„Es war nie mein Wunsch, Ö3-Musik zu machen“ // Crack Ignaz & Young Krillin Interview

Fotos: Daniel Shaked

Beruhigt euch mal!“, ruft Fid Mella in den angrenzenden Raum, bevor das Interview losgehen kann. Hier in einer kleinen Galerie im 7. Wiener Gemeindebezirk fand soeben eine Listening Session für „Bullies in Pullis II“ statt, das Nachfolgewerk eines sechs Jahre alten Mixtapes der beiden langjährigen Salzburger Freunde Crack Ignaz und Young Krillin (damals noch als Jazzy Dick). Auf einer gekonnt überspannten, samplebasierten Soundunterlage der Hector-Macello-Masterminds Clefco und Fid Mella haben die Hanuschplatzflow-Veteranen ein launiges Hörspiel kreiert, das einen klaren Kontrast zu ihrem bisherigen Schaffen darstellt. Zwischen all den geladenen Gästen, die sich bei jeder Menge Fonzies, einem italienischem Maissnack, amüsieren, ist es schwierig, eine Gesprächsbasis aufzubauen. Noch dazu, weil Young Krillin den letzten Zug gen Salzburg erwischen muss. Dennoch erzählen die beiden dann doch noch über ihr gemeinsames Projekt, das „absolute Freiheit“ bedeute, ihre Faszination für Kroko Jack, eine drohende Schließung von FM4 und warum Alexander Van der Bellen kein klassischer Bundespräsident sei.

Clefco hat vor einem Jahr erzählt, dass nur er und Young Krillin eine gemeinsame Platte geplant haben. Wie ist die Vierer-Kombo dann zustande gekommen?
Crack Ignaz:
Mella und ich haben gesehen, dass es noch was braucht. Wir haben gedacht: Lass sie und uns dieses Werk perfektionieren.
Young Krillin: Ich will eine ernsthafte Antwort geben. Clefco und ich haben einen Track gemacht, dem Mella und Ignaz gezeigt und der meinte gleich, dass er drauf rappen will, aber der Track sei zu leicht, machen wir was Traurigeres. So ist der erste gemeinsame Song entstanden.

Wie seid ihr auf die Idee mit dem Hörspiel gekommen?
Ignaz:
Es ist schwer zu erklären, woher Ideen kommen. Das Feeling war da und wir dachten uns: Lass uns mehr machen als nur ein Album, lass uns dem Album ein ganz anderes Level geben.
Krillin: So was Hybridmäßiges.
Ignaz: Es hat sich gut angefühlt, zu schauen, wie weit wir gehen können.

Und herausgekommen sind „die Geschichten aus der Unterwelt“?
Ignaz:
Das sind die Geschichten aus unserer aller Realitäten. Es sind Geschichten eingeflossen von Mella, Clefco, Krillin und mir und wir haben unsere Straßenerlebnisse zu hörerfreundlichen Erfahrungen ummodelliert.
Krillin: Amalgam oder ein Hybrid aus Straßengeschichten und Rich-Kid-Storys.
Ignaz: Es gibt nur Moneymakers, so wie uns.

Krillin, du hast vor Kurzem ein Statement gepostet, dass HipHop Freiheit brauche und nicht ausproduziert sein soll, es könne rough sein. Wie passt das jetzt zu dieser doch sehr professionellen Produktionsweise bei „Bullies in Pullis II“?
Ignaz:
Ausproduziert zu sein und Freiheit sind kein Widerspruch. Clefco und Mella sind in ihren Produktionen bis zu dem Punkt gegangen, zu dem sie gehen wollten. Es ist ausproduziert, aber nicht weil es eine Doktrin war, sondern weil es deren Standard ist.
Krillin: Gut gebrüllt, Tiger.
Ignaz: Das Projekt ist absolute Freiheit. Aber es ist sehr schmeichelnd, wenn du sagst es ist fuckin ausproduziert, yo, es ist fuckin lit.

Ihr bezeichnet Krillin als Erfinder des Cloudrap. Würdet ihr das Album auch noch in dieses Genre einordnen oder wie würdet ihr es definieren?
Krillin:
Also ich nicht.
Ignaz: Absolut nicht, nein. What the fuck. Wenn das auch schon Cloudrap ist, was ist dann nicht Cloudrap? Was ist dann Real Rap, was ist fuckin Rock? Ist Jazz Cloud-Klassik, oida?
Krillin: Wenn das schon Real Rap ist, ist dann nicht schon alles Real Rap?
Clefco: Es ist eh alles Real Rap. Weil ich geh mal davon aus, dass jeder Rapper real ist. Glaube ich.

Ignaz, du meintest sowieso einmal, dass dir der Ausdruck Cloudrap nicht taugt, dir vollkommen wurscht sei und du das anders bezeichnen würdest. Aber wie hast du nicht erwähnt.
Ignaz:
Ich würd’s gar nicht bezeichnen. Den Ausdruck Cloud find ich irrelevant, ich find ihn nicht gut. Ich kann aber damit leben, wenn Leute das so bezeichnen wollen.
Krillin: Wir waren die ersten Rapper, die in der Cloud stattgefunden haben.

Weil ihr euch nicht persönlich gekannt und dennoch schon gemeinsam Musik gemacht habt?
Krillin:
Weil die Files nicht auf der Festplatte sind, sondern hochgeladen zum Streamen.
Ignaz: Es braucht keine Definition von Musik. Es gibt vielleicht Leute, die sich übers Telefon zusammengeredet haben und du sagst nicht Telefon Rap dazu.

Du meintest auch mal, du möchtest mit der Musik, die du machst, kein Geld verdienen sondern ausdrücken, was dich beschäftigt. Aber inwiefern ist das überhaupt noch möglich, kein Geld damit zu machen?
Krillin:
Es ist auf jeden Fall möglich. Ich könnte meine Channels nicht monetarisieren. Ich mach es aber. Das ist jetzt das erste Album, bei dem ich überhaupt Geld machen werde.
Ignaz: Werde. Jetzt hör mal auf zum Hochstapeln, oida.
Krillin: Ja vielleicht. Inshallah, werd ich Geld machen damit.
Ignaz: Du wirst noch abgezogen, oida.

Aber ist es nicht auch dieser Freiheitsbonus, den wir in Österreich haben, dass es weder finanziellen noch kommerziellen Druck gibt?
Krillin:
Nein, oida. Da muss ich vehement widersprechen. Die Hector-Macello-Leute geben uns jede Freiheit, die wir wollen. Wir können uns künstlerisch voll verwirklichen und sie setzen uns keine Schranken.

Davon bin ich ausgegangen. Aber wir wissen alle, dass der kommerzielle Output in einem österreichischen Biotop der Kleinstsorte überschaubar ist. Lässt das wiederum nicht auch einen größeren kreativen Freiraum, wenn es keinen kommerziellen Druck im Hintergrund gibt?
Krillin:
Ich glaube nicht. Wenn du als Österreicher kommerziell werden würdest, findest du eh in Deutschland statt und nicht hier.
Ignaz: Ich find die Schlussfolgerung von Grund auf falsch, weil es gibt in Österreich nicht so einen kommerziellen Druck, weil es viel schwerer ist, hier einen Zugang zu Kommerzialität zu finden. Der Druck ist viel größer. Weil du musst jemanden erreichen.
Krillin: Meine Intention beim Musikmachen ist auf jeden Fall Leute zu erreichen, aber ich will mich dafür nicht verbiegen. Und es ist immer dieser Spagat, den man machen muss. Also ich kann keine echte Antwort darauf geben. Natürlich bist du zuerst Underground und sagst, dass du das gerne bist und dich nicht kommerziell verbiegst, weil du echt sein willst. Aber wenn du dann die Gelegenheit bekommst, Leute zu erreichen, dann nützt du das auch. Aber das Resultat werde ich erst sehen, wenn das Album rauskommt. Es ist mein erstes Release, wo wir ein bisschen außerhalb von Underground sind.

Gerade wenn die Szene so klein ist, ist es aber auch einfacher, die Crowd zu erreichen.
Krillin:
Es gibt keine spezifische österreichische Crowd, die österreichische Sachen extrem feiert. Aber die Crowd in Österreich ist auch dieselbe Crowd, die die Sachen in Deutschland feiert. Oder sehe ich das falsch? Die Sachen, die in Deutschland voll populär sind, sind ja bei uns auch voll populär.

Aber die Sachen, die in Österreich passieren, sind meiner Meinung nach freier von Zwängen.
Krillin: Ja eh, aber es bewegt sich trotzdem auf einem Underground-Level.
Ignaz: Aber sie tun sich schwer, weiter zu existieren. Es gibt auch keine Form der Kunst, die sich nicht irgendwo mit ihrer Zielgruppe auseinandersetzt. Vielleicht einer von tausend Leuten macht Kunst, die zufälligerweise perfekt vermarktbar ist und dazu führt, dass es sich erhält. Aber meistens ist Kunst was, das überhaupt keinen Kanal zum Konsumieren hat. So wie ich Kunst kenne, ist sie nicht etwas, was beinhaltet, dass man davon profitieren kann. Es ist einfach ein Output, den du hast. Davon zu leben ist wieder ganz eine andere Disziplin.
Krillin: Überhaupt so etwas wie Kunst in der Gesellschaft zu haben ist schon der ärgste Luxus. Weil Österreich so klein ist, kennt man sich gegenseitig und ist befreundet, da pusht man sich auch mehr.
Ignaz: Warum gibt es dann so wenig in Österreich, wenn all diese Faktoren eigentlich dafür sprechen?
Krillin: Prozentuell gesehen gibt es in Österreich nicht viel, aber mit Deutschland ist es wieder ärger geworden.
Ignaz: Ja, mit uns.

Ein österreichischer Künstler, den du, Ignaz, sehr feierst, ist Kroko Jack?
Ignaz: Was er mit Mundart macht, ist mehr als Mundart. Es ist für mich Musik einfach. Er nimmt eine Sprache und macht aus dieser Musik. Ist auf jeden Fall jemand, der meine Wege geleitet und eine Liebe zum Mundart-Rap gezeigt hat.

Wie passt da Scheibsta dazu? Da meintest du ja auch mal, dass er einer deiner Vorbilder ist.
Ignaz: Den kenn ich persönlich. Scheibsta ist auch aus Salzburg und ein richtiger Macher. Er hat seine eigene Kunstform entwickelt. Wenn du dich damals in Salzburg mit HipHop beschäftigt hast, war Scheibsta einer der Namen, wo du gewusst hast, der macht was, was ihm keiner nachmachen kann.
Krillin: Scheibsta war überhaupt mein erstes deutschsprachiges Release.

Ich habe mal gelesen, dass diese Postswag-Avantgarde gar nicht politisch sein kann. Würdet ihr das auch so sehen?
Ignaz: Wie lange ist das her? Willst du echt über Postswag-Avantgarde reden?
Krillin: Ich will nicht sagen, was ich damals gedacht habe. Heutzutage ist auf jeden Fall sehr politisch.

Würdet ihr euch denn als politische Menschen bezeichnen?
Ignaz: Auf jeden Fall.

Wie macht sich das bemerkbar?
Fid Mella: Dafür muss man nicht unbedingt auf eine Demo gehen. Es reicht, als Mensch ein politisches Bewusstsein zu haben.

Wirst du, Ignaz, in Deutschland jetzt eigentlich öfter auf die türkis-blaue Regierung angesprochen?
Ignaz: Es hat sich nicht geändert, die Leute sind jetzt nicht überrascht davon, dass wir in Österreich eine „leichte“ Toleranz gegenüber dem Nationalsozialismus haben.
Krillin: Wir haben international eine Toleranz dafür aufgebaut, dass wir so sind.
Ignaz: Das hat sich nicht verändert. In Deutschland ist man nicht überrascht, was bei uns passiert ist.

Krillin, du sprichst manchmal davon, dass du das Multikulturelle in deinem Salzburger Heimatstadtteil Lehen sehr magst. Bei der Bundespräsidentenstichwahl war es so, dass genau dort Hofer vor Van der Bellen geführt hat. Wie kannst du dir das erklären?
Ignaz: Ja, kann ich voll verstehen.
Krillin: Da, wo viele Ausländer sind, sind auch viele FPÖ-Wähler.

Normalerweise ist es aber auch so, dass dort, wo keine Ausländer sind, die Rechten am stärksten sind, weil auch die Berührungspunkte fehlen.
Ignaz: Da geht’s voll um die Erwartungen gegenüber einem Bundespräsidenten. Und Van der Bellen ist meiner Meinung nach politisch eindeutig vertretbarer als ein Hofer. Wenn du dir Van der Bellen ansiehst, ist er aber niemand, wo du sagst, das ist ein klassischer Bundespräsident – wenn ich mich in andere Leute hineinversetze, die sich damit nicht so beschäftigen. Die sehen nur Van der Bellen und denken sich: Wer ist das? Dann sehen sie Hofer, irrsinnig clean und denken sich: Ich will einen sauberen Typen, der fürs Land ist. Was bei den Leuten greift, hat im Großteil nichts mit Politik zu tun. In die Leute versuche ich mich hineinzuversetzen. Die sind großteils nicht an politischen Positionen, sondern an ihren eigenen Vorstellungen interessiert.

In einem alten Interview sagst du, dass du noch immer vor Ö3 sitzt und darauf wartest, dass sie deine Musik spielen …
Ignaz: Von wann ist das bitte? Ich glaube, das war nicht so ernst gemeint. (lacht) Mit Ö3 kann ich mich nicht mehr identifizieren. Eigentlich noch nie. Damals war der Punkt, dass es krass unrealistisch gewesen wäre, wenn ich auf Ö3 gespielt worden wäre. Heute kann ich mir schon eher vorstellen, dass ich Musik mache, die dort funktioniert, aber es war nie ein Wunsch von mir, Ö3-Musik zu machen.

Und was ist mit Ö1? Den Sender findest du ja super …
Ignaz:
Ö1 ist lit! Ich hab’s jetzt lang nicht mehr gehört, aber immer wieder.
Fid Mella: Ö1 spielt zu viel Klassik, das ist ein Problem.
Ignaz: Ich liebe Klassik.
Fid Mella: Mehr Jazz als Klassik von mir aus.
Ignaz: Ö1, Rotwein und Schach. Das spiele ich aber nur gegen Leute, die schlecht Schach spielen.

Vor einigen Wochen kam die Diskussion auf, dass FM4 von der neuen Bundesregierung dichtgemacht werden könnte. Welche Auswirkungen hätte das eurer Meinung nach auf die österreichische Musiklandschaft?
Ignaz: Ich kann es mir gar nicht vorstellen, dass man ernsthaft FM4 schließt. Sorry, aber es gibt außer FM4 nichts meiner Meinung nach.
Krillin: Wir haben eh schon nichts, wollt ihr uns das auch noch wegnehmen?
Ignaz: Wir haben eh versucht, FM4 mit Bullies in Pullis zu retten …
Krillin: … aber es ist an Trishes gescheitert. (grinst)
Fid Mella: Er ist einer, der FM4 noch retten kann, damit wir noch ein paar Exclusives rausballern bei Tribe Vibes, das wird FM4 auf jeden Fall helfen.

Aber es ist ja auch ein Nischensender mit einem Marktanteil von gerade einmal fünf Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen.
Ignaz: Ich find nicht. FM4 ist der einzige Sender, wo irgendwo Musik präsentiert wird, die nicht ein Mordskapital hat oder du Mordsconnections benötigst, um gespielt zu werden. Genau so muss Musik funktionieren. Ich hab keine Ahnung, welche Musik man machen muss, um in Ö3 reinzukommen. Es gibt außer FM4 niemanden, der an der heimischen Musikszene dran ist. Wenn ich mich frag, welche Musik in Österreich gerade geht, dann schalt ich nicht Ö3 oder Welle 1 ein, sondern FM4.
Fid Mella: Egal, wie viel unnötigen Scheiß FM4 aber auch pusht, muss man sagen. Nicht alles ist geil, was sie spielen, aber FM4 ist essenziell.
Ignaz: Ich finde FM4 macht das, was andere Radiosender auch machen müssen, aber nicht tun.

Was beschäftigt euch abseits davon noch gerade im Leben?
Ignaz: Clefcos Haare. Oida, ich hab selten was Schöneres gesehen.

Sonst nichts?
Ignaz:
Sonst nichts, man muss sich aufs Schöne im Leben konzentrieren. Schau dir mal bitte diese Welle an. Hast du das schon mal gesehen? Das ist wie Meer aus schwarzem Sand.
Krillin: Internationalität. Wir müssen das so machen, dass in jedem Land wo du bist, du die gleichen Streamingseiten anschauen kannst.
Clefco: Der letzte Satz: Shout-out an Message und wie in jedem Interview: never stop bullying.
Young Krillin: Freddo nel cuore (Kalt im Herzen, Anm.) Das ist italienisch und heißt Arrivederci.

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