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Ein Ort des Liebens & Scheiterns: Max Herre mit „Athen“ // Review

Bei Max Herre scheiden sich seit jeher die Geister – echte HipHop-Heads, die ihm seit Jahrzehnten gerne den Titel als Rapper absprechen möchten, sowie ein durchmischtes Publikum, das sich insbesondere an der Problemlosigkeit und Eingängigkeit seines Sounds erfreut. Max Herre, seit 1997 das Gesicht von Freundeskreis, der Stuttgarter Junge, der seit 2004 im Alleingang unterwegs ist.

(Vertigo Berlin/Universal Music/VÖ: 08.11.2019/Fotoquelle: Label)

Mit „Athen“ veröffentlichte Max Herre nun sein viertes Studio-Solo-Album, zwischen seinem letzten Studioalbum „Hallo Welt!“ und „Athen“ liegen stolze sieben Jahre. Zeit genug, sich aus der schnelllebigen und kurzweiligen Musikwelt etwas zurückzuziehen und zu reflektieren, Geschichten zu sammeln. Auf melancholische Weise erzählt Max Herre auf dem Titelsong des Albums von gescheiterter Liebe, Athen ist dabei stets fiktiver Zufluchts- und Sehnsuchtsort.

In den Achtzigerjahren lebte sein Vater in der griechischen Hauptstadt, Max Herres Kindheitserinnerungen an dortige Urlaube und die für ihn neue Kultur scheinen ihn geprägt zu haben. Ein Foto aus genau dieser Zeit, geschossen von seinem Vater, ziert das Cover und spiegelt visuell die Grundstimmung des Albums wider. Jedoch geht die Thematik auf Albumlänge weitaus tiefer als ein seichtes Schwelgen an Erinnerungen. Von dem Erwachsenwerden, dem Lieben, dem Scheitern, dem Spalten einer Gesellschaft – Max Herre erzählt, reflektiert, kritisiert. Ein Konzeptalbum, in Zeiten von Playlists. Eine mutige Entscheidung.

An Featuregästen bediente sich Max Herre reichlich und divers – angefangen bei Trettmann über Sugar MMFK, YONII, Dendemann, Megaloh, Dirk von Lowtzow, OK KID, Monchi, Afrob, Fatoni bis hin zu Alli Neumann und natürlich Joy Denalane. Der gemeinsame Song des Ehepaars entpuppt sich als eines der Highlights des Albums. Zwanzig Jahre nach dem ersten (musikalischen) Zusammentreffen („Mit Dir“) begegnen sich die beiden auf „Das Wenigste“ berührend tiefgründig und ehrlich.

Wie viele Nächte hängen vergessen in Garderoben? / Und wie viele Wände erinnern die Kämpfe, die zwischen uns tobten? / Hinter wie vielen Vorhängen hast du gestanden, die Tränen unterdrückt? / Und dann haben wir von Liebe gesungen / Unter wie vielen Bühnen ging sie verschütt‘?

Max Herre in „Das Wenigste“

Dass die Liebe hier weder glorifiziert noch verkitscht wird, trübt jedoch keineswegs die Stimmung – durch die intime Gefühlsoffenlegung der beiden Musikschaffenden erlangt der Song so eine ehrlich-schöne Note, ohne dabei in die klassische Liebessong-Schiene abzudriften.

Mit „Dunkles Kapitel“ verbirgt sich ein weiteres musikalisches Highlight auf dem Album. Beim ersten Mal Hören wirkt der Song insbesondere durch den einprägsamen Refrain: „Dunkle Kapitel unserer Geschichte / Alles vergessen, wieder reihen sie sich ein / Deutschland, Deutschland, und so weiter / Willkommen in der neuen alten Zeit“. Beim öfteren Hören offenbart sich dann der Tiefgang des Songs, mit Fatoni, Megaloh, Sugar MMFK und Dirk von Lowtzow ist auch eine geballte musikalische Vielfalt auf einem Song vereint. Hierauf erzählt Max Herre in beindruckender Wortgewandtheit von seiner Großmutter mit jüdischem Namen, wie sie ihrem Sohn das Spielen draußen verbot, weil der Nachbar zuvor gedroht hatte, sie anzuschwärzen.

Die Stärke einiger Songs schwächt andere. So werden Tracks wie „17. September“, auf welchem Max Herre über das Fortziehen seines Vaters nach Athen berichtet, oder „Terminal C (7. Sek.)“, welcher vor allem durch seinen melodischen Flow punkten kann, ungewollt in den Schatten gestellt. Erwähnenswert zeigen sich zugleich „Diebesgut“ und „Nachts“ – Songs, die vorab als Singles erschienen sind. Von „dem Fest der ungebetenen Gäste“ erzählt Max Herre auf „Nachts“, die Nacht als Sorgenmacherin. „(Nacht) Und mein Bett steht in Flammen / Und sie hält mich gefangen“. Die sowohl lyrische als auch musikalische Fülle an Songs macht dem Album etwas zu schaffen. Mit 13 Songs ist die A-Seite der Platte ausreichend bestückt, die vier weiteren Songs auf der B-Seite inklusive Feature-Gäste haben es schwer, so ihre verdiente Aufmerksamkeit zu finden.

Fazit: Die Wortgewandtheit Max Herres verleiht dem gesamten Longplayer eine Tiefe. Sein Talent, Geschichten in Musik zu verwandeln, bildet das Grundgerüst des Albums. Mit „Athen“ kreiert Max Herre eine Stimmung, eine Gefühlslage, einen fiktiven Ort, an dem geschilderte Momentaufnahmen in Retroperspektive ihr musikalisches Zuhause finden. Definitiv ist „Athen“ ein Konzeptalbum, ein Album, das eine gewisse Zeit, einen gewissen Raum beansprucht, um gehört werden zu können. Einige Songs scheinen beim oberflächlichen Hören unterzugehen, andere Songs können ihre lyrischen Stärken erst bei einer aktiven Auseinandersetzung dessen entfalten.

„Athen“ ist kein Album für Playlisten, kein Album für zwischendurch, kein Album für die schnelllebige Welt. „Athen“ ist ein Konzeptalbum mit Tiefgang, spannenden Geschichten und lyrischen Schätzen. Ein Album, das in seinem Gesamten wirkt, funktioniert und Bestand hat. Ein Album, das Freude mit sich bringt, sich für die Dauer dessen aus der kurzweiligen Welt herauszunehmen und dieses über längere Zeit wirken zu lassen.

4 von 5 Ananas
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