trat auch abseits der Musik ein. Im Jahr 2019 zeigt sich Fler persönlich gereift. Mittlerweile, wie beim jüngsten Interview mit hiphop.de, hat Fler keine Probleme mehr mit dem Erfolg seiner Kollegen. Schon gar nicht mit dem von Kollegah und Farid Bang. Mit Farid Bang hat Fler sogar Freundschaft geschlossen, mit Kollegah das Verhältnis mindestens normalisiert. Fler, ein Beispiel dafür, dass sich Menschen sogar im Haifischecken namens Rapbranche zum Guten verändern können.

Trotz all der Veränderungen will Fler seine musikalischen Wurzeln aber nicht vergessen, wie sein neues Album zeigt. Dieses trägt die Nostalgie schon im Titel, ist „Colucci“, der Name einer deutschen Klamottenmarke mit italienischem Spirit, eine Referenz an seinen 2002er-Kollabo-Einstand „Carlo Cokxxx Nutten“. Den Vibe dieser Zeit will Fler mit der Jetztzeit vereinen.

Ein Vorhaben, bei dem Fler auf Simes vertraut, mit dem er seinen Ruf als einer der besten Produzenten-Scouts der Szene bestätigen kann. Simes versteht sein Geschäft, Flers Vision einer Verbindung von Berliner Tradition – also dort, wo die Streicher Trauer tragen – mit Contemporary-ATL-Trap wird eindrucksvoll umgesetzt. Samples wie aus der Barbra-Streisand-Version von „Pavané“ (für „Jedes Gramm“) oder aus dem Score der türkischen Action-Serie „Çukur“ (für „Legendary“) erzeugen „Vom Bordstein bis zur Skyline“-Stimmung, die mit typischer Trap-Percussion eine Adaptierung bekommt. Das funktioniert sehr gut.

Allerdings hat „Colucci“ auch Schattenseiten. Für die sorgt Fler. Bei den Flows herrscht wenig Variation vor, wodurch sich schnell Abnutzungserscheinungen einstellen. Zudem ist seine Delivery immer noch stark ausbaufähig. Fler versprüht weniger das Charisma eines seiner US-amerikanischen Vorbilder, sondern ähnelt vom Style mehr einer David-Guetta-Imitation von Robert Geiss. Die kühle Arroganz, die Fler so gerne in Interviews für sich reklamiert, die hat er einfach nicht drauf. Da wird man bei einem Shindy schon eher fündig, der beim Kopieren der Attitüde deutlich glücklicher verfährt.

Dass bei dieser Sparte Musik die Lyrics nicht oberste Priorität haben, kommt Fler zugute. Die Zeilen sollten nur eine Symbiose mit dem Beat eingehen und einen coolen Vibe erzeugen. Blöd nur, dass dies auf „Colucci“ nur sehr selten eintrifft. Vor allem die lauwarmen Angriffe wirken fade und grundlos, mit Ausnahme der Lines gegen Bushido, für die man bei Fler irgendwie Verständnis hat. Bushido bekommt etwa auf „Keyless Go“ und „Stafford“ ein paar Sprüchlein wie „Nach zwanzig Jahren hast du Kek dich offenbart/Die Geister, die du riefst, ich hoff‘, du hast gespart“ („Keyless Go“) ab.

Weitere Angriffsziele des Berliners sind unter anderem Bonez MC („Bist nur ein Köter, der sich Knochen nennt“ auf „Stafford“), mit dem es ebenfalls eine, wenngleich kürzere, Vorgeschichte gibt, und Casper, der auf „Respektlose Jungs“ mit einem „Transgender-Model“ verglichen wird. Alles eher peinlich. Auch, weil die Attacken statt mit dem lyrischen Baseballschläger mit dem lyrischen Wattebausch erfolgen. Ganz wie damals, als Fler Tracks wie „Mut zur Hässlichkeit“, „Autopsie“ oder „Alle gefickt“ veröffentlichte. Es ist weiterhin nur ein laues Lüftchen und kein Orkan, den Fler mit seinen Dissattacken auslöst.

Vertraut wirkt auch Mosenu, der auf „Colucci“ Flers neuen Aushilfs-G-Hot/Silla/Jalil gibt. Der darf zwar ausgiebig mitrappen, fällt die meiste Zeit aber durch seine Adlibs auf (Scurr!). Die sind vielleicht beim ersten Mal noch ganz witzig und gar irgendwie die Stimmung untermalend, vielleicht noch beim zweiten Mal, aber auf Albumlänge treiben die einen schnell in den Wahnsinn (Wahnsinn).

Kein großer Niveauunterschied zu den restlichen Features, die das Album kaum aufwerten. Noch annehmbar fällt die Idee zu „Respektlose Jungs“ aus, ein Remake von „Vom Bordstein bis zur Skyline“ mit dem neuen „Best Buddy“ Farid Bang; ein Track, den Farid Bang übrigens zur Gänze geschrieben hat. Mit Sido ist ein Wegbegleiter aus Aggro-Berlin-Zeiten vertreten, mit dem sich Fler zwischenzeitlich verkrachte. Versöhnung schön und gut, so eine Nummer wie „Passiv High“, auf der Sido mit dem Beat hörbar zu kämpfen hat, wäre nicht notwendig gewesen.

Gleiches gilt für die Beteiligung Adel Tawils, der sich aus unerklärlichen Gründen auf dem Album verirrt hat. Und dann wäre noch Bass Sultan Hengzt, der auf „Wolke 7“, einer Neuauflage seines Tracks „Vergiss mein nicht“ (2007), Fler und Mosenu im „Club der gebrochenen Herzen“ Gesellschaft leistet. Immer wieder erstaunlich, wie Macho-Rapper bei Trennungssongs in Larmoyanz verfallen. Schnief. Zusammenfassend spricht es Bände, dass das beste Feature des Albums auf „Gänsehaut“ zu finden ist. Hier wird ein altes Vocal-Sample von Frauenarzt aus dem Track „Vorhang auf“ (2000) gelungen eingesetzt. „Gänsehaut“ ist zugleich der beste Track des Albums. Ein Album, auf dem eigentlich nur die Beats hörenswert sind.

Fazit: Fler versucht sich mit seinem 15. Soloalbum an einer Synthese von klassischem Berliner Straßenrap mit jenen Bereichen, in denen er sich in jüngster Vergangenheit breit machte. Eine Zusammenführung, die lediglich bei den Beats klappt. Sonst ereignet sich auf „Colucci“ bemerkenswert wenig. Die Punchlines verpuffen, die Adlibs sind zwischen nervtötend und unfreiwillig komisch anzusiedeln, die Features blass. Der Eindruck bestätigt sich, dass Flers wahre Stärke weiterhin im Theoretisieren über Rap in Interviews liegt, und nicht bei dessen praktischer Umsetzung. In den vergangenen Jahren hat sich zwar einiges geändert, Fler ist wieder in der Szene angekommen. Manche Dinge bleiben trotzdem immer gleich, wie „Colucci“ beweist.

2 von 5 Ananas

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