Der beste Marvel-Soundtrack aller Zeiten: „Black Panther: The Album“ // Review

(Top Dawg/Aftermath/Interscope/VÖ: 09.02.2018)

Normalerweise lassen Filmregisseure nur sehr ungern in ihre Karten blicken und zögern den Zeitpunkt, an dem sie anderen ihr Werk präsentieren, so weit hinaus, bis dieses ihre endgültige Fassung enthält. Ryan Coogler, der Mann hinter der Marvel-Verfilmung von „Black Panther“, gleichsam der mindestens wichtigste Film dieses Kinojahres, ging hier einen anderen Weg. Zwar nicht den ganzen Film, doch mehr als nur ein paar satte Brocken bekam eine Person ausserhalb des Kreises der Involvierten auf dem Filmset lange vor der Fertigstellung zu sehen. Das klingt umso aufregender, da es sich bei dieser Person um Kendrick Lamar, nicht weniger als der wichtigste Rapper der Gegenwart, handelt. Und Coogler tat gut daran, Lamar Einblicke in seinen Streifen zu geben.

Verpasste er Kendrick Lamar damit einen richtigen Kreativboost; mit dem Resultat, dass die anfängliche Vereinbarung, Lamar möge ein paar Tracks für den Film recorden, zur Produktion eines gänzlichen Albums mutierte. „Black Panther: The Album – Music from and Inspired By“ nennt sich nun das Album zum Film, dessen Hooks, Produktionen und Textideen schon während Kendrick Lamars „DAMN.“-Tour Mitte August 2017 fertiggestellt wurden, wie der stark in das Projekt involvierte Produzent Sounwave erzählte. Ganz gewieft platzierte Lamar im Dezember auch einen Hinweis auf das kommende Album in seinem Video zu „LOVE.“: Darin prangert in einer Szene auf einer Filmklappe die Aufschrift „B.Panther soundtrack coming soon“. Eine überaus elegante Art der Ankündigung.

Ankündigung des Projekts in „LOVE.“

„Black Panther: The Album“ kommt für Kendrick Lamar zum richtigen Zeitpunkt, lässt sich damit auf ideale Weise die Brücke zum „DAMN.“-Nachfolger, für den es momentan definitiv noch zu früh ist, schlagen. „Black Panther“ ist schließlich auch mehr Kendrick-Lamar-Album als gewöhnlicher Soundtrack, ist er doch auf ganzen 13 von 14 Tracks beteiligt – wenngleich in den Credits nur auf fünf Songs sein Name offiziell aufscheint. Vielleicht, um sich selbst nicht allzu sehr in den Vordergrund zu rücken und das Spotlight auf die anderen Beteiligten des Soundtracks zu richten? Sehr gut möglich.

Den Kreis der Beteiligten wählten die beiden Kuratoren und ausführenden Produzenten, Kendrick Lamar und Anthony „Top Dawg“ Tiffith, sorgsam aus. Natürlich wurde sich im TDE-Roster bedient, sind bis auf Isaiah Rashad, SiR und Lance Skiiiwalker alle Artists des Labels auf dem Soundtrack vertreten. Abseits dessen entschieden sich Lamar und Tiffith für einen Mix aus „Big Names“ wie 2 Chainz, Travis Scott, The Weeknd und Future, vielversprechenden Newcomern wie Jorja Smith, dem nur Insidern bekannten Vallejo-Kollektiv SOB X RBE oder Zacari sowie südafrikanischen Rappern in Person von Saudi, Sjava oder Yugen Blakrok. Ein mehr als amtliches Line-Up, das sogar um einige eindrucksvolle Namen erweitert werden hätte sollen. Aber durch Zeitprobleme oder weil manch einer nicht in das Albumkonzept passte, fehlen einige Größen (es lässt sich nur spekulieren, um wen es sich dabei handeln könnte) auf „Black Panther“, so Sounwave.

Das ist jedoch leicht zu verschmerzen. Weil Tiffith und Lamar einfach ein goldenes Händchen beim Zusammenstellen der Kollaborationen des Albums zur Schau stellen. So brennen Jay Rock, Kendrick Lamar und Future ein wahres Feuerwerk auf „King’s Dead“ ab. Ein Feuerwerk, bei dem die Bestimmung schwierig ist, wer nun die größte Rakete ins Rennen schickt. Futures Falsett-Sequenz mit den Zeilen „La di da di da, slob on me knob/Pass me some syrup, fuck me in the car/ La di da di da, mothafuck the law/ Chitty chitty bang, murder everything“ bettelt jedoch am lautesten um einen Platz im Langzeitgedächtnis (gibt es mittlerweile auch als 10-Stunden-Version auf YouTube). Die gewohnt atmosphärischen Gesangsspuren von James Blake runden den Track dann noch auf gewohnte Weise ab.

Großes Kino, aber nicht der einzige große Moment auf „Black Panther: The Album“. Denn auch die Kollabo zwischen ScHoolboy Q, 2 Chainz, Saudi und Kendrick Lamar auf „X“ sitzt bestens. Hier ist es ScHoolboy Q, der mit seinem lockeren Flow und möglicherweise der Zeile des Albums, „Not even Kendrick can humble me„, seinen Kollegen die Show stiehlt. Und dass sich Ab-Soul, Anderson .Paak und James Blake auf „Bloody Waters“,  der dritten großen Kollabo des Albums und dem einzigen Track ohne Lamar-Input, gut ergänzen, ist auch keine wirkliche Überraschung. Alleine, welche Smoothness Anderson .Paak in den Song hineinbringt, ist aller Ehren wert.

Die größten Überraschungsmomente liefern aber die Konstellationen Vince Staples/Yugen Blakroc/Kendrick Lamar sowie Travis Scott/Kendrick Lamar ab, jedoch mit variierendem Ausgang. Denn während das trappige Bassmonster „Opps“ dadurch überrascht, dass die unbekannte Variable in Form der Südafrikanerin Yugen Blakroc ihren illustren Song-Kollegen mit einem grandiosen Part, glänzend durch machineskem Flow und durchdachten Wortspielen, eindeutig den Rang abläuft (ein Part, der übrigens vom Deutschen LMNZ recordet wurde), überrascht die Scott-Lamar-Kollabo „Big Shot“ dadurch, dass die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt werden. Im Gegenteil, klingt die „Rich & Famous“-Nummer „Big Shot“ brutal nach Schnellschuss, der dem Leistungsniveau der beiden nicht gerecht wird. Mediokre Kost, nicht mehr.

Solche Momente sind auf „Black Panther: The Album“ glücklicherweise rar gesät. Kendrick Lamar zeigt sich die meiste Zeit auf „DAMN.“-Level und kann selbst seichteren Popnummern wie „All the Stars“, das jedoch mehr wie ein SZA-Solo-Track mit Lamar-Feature als nach einer gleichberechtigten Kollabo zwischen den beiden TDE-Künstlern klingt, oder der Weeknd-Nummer „Pray for Me“ seinen Stempel  aufdrücken. Inhaltlich besonders interessant aber, wie Lamar in Verlauf des Albums zwischen zwei Perspektiven switcht. Rappt er im energetischen Opener „Black Panther“ noch aus der Sicht des „Black Panther“-Filmhelden T’Challa, wechselt er auf „King’s Dead“ die Perspektive und zeigt sich als sein Antagonist Killmonger. Ein Perspektivenwechsel als Hint zu W.E.B. Du Bois „Double Consciousness“? Wäre nicht verwunderlich, wenn Lamar genau diese Referenz damit erzeugten wollte.

Ein Soundtrack wie „Black Panther“, wenig überraschend ein absoluter Verkaufsschlager, ist zudem auch für Newcomer der ideale Ort, um sich selbst ins Spotlight zu spielen – man denke nur an Anderson .Paak, wie er seine Slots auf dem letzten Dre-Album, das zwar kein Soundtrack, aber doch ein ähnliches Konzept wie „Black Panther“ aufwies, für sich nutzen konnte. Diese Gelegenheit lassen vor allem Jorja Smith und SOB X RBE nicht verstreichen: Die 20-jährige Britin liefert mit „I Am“ eine einfühlsame Pop-Ballade, die man nicht so schnell vergisst. Das Kollektiv SOB X RBE hingegen kredenzt im Verbund mit Kendrick Lamar auf dem harten Trap-Banger „Paramedic!“ kompromisslose Straßenlyrik, die nachwirkt.

Ein besonderes Feature auf „Black Panther“ sind die zahlreichen Zulu-Elemente, die sich harmonisch in den Sound des Albums, der aus Westcoast-Rap und Trap, Soul, R’n’B, Pop und auch Afro-Beat besteht, einfügen. Dieser Afrika-Anstrich wirkt keineswegs aufgesetzt, sondern als logischer Bestandteil eines Albums, das eben nicht nur als Album zu einem Film dient, sondern als musikalische Repräsentation der globalen „Black Community“.

Fazit: „Black Panther: The Album“ besticht in mehrerer Hinsicht: Die Rap-Parts sind fast durchgehend auf einem hohen Niveau, die Beats, produziert von einer Vielzahl an Produzenten, aber meistens unter der Federführung Sounwaves entstanden, decken zwar ein breites musikalisches Spektrum ab, ergeben aber dennoch ein stimmiges Gesamtbild. Lediglich an absoluten Gänsehautmomenten mangelt es dem Soundtrack, treten diese auf „Black Panther“, im Gegensatz zu den Soloalben von Kendrick Lamar, nur sehr vereinzelt auf. Das schmälert aber nicht den Eindruck, dass Kendrick Lamar und Anthony „TDE“ Triffith hiermit eine imposante Compilation abliefern, die zweifelsfrei auch als eigenständiges Werk existieren kann, als Soundtrack aber zur vollen Blüte auffährt. Schlichtweg der beste Marvel-Soundtrack aller Zeiten. Und noch einmal ein Dank an Ryan Coogler, dass er Kendrick Lamar vorab Filmsequenzen zeigte. Hat sich ausgezahlt.

4 von 5 Ananas

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