Dr. Dre – „Compton“ // Review

Dr. Dre_COMPTON (2015)_Albumcover
(Aftermath/Interscope/VÖ: 07.08.2015)

Es entwickelte sich zu einem „Running-Gag“ der Musikszene: Dr. Dres unendlich oft verschobenes, drittes Soloalbum „Detox“. Und Jahr für Jahr wurden die gleichen Aussagen gebetsmühlenartig heruntergebrochen: Das Album sei bereits zu 90 Prozent fertig, ein Release stünde dementsprechend bald an. Immer wieder meldeten sich auch (angeblich) beteiligte Rapper und Produzenten zu Wort, welche die Aussagen Andre Youngs bestätigten.  Und Jahr für Jahr erschien, in gewohnter Regelmäßigkeit: nichts. Obwohl, so ganz stimmt das nicht, denn einige Tracks ließ der Doktor schon vom Stapel. Die Videosingle „I Need a Doctor“ mit Eminem bescherte ihm Doppelplatin, „Kush“ mit Akon-Hook wurde zu einem veritablen Clubhit. Aber großartig waren beide Tracks nicht – und auch die Leaks mit T.I., der angeblich auf „Detox“ eine große Rolle einnehmen sollte, machten das Kraut nicht fett.

Neben dem bekannten, Michael Cimino-ähnlichem Perfektionismus wirkten sich auch die Nebentätigkeitsfelder des Produzenten auf die Veröffentlichung von „Detox“ aus: Zögling 50 Cent erwähnte unlängst, dass Dr. Dre bei einem möglichen Flop des Albums negative Auswirkungen auf das glänzend laufende Kopfhörerlabel Beats by Dre befürchtete. Einen Imageschaden der Marke durch einen „Detox“-Flop war anscheinend nicht auszuschließen – und das wollte der Geschäftsmann, so eine Theorie, auf jeden Fall vermeiden.

Egal welcher Grund nun den Ausschlag gab, fest steht: Dr. Dres „Detox“ ist nun offiziell Geschichte. Für manche sicherlich ein Schock – aber Dre wäre eben nicht Dre, hätte er keine Überraschung in Petto. Beeinflusst durch den N.W.A.-Biopic „Straight Outta Compton“ arbeitete Andre Young die letzten Monate an einem neuen und seinem gleichsam letzten Projekt. Der schlichte Name: „Compton“. Die Herangehensweise erweckt Assoziationen zu Jay Zs zehntem Soloalbum „American Gangster“, dessen Entstehungsgeschichte ebenfalls nicht vom gleichnamigen Film getrennt werden kann. Wie „American Gangster“ entstand „Compton“ relativ schnell, zwischen Ankündigung und Releasedate lag ebenfalls kein großer Zeitraum. Ein Dr. Dre kann sich das erlauben, muss sich dieser doch um fehlende Promo wahrlich keine Sorgen machen.  Würde sein Name nicht alleine genug ziehen, kann sich der erste Hip-Hop-Milliardär überhaupt auch auf seine Apple-Geschäftspartner verlassen. Auf dem Streaming-Dienst des Unternehmens aus Cupertino unterhält der Produzent schließlich eine eigene Radiosendung. Dass „Compton“ hier auch ab und an (positive) Erwähnung findet, steht außer Frage.

Die Erwartungshaltung der Fans blieb jedoch, egal ob nun „Compton“ oder „Detox“, die gleiche. Von einem Dr. Dre, der mit „The Chronic“ und „2001“ zwei genreprägende Platten in seiner Diskografie vorweisen kann, werden stets Wunderdinge erwartet. Über fehlenden Druck kann sich Dre nicht beschweren. Schicksal der Großen, zu denen der Comptoner eben zählt.

„My discretion, f*ck your blessing, f*ck your life/F*ck your hope, f*ck your mama/F*ck your daddy, f*ck your dead homie/F*ck the world up when we came up, that’s Compton homie!“
(Kendrick Lamar,  „Genocide“)

Dr. Dre_COMPTON (2015)_Pressefoto
Foto: Universal

Doch Dr. Dre wurde nichts geschenkt, sondern entstammt einer Gegend, in der das Gesetz des Stärkeren regiert. Und dieser Gegend wird die neue Platte gewidmet. Im „Intro“, das einer Dokumentation entsprungen sein könnte, wird zunächst, untermalt von den Klängen eines Horns, die positive Frühzeit von „Compton“ thematisiert; um dann sowohl musikalisch, in dem ein deutlich dunklerer Beat einsetzt, als auch erzählerisch zu brechen: But the dream that many blacks thought they were buying has turned sour (…) Juvenile gang activity, muggings, small robberies make some blacks want to leave“. Perfektes Intro für einen Gangstastreifen der Marke Westcoast.

Der erste richtige Track fällt jedoch gleich aus dem erwarteten Schema: So rappt den ersten Part nicht der Doktor selbst, sondern ein gewisser King Mez, Rapper aus North Carolina. „Talk About It“ sorgt mit Trapsounds und Autotune dafür, dass einem gleich erste Zweifel kommen. SO klingt „Compton“? „Talk About It“ könnte schließlich auch auf einem Drake oder Travi$ Scott-Album landen. DJ Dahi als Co-Producer sei Dank. Nach der Hook von Justus (der wohl dem Glee-Club entflohen ist) folgt die nächste Überraschung: Dr. Dres Stimme hat sich hörbar entwickelt, wirkt diese nun deutlich angenehmer als auf den Alben zuvor. Auf das durchwachsene „Talk About It“ folgt mit dem trippigen „Genocide“ der erste Kracher. Ein Track, der musikalisch auch auf „To Pimp a Butterfly“ von Kendrick Lamar nicht fehl am Platz wäre. Passenderweise ist K.Dot auf „Genocide“, einer pointierten Beschreibung der Gewaltspirale Comptons, vertreten und liefert erneut eine herausragende Leistung ab.

Nach dem souligen „It All About Me“ und dem Hochleben der eigenen Arbeitsmoral in „All in a Day’s Work“ sorgt „Darkside/Gone“ für Staunen. Hier hat Dr. Dre nicht nur ein weiteres Feature von Kendrick Lamar, der ein paar Lines Richtung Drake abfeuert, sondern auch Eazy-E auf einem Track versammelt. Gänsehautmoment. Beim folgenden „Loose Cannons“ setzt vor allem Xzibit mit seinem krassen Einstieg ein Ausrufezeichen – Cold187um ist hingegen ein historisch spannendes Feature, soll sich Dr. Dre doch vom Above The Law-Rapper und Produzenten die ein oder andere Idee zwecks G-Funk abgeschaut haben. Ein alter Weggefährte wird auch auf „Issues“ gefeaturet, steht auf diesem Track eine Reunion mit Ice Cube an, die auf einem Sample von Seldas „Ince Ince“ stattfindet. Keine schlechte Sache, aber nicht wirklich aufregend. Ganz im Gegensatz zu „Deep Water“, der unter anderem von Kendrick Lamar unterstützten Charakterisierung Comptons als Haifischbecken, dessen dramaturgischer Höhepunkt im von Anderson .Paak gesprochen Outro liegt: „God please, please help me, please…Please help me, please help… Please help, please…please…“.  Ergreifend.

Danach gönnt sich Dr. Dre eine Rappause, es folgen mit „One Shot, One Kill“ vom Detroiter Aftermath-Signing Jon Connor (der seit Jahren auf ein Releasedate für sein fertiges Soloalbum wartet – Aftermath-Schicksal), unterstützt von Snoop Dogg, und mit „Just Another Day“ von The Game zwei eher vernachlässigbare Tracks.  Beide nicht schlecht, aber nicht wirklich im Gedächtnis bleibend. Das hohe Tempo, welches in der ersten Hälfte herrscht und an ein Rockalbum erinnert, wird im zweiten Teil merklich nach unten geschraubt, ein durchaus interessanter Vorgang. An Highlights stechen auf Teil 2 des Albums „Animals“, einer der besten Tracks der Albums und  Gipfeltreffen von Dr. Dre und DJ Premier, und der Eminem-Part auf „Medicine Man“ hervor; brennt doch Slim Shady ein technisches Feuerwerk ab (auch wenn die Vergewaltigungsline von vielen falsch verstanden werden dürfte). Die Beendigung der Platte ist dann abschließend Chefsache, „Talking to My Diary“ dient als des Doktors Blick auf vergangene Zeiten.

„I know Eazy can see me now, looking down through the clouds/And regardless, I know my n*gga still proud/It’s been a while since we spoke but you still my folks/We used to sit back, laugh and joke/Now I remember when we used to do all-nighters/You in the booth and Cube in the corner writing/Where Ren at? Shout out to my n*gga Yella/Damn, I miss that… shit, a n*gga having flashbacks“
(Dr. Dre, „Talking to My Diary“)

Dr. Dre war während seiner Karriere immer für Erweiterungen seines Soundspektrums offen, wie sich in der Zeit zwischen „The Chronic“ und „2001“ zeigt. „Compton“ klingt auch deshalb modern, weil sich Dre nicht vor neueren Entwicklungen im Rapbusiness abgeschottet hat. Der Einfluss eines Kendrick Lamars, der mit Eminems „Medicine Man“ die stärksten Parts der Platte abliefert, beläuft sich auch auf das – nicht an Effekten sparenden – Soundbild. Wer sich traditionelle Beats erhofft hat, wird enttäuscht sein. Findet sich Dres Grundsound nur noch in Konturen wieder, der auf „Compton“ auch mit Trapsounds (bei vielen  seiner Mit-Produzenten keine Überraschung) angereichert wird. Gemischt wurde die Platte von Dr. Dre selbst, was einen roten Faden durch das Werk beisteuert. Generell gilt: „Compton“ unbedingt auf einer hochwertigen Anlage abspielen, denn sonst geht viel vom Charme des Albums verloren. Aus Rappersicht gibt es bei den Parts von Dre nichts zu bemängeln, zeigt er sich diesmal sogar von einer persönlicheren Seite als gewohnt. Bekanntlich engagiert Andre Young zum Schreiben seiner Texte Ghostwriter, wer genau hinhört, erkennt, wer für welchen Part diesmal zuständig war.

Anders als die letzten beiden Alben wird „Compton“ das Genre nicht verändern. Es wird vielmehr gar keine Impulse setzen.  Aber Dr. Dre hat mit „Compton“ ein Album geliefert, dass ihm hörbar ein wichtiges Anliegen war. Starke Beats, gute Gastfeatures (von Anderson .Paak wird man wohl noch einiges hören – obwohl: Was wurde aus Hittman?) und ein überdurchschnittlicher Dr. Dre machen „Compton“ zu einem mehr als passablen Album. Für die Trends, und so viel ist nach „Compton“ klar, sorgen mittlerweile jedoch andere.

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