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Each One Teach One: Main Concept Interview

Main Concept kommt gewiss aus einer anderen Zeit. Aus einer Zeit, als zum Beispiel noch der „Each One Teach One“-Grundsatz galt und deutschsprachiger Rap medial noch nicht wirklich präsent war. David P. ist mittlerweile Dermatologe und laut Eigenaussage nur noch hobbymäßiger Rapper. Seine beiden Bandkollegen DJ Explizit und Produzent Glammerlicious konzentrieren sich dafür nach wie vor auf die Musik. Der aktuellste Main Concept-Release liegt zwar sieben Jahre zurück, dennoch zieht die 1990 gegründete Band nach wie vor ein erstaunlich breitgefächertes Publikum an. So zum Beispiel auch zuletzt im fast ausverkauften Wiener Fluc, wo sich David P. und Explizit nach ihrem Auftritt auch noch am Open Mic beteiligten und  schließlich ab drei Uhr Früh zu guter Letzt dem Message Magazin Rede und Antwort standen.


So wie die Organisatoren des heutigen Abends (Anm.: ig-fremdart bzw. 1BM-FSS) kommt ihr ja auch eher aus dem Freestyle…
David P.: Ich weiß nicht, ich sehe jetzt Freestyle nicht als eigene Richtung. Das ist normal und gehört einfach dazu. Aber so, dass Freestyle unsere Stilrichtung ist, das nicht. Auf jeden Fall haben wir aber das erste Freestylebattle in Deutschland organisiert…

…und auch die erste deutsche Freestyle Platte rausgebracht.
D: Es gab da aber noch eine davor… Es war aber auf jeden Fall nie so, dass wir gesagt hätten, wir machen Freestyle zu unserem Markenzeichen. Freestyle hat sich über die Jahre bei den Auftritten ergeben. Ich habe gesehen, dass es geht. Ich kann sogar beim Splash Festival eine halbe Stunde lang freestylen und die Leute finden es cool.

Eure Show wirkt trotz der vielen Freestyle-Einlagen sehr routiniert…
D: Wir sind ´ne Band, Mann! Natürlich ist das mittlerweile Routine, wir sind seit 22 Jahren eine Gruppe. Wir zwei haben sicher schon über tausend Auftritte gemeinsam gemacht. Einer der Gründe, warum unsere Show nicht langweilig ist, ist auch, dass die Freestyles dosiert sind. Ich freestyle jetzt nicht eine Stunde lang ohne Struktur vor mich hin, man muss nämlich auch einen Anspruch an seine Show haben. Es ist nicht die Kunst zu freestylen, freestylen kann jeder. Die Kunst ist es, die Freestyles in einem entsprechenden Rahmen in die Show zu integrieren.

Nach eurem Auftritt gab es noch eine Freestylesession, wo du auch noch eine Zeit lang aufgelegt hast. Was sagt ihr zum Niveau der Wiener Freestyler?
Explizit: Es gibt überall Leute, die super flowen können, andere wiederum nicht so gut, die aber witzige Texte oder Ideen haben. Auch wenn es teilweise verkackt ist, aber das gehört halt einfach dazu. Es war auf jeden Fall hohes Niveau.
D: In Wien gibt es ja eine große Rap-Tradition, also wird es hier auch eine große Tradition im Freestyle geben.

Interessant, dass ihr das so seht. In Wien selbst herrscht da meist eine andere Perspektive…
D: Mag ja sein, aber ich sehe das schon so. In jeder Stadt wo gerappt wird, wird auch gefreestylet. Ich persönlich habe da aber auch gar nichts anderes erwartet.

Du hast ja beim Open Mic auch ein paar Beats von Brenk gespielt…
E: Die sind einfach top. Neulich habe ich Brenk live mit Miles Bonny im Atomic Café in München gesehen, das war sehr gut. Die ganze neue Beatmaker-Generation von Dexter über Brenk bis zu Suff Daddy ist sehr cool und selbstbewusst. Früher ist ein Produzent, wenn er nicht auch noch selbst gerappt hat, für das Publikum eigentlich überhaupt nicht in Erscheinung getreten.

Vor eurem heutigen Auftritt ward ihr schon mehrmals in Wien…erstmals mit der Klasse von ´94…
D: Ne, schon davor waren wir einmal da. Damals sind wir mit Schönheitsfehler auf irgendeinem öffentlichen Platz aufgetreten. Und dann waren wir mit denen in irgendeinem riesigen Unikeller. Das war ´93 denke ich.

Gab es da nur Schönheitsfehler?
D: Das waren halt die einzigen, die wir damals kennengelernt haben. Später waren wir mit den Blumentöpfen da, dann viele so Einzelauftritte, mit den Waxos hatten wir Kontakt, mit Deph Joe hatten wir auch eine Party…im Roxy glaube ich. Besonders positiv habe ich auch unseren Wien Auftritt auf der „Bambule“ Tour von den Beginnern 1999 in Erinnerung.

Inwieweit gab es auch Wiener, die euch geistig beeinflusst haben…du hast ja heute beispielsweise mehrmals Karl Kraus erwähnt.
D: Ja ich kenne halt so paar Texte von ihm. Aber er hat mich nicht maßgeblich beeinflusst.

Du hast auch gemeint, dass Wien eine geistige Stadt wäre…
D: Ist ja auch so…überleg einmal! In Wien war ja viel los. Hier hat Sigmund Freud die Psychoanalyse erfunden. Hier war Wilhelm Reich unterwegs. Die große Tradition des AKH….Genauso die Wiener Dermatologie. Dann noch all die Künstler…der Jugendstil…

Das AKH hat ja mittlerweile nicht mehr so einen guten Ruf
D: Das weiß ich nicht. Du klingst so, als wenn du dich als Wiener nicht gut fühlst. Das ist aber dein Problem. Ich wohne hier nicht, ich lebe hier nicht. Keine Ahnung. Aber ich denke mir, wenn man aus Wien kommt, dann kommt man aus Wien. Alleine das ist schon erwähnenswert. Das Gleiche ist es mit München, da musst du dann sonst eigentlich nichts besonderes mehr machen (lacht).

Wie steht es um den Münchner Ruf?
D: Wenn du die Wohnungsmakler fragst…für die ist es geil. Wenn du die Mieter fragst, für die ist es weniger geil. Für die, die gerne schifahren ist es auch geil. München hat aber auch keinen schlechten Ruf in Deutschland. Es wollen ja alle nach München ziehen.

Ziehen nicht auch viele Leute von München weg?
D: Ja manche Leute schon. Bei mir ist es auch schon fast so, weil ich es mir mittlerweile einfach nicht mehr leisten kann. Es ziehen viele weg. Aber die meisten, die wegziehen, kommen auch wieder zurück. München hat schon Lebensqualität. Klar, es ist jetzt nicht vergleichbar mit Hamburg oder Berlin, trotzdem liebe ich meine Stadt und könnte niemals auf die Idee kommen, zu sagen, dass ich München total scheisse finde. Deswegen verstehe ich jetzt nicht, warum du als Wiener denkst, dass Wien…
E: Ich liebe Wien. Ich komme auch privat oft her. Du hast hier verschiedenste interessante Musikszenarien: die Loud Minority Partys, die ganzen Affine Records Sachen, Cid Rim, Clonious und Dorian Concept usw. Sowas passiert hier, aber nicht bei uns in München, zumindest nicht in diesem Maße. Das ist auch deswegen so, weil hier FM4 beheimatet ist, dadurch wird dem Ganzen auch ein würdiger Rahmen der Aufmerksamkeit gegeben.

In München gibt es also nichts Vergleichbares zu FM4?
E: Gut, wir haben on3, aber das ist nicht vergleichbar. Das ist zwar der Jugendsender vom Westdeutschen Rundfunk, on3 hat aber keine terrestrische Frequenz und ist nur online hörbar. Dementsprechend erreicht er auch viel weniger Leute. FM4 ist auch in München über’s Radio zu empfangen und ist sehr beliebt.

Ihr habt jetzt schon länger keinen Auftritt gehabt…
D: Wir haben schon immer wieder Auftritte, aber nicht so häufig wie früher, als wir jeden Freitag und Samstag unterwegs waren. In den Jahren hat es sich ganz einfach reduziert…

Um wie viel hat es sich reduziert?
D: Naja, ich würde sagen, dass wir im jährlichen Durchschnitt so circa einmal im Monat auftreten. Dieses Jahr war es ein bisschen mehr.

Das hat sich so konstant gehalten?
D: Ja, und die Publikumsfläche ist auch nie leer. Auch die, die zufällig da sind, weil sie jemand mitgenommen hat, sagen: „Hey cool, hätte ich jetzt so gar nicht erwartet.“ Wir müssen also nichts Neues releasen und uns Druck machen. Dieses ganze Spiel der Eitelkeiten ist bei uns irrelevant. Für mich ist das hier wie ein Kurzurlaub, ich amüsiere mich. Früher war ich Rapper als Beruf und Student als Hobby. Jetzt bin ich Rapper als Hobby.

Versuchst du, indem du das „Revoluzzer“-Gedicht von Erich Mühsam (1878-1934) während eurer Auftritte vorliest, diesem negativen, stereotypenbehafteten HipHop-Bild zu widersprechen?
D: Nein, das versuche ich gar nicht. Vor einigen Jahren habe ich von meiner Frau zum Geburtstag ein Buch über die Münchner Bohème geschenkt bekommen. Darin war dieses Gedicht vom Lampenputzer auch abgedruckt. Irgendwann haben wir bei einem unserer Auftritte versucht, das Gedicht mit einem Beat vorzutragen. Damals habe ich es noch vorgelesen, mittlerweile kann ich es auswendig, tu aber nach wie vor so, als ob ich aus dem Buch vorlesen würde. Im Nachhinein kann man sagen: logo, das wirkt diesem ungebildeten HipHop Bild entgegen, aber das war nicht meine Absicht, dem negativen Image von HipHop entgegenzuwirken. Wir wollen nicht dem Negativen entgegenwirken, sondern wollen das Positive zeigen. So haben wir schon immer Rap gemacht.

An welche Leute denkst du, wenn du den Revoluzzer rezitierst?
D: Ich denke an alle Leute, die nach Revolution schreien und keinen Plan haben und gar nicht wissen, was sie wollen, außer Aufstand generieren…und dann?! Weiter?! Dann kommen die Ideologen an die Macht und die geben dann dem System einen neuen Namen…das ist ja das, was ich gerappt habe…dann geht das Ganze wieder von vorne los, bis zu dem Punkt, wo wir jetzt sind.

Wie geht die Evolution weiter?
D: Die geht eh von selber. Wir sind an einem Punkt, wo wir uns mental und in unserer Einstellung weiterentwickeln müssen, sonst geht das hier alles zu Grunde, das zeichnet sich ganz klar ab. Vielleicht gehört das aber auch so, vielleicht braucht man diesen Druck, um sich weiterentwickeln zu können. Was mir momentan stark auffällt, ist, dass sich jeder etwas auf seine Meinung einbildet. Jeder hat zu jedem Scheiss seine Meinung. Es geht nicht um die Sache, es geht jedem um seine Meinung zur Sache. HipHop ist da auch so ein Abbild der Gesellschaft, in einem eigenen Stil…Es geht gar nicht mehr um die Sache, sondern um die Typen. Klar, wenn ich rappe, dann mache ich das nicht für die Leute, sondern für mich und für die Leute. Als ich angefangen habe zu rappen, war der Grundsatz: „Each One Teach One“. Das war das was ich von Rap vermittelt bekommen habe und da wurde ich sozusagen reingeboren, das ist mein Verständnis von HipHop. Andere sind zu einer Zeit gekommen, als dann halt wieder Bling Bling, Statussymbole, Champagner, fette Autos und Frauen am Pool am wichtigsten waren. Das hat dann auch deren Bild und Sound von HipHop geprägt, das hat aber alles seine Berechtigung.

Fühlt ihr euch dem „Each One Teach One“-Grundsatz weiterhin verpflichtet?
E: Wir selbst schon, wir haben ja auch in unserer Stadt immer die jüngeren Rapper unterstützt…
D: …und ihnen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung gegeben. Wir haben mit unserem „58 Beats“ Label begonnen, andere Künstler zu releasen, als alle gesagt haben „Rap ist tot, da geht gar nichts mehr.“ Rund um uns waren aber immer ein paar talentierte Leute, wo wir uns gesagt haben, ja cool, eigentlich muss man das genau jetzt propagieren und unterstützen. Um zu zeigen: da geht noch was. Und mittlerweile sind das ja auch alle gestandene Performer und Künstler. Viele von ihnen verdienen damit ihr Geld, das ist auch gut für uns. Die Jugend holt uns dann ja auch wieder irgendwie zurück. Wenn du niemandem hilfst, dann hilft dir dann auch niemand mehr hoch.

Interview: reisenda
Foto: Susanna Crjepok

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