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Deutschraps Büchse der Pandora: Capital Bra mit „CB6“ // Review

(Universal/VÖ: 12.04.2019/Fotoquelle: Label)

Seit 2014 treibt Capital Bra im Deutschrap sein Unwesen. Zunächst beschränkte sich sein Wirkungsradius auf das Battle-Format „Rap am Mittwoch“, wo er nicht wirklich negativ auffiel. Das sollte sich bei Verlagerung seines Tätigkeitsfeldes ändern. Geöffnet wurde diese Deutschrap-Version der Büchse der Pandora im Jahr 2016, als Capital Bra sein Debütalbum „Kuku Bra“ vorstellte. Der kommerzielle Widerhall fiel mit Platz 32 in den deutschen Albumcharts zunächst noch bescheiden aus. Danach ging alles sehr rasant. Die Anzahl an Veröffentlichungen nahm ebenso zu wie das Ausmaß des Erfolgs. Mittlerweile kann Capital Bra mehr Nummer-eins-Hits in Deutschland vorweisen als die Beatles. Der Verglich hinkt natürlich, soll aber nur unterstreichen, dass Capital Bra momentan auf dem deutschen Musikthron sitzt.

Spinnt man die Geschichte der Büchse der Pandora weiter, gibt es sogar Gründe, dem neuen Capital-Bra-Album „CB6“ (der Titel ist eine Anspielung auf Cristiano Ronaldos Numeronym „CR7“) optimistisch entgegenzutreten. Denn in der Büchse der Pandora befindet sich bekanntlich nicht nur Unheil, sondern auch die Hoffnung. Die macht sich auch bei „CB6“ breit. Das Album ist immerhin sein erstes in Zusammenarbeit mit dem Major Universal. Die Chancen sind also gegeben, dass die neue Labelkonstellation Capital Bra einen Push verlieh und zum Ansporn führte, wenigstens ein bisschen Qualitätskontrolle zu betreiben. Vielleicht, so illusorisch es auch sein mag, bringt er mit seinem sechsten Album endlich kräftige Argumente, warum gerade er zu dem Klick-Giganten schlechthin wurde.

Zudem mangelte es in den vergangenen Monaten nicht an inhaltlichen Impulsen. Vor dem Album ging die Liaison mit Bushido zu Bruch. Instagram-Videos folgten, in denen sich Capital Bra ernüchtert über seinen ehemaligen Chef zeigt. Ein fruchtbarer Boden für wilde Spekulationen. Wer sich von Capital Bra auf „CB6“ eine Aufarbeitung der Geschehnisse erwartet, wird aber enttäuscht sein. Er verliert kein Wort zur Chose. Schade. Nicht nur Deinupdate und Konsorten hätten sich gefreut.

Dem Album hätte der Gossip zumindest ein paar Anstriche von Spannung verliehen. Die fehlt auf „CB6“ komplett. Ein Album, auf dem alle Hoffnungen auf Besserung schnell zertrümmert werden. Mit „CB6“ tischt Capital Bra lediglich die dünne musikalische Suppe der Alben zuvor auf. Mit dem Unterschied, dass er diesmal noch mehr Wasser bei der Zubereitung hinzufügte: Aspekte, die man an Capital Bra in der Vergangenheit noch irgendwie gut finden konnte, sind auf „CB6“ so nur noch stark verdünnt vorhanden.

Dazu zählt sein aggressiver Flow, der auf „CB6“ in schwachen Dosen zum Einsatz kommt. Stattdessen wird primär der gleiche Autotune-getränkte Singsang auf Kübelsauf-Melodien präsentiert, in einer Dreistigkeit, die ihresgleichen sucht. Da kann sogar sein alter Labelchef Bushido noch etwas lernen, der das Fließband-Konzept Anfang der 2010er-Jahre auf einem belanglosen Album nach dem anderen eigentlich schon ausgereizt hat.

Eingeläutet wird der Weg in dieses musikalische Labyrinth des Grauens mit gruseligen Glockenbeats, die Mark Medlock sicher auch ganz gut gefunden hätte. Die erste Abwechslung nach der vier Tracks langen Tropical-Beats-Einstiegstortur bietet „Click Click“, wofür sich Capital Bra Unterstützung von Ex-EGJ-Kollege Samra holte. Samra klingt wenigstens hungrig, das war es allerdings schon. Mit „Mexican Mafia“ wird dann ein bisschen Joker Bra in die musikalische Kloake eingestreut, an späterer Stelle trifft man sogar auf einige nachdenkliche Passagen.

Passagen, die den Eindruck von Tiefgang erwecken sowie das Gefühl vermitteln sollen, dass Capital Bra sich manchmal mehr als fünf Minuten Zeit für die Kreation seiner Songs nimmt. Exemplarisch für den reflektierten Capital Bra steht sein Einstieg auf „Wir ticken“. Seinen Part auf einer weiteren Kollabo mit Samra beginnt er mit den Zeilen „Wir tragen Gucci, Leute hungern in Nigeria/Ich bin kein Helfer und kein Dichter und kein Prediger“. Sehr deep, lelelele.

Die Pathos getränkten Abstecher Richtung Deepness sind somit nicht minder schmerzhaft wie die Goldstrand-Disco-lalalala-Musik auf „CB6“, mit Lyrics bestehend aus kindlichem Gebrabbel, Koks, Fußballernamen und Kleidungsmarken. Hauptsache irgendetwas mit Gucci (in Florenz fließen bittere Tränen, wenn die mitbekommen, wie Deutschrap die so stolze Marke in ein zweites Ed Hardy verwandelt). Nur einmal kann Capital Bra überraschen: Auf „Van der Vaart“ ist nicht der Ex-Fußballer Rafael gemeint, sondern dessen ehemalige Lebensgefährtin Sylvie. Ein wenig scheint er noch in der Vergangenheit zu leben, heißt die doch mittlerweile wieder Meis. Schlampigkeiten, dir nur zu gut ins sonstige Bild passen.

Hätte er den Song Rafael gewidmet, wäre uns inhaltlich wenigstens der sexistische Schrott erspart geblieben. Der ist keine Einzelerscheinung auf „CB6“: Dass Capital Bras Frauenbild dem eines Neandertalers gleicht, zeigt er auch auf den Songs „Schwarze Locken“ und vor allem „Prinzessa“, wo er mit charmanten Zeilen wie „Du fühlst dich cool mit deinem Louis-Koffer/Du bist ’ne richtige Hurentochter“ aufwartet. Schwiegermamas Liebling. Umso lachhafter wirkt dann der Selbstmitleidssong „Blech“, in dem Capital Bra sich über das „Herz aus Blech“ einer Frau beklagt. „Unsre Liebe war nicht lang, doch sie war echt/Das, was ich fühle, kannst du niemals fühl’n/Denn dein Herz ist aus Blech“, trällert er darin voller Pein. Sieh an, der harte Koks-Ticker, der Frauen in 99% seiner Musik wie eine Ware darstellt, ist doch ganz schön zerbrechlich, lelelele.

Wer seine Hoffnung in die Featuregäste setzt, wird ebenso enttäuscht. Die passen sich den Leistungen des Hausherren an. Neben Samra sind etwa KC Rebell und Summer Cem auf „CB6“ vertreten, die Capital Bra auf „Rolex“ (hatten wir das nicht schon einmal?) assistieren. Die beiden verflüchtigen sich aber so schnell wie ein billiges Parfum. Nimo ist auf „Bye Bye“ zu finden, sagen zumindest die Credits. Nach 18 Tracks Capital Bra hat man seine Beteiligung aber ebenso vergessen wie jene von KMNNash, der bei „Van der Vaart“ mitmischt. Alles nicht der Rede wert.

Insgesamt rangiert das Album auf einem Niveau, das an die Schnellschüsse von „DSDS“-Gewinnern erinnert. Hastig zusammengeschusterte Template-Musik, für den Massenmarkt konzipiert. Musik für den „ZDF Fernsehgarten“, die man ohne Probleme zwischen Michael Wendlers Discofox-Version von „Sie liebt den DJ“ und einem Amigos-Medley platzieren kann. Also alles andere als verwunderlich, dass Dieter Bohlen daran Gefallen findet. Diese stupide Aneinanderreihung von schiefen Tönen verspricht schließlich viel Geld, das man den Nachkommen der Jamba-Sparabo-Generation aus der Bauchtasche ziehen kann.

Fazit: Bei Capital Bra läuft das Fließband weiterhin fehlerfrei. „CB6“ ist eine Bündelung an anspruchsloser, primitiver Musik. Die „Coco-Jambo“-Beats wiederholen sich endlos, der Singsang fühlt sich an wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt, und die Features machen keine Anstalten, das Elend nur irgendwie angenehmer zu gestalten. Am ehesten darf man das Samra zuschreiben, wenn man die Ansprüche auf ein Mindestmaß herunterschraubt. Übrigens: Die Hoffnung in der Büchse der Pandora ist nur auf den ersten Blick positiv. Realiter ist sie eine Illusion, eine leere Hoffnung. Das trifft sich sehr gut, lässt sich nicht nur „CB6“ im Speziellen, sondern wohl auch der weitere Karriereverlauf von Capital Bra nicht passender als damit beschreiben.

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