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Wilder Gefühlsritt mit Autotune: BANKS mit „III“ // Review

Frau in hellroter Beleuchtung vor Wand
(Harvest/VÖ: 12.07.2019)

Wer der kalifornischen Sängerin Jillian Banks aka BANKS 2013 eine große Zukunft bescheinigte, wagte keine riskante Prognose. Zu augenscheinlich waren die Qualitäten, mit denen sich BANKS in der Musikwelt vorstellte. Ihr markantes Organ fiel ebenso auf wie die Synthie-Instrumentals aus den Werkstätten der trendigsten Produzenten weltweit, über die sie ihre Texte zwischen Liebe und Pein platzierte. Alles Eigenschaften, die sie für den Pop-Thron prädestinierten. Nach zwei Alben lässt sich jedoch resultieren, dass die Eroberung der Pop-Welt bei BANKS schleppender verläuft als vermutet.

Kommerziell steht BANKS zwar mit beeindruckenden Streaming-Zahlen gut da, auch bei ihren Konzerten prangt an der Eingangstür der Locations regelmäßig das aus Künstlerperspektive so begehrte „Ausverkauft!“-Schild. Dennoch haftet ihr immer noch der Charakter eines Geheimtipps an, befindlich an der Schwelle zum Durchbruch. Daran änderte der Hit „Beggin for Thread“ aus ihrem Debüt „Goddess“ (2014) nichts. Anscheinend ist heutzutage selbst eine Platin-Single in den Vereinigten Staaten zu wenig, um sich als Künstlerin im Mainstream zu etablieren.

Auch wenn das Format Album an Bedeutung eingebüßt hat: Hier wartet BANKS ebenfalls noch auf ihren Durchbruch. Weil die Alben bisher nicht das erfüllten, was deren Vorab-Singles versprachen. Am offensichtlichsten fällt das bei „Goddess“ auf, da sich das Album abseits der exquisiten Singles als eine ziemliche maue Veranstaltung gestaltet. Die Gründe dafür liegen im laschen Songwriting und im Fehlen jeglicher Ecken und Kanten. „Goddess“ ist daher selbst für Pop-Verhältnisse ein aalglattes und ganz schön belangloses Album. Immerhin gelobte die studierte Psychologin Besserung. Das zweite Album „The Altar“ gleicht einer Befreiung. Das zeigt sich nicht nur am „No-Make-up-Look“-Artwork. Textlich ist „The Altar“ ebenfalls um einiges mutiger, wenngleich ein Song wie „Fuck with Myself“ aus ihrem Mund zu dieser Zeit ein wenig gezwungen klang.

Ihren Zenit hatte BANKS mit „The Altar“ noch nicht erreicht. Konsequent, dass sie weiter an sich feilte. Zwischen „The Altar“ und ihrem neuen Album „III“ liegen drei Jahre, in denen sie persönlich wie musikalisch reifte. Dieser Reifeprozess soll sich in „III“ ausdrücken, das Album die Evolution von naiv zu weise nachzeichnen. Dieselbe Evolution wäre auch in ihrer Diskografie zu beobachten, wenn BANKS auf ein naives „Goddess“ und ein erfahreneres „The Altar“ ein weises „III“ folgen lässt.

Für diese Mission vertraute BANKS wieder einer ganzen Armada an hochkarätigen Produzenten. Angeführt wird die Liste von BJ Burton, der in der Vergangenheit Bon Iver, Low oder Lizzo beim Sound auf die Sprünge half. Außerdem mischen unter anderem die Kanye-West-Buddys Hudson Mohawke und Francis and the LightsFrank-Ocean-Intimus Buddy Ross, Adeles musikalische Vertrauensperson Paul Epworth sowie der kurzzeitige Wahlwiener SOHN mit. Einen gravierenden Wandel im Sound bewirkte dieses Team nicht, BANKS setzt weiterhin überwiegend auf synthielastige, kühle Beats. Aber eben nicht nur, lockern auf „III“ musikalische Sonnenstrahlen das in weiten Teilen schwere Programm auf.

Schwer, weil BANKS auf vielen Songs als Gefangene im Liebes-Wirrwarr regelrecht leidet. Das wirkt ehrlich. Eine Aura des Unnahbaren behält sie sich trotzdem bei. Eine „Goddess“ eben. Auffallend aber die scharfen Formulierungen, wenn BANKS in die Offensive geht. Beispielhaft dafür die erste Video-Single „Gimme“. In der fordert BANKS Sex ein. „You can call me that bitch“, stellt sie darin klar. Dieser Schritt kommt natürlich nicht ganz unerwartet, wirkt jedoch keineswegs so kalkuliert wie bei „Fuck with Myself“. „Gimme“ funktioniert auch wegen Hudson Mohawke, der BANKS ein exakt passendes, elektronisches, synthie- und basslastiges Beatkorsett schneiderte. Eine musikalische Wohlfühlzone für BANKS, für die Hudson Mohawke Timbalands Trance-Gate-Synth aus Justin Timberlakes „My Love“ sampelte.

„Gimme“ war als Vorab-Single auch ein Indikator für ein großes Selbstbewusstsein, das BANKS auf „III“ zeigen würde. Auf dem Album ist das an mehreren Stellen zu hören, wie auf dem Opener „Till Now“, einer Abrechnung mit dem Ex-Freund. In „Till Now“ benennt BANKS ihre schmerzhaften Erfahrungen, wie sollte es anders sein, kommt jedoch auch zu dem Schluss: „And I let you push me around ’til now“. Die Power-Pop-Nummer „Propaganda“ klingt realiter nicht ganz so dramatisch, wie es eine Zeile wie „I decided that suicide is on my side“ theoretisch vermuten lässt, sondern ist ein kraftvoll verpackter Hilferuf, äußerst tanzbar und mit eingängiger Hook ausgestattet.

Nicht minder energiegeladen, allerdings seltsam konzipiert ist der unter Mithilfe von R’n’B-Sänger Miguel entstandene Dark-Pop-Rap-Hybrid „The Fall“: BANKS hantiert im Neid- und Eifersuchtsdrama mit Kontrasten, indem sie ruhige Akustikgitarre-Passagen mit böse dröhnendem Bass von Hudson Mohawke und galoppierender Percussion mischt – und dann noch, wie einst auf „Trainwreck“, zum Rappen ansetzt. Der Rap-Part klingt gar nicht so übel, ist aber der Gipfel eines Missverständnisses ohne klare Linie.

„The Fall“ ist auch nicht der einzige Track, auf dem Autotune exzessiv zum Einsatz kommt. „Stroke“, das von der Liebe zu einem Narzissten handelt, und „Godless“, das zur Hälfte vom Ex-Freund geschrieben und von BANKS finalisiert wurde, fallen in dieser Hinsicht ebenso negativ auf. Das ist schade, da textlich durchaus Interessantes auf den Nummern geboten wird. Bei den anderen Ausfällen, „Alaska“ und „Look What You’re Doing to Me“, ist nicht einmal das der Fall. „Alaska“ stellt sich als wirre Latino-Nummer dar, während BANKS in der Kollabo mit Francis and the Lights mit Gospelanleihen irritiert. Trotz der namhaften Unterstützung fällt die Uptempo-Nummer ausgesprochen spannungsarm aus.

Anders verhält es sich mit dem düsteren „Contaminated“. Mit Distortions im Gepäck und Piano als Begleitung verarbeitet BANKS darin eine belastende Liebe. Ein Themenfeld, in dem BANKS ihre Stärken ausspielen kann. Auch das bittersüße, warm klingende und mit Kinderstimmen ausgestattete „Sawzall“, auf dem sich BANKS mit den Depressionen ihres Ex-Freundes auseinandersetzt, weiß zu gefallen. Qualitativ werden diese Songs noch von „Hawaiian Mazes“ übertroffen: Durch den Einsatz eines Wurlitzer Electric Pianos und romantischer Strings sorgt der Song für sonniges, entspanntes Pazifik-Feeling, und auch mit ihrer Stimme kann BANKS glänzen. Gelungen.

Das Niveau dieser drei Songs erreichen die beiden abschließenden Balladen nicht. Laut Konzept will BANKS auf „If We Were Made of Water“ und „What about Love“ ihre reife Seite zeigen. Das klappt nur mittelmäßig. „If We Were Made of Water“ mit Delfin-Geräuschen für den maritimen Vibe erinnert ein wenig an „Warm Water“ aus dem Debütalbum, diesmal natürlich nur echt mit Autotune. Der Track klingt ebenso reizlos wie das finale „What about Love“. Hier darf die vierjährige Nichte ein „I love you“ an Tante Jillian richten. Vielsagend, dass nur diese rührende Stelle im Gedächtnis bleibt. Das passt zum gesamten Album, auf dem sich BANKS stets tapfer gegen die erdrückenden Wände aus Synthies, wobbelnden Bässe und Autotune wehrt. Ein paar gute Nummern springen dabei heraus, und als Gesamtwerk funktioniert „III“, da das Soundbild so zusammenhängend wie auf keinem ihrer Alben zuvor ist. Aber der ganz große Wurf, der gelingt ihr mit „III“ nicht.

Fazit: Mit „III“ nahm sich BANKS einiges vor. Schließlich will sie sich auf dem Album als gestandene Künstlerin und gereifte Persönlichkeit präsentieren. Das funktioniert einige Male. Kraftvolle Balladen wie „Contaminated“ bleiben ihr Fachgebiet, aber auch eine bissige Nummer wie „Gimme“ kann dank geschickter Produktion überzeugen. „III“ verzeichnet jedoch etliche Ausfälle, in der Vielzahl verursacht durch unausgegorene Experimente und einem überbordenden Einsatz von Effekten. Das Faible für Autotune ist bei einer talentierten Sängerin wie BANKS nur schwer nachvollziehbar. Immerhin fällt das Soundbild einheitlich aus. Angesichts ihrer Streaming-Erfolge und dem generell sinkenden Stellenwert eines Albums ist das die größte, aber eine positive Überraschung.

3 von 5 Ananas

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