Parade der Schandtaten: „Revival“ von Eminem // Review

(Aftermath/VÖ: 15.12.2017)

Um die Jahrtausendwende befand sich Eminem unbestritten auf dem Olymp des Showgeschäfts: Unglaubliche Verkaufszahlen, Erfolge in Hollywood und eine unermüdliche Coverage in den Medien, die sehnsüchtig auf Provokationen und Skandale des Detroiter Rapwunders warteten. Ignorieren ging damals nicht, die Zeile „They try to shut me down on MTV/But it feels so empty without me“ aus seinem Smash-Hit „Without Me“ entpuppte sich als treffende Beschreibung der Realität.

Mittlerweile hat sich die Situation gravierend geändert. Die Aktionen und Texte, mit denen Eminem einst für so viel Aufregung sorgte, sind längst in den Mainstream eingesickert und wurden von Rappern wie Tyler, the Creator zu neuen Extremen weitergesponnen. Der harte Befund: Die mit Eminem aufgewachsene Generation an Rappern hat ihrem einstigen Idol längst den Rang abgelaufen. Selbst sein letztes, gelungenes Album „Marshall Mathers LP 2“ war kein lange anhaltendes Argument gegen die Diagnose des zunehmenden Bedeutungsverlustes. Zwar nicht ganz so irrelevant wie MTV ist er geworden, aber fast.

Diesen Trend kann Eminem mit seinem neuen Album „Revival“ nicht umkehren. Im Gegenteil: Fast 80 Minuten lang prasselt hier musikalische Orientierungslosgkeit auf einen nieder, gekennzeichnet von ungemein kitschigen Nummern auf der einen, gruseligen Crossover-Nummern auf der anderen Seite. Dabei beginnt das Album mit der Beyoncé-Kollabo (Adele konnte nicht) „Walk on Water“ und „Believe“ sogar noch annehmbar – annehmbar im Bezug darauf, was in den folgenden Tracks sonst noch geboten wird. Diese Nummern sind nämlich „nur“ stinklangweilig. Dass Eminem noch zu ganz anderen Negativleistung imstande ist, beweist er in Tracks wie „River“ mit Ed Sheeran (den hätte Eminem wohl früher mit Haut und Haaren durch den Kakao gezogen) oder „Like Home“ mit Alicia Keys: Schlichtweg uninspirierter, anspruchsloser, absolut unnötiger Pop-Mist, bei dem nichts hängen bleiben will. Immerhin vergisst man das schnell.

Anderes bleibt länger im Gedächtnis, wie die furchtbaren Schweinerock-Nummern, die Rick Rubin verbrochen hat. Der frühe Eminem machte sich gerne und zu Recht über Limp Bizkit und Konsorten lustig. Blöd nur, dass sogar deren musikalischer Atommüll genießbarer ist als alles, was Eminem mit dem Einsatz lauter Gitarren auf „Revival“ seinen Hörern entgegenwirft. Eine einzige Rufschädigung in eigener Person, die Rick Rubin auf Nummern wie „Heat“ oder „Remind Me“ leistet – hat der Mann überhaupt kein Schamgefühl? Was verleitet ihn dazu, einen musikalischen Fetzen der ordinärsten Gangart wie „I Love Rock’n’Roll“ für ein Eminem-Album zu samplen?  Mutmaßlich erhoffte sich Eminem mit dem Engagement von Rubin, der bereits auf „Marshall Mathers LP 2“ die musikalische Federführung übernahm, den Einzug Beastie-Boys-artiger Soundästhetik. Mit Beastie Boys hat das alles nichts zu tun, sondern mehr mit – böse – Limp Bizkit. Toll hingekriegt. Kleiner Trost für Rick Rubin: Die anderen Produzenten auf „Revival“ haben auch nichts Besseres abgeliefert. Der Brite Alex da Kid, unter anderem für „Love the Way You Lie“ auf „Recovery“ oder die B.o.B.-Hitsingle „Airplanes“ verantwortlich, kredenzt auf dem Album stets halbgare Pop-Auswüchse – beispielhaft „River“, das 1:1 wie „Love the Way You Lie“ klingt. Selbst Just Blaze bietet auf „Like Home“ trostlose Radio-Kost fernab jeglichen Risikos (anders als bei „No Love“ auf „Recovery“). Den negativen Volltreffer landet aber Scram Jones, der für „In Your Head“ ernsthaft den Cranberries-Heuler „Zombies“ sampelte und damit überhaupt nichts Brauchbares anzufangen wusste. Immerhin wurde der Track im letzten Drittel des ellenlangen Albums platziert. Das Schlimmste sollte man bis dorthin schon überstanden haben.

Aber alles kein Wunder. Die Zeiten, in denen Eminem von den Bass Brothers oder Dr. Dre mit jenen groovigen Beatgerüsten ausgestattet wurde, die perfekt mit seinem Stil harmonierten, sind schließlich längst passé. Und selbst Dre war auf „Relapse“ kein Garant für ein starkes Album. Technisch kann Eminem aber immer noch überzeugen, zeigt er sich auch auf „Revival“ als Rapper mit gargantuesken Skills – im Feld der Silbenfetischisten zählt er weiterhin zu den absolut Besten, wie etwa sein Geschwindigkeitsausbruch auf „Offended“ beweist. Textlich bleibt bei der ganzen Technik-Orgie aber vieles auf der Strecke, unendlich viele peinliche Lines nisten sich auf „Revival“ ein: „I’m so narcissistic/When I fart, I sniff it“, „Just shit on my last chick/and she has what my ex lacks“ oder „That booty is heavy duty like diarrhea“, um nur einige zu nennen, die stellvertretend für den postpubertären Wortwitz des selbsternannten „Rap God“ stehen. Lines, so tiefsinnig wie die Wahlkampfreden von Donald Trump. Apropos Trump: Der findet auch auf „Revival“ Eingang, weil Eminem mit dem gegenwärtigen US-Präsidenten gar nichts anzufangen weiß. Seinen Zorn über Donald rappt sich Em am ausgeprägtesten in „Untouchable“ vom Leib. Inhaltlich sogar gelungen. Blöd nur, dass Eminem sein Anliegen mit einer solch nervigen und unhörbaren Delivery übermittelt. Einfach seinen Text im Hörbuchformat einzusprechen wäre definitv besser gekommen.

Der Spagat zwischen Social-Justice-Anliegen und Gewaltexzessen, zwischen arroganten Ansagen und Selbstzweifeln, zwischen wütenden Berseker und mitfühlenden Familienmenschen will Eminem auf „Revival“ partout nicht gelingen. Wie die Musik passt inhaltlich einfach nichts zusammen – noch viel weniger als auf „Encore“, seinem bis dato schlechtesten Album. Nach 17 schmerzhaften Tracks setzt Eminem aber doch noch zur Überraschung an. „Castle“ und „Arose“, mit denen das Album ausklingt, sind, man kann es fast nicht glauben, wirklich gute Tracks. Im DJ-Khalil-produzierten „Castle“ widmet sich Eminem seiner Tochter Hailie auf einfühlsame und mitreißende Weise. In „Arose“, der mit Abstand besten musikalischen Leistung von Rick Rubin auf „Revival“, wird Bette Midlers „The Rose“ ungewohnt ansprechend gesampelt. Eminem nutzt den Beat zu einer Thematisierung seiner Nahtoderfahrung  im Jahr 2007, als er beinahe an einer Überdosis Tabletten starb. Wie „Castle“ eine rundum gelungene Nummer. Nur schade, dass die zwei Tracks die vorigen 70 Minuten, die eine einzige Parade der Schandtaten sind, nicht vergessen lassen können.

Fazit: Eminems neues Albums ist mit der Ausnahme zweier Tracks eine musikalische Katastrophe, eine Schmonzette der übelsten Sorte. Keinerlei Gespür für Soundästhetik, peinliche Lines und Hooks mit Gänsehautmomenten – leider nur im negativen Sinn. Anders als JAY Z, der mit „4:44“ zeigte, wie man als Rapper in Würde altern kann, hat Eminem dafür noch kein Rezept gefunden. Schlimmer noch: Nach „Revival“ wäre es am besten, er würde jenem Vorschlag, den er einst Moby in „Without Me“ („You don’t know me, you’re too old, let go/It’s over, nobody listens to techno“) unterbreitete, abgewandelt selbst Folge leisten. „I’ll put out this last album, then I’m done with it“, rappt er auf „Arose“. Nach „Revival“ kann man das nur hoffen, daran ändern selbst zwei gute Tracks nichts.

0,5 von 5 Ananas

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