Aufbrechende Denkmuster // Elevate Festival 2018 Review

Um ein Festival zu reviewen, muss man sich auf seine subjektiven Eindrücke und sein limitiertes Anwesenheitspotenzial verlassen. Man kann, wie es der Volksmund so bildlich auf den Punkt bringt, mit „einem Hintern nicht auf vier Kirtagen tanzen“. Dass dies bei einem derart dichten und reichhaltigen Angebot, wie es das diesjährige „Elevate Festival“ bietet, zeitweise schmerzt, ist selbstverständlich. Was daher folgt ist der Versuch eines Überblicks.

Text: Emil Delivuk/Michael Reinhard/Sebastian Palasser
Fotos: Elevate Flickr Account 

„We are Europe is the association of 8 major European events, both festivals and forums, joining forces to promote, create and produce innovative cultural practices, defined by creative diversity and exchanges. Our common project aims to develop a prospective vision of electronic culture, technology and entrepreneurship, contributing to new social and political developments with an interdisciplinary approach.“ (Elevate Magazin)  

Die Venues

Vom Dom im Berg, Dungeon und Tunnel (jeweils im Schlossberg) zum Orpheum, Mausoleum und schließlich der Afterhour-Location Parkhouse –  jede Venue ist auch akustisch ein absolutes Highlight. Noch dazu zeigt sich Graz mit seinem verschneiten Stadtpark, der das Festival einbettet, als Austragungsort von seiner besten Seite. Festival- sowie Wochenendpässe und Tagestickets sind nahezu ausverkauft. Trotz der von Schneematsch gesäumten Straßen und Temperaturen jenseits der null Grad kann sich ein breites, diverses und vor allem internationales Publikum für das „Elevate“ erwärmen. Durchwegs herrscht gute Stimmung, was sich auf das Miteinander während des Festivals überträgt und für einen respektvollen und freundlichen Umgang sorgt. Manch einer mag diese Harmonie auf das an diversen Plätzen angebotene CBD-Marihuana der in Graz ansässigen Graslerei zurückführen. Unbestritten: Es mag seinen Beitrag geleistet haben.

„Ein Festival, das Politik und Poesie, konkrete Anliegen und begriffslose Klänge, Aktivismus und Hedonismus, Whistleblower und Technohumoristen zusammenbringt.“  So steht es im diesjährig zum ersten Mal veröffentlichten Festivalmagazin. Musik, Kunst und politischer Diskurs unter dem Motto von „Risiko & Courage“, um auch Konzerte, Performances und DJ-Lines unter dem Nimbus kultur- und gesellschaftspolitischer Fragestellungen konstruktiv zu verknüpfen.  

The Beast from the East

Nicht nur die Open-Air-Stage “Kasematten“, auf der DJ Koze, Roman Flügel und Steffi unter eingeplantem Sonnenschein spielen sollten, fallen der Großwetterlage zum Opfer (die Freiluftbühne am Schlossberg wandert kurzerhand ins ehemalige Varietétheater des Orpheum Graz). Nachdem John Maus aus unbekannten Gründen bereits zwei Tage im Voraus sogar seine ganze Europa-Tour absagen musste, fallen auch aufgrund kurzfristig gecancelter Flüge freudig erwartete Größen wie Peter Broderick, Kamaal Williams und auch Iglooghost aus. Enttäuscht wird man trotzdem nicht. Vor allem nicht von den kurzfristig angereisten Vertretungen wie etwa der Wiener Klitclique samt Performance-Star Florentina Holzinger und Kampftrainerin Btissame Amadour, welche die Abwesenheit der Londoner Underground-Jazzer schnell vergessen machen. Der massive Stilbruch funktioniert, Nummern wie „DER FEMINIST F€M1N1$T“ und „50.000€uro“ werden höchst positiv aufgenommen. Für den perfekten Auftritt fehlt, laut eigener Aussage, schließlich nur eine von der Decke hängende Kettensäge. Wenn auch offen blieb zu welchem Zweck.  

Ein Festival im Festival – das Diskursprogramm

Die Behauptung, wir hätten das volle Diskursprogramm ausgenutzt, wäre leider gelogen. Denn es ist eigentlich ein Festival für sich – mit Filmen, Workshops und hochkarätigen, international besetzten Panels. Whistleblower, Tech-Geeks und Aktivisten aus den Bereichen der Kunst, Kultur und Wissenschaft nehmen auf dem Podium des Stadtparkforums Platz.  Zum Großteil verläuft dieses Diskurs-Programm nach den klassischen Regeln eines Panels. Positionen und Ideen werden ausgetauscht, zu großer Dissens kommt jedoch selten auf. Einen Bruch mit dieser gängigen Praxis liefert das russische Kunstkollektiv Voina. Mit Verspätung kommen sie zum Panel, welches die Verbindung zwischen Kunst und Aktivismus ausloten will. Die Kinder des Ehepaares Oleg Worotnikow und Natalja Sokol nehmen auf der Bühne Platz, die Eltern halten sich im Hintergrund. Oleg fotografiert unablässig, Natalja hat eine Go-Pro umgeschnallt. In Russland gelten die beiden als „Staatsfeinde“, haben mehrere Verfahren anhängig und leben deswegen im Exil. Voina zeigen uns ein Video – man sieht ein Zimmer aus der Vogelperspektive, in dem ein nacktes Baby krabbelt. Schreie sind zu hören. Man erkennt Polizisten. Steine fliegen. Die Kinder starren, gleich wie alle, gebannt auf den Bildschirm auf der Bühne. Keiner weiß, was da gerade vor sich geht. Es ist sehr unruhig im Raum. Gute 15 Minuten lang werden wir mit dem Video allein gelassen. Ohne Kontext, ohne Erklärung. Nach dem Video schlagen uns einige pauschalisierende Statements von Oleg entgegen. Zu den Menschenrechten, zu Europa und Russland, zu den kulturellen Unterschieden und wie wir uns nie verstehen werden. Danach werden wir als Publikum allein gelassen. Das Publikum teilt ein Gefühl von Unbehagen und Lähmung. Der Bruch mit dem diskursiven Modus, die (gewollte) Irritation und Provokation wirken überfordernd. Vorträge zum Projekt „Data Workers Union“, von Manuel Beltrán zu einer kollektiven Organisation in sozialen Netzwerken oder des interdisziplinär arbeitenden Forschungszentrum Forensic Architecture, welches Narrative jenseits der staatlichen Autorität im Bereich der Forensik konstruiert, zeigen im Kontext der vorangegangenen Ohnmacht auf: Um erfolgreich Antworten zu formulieren, brauchen wir uns gegenseitig. Ohne produktives Miteinander und kollektive Strategien verhallt aufrüttelnde Provokation ohne Effekt. Für Gesprächsstoff war auf und abseits des Podiums aber in jedem Fall gesorgt (Alle Panels wurden aufgezeichnet und können bald auf der Elevate-Website gestreamt werden).

„Ein gutes Festival ist (jedenfalls) immer ein verdichteter Ausnahmezustand, in dem sich – wenn auch nur für einige Tage – die Utopie von friedlicher Koexistenz, Offenheit, Ausgelassenheit und Lebenslust realisiert.“ (Elevate Magazin)

 Musikalische Highlights

Musikalische Highlights gibt es nicht zu knapp: Beginnend mit dem virtuos-verträumten Set von Wandl, welcher bei noch relativ bescheidener Kulisse den Freitag im Dom im Berg eröffnet und beweist, wie gut sich sein fabelhaftes Album „It’s all good tho“ live umsetzen lässt. Dann DJ Koze, welcher am frühen Samstagabend im Orpheum mit einem dreistündigen Set, das leichtfüßig zwischen rhythmuslastigen druckvollen Steppern und verträumten Synthieklängen wechselt, zu Recht für Begeisterungsstürme sorgt. Ebenfalls am Samstag geht das elektrisierende Closing-Set des Römers Marco Passarani über die Bühne. Ein Technoerlebnis der Extraklasse, das dank Zustimmung der Veranstalter und unter Mithilfe der vorherigen Acts Jackmaster und Spencer spontan auf vier Stunden ausgedehnt wird. Zuletzt darf keineswegs das letzte Set des Festivals am Sonntagabend unerwähnt bleiben: Elektro-Akustik Pionier und Gesamtkunstwerk Jimi Tenor  (eingesprungen für John Maus), legt eine Performance hin, deren Faszination nur schwer in Worte zu fassen ist. Mit Korg, Controller, Mixer, Saxophon, Querflöte, Mikrofon, rosa Sakko und einem feinen Sinn für Humor ausgestattet, lotet er Genregrenzen nicht aus, sondern reißt sie nieder. Das sichtlich erschöpfte Publikum wird praktisch gezwungen, noch einmal allerletzte Kraftreserven zu mobilisieren und tanzt bis kurz nach Mitternacht. Ein perfekter Abschluss eines großartigen Festivals.

Fazit

Das „Elevate Festival 2018“ stellt sich thematisch und mit der Betonung seiner Vielfalt den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen mutig entgegen. Mit seinem Modus und seiner Vision, Aktivismus und Engagement mit Hedonismus und Lustgewinn zu verbinden, leistet das „Elevate“ einen wichtigen Beitrag zum Aufbrechen tradierter Denkmuster.

Eine wichtige Frage steht dabei im Zentrum: Die Frage danach, wie altruistisch-solidarisches Handeln in die Konsum-, Genuss und Selbstdarstellungsgewohnheiten im Kontext einer multimedial vernetzten Gesellschaft konstruktiv integriert werden kann. Dabei wird nicht mit Kritik gespart, die alleine durch einen bewusst anderen Ansatz sowie dichotome Vorstellungen von Ich-Bezogenheit und Gesellschaft geäußert werden. Dass dies alles, ganz nebenbei, in einem fantastischen Setting und mit einem großartigen Line-up umgesetzt wird, macht die Angelegenheit umso attraktiver. Dementsprechend: Danke und bis zum nächsten Jahr!

Alle Fotos vom „Elevate Festival 2018“ gibt’s hier.

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