Bad & Boujee

„Schwarz zu sein ist kräftezehrend“ // Bad & Boujee Interview

Eny und Eli von Bad & Boujee. Alle Fotos: Moritz Nachtschatt

Eny und Eli sind DJanes und Begründerinnen von Bad & Boujee, einem „All Black Female“-Kollektiv aus Wien. Ihre Situation als schwarze Frauen in der österreichischen Musikszene gestaltet sich kompliziert und anstrengend. Trotzdem machen sie nicht nur auf ihren Partys etwas Positives und Starkes daraus. Ihre DJ-Sets sind smooth, oft inspiriert von Black Artists und eignen sich perfekt, um mit den beiden in eine Tanzekstase zu verfallen. Am 29. Juni könnt ihr Bad and Boujee bei 21 Years The Message live erleben.

The Message: Erinnert ihr euch an eure erste Party?
Eli: Ja, die war, wie unsere eigenen Partys sonst auch, im Fluc. Als wir die Party geplant haben, waren wir noch kein Kollektiv und haben daran auch gar nicht gedacht. Eigentlich war’s Enys Geburtstagsparty. Das haben wir mit ganz vielen Freunden gemacht und den Eintritt auch bei 2,50 Euro gehalten, um mit der Party eine Freundin von uns zu unterstützen, die gerade nicht so flüssig war. Irgendwann mitten in der Nacht waren da pötzlich ur viele Leute, das ganze Fluc war voll und wir waren nur so …
Eny: What’s happening? Das Ding ist: Eli hat damals schon aufgelegt und alle meine Freunde dann auch auf der Party. Sie haben gesagt: ‚Du hast einen Monat Zeit zu üben und legst bei der Party das erste Mal auf.‘ Ein, zwei Tage danach hat uns dann jemand geschrieben und gefragt, ob wir auflegen können. Dann kam erst die Idee und wir wollten schon auch Leute wie uns supporten, also haben wir ein All-Black-Female-Kollektiv gemacht und einfach die Freunde, die schon aufgelegt haben, gefragt.

Wohin soll die Reise gehen? Habt ihr Pläne für die Zukunft?
Eli: Für uns ist das Auflegen eigentlich mehr ein Hobby. Wir wollen aber trotzdem so viel wie möglich aus diesem Kollektiv rausbekommen. Nicht in erster Linie für uns, sondern auch für viele andere schwarze Mädels in Österreich.
Eny: Und vor allem Mädels. Die Clubszene, die DJ-Szene wird von Männern dominiert. Es gibt nicht viele Frauen und es gibt nicht viele Frauen of color. Und das wollen wir halt auch ein bisschen ändern.

In welche Clubs geht ihr in Wien, in denen es euch gefällt?
Eny: Wir richten uns nicht nach Clubs.
Eli: Wir sagen unserem Besuch auch immer, dass in Wien und Österreich keine Clubkultur herrscht. Deswegen orientieren wir uns an den Leuten, die auflegen und dann kann’s auch passieren, dass wir irgendwo am Gürtel landen oder so.

Was ist eure Lieblingsplatte?
Eli: Platten haben wir gar nicht, wir sind ja schon so New-School-DJanes und legen mit USB-Stick auf. Platten sind auch ein bisschen umständlich. Aber mein Lieblingsalbum ist von Frank Ocean mit „Channel Orange“.
Eny: Platten hör ich eigentlich auch nicht mehr. Mein Papa hat aber so eine große Sammlung. Im Sommer reißt er dann immer alle Fenster auf und spielt den ganzen Sonntag seine Platten. Aber ja, das Album von Whitney Houston, wo „How will I know“ drauf ist. Und Kanye West mit „Graduation“. Wobei mir das jetzt schwerfällt zu sagen, nach seinem Interview. (Anm.: Kanye West sagte im April in einem TMZ-Interview: „Slavery is a choice“.) Ich warte bei seinen neuen Alben auch immer eine Woche, bevor ich sie mir anhöre, damit ich ihm nicht in die Charts helfe.

Und Lieblings-MCs?
Eny und Eli: Queen Latifah und Missy Elliot, die älteren Sachen.

Was schaut ihr gern im Fernsehen an?
Eny: Fernsehen schauen wir nicht. Aber Netflix und Amazon Prime. Wir schauen uns immer so Dokus an.
Eli: So Mörderdokus.

Wie fandet ihr Dear White People?
Eny: Ich habe noch nicht so viel geschaut, aber die erste Staffel fand ich geil. Vor allem fallen mir wieder viele Sachen in Bezug auf Rassismus auf, an die ich mich irgendwie gewöhnt habe, die aber nicht okay sind.
Eli: Es ist oft so, dass Lightskin-Personen die Hauptrolle bekommen und dünklere Frauen die Nebenrollen.
Eny: Allein als die Doku von Nina Simone rausgekommen ist. Ich wollte sie mir unbedingt ansehen, aber als ich gesehen habe, wer die Hauptrolle hatte… Nein. (Anm.: Im Film „Nina“ wurde die Schauspielerin Zoe Saldana für die Rolle dunkel geschminkt und mit einer künstlichen Nase bestückt.)

„Natürlich muss man respectful sein, aber das heißt nicht, dass man keinen Spaß haben kann“

Habt ihr Role Models?
Eli: Solange Knowles, biggest Fan. Zu dem Zeitpunkt, als sie angefangen hat, ihre Haare abzurasieren und sich anders zu kleiden. Sie hat auch angefangen aufzulegen. Dann gibt’s noch von ganz früher Kesh Kumari, eine DJane und Designerin aus London. Musik hat mich echt schon immer so richtig inspiriert, wirklich durch jedes Genre. Ab irgendeinem Zeitpunkt wollt ich dann mal auf einer Fashion Show auflegen oder so, aber nicht mit dem Gedanken: ‚Oh mein Gott, ich muss jetz DJane werden.‘
Eny: Ich habe mir nie wirklich darüber Gedanken gemacht, wer mein Role Model ist. Ich glaube, jedes schwarze Mädel würde sagen, dass Tracee Ellis Ross ihr Rolemodel ist. Ich lieb‘ sie. Und wenn es zur Musikszene kommt, bin ich ein Riesen-Fan von Nadia Rose. Es gibt Role Models, die sich einschränken und denken, sie dürfen nur bestimmte Sachen machen und like… be respectful. Und natürlich muss man respectful sein, aber das heißt nicht, dass man keinen Spaß haben kann. Ich finde Nadja Rose ist ein gutes Beispiel dafür.

Gibt es bei euren Partys Regeln oder generell Kollektivregeln?
Eli: Nein. Wir wollen uns nicht in eine Schiene einordnen. Für uns beinhaltet dieser Begriff „Schwarz sein“ alles, deswegen darf jeder kommen, solange sich alle respektieren. Natürlich kommen immer Sachen vor, das regeln wir aber dann mit den Besitzern, Securities, etc., damit das Problem gelöst wird.

Was zum Beispiel?
Eli: Wir sind ja – kann ich sagen oder? – queer. Und deswegen verkehren wir eben auch in vielen queeren Communities und viele unserer Freunde sind auch offensichtlich queer.
Eny: Ein Gast hat zu einem Freund gemeint: ‚Du bist schwul, ge?‘ Was ist das für eine Frage? Das geht ihn nichts an, ob jemand schwul ist oder nicht. Dann hat dieser Gast unserem Freund über den Kopf gehauen. Als wir die Securities geholt haben, mussten beide Parteien von der Party gehen. Ich möchte aber, dass bei meinem Event auch queere Leute respektiert und fair behandelt werden. Das war offensichtlich nicht so. Warum muss der Betroffene dann auch gehen? Das sind so Stimmungsdämpfer, aber wir versuchen auch, dass die Leute nicht viel davon mitbekommen. Wir wollen trotzdem, dass jeder seinen Spaß hat.

Was bedeutet Queer sein für euch?
Eny: Wenn deine Sexualität nicht der Heteronormativität entspricht, bist du queer. Also zu dem Entschluss sind wir gekommen.

Also macht ihr das an der Sexualität fest?
Eny: Ja, weil queere Personen wirklich Probleme haben, die eben nur sie haben. Heterosexuelle Menschen können nicht wissen, wie es ist, mit diesen Problemen zu leben. So denke ich. Queer sein ist auch ein politisches Statement. Wenn du der LGBT-Community angehörst zum Beispiel, heißt das noch nicht, dass du etwas Politisches dahinter siehst.

„Die ganze Clubszene gehört weißen Menschen. We have to occupy these spaces“

Was sind eure Wünsche an die Wiener Clubszene?
Eli: Mehr Platz schaffen für Personen, für die gewisse Orte nicht vorgesehen waren oder sind. Das ist auch für uns oft ein Problem.
Eny: Wir haben ja vor ein paar Wochen beim Red Bull Music Festival gespielt. Kurz davor hat eine Person einen offenen Brief auf Facebook gepostet und geschrieben, dass sie nicht versteht, warum so viele Kollektive da mitmachen, obwohl Dietrich Mateschitz von Red Bull ja so ein homophober, rassistischer, also ein rechter Typ einfach ist. Natürlich verstehen wir die Aufregung. Aber wir sind schwarze Frauen und wir leben in Österreich. Wir leben in einer predominantly weißen Gesellschaft. Die ganze Clubszene gehört weißen Menschen. Es gibt keinen Space für uns, deswegen müssen wir uns diese Spaces nehmen. Es gibt eben nur wenige Festivals, die von queeren Personen oder People of color geführt werden. Die haben Vorrang, aber wenn wir die Chance bekommen, bei so einem großen Festival wie dem von Red Bull zu spielen, dann müssen wir…we have to occupy these spaces.
Eli: Wenn wir uns da einschränken würden, könnten wir in Österreich fast nirgends auflegen. Allein schon, weil wir fünf Frauen sind, die ein Kollektiv geformt haben, ist es irgendwo ein politischer Akt, wenn wir auflegen.
Eny: Wir werden meistens von Männern gebucht bei so Clubsachen. Wir appreciaten, dass es ihnen gefällt, aber wir wollen auch ernst genommen werden. Das meiste was wir zu hören bekommen, ist, dass wir so lustig sind. Aber wir wollen auch seriös sein. Wir haben Spaß auf der Bühne, aber das heißt nicht, dass wir die Sache nicht ernst nehmen.

Was wünscht ihr euch von den Medien, die über die Musikszene berichten?
Eny: Mehr Diversity.
Eli: Dass sie mehr nach außen schauen, statt immer nur aus einem Blickwinkel. Es gibt einfach so viele Frauen, die Musik machen, aber niemand weiß etwas davon. Ob sie sich jetzt nicht dafür interessieren oder einen Tunnelblick haben? Ich weiß es nicht.
Eny: Ich finde es komplett wichtig, dass man jeder Art von Person einen Space gibt. Vor allem Leuten, denen dieser Space davor nicht gegeben wurde. Queere Leute. Ich finde es auch wichtig, dass man sich informiert über Sachen, die einen selbst nicht betreffen. Wir haben das Internet, da steht alles drin. Wenn man etwas wissen will, kann man es jederzeit nachschauen. Wenn man sich nicht informiert, wird man nie verstehen, warum manche Menschen so denken und Bewegungen unterstützen.

Wie handhabt ihr eure Organisation?
Eli: Zwei von uns leben nicht mehr in Wien, also sind wir nur noch zu dritt hier. Wir sind zwar auch viel unterwegs, aber weil wir das Kollektiv gegründet haben, sind wir meistens zu zweit dafür verantwortlich.
Eny: Aber uns ist sehr wichtig, die Meinungen der anderen einzuholen und nachzufragen, ob sie das auch interessant finden und machen wollen. Wir sind zwar die Founder, aber wir wollen nicht die Bosse sein. Deren Mitspracherecht hat genauso viel Gewicht wie unseres.

Habt ihr den Aufruhr über eine neue Karikatur von Charlie Hebdo mitbekommen? Die Kritik ist, dass Maryam Pougetoux, eine muslimische Studentenvertreterin, darauf als Affe dargestellt wird.
Eli: Ich habe keine Diskussion gesehen und mich nicht wirklich damit auseinandergesetzt, aber ich habe das Bild gesehen. Ja, ist messy.
Eny: Es ist sehr messy. People of colour wurden immer als Tiere dargestellt und nicht als Menschen. Dass das in einer Karikatur wiedergegeben wird, zeigt, dass die Leute sich nicht informieren und davon lösen und mit diesem Gedankengut einfach weitermachen. Das ist sehr problematisch.

Ist man auch ein Stück weit rassistisch, wenn man sich einfach weiter in diesem System bewegt und nichts dagegen macht?
Eny: Ja! Leute, die davon nicht betroffen sind, haben nicht den Anfangsgedanken, dass das, was sie machen, rassistisch sein könnte. Sobald man sie aber darauf anspricht, fühlen sie sich angegriffen. Man versucht ihnen doch nur zu erklären, dass so etwas nicht okay ist.

„Wenn sie dich als dumm darstellen, heißt es: Ihr seid die angry black women“

Wie geht man damit um?
Eny: Solche Dinge werden immer totgeschwiegen.
Eli: Genau. Sehr selten wird ein Dialog darüber angefangen. Es gibt einen Cut und es wird nicht mehr darüber geredet. Für viele bedeutet das dann: super, Problem gelöst. Das war auch beim Red Bull Music Festival so. Es wird dann eins ausgepickt, aber es gibt so viele Festivals und Vereine in Wien oder in Österreich, die so sind. Die Personen, die nicht betroffen sind, können oft nicht nachvollziehen, wie das Problem für uns ist und wie wir vorgehen müssen.
Eny: Ich bin früher auch oft zu Podiumsdiskussionen gegangen, wo es auch ums Schwarzsein ging. Da waren auch viele weiße Leute da und man muss auch mit ihnen kommunizieren, damit sie verstehen, woher wir kommen. Aber wenn sie dich als dumm darstellen und du reagierst, heißt es: ‚Ihr seid die angry black women‘. So was frustriert mich echt. Ich konnte nach einer Zeit nicht mehr hingehen. Als ich es wieder probiert habe, musste ich nach Hause gehen, weil es mich so fertig gemacht hat. Lass mich ausreden, versuch mich zu verstehen und hör mich an.

Was sind eure Gedanken zu „This Is America“, dem neuen Video von Childish Gambino?
Eny: Ich habe mir das Video ungelogen über zehnmal ansehen müssen.
Eli: Ich glaube, man muss das auch so oft ansehen, um alles mitzubekommen, was passiert. Das ist auch genau das Bild davon, dass in der Welt so viel passiert. Sobald etwas aufkommt, dass dann im Trend ist, denken sich viele Leute, dass es damit geschafft ist. Zum Beispiel in Paris. Danach war überall „Pray for Paris“, aber nach zwei Wochen ist alles vorbei und man geht zum nächsten Trend. Das läuft die ganze Zeit so. Eigentlich hat dieses Video genau widergespiegelt, dass wir Menschen sehr leicht abgelenkt werden.
Eny: Überhaupt lassen sich die Gesellschaften von so viel ablenken und vergessen, was gerade Wichtiges passiert oder passiert ist.

Ist Diversity auch so ein Trend, durch den die Leute jetzt eher ein „Black Female“-Kollektiv buchen?
Eli: Bestimmt. Einen Durag zu tragen ist auf den großen Laufstegen in, bekommt einen anderen Namen aber schwarze Menschen werden dafür als „Ghetto“ bezeichnet.

Wie definiert ihr Cultural Appropriation?
Eli: Nimm einfach nichts aus anderen Kulturen, vor allem, wenn du dich nicht damit auseinandergesetzt hast.

Ist Cultural Appeciation das Gegenteil von Cultural Appropriation?
Eny: Ja. Wir appreciaten auch andere Kulturen, aber das heißt nicht, dass wir sie uns aneignen. Es ist auch einfach wichtig, den betroffenen Leuten zuzuhören, weil es keiner besser weiß als die. Vor zwei Wochen hat mir eine Person vorgeworfen, ignorant und engstirnig zu sein, weil ich den Leuten etwas wegnehmen wollen würde. So was verletzt mich. Ich bin eine schwarze Person, habe schon immer Braids und Durags getragen und wir wurden dafür belächelt. Jetzt tragen Leute, die nicht dieser Kultur angehören, Braids und Durags und belächeln aber weiterhin die schwarzen Menschen.
Eli: Und für uns haben diese Dinge einen wirklichen Nutzen. Braids sind ein protective Hairstyle, weil unsere Haare sehr trocken sind. Ein Durag benutzt du, um deine Haare zu liegen, zum Beispiel für Waves, damit die Frisur erhalten bleibt. Es wird aus dem Kontext gerissen, bekommt einen neuen Namen und es wird so getan, als wäre es etwas ganz Neues. Auch mit Bantu Knots. Ich trage das, seit ich klein bin und wurde in der Volksschule dafür ausgelacht.
Eny: Ich habe versucht, zu erklären, dass ich so was niemandem wegnehmen möchte, aber will, dass sie sich informieren und appreciaten, statt zu appropriaten. Sie hat mich dann rassistisch genannt. Ich bin auch das N-Wort genannt worden. Das kann nur eine schwarze Person sagen, aber das wurde nicht verstanden. Aus dem Mund einer nicht-schwarzen Person kann das nie nicht-offensive rüberkommen. Ich habe der Person dann versucht, das zu erklären und ihr Artikel geschickt. Sie hat sich davon angegriffen gefühlt und es so interpretiert, dass ich sagen würde: ‚Alle weißen Menschen sind Nazis.‘ Obwohl ich das nie in meinem Leben gesagt habe und auch nicht denke. Ich sage das Wort aus Prinzip nicht, weil ich finde, dass keiner es sagen sollte. Wenn andere Schwarze das machen wollen: okay. Man versucht, sich das wieder zu nehmen und sich mit den Sachen, mit denen man unterdrückt worden is,t zu empowern. Und wenn du damit nie unterdrückt worden bist, kannst du es nicht sagen.

One Minute Message mit beats by jennifer holl & vocals by enesi maira caixeta

 

 

 

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