Irgendwie geht’s immer: „Lang lebe der Tod“ von Casper // Review

(Columbia/Sony Music/VÖ: 01.09.2017)

Wer sich in diesen Zeiten einmal aus dem bekömmlichen Safe-Space hinauswagt, wird schnell eine wenig positive Erkenntnis erlangen. Jene, dass diese Welt ein ziemlich beschissener Ort geworden ist. Generation Y trifft’s nämlich noch schlimmer als jene zuvor: Die einen vegetieren als akademisches Prekariat an den Universitäten hin, die anderen halten sich mit 1-Euro-Jobs mehr schlecht als recht über Wasser. Übertüncht wird das Ganze durch ein nicht enden wollendes Gefühl der Einsamkeit, ironischerweise durch die Kompromittierung der Welt zu einem verdammten Dorf noch verstärkt. On naît seul, on vit seul, on meurt seul. 

In solchen Zeiten sehnt sich die Jugend nach einem Messias. Wer in den vergangenen Tagen einmal auf Twitter unterwegs war, wird unweigerlich feststellen, dass viele Casper die Erfüllung jener Rolle zutrauen. Nur ist das zweifelsfrei zu viel verlangt. Casper wird uns nicht aus der gesellschaftlichen Depression holen. Aber zumindest ein gewichtiges Statement hinsichtlich des Stimmungsbildes dieser Generation im Pop abgeben können. Ein lautes „Help!“, bevor’s zu spät ist. Dazu ist er durchaus fähig, wie er in der Vergangenheit doch schon bewiesen hat. Sei es auf „XOXO“, das auf intensivste Weise das Bild einer ohnmächtigen Jugend zeichnete. Oder auf „Hinterland“, dieser einzige musikalische „Into-the-Wild“-Gedanke. Den gewaltigen Erwartungsdruck auf das neue Album „Lang lebe der Tod“ hat er sich durch diese Großtaten selbst zuzuschreiben. Der wurde nicht geringer, nachdem die erste Single gar mit einem Feature von Einstürzende-Neubauten-Mastermind Blixa Bargeld um die Ecke kam und das versprochene düstere Statement auf die Lethargie westlicher Gesellschaften malte. Dennoch hielt Casper sein großes Werk zurück, der Releasedate wurde nach hinten verschoben. Weil er nicht mit dem Album zufrieden war, wie er im Interview mit Jan Wehn glaubhaft versicherte. Eigentlich halb so schlimm, passt ein Casper-Album, vor allem wenn es so düster ausfällt wie „Lang lebe der Tod“, sowieso am besten als Intro-Musik zu bald eintretenden herbstlichen Grautönen.

Denn viele musikalische Sonnenstrahlen finden sich auf „Lang lebe der Tod“ nicht. Der Industrial-getragene Titeltrack wirft einer roboterähnlichen Jugend, die alles unhinterfragt hinnimmt, ungemütliche Fragen vor dem Latz. „Seid ihr vergnügt?“ heißt es da. Vergnügt in einer Welt, in der das Mittelmeer zum Massengrab fungiert, die Aufregung darüber sich aber in Grenzen hält. Hauptsache das WLAN im Starbucks funktioniert, damit die Bestellung der neuen Yeezy-Sneaker klappt. Ein Sujet, das Casper auch in „Alles ist erleuchtet“ aufgreift. „Alles ist erleuchtet“ enthält nicht nur eine lakonische Anspielung auf Trump, sondern teilt gleichsam gegen DagiBee und Wap-Bap-Bibi aus („Check den Instagram-Stream, fett mit Klicks was verdien’n/Bibi mit Dagi Bee – live im Kriegsgebiet mit Tipps für Teens/Jedes Outfit per Mausklick, kauf auf dem Link das Parfüm“). Klingt anständig, aber richtig riskant und wagemutig sind solche Äußerungen nicht. Bei der textlichen Zahnlosigkeit rettet auch ein von Lil B gesprochenes Outro wenig. „Keine Angst“ bietet anschließend zwar eine interessante Hook, dargeboten von Drangsal, klingt jedoch zu sehr nach „XOXO“-Leftover. „Sirenen“ fällt durch Kanye-Sound auf, will aber auch nicht wirklich zünden.  Etwaige Zweifel an „Lang lebe der Tod“ werden durch die folgende, fabelhafte Kollabo mit Ahzumjot, „Lass sie gehen“ (basierend auf einem Sample des Portugal. The Man-Tracks „Number One“), zur Seite geräumt: Wild wummernde Synthies, dramatische Chöre, eine arrogant geschmetterte Hook von Ahzumjot – das Ganze noch kombiniert mit einem Casper, der sich gegen die homophobe Rapszene beziehungsweise die deutsche Popszene generell, die kein Problem hat, rechtsoffene Künstler bei Galaveranstaltungen einzuladen, positioniert („Bin eingeladen aber geh, zu der Preisgala da nicht hin/Will die scheiß Nazis gar nicht sehen, dann ohne mich“). Ein bisschen Drake’scher „Mir geht es so schlecht weil ich so bekannt bin“-Vibe darf da auch nicht fehlen. Aber der ist sowieso auf „Lang lebe der Tod“ vielerorts enthalten und kommt am stärksten in „Meine Kündigung“ und der Generation-Y-Abrechnung „Wo die Maden graben“ zum Ausdruck. Gelungene Stellungnahmen zu den Schattenseiten des Messias-Daseins. Als textlich besonders hochwertig entpuppen sich das zwischen Post-Punk und Industrial pendelnde „Morgellon“, ein Track über Verschwörungstheorien, und „Deborah“. Dabei handelt es nicht um eine Frau, sondern um eine psychische Krankheit, der Casper den Namen „Deborah“ verliehen hat. Wirkt ehrlich und authentisch. Wie gewohnt wird das Album aber noch mit einem regelrechten Knaller beendet – „Flackern, flimmern“ mit wunderbar lauten Gitarren in der Hook (und einem fantastischen Black-Metal-Part ab Minute 4, Deafheaven-Fans werden sich freuen) bringt Stadionband-Atmosphäre. Da läuft es einem eiskalt den Rücken runter; vor allem in der Kombination mit Zeilen, die haargenau jene Stimmungslage widerspiegeln, die hier einleitend dargestellt wurde. Nur Hoffnung, die schafft es Casper zu kreieren. Irgendwie geht’s nämlich immer.

Fazit: „Lang lebe der Tod“ ist ein überwiegend tiefschwarzes Album geworden, womit Casper die Erwartungshaltung erfüllen konnte. Musikalisch absolut on point, nur wenige Ausreißer nach unten, dafür einiges an absolut meisterlich wirkenden Material. Textlich ein Album mit der Fähigkeit, als Mikrokosmos der Gefühlslage einer leidenden Generation zu gelten. Das ist schon sehr stark. Chapeau, Mr. Griffey!

4 von 5 Ananas

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