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„Mensch, das war aber ein fettes Brot“ // Fettes Brot Interview

Jens Herrndorff
Jens Herrndorff

Von dem einstigen schlichten Flair, den das Innenstadt-Studentenheim mal hatte, ist nicht mehr viel übrig. Der in das 25Hours Hotel umgebaute Gebäudekomplex in der Lerchenfelder Straße erstrahlt in neuer trendiger Atmosphäre. Da passt es auch gut, dass Doktor Renz, Björn Beton und König Boris (v.l.n.r.) sich in einem der extravaganten Zimmer zurückgezogen haben, um Journalisten Rede und Antwort zu ihrem neuen und durchgestylten Album „3 is ne Party“ zu stehen. Im Gespräch mit The Message erzählen die drei Musiker über ihre Zeit als Callboys, die Wirrungen der Nachrichtenwelt und die Sexiness von außerparlamentarischen Gruppierungen für Jugendliche. Außerdem lassen sie anklingen, dass sie die neuen Botschafter der Mikronation Sealand werden möchten, während sie aufgeregt ein Handyvideo zeigen, bei dem man sieht, auf welche atemberaubende Art und Weise sie für ihren Videodreh überhaupt auf die riesige Festung inmitten der Nordsee gelangen konnten.

Interview: Julia Gschmeidler

Zurück zu euren Anfängen: Warum habt ihr euch damals eigentlich gegen den Bandnamen „Boris und die Herzbuben“ entschieden?
Doktor Renz:
Ja, das habe ich auch gelesen, bei Wikipedia sogar. Das ist aber eine Misinformation. Wir haben nicht überlegt, uns „Boris und die Herzbuben“ zu nennen, sondern „Boris und die Callboys“. Das ist ein bisschen was anderes als Herzbuben.
König Boris: Das ist die niedliche Art davon. „Ich bestell mir heute mal einen Herzbuben aufs Zimmer“.
Doktor Renz: Ich glaube, das geht auf unsere englischsprachige Band „Poets of Peeze“, aus der Fettes Brot hervorgegangen ist, zurück. Eine sehr erfolgreiche Rapband Anfang der 90er. Die hatten wiederum den Zweitnamen „Tobi and the Moonboots“.
König Boris: Im Ernst?
Björn Beton: Das ist das erste Mal, dass ich das höre.
König Boris: Das ist mir auch eine völlig neue Information, all die Jahre.
Doktor Renz: Seht ihr.
König Boris: Aber um bei der Wahrheit zu bleiben: wirklich darüber nachgedacht haben wir nicht.
Doktor Renz: Wirklich im Raum stand aber der Name „Wirklich verwirrte Menschen“, der auch Einlass in unsere aktuelle Bio gefunden hat. Mit einem Herzen aus Hack. „Fettes Brot“ hat sich unser damaliger Rapkollege Spex ausgedacht.
Björn Beton: Es geht schon wieder los… (lacht)
Doktor Renz: Und zwar hat er uns gesehen, als wir noch ein loser Verbund an befreundeten Neu-Rappern waren und da hat er zu uns gesagt: „Mensch, das war aber ein fettes Brot.“ Das fanden wir saulustig und dachten: Krass diese Wortschöpfung, so nennen wir uns einfach. Wir konnten nicht ahnen, wie lange wir mit diesem Namen rumlaufen würden müssen.

Es kommt jetzt auch ein neues Album von Luk&Fil von Sichtexot namens „Brot ist essbares Holz“.
König Boris:
(lacht) Sehr schön! Der Titel ist alleine schon mal so interessant, dass ich da gerne reinhören würde. Das habe ich ehrlich gesagt immer bei Nüssen gedacht, dass das essbares Holz ist.

In einem Interview mit Die Welt meinte Björn Beton, dass die Rappolizei euch seit „Nordisch By Nature“ als HipHop-Verräter abstempelt und ihr jetzt nur in Intros von Bushido-Songs erwähnt werdet. Wie könnt ihr euch das erklären?
Björn Beton:
Gemeint habe ich damit, dass „Nordisch By Nature“ zu einer Zeit passiert ist, wo das alles wahnsinnig neu war. Kommerziell erfolgreiche Rapmusik war für die Jugendzentrumskultur einfach total neu. Zu der Zeit war man auf HipHop-Konzerten unter sich – und fast ausschließlich unter Männern. Nach der Gründung von Musiksendern wie VIVA und MTV hatten wir unsere Videos dort laufen, dann sind in dem Zuge auch Mädchen auf Konzerte gekommen. Das alleine hat dann schon die HipHop-Puristen erstmal verwundert und überfordert. Noch dazu kommt, dass wir unseren HipHop-Begriff immer weiter gefasst hatten und weiter musikalisch geöffnet waren, als viele andere Rapbands damals. Wir haben da wenig Berührungsängste mit Popmusik gehabt, weil Pop auch in uns drinnen steckt und wir das mögen. Das war glaube ich für viele, die damals traditionell daherkamen, erstmal eine große Überforderung. Was passiert denn da mit HipHop? In der Zeit sind auch viele Missverständnisse und Unausgesprochenes liegen geblieben und das hat uns eine Zeit lang viel beschäftigt, warum wir von manch einer Band ein bisschen missachtet und links liegen gelassen wurden.

Doktor Renz: Dazu kam ja, dass Rap im Jahr ‘99 so richtig explodiert ist und Bands um uns herum alle achtbare Charterfolge feiern konnten. Wir hatten da schon unser drittes Album rausgebracht und befanden uns dann gerade in einer etwas kreativen Orientierungslosigkeit, dementsprechend hatten wir nicht ganz so die Durchschlagskraft. Unser Album „Fettes Brot lässt grüßen“, mochten viele Fans, aber für uns ist es in Rückbetrachtung das wackeligste Album. Zu der Zeit kamen dann Alben von Fünf Sterne Deluxe, Beginner, Dynamite Deluxe – unser ganzes Umfeld hat rausgepowert und derbe Supergranatenalben gemacht und wir waren gerade in unserer Findungsphase und verunsichert. Insofern lief unsere Wahrnehmung und die der allgemeinen von Rap ein wenig auseinander, wobei wir natürlich sicher auch viel dazu beigetragen haben, dass Rap in Deutschland so groß geworden ist. Weil natürlich viele junge Popfans sich unserer Musik gegenüber geöffnet und dann auch für andere Sachen begeistert haben. Unter anderem Eins Zwo, die in dem Jahr auch irre erfolgreich waren und mit uns zum Beispiel im Jahr ‘98 in der Szene Wien gespielt haben. Dann haben wir uns wieder gefangen und unsere Position zwischen den Stühlen als etwas ungeliebte Cousins angenommen und die zu einer Position der Stärke umgemünzt – mit Liedern wie „Da draußen“ und „Schwule Mädchen“ haben wir uns dann wieder ziemlich eindrucksvoll auf die Landkarte gesetzt. Das ist ja auch schon wieder so lange her…

König Boris: Seitdem ist gut und wir leben damit sehr gut. Es hat sich mittlerweile auch gewendet. Die neue Generation von Rapmenschen betrachtet uns auch anders, als die Leute damals. Für die sind wir Urgesteine, die schon lange dabei sind und mal Sachen gemacht haben, die sie mal gut, mal nicht so gut fanden. Das ist eher so ein friedliches Nebeneinander. Ich hab das Gefühl, dass die aktuelle Rapgeneration nicht so ein großes Interesse hat, sich gegenseitig stark voneinander abzugrenzen, sondern dass es eher als positiv betrachtet wird, dass es eine so große Vielfältigkeit gibt.

Doktor Renz: Deine Einstiegsfrage zitiert ja Björn, der von Verrat sprach. Ich glaub dieses Wort Verrat wird überhaupt nicht mehr gebraucht, weil es gar nicht mehr die gleichen moralischen Werte gibt, auf die sich alle HipHopper irgendwann mal geeinigt haben. Es fing ja schon mit dem Erfolg der ersten Streettape Sachen 2002 an, dass Rapbands nicht mehr damit geprahlt haben, dass sie antikapitalistisch sind, sondern eher damit geprahlt haben, dass sie endlich mal ordentlich Padda gemacht haben. Das ist ja nach wie vor das Thema, für ganz viele ist Geld verdienen ein Zeichen von Erfolg haben, es geschafft haben, was bedeuten – was ich auch durchaus nachvollziehen kann, wenn man als armer Schlucker beginnt Rapmusik zu machen und damit das erste Mal seine eigenen Kröten verdient. Das ist ein geiles Gefühl, über das es sich auch zu singen lohnt. Aber die antikapitalistischen Werte, die Rap in Deutschland anfangs transportiert hat, hat das total verändert. Man verrät Rap nicht mehr, wenn man erfolgreich ist, sondern man hat es geschafft und kriegt dafür Respekt. Wobei andererseits Leute wie Cro auch sehr vielfältig wahrgenommen werden. Da geht es dann eher darum, ob das noch Rap ist, weil er so viel singt, das ist stilistisch dann für manche zu weit weg von Rap.

Einer, der auch schon früh „Rap“ gemacht hat ist Falco. Man möchte als Österreicher nicht immer mit der Falco-Keule schlagen, aber im Video zu „An Tagen Wie Diesen“ sieht man auf dem Wecker von Doktor Renz ein Falco-Bild aus der Bravo. Welche Bedeutung hat das?
König Boris:
Weil der Song auf einem Falco Sample basiert, nämlich „Jeanny“.
Björn Beton: „An Tagen wie diesen“ ist komplett Falco.
Doktor Renz: Es ist vom Tempo deutlich anders, wir haben’s viel schneller gemacht, deswegen ist die Tonhöhe natürlich anders, aber die Harmonien sind Samples von Falco. Und im Refrain, wenn du genau hinhörst, ist da dieser lang gezogene Schrei aus dem Schlusspart von „Jeanny“. Aaaahhhhh. Das klingt hochgepitcht halt wahnsinnig cool. Genial von uns, aber auch natürlich ein großartiges Vorbild.
Björn Beton: Die Band von Falco weiß, dass wir das gemacht haben. Ist ja nicht so, dass man was wegsampelt und sich nicht darum schert. Die fanden das gut und haben auch gestattet, dass wir das machen dürfen, verdienen natürlich auch mit. Und es ist genial.
Doktor Renz: Aber Falco ist in unserer Wahrnehmung tatsächlich eine frühe Form von europäischem Rap, defintiv. „Rock Me Amadeus“ oder „Der Kommissar“, „Junge Römer“, das sind alles Stücke, bei denen man hört, dass er Grandmaster Flash oder Sugarhill Gang und die frühen Rapsachen aus Amerika gehört hat und das wahrscheinlich auch inspirierend fand. Ich hab mich auch letztens erst mit Falco beschäftigt, sprich YouTube-Filme nacheinander geguckt, u. a. auch seine Auftritte in der Harald-Schmidt-Show oder Interviews… Ich hab mich noch einmal total gefreut über diesen tollen Künstler, den ich als Jugendlicher wirklich geliebt habe. Die „Falco 3“ war meine Lieblingsplatte – für bestimmt ein Jahr. Bevor dann Madonna mit der nächsten Scheibe kam.

Das Video soll generell euren Alltag widerspiegeln, in dem die Medien mit Krieg in den friedlichen Alltag der Bundesrepublik eindringen. Wird man nur durch Medien ein Teil der gewaltbereiten Welt?
Björn Beton:
In dem Video haben wir das sicherlich so benutzt, dass die Nachrichtenwelt und die schlimmen Tragödien, Dramen, die es überall auf der Welt gibt, dass die einem manchmal so vorkommen wie eine böse, gefährliche, alles niederwalzende Maschine. Und dass man sich, um mit der schrecklichen Welt klarzukommen, selbst einen Panzer anschaffen muss.
König Boris: Zu dem Thema haben wir auf dem neuen Album auch einen Song gemacht, nämlich „Crazy World“, das in eine ähnliche Richtung geht. Klingt natürlich ganz anders und ist auch nochmal von der Herangehensweise ein bisschen anders. Aber die Tatsache, dass man überfordert ist von den Nachrichten und all dem, was einem so tagtäglich um die Ohren gehauen wird und zu dem man sich unterhalten soll und am besten auch noch eine Meinung hat und am allerbesten eine kluge Meinung, dass das ein wenig überfordernd ist und manchmal dazu führt, dass man sich im Privatleben versteckt und mit dem da draußen nichts zu tun haben will. Das ist glaube ich ein Gefühl, das viele Leute kennen.
Doktor Renz: Ich find ganz aktuell so eine Tragödie wie vor Lampedusa, da merkt man, es kommt im wörtlichen Sinne auf uns zu. Da kommt die Not, das Elend, die Angst, die Existenzangst dieser Menschen übers Meer geschippert und schafft’s nicht mehr bis ans Ufer. Ich meine, deutlicher kann’s nicht mehr sein, dass das was mit uns zu tun hat. Wir leben da, wo alle hin wollen.
Björn Beton: Wärst du Italiener, wär es zum Beispiel strafbar, denen zu helfen. Wenn du ein Boot hast und dahin fährst, die Leute aus dem Wasser holst, ist das eine strafbare Handlung. Das muss man sich vorstellen. Fortress Europe.
Doktor Renz: Jedes Iphone-Herstellschräubchen, das sich in China aus dem Fenster stürzt, hat was mit uns zu tun. Da liegt der Beweis (zeigt auf die Iphones). Mein Hemd wurde sicher auch nicht in Portugal zusammengeklöppelt. Ich find das Bewusstsein darüber, dass wir Leid einerseits mit unserem Luxus und gut funktionierenden Alltag verknüpft ist, ist ein sehr erschütterndes, das eigentlich immer präsent ist. Aber das muss man auch ab und zu mal wegschieben, um klarzukommen.

In „Crazy World“ fragt ihr euch, was der Unterschied zwischen NSU und NSA ist. Wie würdet ihr den erklären?
König Boris:
Dass es drei Buchstaben sind, wo genau nur einer unterschiedlich ist. Natürlich wissen wir den Unterschied zwischen NSU und NSA. Aber im Chaos der Flut von Information, die so über einen hereinbricht, da kann man schon einmal den Überblick verwechseln. Dafür steht das: dass man im Eifer des Gefechts und in der Geschwindigkeit, in der die Nachrichten an einen vorbeiziehen, solche Sachen sich drehen können und man nicht mehr ganz genau weiß, wo oben und wo unten ist.
Doktor Renz: Du hast es total richtig gesagt, du hast nur gesagt „den Überblick verwechseln“, tolle Wortschöpfung!

„Regierung stürzen ist so easy wie nie, weil das ist ja gerade das Geile an der Demokratie“ sagt ihr in „Tanzverbot“. Auch in den sozialen Netzwerken habt ihr die Leute aufgefordert, wählen zu gehen. Wie zufrieden seid ihr jetzt mit dem Wahlergebnis in Deutschland?
König Boris
: Es ist nicht unser Wahlergebnis, das wir uns gewünscht hätten.
Doktor Renz: Ganz genau wusste ich auch nicht, was ich mir wünsche, ehrlich gesagt. Also so richtig in Wechsellaune und „Boah, da ist gerade was Krasses möglich, wenn alle das Richtige wählen“ – so ein Gefühl hatte glaube ich keiner von uns.
König Boris: Das Angebot war sehr mittel auf jeden Fall.
Doktor Renz: Aber es ist immer sehr günstig für eine Demokratie, wenn sich nach einer gewissen Regierungszeit einfach mal wieder eine andere Partei in Führung begibt. Sonst wird der Anführer der Regierungspartei immer langsamer und gemächlicher. Es wird einfach nur noch ausgesessen und einen Pudding kann man nicht an die Wand nageln. Deswegen kann man auch nicht ganz genau sagen, was falsch ist, es ist einfach wabbelig und indifferent. „Es passiert nichts, hoffentlich ist es bald vorbei – wie lange noch, Mami?“

Gegenüber Der Spiegel meinte König Boris, dass die Jugendlichen sich heutzutage nicht im althergebrachten Parteiensystem engagieren, sondern in Organisationen wie Greenpeace oder Attac. Warum gerade eine globalisierungskritische Gruppierung?
König Boris:
Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das gesagt habe. Aber ich finde es schon, dass es einfacher ist, sich mit außerparlamentarischen Gruppierungen zu organisieren, als in parteipolitischen. Das Gefühl hab ich zumindestens, dass das auch sexier für junge Leute ist, anstatt in klassischen Parteien zu sein. Ob das jetzt richtig oder falsch ist, kann ich nicht so beurteilen. Aber ich glaube, sich an Schienen ketten zu lassen oder mit ‘nem Schlauchboot so ‘nen Walfänger abzudrängen, das sind so Sachen, wo man eher das Gefühl hat was zu bewirken, als die 500. Plenumssitzung mit Abstimmung hinter sich zu bringen.
Doktor Renz: …um einen ganz kleinen Kompromiss durchzusetzen.
Björn Beton: Ja, es werden jetzt fünf Bäume abgesägt statt zehn.
Doktor Renz: Ich glaube die meisten Menschen spüren auch, dass die Probleme, die ein Land wie Deutschland und Europa und die ganze Welt zu bewältigen hat, einfach so immens sind, dass es wahrscheinlich … Selbst so eine Lichtfigur wie Obama ist innerhalb von vier Jahren entzaubert und auf einmal ist er nicht mehr der Heilsbringer, sondern einer, der es irgendwie auch nicht gerissen hat. Auch wenn die amerikanische Regierung nicht die meinige ist, ist das schon etwas, das mich enttäuscht. Weil ich natürlich auch drauf stehe, wenn jemand mit frischen Gedanken kommt. Gerade nach Bush passiert was Neues, Aufregendes und es werden alle Ungerechtigkeiten in der nächsten Legislaturperiode abgeschafft. Dann klappt’s irgendwie doch nicht und man denkt sich: Ach, reingefallen. Wie seht ihr das? Ist schon auch ein wenig enttäuschend die Performance von Obama. Wobei ihm natürlich auch die immens hohe Erwartungshaltung um die Ohren fliegt, die er sich so sicher nicht gewünscht hätte. Aber ohne die er vielleicht auch nicht gewählt worden wäre.

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Eure GmbH steht für „selbstausbeuterische Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Ist die Branche wirklich so ausbeuterisch, wie das auch gerade Miley Cyrus in den offenen Briefen von Sinead O’Connor und Amanda Palmer erläutert wird?
König Boris:
In unserem Fall ist es eher so gemeint, dass, wenn man sich entschließt, selbst eine Plattenfirma zu gründen, einen Arbeitseinsatz voraussetzt, der manchmal ein wenig selbstausbeuterisch gegenüber einem selbst sein kann.
Björn Beton: Wir müssen ja quasi beide Rollen übernehmen: Die des Arbeitnehmers und die des Chefs. Der Chef, der zu uns sagt: „Ihr müsst jetzt wieder mal einen Superhit schreiben.“ Und der Künstler, der am anderen Ende des Tisches sitzt und sagt: „Ich tu jetzt schon mein Bestes, aber ich muss auch einmal schlafen.“
König Boris: Aber es funktioniert gut und es war der richtige Schritt. Wir haben auch keinen Grund uns zu beklagen. Das 2004 zu machen war ein wichtiger Schritt für uns, weil wir das Gefühl haben, dass sich das schneller an die moderne Musikwelt anpassen kann, wenn man so eine kleine Firma ohne diesen riesigen Apparat wie bei einer Majorfirma ist, bei der Entscheidungen viel länger dauern. Wir sind zu sechst, setzen uns ins Studio, bequatschen Dinge und das wird dann am nächsten Tag umgesetzt

Welches Gefühl hattet ihr, als ihr auf so einem geschichtsträchtigen Ort wie Sealand für das Video zu „Echo“ gedreht habt?
Doktor Renz:
Voll geil. Ich hatte vor ein paar Monaten eine Reportage darüber gesehen und bin nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass ich da jemals sein könnte. Als dann einer der beiden Regisseure Jakob, den wir auch privat kennen, uns mit der Idee überraschte, waren wir sofort alle angetan und hatten das Gefühl, dass das nicht nur ein geiles Abenteuer wird, sondern auch genau die richtige Location für einen Song, in dem es um Einsamkeit und die Sehnsucht nach Austausch geht. Ganz konkret sind wir hingeflogen, dann mit dem Auto nach Harwich und dann mit dem Speed-Schlauchboot vom Sohn des Landesvaters Michael himself weiter, der uns da über eine spiegelglatte See hinkajolt hat. Dann haben wir uns ein bisschen erschrocken, als wir dann wirklich vor der Plattform standen und mit einer Schaukel hochgezogen werden sollten – von einem lauten Dieselmotor betrieben. Als wir oben waren, waren wir alle erstmal sehr, sehr erleichtert und gleichzeitig fühlt man sich auch ein bisschen gefangen, weil man weiß, dass man ohne Hilfe von außen hier gar nicht mehr wegkommt. Mittlerweile wohnt die Familie nicht mehr da. Es gibt noch einen Wachmann, die wechseln sich in zweiwöchigen Schichten ab, Joe und Mike, sehr nette Typen. Der eine ist St. Pauli Fan, das ist immer gleich sympathisch. Die lieben da wirklich ihr Erimitenleben, ohne Kühlschrank, so ein bisschen wie wir es auch im Video darstellen, mit Dosenfutter. Für die ist es natürlich ein selbst gewählter Rückzug.

Wisst ihr, warum sie das machen?
Björn Beton
: Es muss immer jemand da sein, weil sonst würde das Recht, dass das ein Staat ist, erlöschen. Sie haben ja irgendwann einen eigenen Staat namens Sealand gegründet und versuchen seitdem, international als Nation anerkannt zu werden. Darüber gibt es dann verschiedene Meinungen, ob das jetzt ein offizielles Land ist oder nicht. Aber wenn du ein Land bist, hast du verschiedene Vergünstigungen und Möglichkeiten, Sachen zu machen. In Deutschland gab es einmal den Fall, dass auf eine Anfrage reagiert wurde vom auswärtigen Amt oder irgendeiner Behörde und daraufhin hieß es dann: Das wäre ein Eingeständnis, dass das ein offizielles Land sei, sonst hätten sie ja gar nicht darauf reagiert. Jetzt muss Deutschland darauf eine Botschaft errichten.
König Boris: Und wer sind die Botschafter? (grinst)
Björn Beton: Es gibt andere Meinungen von Ländern, dass man um ein Land zu sein, auch Land braucht. Da diese Insel kein Stück Land ist, sondern im Wasser steht, kann es kein Land sein. Egal. Was ich erzählen wollte: Es muss immer einer an Bord sein, dass es weiterhin als Land gewertet werden kann und zweitens ist das Ding schon ziemlich kaputt und fällt so langsam auseinander. Man muss also bestimmte Arbeiten machen, damit das Ding nicht irgendwie absäuft. Und es muss immer einer an Bord sein, weil man da sonst gar nicht raufkommt. Man wird mit dieser Schaukel hochgezogen – wenn aber keiner oben ist, der einen hochzieht, kommt man da gar nicht rein.
Doktor Renz: Es war wahnsinnig aufregend.

 

Am 24. Jänner 2014 sind die drei Brote live im Gasometer Wien zu sehen.

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