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Alle Augen auf Chris Dave, den „Most Dangerous Drummer Alive“ // Review

(Blue Note/VÖ: 26.01.2018)

Der Houstoner Chris Dave zählt seit Jahren zu den arriviertesten Drummern im Bereich des Jazz. Dank seiner filigranen Spieltechnik, seiner Leidenschaft für das Sammeln von Snare-Sounds und einer ordentlichen Packung an Überraschungsmomenten erspielte sich Dave eine exzellente Reputation. So bezeichnete Roots-Drummer Questlove Chris Dave als „most dangerous drummer alive“ und „worst nightmare“, natürlich alles mit voller Hochachtung gesprochen, und Rick Rubin, der mit vielen großartigen Drummern zusammenarbeitete, bescheinigte ihm ein unvergleichliches Gespür für Groove, Gefühl und Emotion.

Wenig überraschend, dass der mit Tony Williams sozialisierte und vom improvisierten Arbeiten mit Robert Glasper beeinflusste Chris Dave längst nicht mehr nur für Größen in seinem Metier am Schlagzeug sitzt, sondern Engagements bei den ganz dicken Brocken in der Poplandschaft vorweisen kann: Adele vertraute für „21“ auf Chris Dave, Justin Bieber, vom Teenie-Schwarm-Saulus zum ernstzunehmenden Hitgaranten-Paulus herangewachsen, tat ebenfalls gut daran, dem Houstoner für „Purpose“ das Schlagzeug zu überlassen. Und da wäre auch noch Ed Sheeran, für den sich Chris Dave bei den Produktionen zu „X“ an die Drums setzte. Bei diesem Staraufgebot wirken Namen wie Anderson .Paak, Maxwell oder D’Angelo, die ebenfalls alle in seiner Produktionsliste stehen, fast bescheiden.

Beeindruckend ist jedoch nicht nur die lange Liste mit prominenten Namen, die auf Chris Daves Skills bauen. Auch sein Zeitmanagement scheint er mit gleicher Präzision zu handhaben wie seine Drumsticks. Schließlich schaffte er es in den vergangenen Jahren kontinuierlich an seinem „eigenen“ Projekt zu arbeiten, volles Auftragsheft hin oder her. Jedoch verständlich, dass solch ein Meister seines Faches danach trachtet, einmal selbst auf Albumlänge sich in das Spotlight zu stellen. Genau diesem Zweck soll „Chris Dave & The Drumhedz“ nun dienen.

Ob ein Drummer-Album funktioniert, ist im Wesentlichen von einer Variable abhängig. Der Funke kann nämlich nur überspringen, wenn die weiteren Beteiligten vom selben Kaliber sind wie die Person hinterm Schlagzeug. Bei Chris Dave ist das nun das geringste Problem. Adele oder Justin Bieber sind es zwar nicht, die ihn auf „Chris Dave and the Drumhedz“ unterstützen. Aber die wären sowieso nur schwer mit der musikalischen Ausrichtung seines Projektes vereinbar gewesen. In das Kingsize Studio in Los Angeles wurden stattdessen Künstler wie Anderson .Paak, Anna Wise, Bilal oder Rapper Elzhi geladen, die gemeinsamen mit den Drumhedz und Chris Dave in Jam-Atmosphäre Musik aufnahmen.

Anders als mittlerweile üblich, wollte sich Chris Dave das Herumgeschicke von Gesangsspuren und Ähnlichem sparen. Stattdessen sollte jeder Ton für seine Platte live aufgenommen werden. Das verlängerte die Produktionszeit – wie die Tatsache, dass sich unter dem Namen The Drumhedz ein Line-Up von 50 Musikern formierte, die Chris Dave tatkräftig zuarbeiteten. Das Grundgerüst der Drumhedz bildeten dabei Bassist Pino Palladino (spielte schon für Ed Sheeran, Adele, Nine Inch Nails) und Gitarrist Isaiah Sharkey (Anderson .Paak, D’Angelo), die dementsprechend oft auf „Chris Dave and the Drumhedz“ zu hören sind.

Wie zu erwarten, wirkt sich die große Zahl an Involvierten auf das Soundbild des Albums aus, das oft wild, bisweilen sogar überladen wirkt. Chris Dave arrangiert vom Schlagzeug aus die Instrumente, eine klare Linie in den Songs ist dabei nicht immer sofort erkennbar. Trotz der unbestreitbaren Einflüsse ist „Chris Dave and the Drumhedz“ kein Jazz-Album, was sich schon anhand der auf Pop ausgerichteten Strukturen der Songs zeigt. Chris Dave versucht, einen eigenen musikalischen Weg zu finden, indem er verschiedene Versatzstücke jahrelanger Drummer-Erfahrung aus unterschiedlichen musikalischen Kontexten zusammenfügen will. Das funktioniert glücklicherweise oft.

Dabei stiehlt Anderson .Paak mit dem sozialkritischen Afro-Beat-Track „Black Hole“ und dem dramatischen Nicht-so-wirklich-Love-Song „Clear View“ (mit SiR) den anderen Vokalisten ungeniert fast die Show. Fast, halten nämlich auch die Kollabo mit Elzhi, Phonte und Eric Roberson (das nach Dilla-klingende „Destiny N Stereo“), das psychedelische „Sensitive Granite“, brillierend durch Kendra Fosters prägnantes Organ, und die fabelhaften Balladen „Job Well Done“ mit Anna Wise und SiR sowie „Spread Her Wings“ mit Bilal und Tweet das hohe Niveau, welches der Dre-Zögling seinen Mitstreitern vorgibt.

Musikalisch deckt „Chris Dave and the Drumhedz“ ein breites Feld ab, beginnend bei Gospel (schöner Throwback, erlernte Chris Dave das Schlagzeugspiel in einer Kirche) über kosmischen Jazz mit beinahe Sun-Ra-Auswüchsen über Afro-Beat bis hin zu Soul und Funk sowie R’n’B mit poppigeren Ansätzen. Chris Dave gibt dabei stets den Takt vor und sträubt sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel gegen die Beiläufigkeit. Seine Drumskills (er bietet ein ganzes Sammelsurium an Snares auf und besticht durch den Einsatz einzigartiger, jazzig-nebeliger Cymbals) sind in der Tat beeindruckend und ragen bei diesem regelrechten Sound-Wirrwarr heraus.

„Chris Dave and the Drumhedz“ benötigt aufgrund seiner vielschichtigen Konsistenz jedoch mehrere Anläufe, um jedes einzelne Detail ausmachen zu können. Der Einfluss der Sessions mit Robert Glasper auf Chris Dave ist eben deutlich hörbar. An einigen Stellen wäre ein reduzierteres Soundbild deutlich besser gekommen. Den Hang, seine Hörer überfordern zu wollen, kann man Chris Dave auf diesem Album nämlich nicht absprechen.

Fazit: Hinsichtlich der musikalischen Fähigkeiten der Künstler ist „Chris Dave and the Drumhedz“ ein Fest. Ganz egal, ob es sich um die Features handelt (Anderson .Paak!) oder die Teilnehmenden im großen, fast unübersichtlichen Drumhedz-Gespann. Und trotzdem kann Schlagzeuger Chris Dave auf dieser Platte das Ruder an sich reißen. Er ist der Kapitän durch das stürmische Meer voller wellenartiger Klänge, die an manchen Stellen jedoch ein bisschen „too much“ sind. Aber das ist nun einmal der Jazz-Zugang, den Chris Dave seit Jugendjahren aufgesogen hat. „Chris Dave and the Drumhedz“ ist deswegen ein Album mit großartiger Instrumentalisierung und einigen Hits geworden (wieder Anderson. Paak), dem manchmal nur etwas die Orientierung fehlt. Gute Belege für Questloves Ehrfurcht bietet Chris Dave aber genug auf.

3,5 von 5 Ananasse

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