„Die Urbane“ hebt HipHop in die Politik

Mit Namen wie Def Ill ist Österreich in der Kategorie „politischer Rap“ schon ordentlich vertreten. Denkt man hingegen an die Verbindungen zwischen Politikern und Rap, hat sich (leider) das Bild von Schal und blauer Ray-Ban in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Zumindest hierzulande ein eher tristes Bild. In Berlin sieht die Sache schon ein Stück weit anders aus. Seit 20. Mai bemüht sich Die Urbane. Eine HipHop-Partei um einen Platz in der Politikwelt. Und darf dank 2000 gesammelter Unterschriften prompt an den Bundestagswahlen am 24. September teilnehmen. Nun stellen sich aber trotzdem zwei zentrale Fragen: Was will die HipHop-Partei? Und braucht es so etwas überhaupt im Parteienspektrum?

„Politik nicht für, sondern durch Menschen“

Ausgerufen wurde die Partei im Februar von den Breakdancern Raphael Hillebrand und Niels „Storm“ Robitzky. Mit den übrigen Mitgliedern (mittlerweile etwa 250) sind die restlichen Elemente des HipHop zwar auch vertreten, diese bilden aber nicht die Parteiinhalte. Im Parteiprogramm finden sich unter dem Punkt „#Bildung“ (Hashtag als Aufzählungszeichen, oida) aber interessante Vorschläge für mehr HipHop im Unterricht, dieser soll aber eher erweiternd dienen. Beatboxen ersetzt zukünftig also nicht gänzlich den Flötenunterricht. Schade eigentlich.
In ihren Grundzügen beruft sich Die Urbane primär auf die Anfänge der HipHop-Kultur bei den amerikanischen „People-of-Color“-Communities. Aus dieser Bewegung gingen schließlich Werte wie Repräsentanz, Identifikation, Selbstentfaltung und kreativer Wettstreit hervor. Als Adaption davon liegen die Ziele der DU somit in sozialer Gerechtigkeit, Gleichstellung und Selbstbestimmung unabhängig von Geschlecht, Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung, Klasse etc. Sie hoffen damit, gewaltfreie Lösungen auf die Politik übertragen zu können. Auch Umweltschutz und Massentierhaltung sind wesentliche Themen.

Nun, ein leiser Déjà-vu-Ruf sei an dieser Stelle schon angebracht. Vieles davon haben wir bereits gesehen und gehört. Was im ersten Moment wie der Versuch erscheint, Politik durch Jugendkultur aufzufrischen, entpuppt sich schnell als Zusammenwurf von Ideen des B90/Grünen und den Piraten. Ein Punkt, dem auch Urbane-Generalsekretär Fabian Blume gegenüber the message teilweise zustimmt: „Wir sind eine klassische links-grüne Partei, das ist richtig. Damit sind viele Ziele auch ähnlich“. Differenzierung sieht er jedoch in der Art und Weise, „Schieflagen“ zu beseitigen. Zudem bilde die DU die Bevölkerung innerhalb der Partei realistischer ab als bei den politischen Mitbewerbern (im Vorstand sind beispielsweise eine Frau und ein „PoC“ vertreten). Auch rassismus- und diskriminierungskritische Aspekte haben nach Eigenaussage einen höheren Stellenwert. Die DU versuche Politik somit an das Leben anzupassen – und nicht umgekehrt. „Politik nicht für, sondern durch Menschen aller Perspektiven“, lautet die Devise. Bessere Lösungen durch „HipHop-sein“.

Ivan Stevanovic (Landesvorsitzender Berlin), Fabian Blume (Generalsekretär), Niki Drakos (Vorsitzende), Raphael Hillebrand (Vorsitzender) Foto: Jacob Molotov

„HipHop-sein ist mehr als Rap hören“

Doch ab wann gilt man als HipHop? Fabian Blume hat dafür zwar eine klare Antwort, an die Bevölkerung gehört diese aber noch stärker kommuniziert. Nach wie vor können sich nicht alle mit dem gängigen Bild von HipHop identifizieren, oft auch verständlich. Im Interview darauf angesprochen, meint Blume, dass man die Musik nicht hören müsse, um HipHop zu fühlen und zu sein. Für ihn ist HipHop eine Art zu denken und zu leben. Schlichtweg humanistische Werte als Teil des Alltags. Er selbst bezeichnet sich als HipHopper, sieht aber musikalisch und künstlerisch über den Tellerrand hinaus.
Mit seiner Band Antihelden war Fabian Blume immer gesellschaftskritisch und oft politisch unterwegs. So wirkt sich für ihn die Musik auf seine politischen Herangehensweisen aus – nicht umgekehrt. Die Urbane wolle Probleme vor allem durch Kreativität lösen. Da haben sie mit ihrem Generalsekretär  gute Chancen. Dieser war nämlich 2003, damals noch als Dra-Q, für den deutschen „I’m lovin it“-Rap von McDonalds verantwortlich.

Die Urbane gegen -ismen

Setzt sich eine Partei in Verbindung mit Musik, hat dies in vielen Fällen Promo und Wählerfang als Motivation. Was die FPÖ 2013 mit ihrem Rap aufgeführt hat, hat nichts mit den HipHop-Werten zu tun, wie sie die DU vertreten möchte. Diese Vorwürfe weißt auch die DU schnell von sich. Promotion sei es vielleicht in gewisser Weise, da HipHop definitiv für Aufmerksamkeit sorgt. Wählerfang sei aber etwas anderes, „wir reden ja niemandem nach dem Mund“. Und alle leben schon lange genug mit der Kultur, um wirklich Substanz mitzubringen.
Das mag stimmen, Wählerfang sieht anders aus und in der Kultur ist Die Urbane sicher auch verankert. Schließlich sind die meisten seit den 80er/90er-Jahren in der Szene. Dass sie HipHop aber nur mit Akzeptanz, Vielfalt und friedlichen Lösungen gleichsetzen, ist fast schon zu sozialromantisch. HipHop mag aus dem Versuch heraus, Ungleichheit zu bekämpfen, gewachsen sein, aber stand und steht zu meist in Verbindung mit Rassismus, Sexismus, Homophobie und Kapitalismus. Ideologien, die die DU klar ablehnt. Und als Teil des HipHop totschweigt. Ein idealisiertes Bild. Damit ist es schwer, ein positives Image zu kreieren, ohne die negative Stigmata der eigenen Bewegung anzusprechen. Ein Blick ins Parteiprogramm vermittelt den Eindruck, HipHop sei durchwegs positiv. Teilweise auch richtig. Wer sich aber nicht intensiver mit HipHop auseinandersetzt, für den ist Rap eher asozial und feindlich. Eher Aggro Berlin als Blumio. Die Urbane könnte da durchaus hypokritisch wirken.          

Meinungsfreiheit spielt im Rap und damit auch bei der DU eine große Rolle. Aber nicht alles, was gesagt wird, unterliegt der Meinungsfreiheit – ein häufig gemachter Irrtum. So mahnt Fabian Blume, „dass Rassismus, Sexismus & Co nichts mit Meinung zu tun haben“. Aufklärung in Sachen Meinungsfreiheit gehöre also gefördert. Ein wichtiges Vorgehen gegen Hate Speech! Dies soll auch die falsche Kontextualisierung von Raptexten verhindern. Ein Aspekt, der unter dem Punkt #Bildung aber keine Erwähnung findet.

Definitiv braucht das Parteiprogramm noch  eine Überarbeitung. Damit steht die DU nicht alle da. Zugegeben: Sich häufiger selbstreflektierend mit den eigenen Standpunkten auseinanderzusetzen, würde keiner Partei schaden. Das DU-Programm beinhaltet auch eine Reihe guter, nachvollziehbarer Forderungen. Teilweise werden aber Behauptungen gestellt, die einer realistischen Lösung entbehren. Mehr Sicherheit im Netz und Aufklärung hinsichtlich von Social-Media-Algorithmen und Filterblasen sind gegenwärtige Notwendigkeiten. Nicht ganz schlüssig ist jedoch, inwiefern, laut DU, artifizielle Intelligenz für ein geeignetes Grundeinkommen sorgen soll. Kitas auszubauen und an längere Arbeitszeiten von Eltern anzupassen – sehr gut! Doch woher kommen die Betreuer für die beschriebenen 24h-Kitas?
Für eine Partei, die auf waffenlose Lösungen setzt, ist die NATO absolut kein Musterbeispiel für den Frieden. Verständlich. „Die NATO ist für die Sicherheit Deutschlands nicht mehr notwendig“, so heißt es im Parteiprogramm. Ja, Deutschland hat momentan keinen Grund sich verteidigen zu müssen, die NATO schützt aber auch davor, erst angegriffen zu werden. Dass Prävention im Humanitären stattfinden muss, steht außer Diskussion. Ja, angepasst gehört sie, das bestimmt. Die NATO gleich als „obsolet“ zu bezeichnen, ist aber doch voreilig. Warschauer Pakt hin oder her. Gut, fürchten muss sich bei uns niemand, aber im Falle: Peer-Mediation und Rap-Battle mit Putin, then.

 

 

Screenshot aus dem Parteiprogramm. #Bildung mit Unterstützung von Masta Ace

Braucht es also eine HipHop-Partei? Prinzipiell: nein. HipHop und insbesondere Rap sind durchdrungen von Politik, selbst wenn es manchmal nicht den Anschein hat. Was aber nicht heißt, dass man ihn in die Politik heben muss, um etwas zu bewirken. Hinsichtlich der Forderungen bietet Die Urbane leider nur einen schwachen Kontrast zur linken Umgebung. Das Fundament zur Problembewältigung mag zwar ein anderes sein und aus gut gedachtem Material bestehen, ist aber noch nicht stabil genug. 
Dennoch: Sich für die Werte einer besseren und friedlicheren Gesellschaft einzusetzen, egal in welcher Form, gehört gewürdigt. Und ist durchaus nötig. Was im Endeffekt die beste Ausdrucksform dafür ist, darüber lässt sich streiten. Sei es durch eine fixe Erscheinungsform oder durch die Kombination vieler. Aber wir brauchen weiterhin Parteien, die das tun. Musik und Kunst, die diese Überzeugungen weiter tragen. Und Menschen, die, trotz und vor allem in der Ungleichheit, die Stimme nicht verlieren.

*Generalsekretär Fabian Blume aka SirQLate arbeitet gegenwärtig auch an einem neuen Antihelden-Album (seine Kollabo mit Abroo), das für den Zeitraum Ende 2017, Anfang 2018 anberaumt ist.

Kommentar

Aktuell gibt es noch keine Kommentare. Seien Sie der Erste!

Kommentare verbergen
TeilenTw.Fb.Pin.
...

Bitte verwenden Sie einen aktuellen Browser, damit die Website korrekt funktioniert.

Sie sollten noch heute aktualisieren.

X