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Der posende Grübler: Samy Deluxe

Auf dem Weg zum soeben veröffentlichten vierten Soloalbum durchging eine der schillerndsten und beständigsten Figuren deutschen Raps einige Wandlungen, die er im Message Interview ausführlich reflektiert. Außerdem erklärt Samy Deluxe, warum er manchmal lieber ein unbeschriebenes Blatt wäre, eher Nas als Jay-Z bewundert und weswegen er mittlerweile einen Bogen um Linz und Graz macht. Dabei hinterließ er durchaus einen sympathischen Eindruck, auch wenn das Gesprächsende anderes vermuten ließe…

Interview: Jan Braula
Fotos: EMI
 

TM: In der Abschlussnummer vom gerade erschienenen „SchwarzWeiss“ Album führst du einen Dialog mit einem unbeschriebenen Blatt. Dabei rappst du diesem immer wieder zu, dass du selbst oft gern noch ein unbeschriebenes Blatt wärst. Wie ist das zu interpretieren?
Samy Deluxe: Ich habe in den letzten Jahren viele Rap Workshops mit Kindern und Jugendlichen geleitet, die noch diese unbeschriebenen Blätter sind. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass selbst die Kids schon gerne irgendetwas auf sich stehen hätten. Eine konkrete Aussage, wer sie sind und was sie repräsentieren. Das wird ja auch von den Medien und den Erwachsenen so vorgelebt. Wenn man aber so wie ich schon so lange in der Öffentlichkeit steht und einen Stempel hat: Ich bin das und damit werde ich assoziiert, dann merkt man erst wie schön es sein kann, oder sein müsste, wenn Leute noch nicht glauben zu wissen: das genau bist du, das erwarte ich von dir. Ich könnte ganz andere Musik machen, ohne meiner bisherigen 15 jährigen Karriere, die auch von der Erwartungshaltung und Vorstellung der Leute geprägt ist. Ich habe nach wie vor Spass an der Sache. Als Rapper ist man da aber schon in einer Welt gefangen. Es gibt irrsinnig viele Vergleichswerte, mit denen man ständig konfrontiert ist.

Würdest du jetzt als unbekannter Künstler in eine andere Musikrichtung gehen?
Ich kann es jetzt auch nicht auf den Punkt bringen und sagen, dass ich dann Rock machen würde. Allerdings ist es mit Sicherheit so, dass jede Art von vorgefertigter Meinung und Erwartung dein Tun beeinflussen. Entweder du gibst dem nach und versuchst die Erwartungen zu befriedigen, oder du arbeitest gezielt dagegen. Aber im Endeffekt orientierst du dich doch daran. Ich als Fan habe ja auch meine Erwartungen und Präferenzen. Zum Beispiel höre ich Eminem lieber Scheiße reden, als dass er über seine Tochter rappt. Das ist total ungerecht, weil ich selbst ein ähnliches Schicksal habe. Die Leute haben mich über Battle Rap kennengelernt. Manche haben damals gemeint, sie hätten gerne mehr Persönliches. Jetzt wo meine Texte persönlicher geworden sind, sagen dann wieder Andere, sie hätten gerne mehr von diesem Punchline Kram. Die Erwartungshaltung kann einem die ganze Sache nicht nur als Künstler, sondern auch als Rezipient schwerer machen.

Fallen dir außer Eminem dafür noch weitere Beispiele ein?
Diese Erfahrung hatte ich bereits mit einigen Alben. Zum Beispiel bei Nas. Ich war und bin noch immer ein sehr großer Jay-Z Fan. Aber obwohl Jay-Z konstant die besseren Alben und auch kommerziell die erfolgreichere Karriere gemacht hat, ist Nas aufgrund der Dinge, die er sich getraut hat, eigentlich der krassere Künstler. Obwohl ich selbst nicht jedes mal für seinen nächsten künstlerischen Schritt schon bereit war. Als er das „Street´s Disciple“ Album 2005 mit Salaam Remi und Live Instrumenten produziert hat, hat mir das anfangs nicht gefallen. Jetzt kann ich es aber nachvollziehen und auch feiern. Weil ich dann doch eher ein Nas, und nicht ein Jay-Z Typ bin. Ich brauche auch diese künstlerische Freiheiten und Experimente mit anderen Musikrichtungen.

Gleichzeitig ist dein jetziges Album stark im Rap Kontext verankert. Im Gegensatz zu der aktuellen Musik von vielen anderen Rappern aus deiner Anfangszeit, wie etwa Max Herre, oder Jan Delay. In der zweiten Singleauskoppelung „Poesie Album“, rappst du auch, dass du mit Rappern nicht klar kommst, die über diese Kunstform nichts wissen. Nimmst du das nach wie vor persönlich?
Ich nehme es nicht persönlich im Sinne von: du machst mir dadurch etwas kaputt, sondern allen anderen Leuten und auch dir selber. Wenn man sich einer Kunstform annimmt, die man selbst nicht versteht und nur in kleinen Fragmenten und Klischees bedienen kann, dann wird das natürlich dazu führen, dass dieses gesamte Kunstding verwässert. Und weil du auch die anderen Artists erwähnt hast…ich habe ja auch beim letzten Album das Bedürfnis gehabt etwas bisschen Erwachseneres zu machen. Damals sind andere musikalische Facetten stärker eingeflossen, vor allem Reggae und Soul.


Mittlerweile hast du dich wieder stärker in die Rap Richtung verlagert?
Diesmal hatte ich wieder mehr Lust an Rap Musik und Hip Hop Kultur. Nur weil alle anderen sagen Rap ist Scheiße, ist es nicht der konsequente Schritt vom Hip Hop weg zu gehen und zu sagen: Stimmt ist Scheiße. Natürlich begibt man sich dennoch in die Gefahr mit diesen ganzen Vollidioten in einem Satz erwähnt zu werden. Wenn ich ein Singer-Songwriter Album machen würde, wäre ich vielleicht zumindest in niveauvollerer Gesellschaft. Wie ich aber auch auch in der „Poesie Album“ Nummer sage, klingt deutscher Reggae nach Schlagerliedern, deutscher Rock rockt nicht und beim deutschen Funk springt der Funke nicht über. Deutscher Rap hat dennoch die schlechteste Reputation. Wenn sich dieses Bild überhaupt noch gerade rücken lässt, dann bin ich einer der Wenigen die das könnten. Ich habe beim jetzigen Album auch bewusste Entscheidungen getroffen, die immer dem Hip Hop gedient haben.

Welche Entscheidungen waren das beispielsweise?
Bei „Vater im Himmel“ hatte ich anfangs nach jeder Strophe einen langen Hook, den ich aber schlussendlich nur für das Ende der Nummer genommen habe. Ansonsten ist der Hook zwischen den Strophen nur eine Zeile lang, dann kommt wieder Rap. Was ja als Pop Gedanke total falsch ist, den schönen Teil ganz kurz zu machen und dann den monotonen Teil so intensiv zu halten. Aber die Gründe warum man sich in Rap verliebt hat, waren ja nicht die schönen Melodien und dass man das auch mit seiner Freundin abends im Bett hören kann. Solche Momente können da einfließen, aber es muss auch diese Ehrlichkeit da sein und nicht dieses formatgerechte Denken. Als ich mir „SchwarzWeiss“ vor Kurzem zum ersten mal selbst ganz durch gehört habe, dachte ich auch, dass das krass ist wie viel Information über einen Menschen da auf einem Album steckt. Ich finde es aber interessanter Hörer zum Denken zu provozieren, statt mit popigen Hooks nach dem Culcha Candela Prinzip ihre niedrige Denkfrequenz zufrieden zu stellen. Mir wäre das einfach zu wenig.

httpv://www.youtube.com/watch?v=vyAhn1uaQlM&feature=related
Torch „Kapitel 1“ Tribute, One Take

Deine gesellschaftspolitischen Aktionen mit deinem Verein „Crossover“ sind beim deutschsprachigen Feuilleton von der Süddeutschen Zeitung bis zum Spiegel auf Resonanz gestoßen. Deine Musik ist dabei aber nur als Randthema vorgekommen…
Deswegen wird man auch jetzt, wenn man auf meine Internetseite geht, zwar bestimmt noch irgendwo einen Link zu meinem Verein finden, aber klar im Zentrum steht auch hier die Musik. Durch meine Sozialarbeit konnte ich sicher ein paar Rap Klischees entgegenwirken. Auf der anderen Seite war es dann tatsächlich so, dass das Eine das Andere überschattet hat. Ende 2009 stand ich dann plötzlich vordergründig als super Sozialarbeiter da.

Deine Priorität ist eindeutig die Musik, die Sozialarbeit nimmt nur einen ganz kleinen Teil ein?
Ich investiere circa zwischen dreißig und vierzig Tagen im Jahr, also deutlich mehr als der Normalbürger. Allerdings mittlerweile überwiegend im Rahmen meines eigenes Vereins. Ich habe keinen Bock mehr für so für viele andere Vereine ständig die Fahne hochzuhalten, Meist sind deren Initiativen gut gemeint, aber schlecht gemacht. Deswegen ist es zwar mein Ziel, dass mein Verein wächst, letztendlich ist aber das was mir am meisten Spass macht, im Studio und schließlich auf der Bühne zu sein.

Mir kommt es so vor, als ob viele Rapper nur vor der Kamera oder bei den Aufnahmen für ihren nächsten Release rappen würden, aber keiner Übung nachgehen, und dann dementsprechend auch keine technische Weiterentwicklung zu bemerken ist. Wie kann man sich deinen Rap Alltag vorstellen?
Als wir noch im Eimsbush Basement (Anm.: WG in Hamburg, die dem 1997-2003 bestehenden und von Jan Delay gegründeten Eimsbush Label als Studio & Proberaum diente) wohnten, waren natürlich alle Nachbarn von unserem Lärmpegel und dem Rauch, der aus unserer Wohnung kam, genervt. Der einzige, der uns immer gefeiert und geschützt hat, war der Pianist, der über uns gelebt hat. Irgendwann hat er dann zu mir einmal gesagt: „Hey ich hab dich die letzten Wochen gar nicht rappen hören: Das ist dein Instrument, dass musst du doch jeden Tag üben, genauso wie ich jeden Tag am Klavier übe.“ Diese Worte waren für mich einschneidend.

Übst du das Rappen täglich?
Ich bin nicht so der Typ, der sich dann so ein Trainingsprogramm zusammenstellt. Ich schreibe einfach tagtäglich und rappe das dann auch gleich mit. Jeder Text den ich schreibe unterscheidet sich etwas vom Reimschema. Mittlerweile habe ich gemerkt, dass ich mit meiner Stimme eigentlich Percussion spiele. Ich könnte dir jeden meiner Texte genauso auf meinem Knie vor trommeln. Ich habe bisher schon 100 Wege gefunden, die geil sind und ich suche jetzt noch den 101. bis zum 200. Ich glaube man kann da noch sehr viel machen.

2007, in der ersten Deluxe Zoom Folge (Anm.: Label eigene Internetsendung von Deluxe Records; Gründer: SD; 2003-2009) sagt Ferris MC, dass er mit 33 Jahren zu alt zum Rappen wäre und deswegen damit aufgehört hat. Du bist jetzt 33. Hast du mittlerweile ähnliche Gedanken?
Wenn du mir beim vorhergehenden Album die Frage gestellt hättest, hättest du bestimmt eine andere Antwort bekommen. Damals habe ich dieses Erwachsensein sehr ernst genommen. Aber erwachsen zu sein heißt ja nicht, dass du einen großen Teil deiner Persönlichkeit ablegen musst. Vor zwei Jahren dachte ich noch, dass ich in meinem Alter alles runterschrauben muss, was noch dieser jugendlichen Wut entspringen könnte. Aber vielleicht ist diese Wut und Energie auch gar nicht jugendlich, sondern auch noch in einem drin, wenn man über 50 ist…

Gibt es da nicht auch negative Reaktionen aus deinem persönlichen Umfeld, von wegen du solltest langsam erwachsen werden und aufhören zu rappen?
Die wissen genau, dass ich das einfach bin. Das mache ich den ganzen Tag. Du kannst auch nicht jemandem der den ganzen Tag malt sagen, dass er auf einmal damit aufhören soll. Selbst alle Newcomer, und davon hatte ich viele in letzter Zeit im Studio…also echt die Guten, Hungrigen. Keiner von denen hatte annähernd meinen Output. Den Rapper von der neuen Generation, der so viel Output hat wie ich, den würde ich gerne einmal sehen. Alle die bei mir waren, waren nach zwei Tagen im Kopf ganz durcheinander, weil ich so nebenbei gesagt habe: ah ja den Song habe ich gemacht und den auch noch und ihnen dann noch nebenbei unverwendete 100 Bars vor gerappt…

Du hattest viele Lieder für das Album zur Auswahl?
Es waren sicher 140, 150 Sachen, aus denen ich auswählen konnte. Ich habe jetzt auch noch eine 10 Nummern starke EP für das Juice Magazin gemacht. Die ist allerdings viel härter ausgefallen und auf pure Rap Fans abgestimmt.

httpv://www.youtube.com/watch?v=0-AO_FaumtQ
„Scheinfranzose“, One Take

Im Track „Allein“ rappst du „ich fing alleine an, dann kamen ein paar dazu, dann waren sie wieder weg, dann kamen ein paar dazu, dann waren sie wieder weg (…)“. Da spricht du sicherlich Eimsbush beziehungsweise Deluxe Records an. In der Hook wird gesungen, dass du deinen Weg alleine gehst…
Ich habe keinen wahnsinnig großen Freundeskreis, der sich im Laufe meines Lebens gesammelt hätte und gleich geblieben wäre. Sondern nur einen Freund, den ich wirklich schon immer schon hatte, seit der fünften Klasse. Der Rest ist im Laufe des Musikmachens dazu gekommen. Davon sind viele auch wieder weggefallen. Wenn die gemeinsame Basis einer Freundschaft das Interessensfeld ist und sich das Interessensfeld ändert, oder bei mir das Hobby zum sehr erfolgreichen Beruf wird und beim anderen nicht, kann es schon sein, dass dann die Freundschaft sehr darunter leidet. Selbst wenn ich es nicht will. Ich brauche die Rechtfertigung fast, dass mir das was bringt, wenn ich mit Leuten chille. Ich habe keine Freunde, wo ich sage: wir gucken jetzt eine DVD zusammen. Aber solche mit denen ich Beats oder Texte mache, oder mit denen male…bei mir geht alles um´s kreativ sein…

Hat sich das geändert?
Früher war das gemeinsame Rumgammeln lange genug mein Ding, aber das brauche ich nicht mehr. Mich haben immer die Leute am meisten beeindruckt und beeinflusst, von denen ich irgendwas lernen konnte. Das kennst du wahrscheinlich auch: Mit manchen Leuten kannst du über Fußball reden oder irgendeinen Blödsinn, während du bei anderen aber irgendwelche krassen Wortwitz Dinger hast, oder davon inspiriert bist, wie sie Sachen formulieren. Es sind einfach sehr viele gegangen und gekommen. Nicht weil ich gerne Sachen austausche, sondern weil die meisten auch gerne stehenbleiben. Die sind dann in einer Art Comfort Zone nach dem Motto: ich bin Samies Homie und ich komme eh immer überall umsonst auf die Parties rein. Die so auf dem Film sind: ich wäre gern ein Teil von Samies Crew, oder von Samies Band. Oder ich habe jetzt so viel Geld über einen Deal durch Samy bekommen. Ich hingegen kann an einem Tag einen neuen Vertrag abschließen und 100.000 bekommen und abends einen Text schreiben. Wenn ich mich dann schlafen lege, freue ich mich darüber, dass ich einen Text geschrieben habe und nicht über die 100.000 Euro.

Bei den ersten vierzehn Konzerten von der Tour ist kein Österreich Termin dabei, das war wahrscheinlich Zufall…
Ne ne, das war schon Absicht (lacht). Nein ernsthaft, die Österreich Konzerte sind in den letzten Jahren nie gut gelaufen. Anscheinend habe ich hier viel weniger Fans als früher. Dementsprechend reicht ein Konzert in Österreich aus. Dort können dann hoffentlich alle hinkommen, die´s wollen. Wir hatten immer unsere Standardtouren, wie sie sich irgendwann einmal eingebürgert haben und jedes mal war Österreich der Downer. In Linz und Graz hatten wir in den letzten Jahren immer nur einen halbvollen Laden mit unmotivierten Leuten. Wahrscheinlich waren sie auch durch die Leere unmotiviert und haben sich dann fast schon mitschuldig gefühlt. Die Kürzung auf ein Konzert habe ich aus den selben Gründen mit Ostdeutschland gemacht.

Kennst du irgendwelche österreichischen Hip Hop Musiker?
Ich kenne die Rapper von früher, aber eigentlich nichts Neues. Natürlich habe ich den Moneyboy Hype mitbekommen, der ist ja anscheinend gerade euer Nationalheld….

Naja…
Zumindest ist er was Hip Hop anbelangt euer größtes Exportgut. Viel Glück auf jeden Fall damit.

Samy Deluxe
„SchwarzWeiss“ Vinyl ////// CD

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