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Curse Interview: „Das ist keine erstrebenswerte Welt“

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Etwas angeschlagen sei seine Stimme zur Zeit bei der täglichen, zweistündigen Liveshow. Deswegen trinke er auch „ganz unrockenrollig Tee mit Honig auf der Bühne“, erzählt ein sichtlich gut gelaunter Curse an diesem Jännernachmittag im Flex Café. In der knapp bemessenen Zeit schildert der Wahl-Berliner dann gar nicht so viel über sein aktuelles Album „Uns“, sondern vielmehr über griechische Lebensweisheiten, indische Therapiepraktiken und westliche Gleichgültigkeit.

Interview: Julia Gschmeidler
Fotos: Alexander Gotter

TM: Du hast dein allererstes Wien-Konzert auch hier im Flex gespielt. Wie war das?
Curse:
Es war so ziemlich genau vor 15 Jahren, im Januar 2000. Es könnte sogar dasselbe Wochenende gewesen sein. An das Konzert kann ich mich gar nicht mehr so erinnern. Ich weiß, dass es voll und geil war und dass noch ein paar andere österreichische Gruppen aufgetreten sind. Da habe ich auch die Waxolutionists kennen gelernt, die haben das organisiert, wahnsinnig nette Jungs. Und ich hab da eine Freundin von mir kennen gelernt, die bis heute eine meiner besten Freundinnen ist. Also super.

In einem Artikel der FAZ ist zu lesen, dass du mit 14 Jahren in Minden amerikanische GIs gebeten hast, in ihrem Studio aufnehmen zu dürfen …
Fast richtig. Ich war mit 14 mit Busy im Studio, der ist kein GI, sondern Sascha Bühren aus Bad Oeynhausen. Aber er hatte Besuch von ein paar Typen aus den USA, mit denen er produziert hat. Ich hab dann zu Busy immer gesagt: „Komm, lass mich auch mal rappen!“ Und er: „Nenene.“ Dann haben die Typen gesagt: „Lass den Jungen doch mal rappen!“ Dann hab ich mich reingestellt, danach war so okay gut, alles klar und dann hat Busy angefangen, mit mir zu produzieren. Das war noch auf Englisch.

Du hast vor Kurzem geschrieben, dass du gerade den Roman „Alexis Sorbas“ von Nikos Kazantzakis liest. Darin geht es um die die Liebe zum Leben und dass der Tod nicht gefürchtet werden soll. Hat dieses Motiv auch etwas mit deinem aktuellen Album zu tun?
Ich hab das Buch erst gelesen, nachdem mein Album fertig war. Aber ein bisschen die Einstellung, sich ein bisschen weniger Sorgen zu machen und die schönen, aber auch die schlechten Dinge zu genießen, weniger zu werten und einfach zu leben, ja, das hab ich in den letzten Jahren ein kleines bisschen mehr geschafft. Das hört man natürlich auch auf dem Album, hoffe ich, es würde mich freuen, wenn die Leute das auch hören.

War das auch ein Grund, ein bisschen zurückzuschrauben und zwei Monate nach Indien zu reisen?
Es gab so ein bestimmtes Programm, das ist so eine Mischung aus spirituellen Dingen und therapeutischen Aspekten, das wird auf der ganzen Welt angeboten. Ich wollte das unbedingt machen und der nächste Termin war laut Internet in Indien. Dann war eh gerade November, Dezember. „Tut mir eh gut, jetzt mal raus“, dachte ich mir. Dann hab ich die Reise angetreten und war zweieinhalb Monate in Indien. Aber das ist eh so mein Ding. Ich reise super gerne und viel. Ich hab auch bei meinen Alben davor lange Reisen gemacht und daraus sehr viel Inspiration bezogen.

Hat sich dieses Programm auch langfristig auf deine Einstellung und dein Leben ausgewirkt?
Total.

Inwiefern?
Man kann jetzt gar nicht sagen: Dann ist das und das. Nicht nur das Programm, sondern auch viele andere Dinge, die ich in den letzten sechs Jahren verändert habe in meinem Leben. Es ist wie so ein kleiner Samen, den ich gesät habe und der so langsam blüht, wächst und Wurzeln schlägt. Der grundsätzliche Geschmack meines Lebens hat sich verändert, es ist eher so als ob du ein krasses Gewürz hast. Du isst immer noch Kartoffelsalat, aber das ist so ein Gewürz drinnen, das dem einen ganz speziellen Touch gibt und der einfach schön ist. So ist das mit den Sachen, die ich mache. Es gibt einfach meinem ganzen Leben einen subtilen, aber sehr schönen Geschmack. Und auch den Dingen, die man sonst als negativ oder schwierig bezeichnet, die haben, wenn man genau hinguckt, auch so einen Geschmack. Das sind ein paar Sachen, die ich in den letzten Jahren mir mitgenommen habe, aus dem, was ich da gemacht habe.

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Du hast auf Instagram einen Comic von Asterix-Zeichner Albert Uderzo gepostet und dazugeschrieben, dass Liebe und Mitgefühl größer als Hass sind. Wie siehst du die momentane gesellschaftliche Entwicklung in Bezug auf die Geschehnisse in Paris?
Zwei Tage später haben sie in Nigeria 2000 Menschen umgebracht und keine Sau redet drüber. Das ist auch absurd. Was nicht heißt, dass so viele Menschenleben mehr oder weniger wert sind als so viel, oder dass das eine schlimmer ist. Aber es ist schon verrückt, dass die Politiker der ganzen Welt zusammenkommen und über das andere wird kaum geredet. Und da sterben 2000 Menschen. Wenn 2000 Menschen in Amerika gestorben wären, hättest du den 11. September, da wär auf einmal die ganze Welt anders. Das ist schon sehr ungerecht, gell? Das ist so: Ja, da in Afrika, da sterben sie ja eh.

Wie erklärst du diese Prioritätensetzung der Berichterstattung? Mit der räumlichen Distanz?
Erstens das, und weiters: wie sehr identifiziert sich der normale, deutsche Bürger mit Typen in einer ländlichen Region in Nigeria? Gar nicht. Aber mit jemandem, der in Paris wohnt, das ist eine andere Identifikation. Aber grundsätzlich finde ich, wir haben es schon schwer genug mit uns selbst. Wenn wir morgens in den Spiegel gucken und uns scheiße finden und der Nachbar nervt, oder wir uns selber annerven und wir noch unsere ganzen Sachen machen müssen und keinen Bock auf die Arbeit haben. Dann finde ich es sehr schade oder auch einfach kontraproduktiv, wenn Menschen meinen, die anderen sind schuld. Und die müssen wir jetzt alle mal plattmachen oder verunglimpfen. Und denken, damit es mir besser geht, muss ich jetzt auf die Straße gehen und gegen Islamisten demonstrieren. Oder damit es mir besser geht, muss ich jetzt die umbringen, die eine Mohammed-Karikatur gemacht haben. Ich glaub einfach, dass das niemals zum Ergebnis führt. Solange du das Glücklichsein von äußeren Umständen abhängig machst, ist das zum Scheitern verurteilt.

Deswegen finde ich es sehr schade und es bringt auch nichts, wenn Menschen sich gegenseitig hassen und sich abmetzeln, im Glauben, dass sich dadurch irgendwas verbessert. Ich finde das in jeder Ausprägung sehr schade und bedauerlich. Ob ich das aus einer christlichen oder muslimischen Motivation mach, oder aus einer politischen Motivation, weil ich rechtsradikal bin, egal welche Ausprägung das ist, ich finde das immer sehr bedauerlich. Es ist auch gerade eine komische Zeit in Deutschland. Da gehen 25.000 Leute in Dresden auf die Straße und demonstrieren gegen was eigentlich? Das weiß man gar nicht so genau, was die Leute alle für seltsame Motive haben. Ich hab eine multikulturelle Familie und einen multikulturellen Freundeskreis und es ist schon erschreckend, dass ich mir jetzt bei manchen Sachen Gedanken machen muss, ob das in Ordnung ist, mit meiner Familie oder meinen Freunden dort hinzugehen. Das ist keine erstrebenswerte Welt. Ich glaub aber nicht, dass man das nicht ändern kann, indem man andere Leute plattmacht.

Wie könnte man dieser Bewegung, in der man die Schuld beim anderen sucht, entgegenwirken?
Leider geht das nur individuell, Bildung ist vielleicht ein Aspekt, auch soziale Gerechtigkeit, mediale Verantwortung ist ein Aspekt. Jeder Spiegel-Titel der letzten fünf Jahre, der vom Islam gehandelt hat, schwarzer Hintergrund, bedrohlich aussehende Menschen, verschleiernde Frauen. Wenn du dann nicht so extrem hinterfragst, dann denkst du halt, die stehen direkt vor deiner Tür und wollen dich jetzt überfallen. Und zwar alle – alle Moslems. Die Leute schmeißen auch die Türkei in denselben Topf wie Pakistan und Indonesien oder Irak, das sind alles islamische Länder. Da herrschen überall völlig andere Zustände und Umstände, das ist eh alles totaler Umbruch. Da haben sicherlich auch die Medien einen Teil mit Verantwortung. Es geht natürlich auch um Spaltung von Leuten. Wie kannst du gut Leute kontrollieren? Indem du sie gegeneinander aufhetzt und wenn sie sich gegenseitig abmetzeln, kannst du da schön dein Ding machen. Divide and conquer, das wussten auch schon die Römer. Das ist sehr vielschichtig, aber da kann man überall anfassen und justieren. Aber am Ende des Tages, in absoluter Essenz, glaube ich nicht, dass man glücklich sein und Frieden nur durch die Veränderung von äußeren Umständen machen kann. Das geht nicht. Sonst wäre ja jeder Mensch, der reich ist, gesund und glücklich. Und jeder Mensch, der arm und krank ist, unglücklich. Das ist aber einfach nicht wahr.

Glaubst du, dass ein Ziel der Extremisten ist, die europäische Gesellschaft zu spalten?
Das weiß ich nicht. Ich glaube, dass diese Menschen von einer sehr intensiven Idee beseelt sind. Dass sie auch eine hohe Motivation haben, unmenschliche Verbrechen zu begehen. Du musst schon eine gewisse Pathologie haben, um zu sagen: Ja, ich gehe irgendwo hin und habe Bock drauf, Menschen abzumetzeln. Dann ist da auch eine Ideologie oder eine Rechtfertigung dafür. Das hat ja bei Hitler auch gut funktioniert. Wie krieg ich die Leute dazu, die ganzen Juden abzumetzeln? Ja guck mal, die sind schuld und wir sind die Besseren und wir haben die Wahrheit. Auf einmal sind Menschen fähig, finden das gut und richtig. Ich weiß nicht, ob die die Strategie verfolgen, die europäische Gesellschaft zu spalten. Ich glaube, die verfolgen die Strategie, die Weltherrschaft zu übernehmen. Eine Welt unter deren ideologischer Vorstellung.

Nach dem 11. September hast du den Track „Nichts wird mehr so sein wie es war“. Könntest du dir wieder so eine Nummer vorstellen?
Theoretisch ja. Das war eine Impulshandlung und wenn du mich eine Woche vorher gefragt hättest, hätte ich wahrscheinlich gesagt: Ich weiß es nicht. Kann sein, dass ich wieder einen Impuls bekomme, I don’t know.

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Du hast auch immer wieder junge Künstler gefördert. Wer fällt dir im Moment im Deutschrap auf, wer gefällt dir besonders und wo siehst du Entwicklungspotential?
Es gibt ein paar Leute, wo ich gucke, was die auf Youtube und Instagram veranstalten. Aber das sind Leute, die haben so 300 Klicks und sind ganz am Anfang. Viele Leute, die ich interessant finde, machen schon was. Sierra Kidd find ich ganz cool, weil er mega jung ist und mega viel Potential hat, aber der hat sein Album draußen und ist für die Eins live Krone nominiert, das ist ja kein richtiger Newcomer mehr. Gerade fällt mir nicht so der Geheimtipp ein, der jetzt schon megakrass ist, aber den noch keiner kennt.

Könntest du dir vorstellen, unter deinem eigenen Label „Indie Neue Welt“ junge Musiker aufzunehmen?
Ich glaube, ich bin kein wahrlich guter Labelchef. Ich hab das ein paar Jahre probiert. Ich habe nicht die Ambitionen, mit meinem Label großartig neue Künstler zu fördern. Ich bin froh, wenn ich meine eigenen Sachen gebacken kriege. Aber ich arbeite immer wieder mit neuen Leuten zusammen und geb ihnen Tipps. Jetzt fällt mir eine Person an: Die hat sich früher Hän Violett genannt, eine Frankfurter Rapperin und Sängerin, die nennt sich jetzt Namica und die machen gerade ihr Debütalbum und das wird ziemlich krass, glaube ich.

Und du hast einmal geschrieben, dass du Bilderbuch toll findest. Was genau an ihnen?
Bei denen gefällt mir fast alles. Der Sound ist richtig krass, die Sachen sind krass produziert, krass musikalisch, das Songwriting ist mega, ich mag die Texte, ich mag total den Schmäh vom Sänger, richtig cool. Ich find die optisch Bombe, die Videos sind klasse, ich find sie sympathisch, ich find das richtig geil. Das ist für mich auf eine gewisse Art und Weise ein ganz neuer Step in der deutschsprachigen Musik. Als ich es zum ersten Mal gehört habe, bin ich ausgeflippt, die sind richtig Killer, ich find die Hammer. Ich glaube, die werden massiv großwerden.

Das Konzert dann selbst war das Statement eines Bühnenroutiniers. Eine Mischung aus neuem Material des aktuellen „Uns“-Albums und alten Klassikern hat das eher im älteren Altersbereich angesiedelte Publikum zufriedengestellt. Curse und seine Band erfinden die Bühnenshow nicht neu, das müssen sie aber auch nicht. Zu bekannt sind seine Hits, zu gut ist der Sound der Musiker. Angereichert wurde die Show von den Curse-typischen Erzählungen zwischen den Liedern: Sei es die emotionale Ansprache vor dem Song „Kristallklarer Februar/Für P.„, oder die Ausführungen zu seinem ersten Wien-Auftritt im Jahr 2000. 

www.curse.de

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