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Kein richtiges Leben im falschen: „Sterben um zu Leben“ von Falco // Review

(Sme Media (Sony Music)/VÖ: 25.05.2018)

Der weise Theodor Adorno spricht im wohl berühmtesten Satz seiner „Minima Moralia“ davon, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe. Nach dieser Aussage fährt er mit einer seitenlangen Reflexion darüber fort, wie sich der Mensch in solch falschen respektive schwierigen Situationen am besten verhalten möge. Seine Grundannahme, dass sich der „Traum eines Daseins ohne Schande“ durchaus erfüllen kann, vertritt er in diesen Ausführungen mit Inbrunst.

Nun liegt mit Falcos „Sterben um zu Leben“ ein neues Post-Mortem-Projekt vor, das einen Adornos theoretische Annahme in einem anderen Kontext heraufbeschwören lässt. An diesem Album fühlt sich nämlich alles, wirklich alles, falsch an, Richtiges erscheint illusorisch. Ähnlich wie 2005 beim furchtbaren „Duets: The Final Chapter“ von The Notorious B.I.G., wo keinerlei Skrupel gescheut und Biggie in oft unmögliche Konstellationen (mit Korn! Ich wiederhole: mit Korn!) gezwängt wurde. Bei Falcos „Sterben um zu Leben“ wurden der Fantasie allerdings zumindest Grenzen gesetzt, lediglich bisschen mehr als ein Dutzend Deutschrapper (oder die, die sich dafür halten) wurde angehalten, verschiedene Nummern des 1998 tragisch verstorbenen Hans Hölzel auf trendige Weise zu interpretieren. Jeder Rapper hat dabei einen Track für sich alleine, stellenweise übernimmt noch ein Gastsänger die Hook. Auf spannende Kombinationen mit anderen Sprechgesangsvertretern wurde verzichtet. Anders als auf blumige Worte: Im Pressetext ist nämlich davon die Rede, dass „Sterben um zu Leben“ gar „Falcos kompromissloses Lebenswerk 20 Jahre nach dem Tod topaktuell fortführt“. Das sitzt.

Dass es natürlich nicht so kommen wird, konnte man schon anhand der Vorab-Tracks erahnen. Die erste Video-Single, „Jeanny“ von Ali As, ist eine brachiale Autotune-Trap-Qual, die nicht nur ganz oberflächlich auf Hölzels damalige Skandalnummer Bezug nimmt, sondern recht anspruchslos in den Gewässern des typischen Future-Sounds herumschippert. Ein Werk, das sogar gegen die lediglich bemühte Cover-Version von Falco-Fan Basstard aus 2011 gnadenlos abstinkt. Nicht mehr oder weniger als ein robuster Schlag in die Magengrube, das ist die Ali-As-Annäherung an „Jeanny“. Besser machte es der nachfolgende Haze, der mit seiner BoomBap-Version von „No Time for Revolution“ mit den Falco-Samples halbwegs reüssieren kann. Haze ist momentan aber in einer so guten Form, nicht einmal solche musikalischen Abenteuer können irgendeinen Schaden bei ihm anrichten.

Als richtig böse, auch im Vergleich zu Ali As, sollte sich erst die Sun-Diego-Version von „Rock Me Amadeus“ entpuppen: Aus diesem Hit des Falken, geschaffen für die Ewigkeit, da „Rock Me Amadeus“ die erste und wahrscheinlich letzte deutschsprachige Nummer 1 in den Billboard-Single-Charts darstellt, eine solch Schamesröte in das Gesicht und Gastritis im Magen erzeugende (wieder der Magen) Afro-Trap-Nummer zu machen, ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Da kann nicht einmal die „Vienna Calling“-Version von Celo & Abdi mithalten, trotz des Autotune-Berserkers Niqo Nuevo in der Hook und Fußball-Zeilen aus dem Azzlackz-Automaten, die jeglichen Wien-Bezug vermissen lassen.

Wer das alles überlebt hat, will den Rest eigentlich gar nicht hören. Wer dennoch den Mut aufbringt, dem gebührt großer Respekt, wenngleich die verbliebenen Namen des Line-Ups wie Kontra K, Sido oder Zugezogen Maskulin (!) doch eine gewisse Neugierde wecken. Den Einstieg in das Album legt Kontra K hin, der für „Zuviel Hitze“ sich auf gewohntem Terrain begibt, diesmal in der Bridge aber auch ganz selbstverständlich Kim Frank zitiert („Warum weinst du?/Denn es ist nicht der Regen/Der an deiner Nasenspitze klebt“). Und trotzdem noch relativ heil aus dieser Begegnung rauskommt.

Sidos Begegnung mit dem „Kommissar“ ist deutlich schmerzhafter. Das liegt nicht nur an der „Finger in den Hintern“-Zeile, mit der sich Sido vielleicht – sehr weit hergeholt – erhoffte, an Sigmund Freud zu erinnern und so ein bisschen Wien-Flavor auf das Tablett zu bringen („Der Kommissar hat immer recht (immer recht)/Auch wenn er grad ’n Finger in dein’n Hintern steckt (oh, oh)“). Nein, es liegt vor allem an dieser unfassbar gelangweilten Art, die Sido erneut an den Tag legt. Aus dem künstlerischen Loch, in dem er sich seit geraumer Zeit befindet, kommt er einfach nicht raus. Die Neuinterpretation von „Der Kommissar“ hat deswegen den Sympathiefaktor eines Postboten, der um sieben Uhr, während du in der Dusche bist, klingelt, du dich dann schnell anziehst und die Türe sofort öffnest, er dir aber nur einen gelben Zettel hinterlässt. Ja, so in etwa fühlt sich Sidos Beitrag an.

Mit Nazar gibt es sogar einen Wiener Rapper auf dem Album, der sich jedoch nicht mit einer neuen Nummer, sondern einem Remix des Tracks „Zwischen Zeit und Raum“, für den er 2014 viel Geld zur Klärung von Spuren aus „Die Königin von Eschnapur“ aufbrachte, in die Tracklist einträgt. Der reduzierte JMP-Remix mit zittrigen Hi-Hats schmerzt zwar nicht, aber ist kein Upgrade zum Original. Apropos reduziert: In die gleiche Kerbe schlägt 3Plusss auf „Emotional“, das sich aber schon vor Einsetzen des Falco-Parts in gähnender Langeweile verliert.

Ein besonderer Fremdscham-Moment ist „Macho Macho“, auf dem sich Jugglerz und R.I.O. an Falco austoben. Hier sind es die schrägen Betonungen von R.I.O., die mittlerweile zum Wuchern von Magengeschwören führen. Mit Omik K.s Version von „Tricks“, einem schiefen Straßenkalauer, ist auch keine Besserung in Sicht. Einen ganz eigenen Zugang wählte Frauenarzt, der die Falco-Spuren in einer Bass/Autotune-Orgie erschlägt. Ob damit das Lebenswerk Falcos kompromisslos fortgeführt wird? Eher nicht.

Der hellste Lichtstrahl in diesem künstlerisch finsteren Tal kommt schließlich von Zugezogen Maskulin, die das Setting von „Junge Römer“ in die italienische Hauptstadt verlagern und gewohnt sozialkritisch ans Werke gehen („Und da träumt er dann von der West-Sahara/Wo er träumte von dem Dolce Vita/Heut träumt er schlecht von der Policia/Hetzjagden am Lazio-Spieltag“). Das klingt in diesem Fall gar nicht verkehrt. Der Umstand, dass die beiden auf diesem Projekt so etwas von fehlplatziert wirken, bleibt trotzdem bestehen.

Fazit: Das Versprechen vom Pressetext wurde nicht eingehalten, „Sterben um zu Leben“ ist ein großes Ärgernis. Trotz einiger renommierter Namen im Line-Up erschafft fast keine Nummer einen Mehrwert. Ausnahmen sind der Haze-Track und der Zugezogen-Maskulin-Beitrag, die sich doch annehmbar gestalten – insbesondere verglichen zu den vielen Schandtaten, die hier schamlos betrieben werden. Aber da es kein Richtiges im Falschen gibt, ändert sich dadurch nichts. Dieses Projekt ist einfach eine furchtbar schlechte, eine falsche Idee. Falco, das hast du dir nicht verdient.

1 von 5 Ananas

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