Back To The Future Funk – mit YOSHI

Ein Gespräch mit Digilog, Moxx und Rol:e vom Wiener Label YOSHI.

Eine wichtige Information vorab: Der Titel und das Thema des Gesprächs mit den Verantwortlichen von YOSHI beziehen sich nicht auf eine stark bearbeitete Variante samplelastiger Wiederkäuermusik der frühen 2010er-Jahre. Der Titel „Future Funk“ bezeichnet stattdessen im Folgenden eine Gruppe von Produktionen, die im Übergang von den 70er zu den 80er-Jahren entstanden sind und die an der weiteren Entwicklung mehrerer Musikrichtungen wesentlich beteiligt waren. Die rhythmischen Wurzeln dieser „Missing-Links“ sind unverkennbar im Funk verankert.

Vollkommen neu an den angesprochenen Produktionen war die klangliche Charakteristik der verwendeten Instrumente. Diese durch elektronische Klangerzeuger ermöglichte hörbare Innovation war der zentrale Ausgangspunkt für die parallelen Entwicklungen von klanglich zwar ähnlichen, stilistisch aber dennoch voneinander zu unterscheidenden Genres der Folgejahrzehnte. Dabei stechen die Produktionen der Städte Chicago, Detroit und New York besonders hervor.

Während erstere als die Geburtsstätte des House gilt, ist die zweite vor allem dafür bekannt, die ursprünglichen Schöpfer des Techno zu beherbergen. Schließlich erwies sich die dritte Metropole als geeigneter Nährboden sowohl für die frühe Club-Kultur in den Anfängen der Disco-Ära, als auch für den Beginn der HipHop-Bewegung. Irgendwo zwischen diesen Genres finden sich frühe Produktionen, die zwar keiner dieser Richtungen eindeutig zuzuordnen sind, deren Klänge jedoch so ähnlich und vertraut wirken, dass eine Beeinflussung der einen durch die anderen nicht völlig ausgeschlossen werden kann.

 

Die Anfänge 

Das Wiener Label YOSHI hat sich, dem musikalischen Interesse seiner Betreiber gemäß, denjenigen Produktionen elektronischer Musik verschrieben, die sich im oben angedeuteten Zwischenbereich bewegen. Aus diesem Grund sind die DJs und Produzenten von YOSHI, Rol:e, Digilog und Moxx, die richtigen Ansprechpartner, um die Anfänge der sogenannten elektronischen Tanzmusik aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wer sollte schließlich besser darüber Bescheid wissen als diejenigen, die eben diesen Zwischenbereich zu ihrem musikalischen Zuhause gemacht haben?

Auf den Spuren des frühen Electro(-Funk) rücken zunächst einige Gemeinsamkeiten der oben erwähnten Richtungen in den Fokus. Sowohl in der Produktion als auch bei der öffentlichen Wiedergabe der jeweiligen Stücke gibt es unter den genannten Genres stilprägende Überschneidungen. Zum einen die Form der Vorführung betreffend, deren Ursprung in den Anfängen der Club-Kultur in der Disco-Ära Mitte der 70er Jahre vorzufinden ist. So setzten sich auf Partys nach und nach zwei Plattenspieler gegenüber dem Konzept einer Live-Band durch.

Tom Moulton muss an dieser Stelle genannt werden, da seine Remixes von Funk und Soul-Stücken dazu beigetragen haben, die mögliche Länge für zukünftige Produktionen – weit jenseits dem üblichen Radio-Edit – auf bis zu über zehn Minuten zu erweitern. Zusätzlich hat er erstmals die, für die spätere DJ-Kultur bedeutsame, 12“ Maxi-Single als Format für die Veröffentlichungen seiner Remixes gewählt (zum Beispiel „Chocolat’s Kings Of Clubs“, 1977). Zeitgleich nimmt das DJing, das kreative Zusammenfügen von zwei gleichen oder auch unterschiedlichen Platten, im frühen HipHop seinen Anfang.

Digilog über die Frühphase: „Angefangen hat es damals damit, ganz gewöhnliche Funk-Nummern abzuspielen und dabei lediglich gewisse Parts herauszunehmen und zu wiederholen. So wurde etwa zwischen zwei gleichen Platten hin und her gemischt, um die Strophe mithilfe dieser Technik zu verlängern, wenn sich diese etwa besser zum Tanzen geeignet hat. Durch diese Eingriffe entstanden aus den „normalen“ Nummern über die Live-Performance ganz neue Stücke. Klanglich war das, wenn auch über eine ganz andere Methode erreicht, durchaus schon ein Vorläufer zum späteren Sampler.“

 

Technische Innovationen

Frühe Bekanntheit erreichten durch ihre Performances etwa Kool DJ Herc, Afrika Bambaataa und Grandmaster Flash, sowie der angebliche Erfinder des für den Sound von HipHop so prägenden Scratchings, Grand Wizard Theodore. Für die weitere Entwicklung des DJings kamen in diesem Zeitraum nacheinander einige passende Produkte auf den Markt; darunter etwa ein Stereo-Mixer der britischen Firma Bozak (1971, CMA-10-2DL) sowie ein Plattenspieler des japanischen Unternehmens Technics (1972, SL-1200), der sich durch seine Robustheit sowie seine technischen Eigenschaften die Vormachtstellung in diesem Bereich der Musikreproduktion sicherte. Die durch dieses Gerät eingeführte Möglichkeit, die Geschwindigkeit einer Platte zu verändern und diese somit an eine zweite anzugleichen, erlaubte es den DJs, in ihren Sets von der schlichten Musikwiedergabe zu einer Art von individuellen Kompositionen überzugehen.

Technische Innovationen können allerdings in zwei Richtungen bedeutsam sein. Einerseits vermögen sie auf der Produktionsebene durch das Hörbarmachen unbekannter Klänge für Neuerungen zu sorgen (siehe Synthesizer), andererseits eröffnen fortschrittliche Lösungen auch im Produktionsprozess neue Möglichkeiten (siehe Drum Machines, Sampler und Sequencer).

Jedoch bringen diese Möglichkeiten auch das Übel mit sich, dass die schöpferische Tätigkeit sich lediglich in der Nachahmung fremder Produktionen erschöpft. Von diesem Phänomen ist heute wohl keine Musikrichtung mehr ausgenommen. Auf ähnliche Weise bergen technische Innovationen auch auf der Ebene der publikumsorientierten Wiedergabe von Musik die Gefahr, entweder einen Segen oder einen Fluch darzustellen. Eine sehr anspruchsvolle Notation etwa kann einem Schlagzeuger dann nicht mehr so leicht zum Verhängnis werden, wenn es einen unhintergehbaren, akkuraten Klick gibt, dem er sein Spiel anvertrauen kann.

Langweilig hingegen kann es werden, wenn die schwierigsten Passagen eines Stückes per Knopfdruck vom Band laufen, obwohl diese theoretisch noch von einem Menschen gespielt werden könnten. Sowohl auf der produktiven, als auch auf der reproduktiven Ebene kann jemand vom Ergebnis überzeugt werden, das aufgrund einer durch technische Mittel ermöglichten und durch diese Möglichkeit motivierten Wiederholung einzelner Abschnitte unterschiedlicher Instrumentengruppen entsteht. Und gleichzeitig können andere Ergebnisse, die sich ebenfalls dergleichen Methode bedienen, enttäuschend wirken, sofern die Zuhörerschaft in Ihrer Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsfähigkeit unterschätzt wird. Ein Phänomen, das auch bei den Jungs von YOSHI für Gesprächsstoff sorgt.

Rol:e: „Und genau das mein‘ ich, wenn ich sag‘, ich will nicht hören, wie jemand zwei Minuten das Ende von seiner Platte loopt, damit er dann einen Übergang darauf mischt, und am Ende noch einen Effekt drüberlegt; am besten ein Echo oder so. Cool Oida. Das Auflegen mit Platten wird bei der jüngeren DJ-Generation jedenfalls immer weniger. Klar kannst Du auch jedes Wochenende wohin gehen, wo jemand nur mit Platten auflegen wird, das hängt halt davon ab, in welcher Bubble Du dich befindest.“

Moxx: „Technische Neuerungen schaffen Abhilfe für die Live-Performance. Deshalb waren DVS-Systeme auch eine Zeit lang so gehypt, oder sind es immer noch. Damit kannst Du dich im schlimmsten Fall retten, einen Abschnitt wiederholen und einen Übergang mischen. Bei einer Platte geht das einfach nicht; da gibt die Rille fix vor, wie der Track verlaufen wird und wenn es aus ist, dann ist es so. Genau das macht für manche halt den Reiz aus.“ (Anm.. d. Verf.: DVS = Digital Vinyl System. Eine Methode über sogenannte Timecode-Platten die Haptik und Abspielmethode von traditionellen Platten zu behalten und die Musik damit auf digitalem Wege in einer Software anzusteuern und abzuspielen.)

Digilog: „Mir ist es letztlich egal, wie jemand vor Publikum seine Musik abspielt, solange der Flow dabei erhalten bleibt. Sicher ist der Showeffekt größer, wenn jemand mit Platten hantiert, als wenn es so aussieht, als würde der DJ am Laptop gerade seine Mails checken. Aber beim Tanzen ist es doch letztlich gleichgültig. Da fällt es höchstens auf, wenn etwas nicht passt und das kommt beim reinen Abspielen mit Platten in der Regel öfters vor.“

 

Die verbindende Kunst des Samplens

Im Bereich der elektronischen Musik kommt es ebenfalls häufiger vor, dass ein bestimmter Abschnitt eines fremden Liedes dazu verwendet wird, entweder einzelne Elemente vom Schlagzeug oder gar ganze Grooves, aber auch ganze Abschnitte von Melodien aufzunehmen und sozusagen aus dem ursprünglichen Kontext herauszunehmen, um diese Elemente in der Folge in das eigene Schaffen implementieren zu können. So wiederholt beispielsweise Moby auf dem Track „Go“ (1991) nahtlos den Beginn des „„Laura-Palmer“-Themes von Angelo Badalamenti (1990) und schichtet diesen Loop mit eigens komponiertem Schlagzeug, Percussions und ebenfalls gesampelten Stimmen, woraus wiederum ein eigenständiger Song entsteht.

Aber auch Afrika Bambaataa greift in einem Track, der fast beispielhaft zwischen den beiden Genres HipHop und Elektro steht und somit einen der gesuchten „Missing-Links“ des „Future Funk“ darstellt, auf die Ideen anderer Künstler zurück. So verwendet er in dem Track „Planet Rock“ von 1982 unter anderem Elemente des „Trans-Europa-Express“ (1977) der deutschen Vorreiter im Bereich der elektronischen Musik, Kraftwerk.

Aber auch viele der frühen HipHop-Platten leben vom fleißigen Kopieren gelungener Funk-Produktionen. So beispielsweise die Platte „It’s My Turn“ von Uptown (1989), die sich am Stück „Soul Vaccination“ von Tower of Power (1973) bedient und die dabei entstandenen Loops mit einem boomigen Schlagzeug unterlegt. Ganz ohne der Einbindung fremder Produktionen kommt hingegen ein weiterer „Missing-Link“ von Grandmaster Flash and The Furious Five aus. Der Track Scorpio (1982) wartet mit einer einprägsamen Bassline und einer, für spätere Produktionen des Electro typischen, bearbeiteten Stimme auf.

Moxx über das Crate-Diggen: „Das ist das Schöne beim Musiksuchen. Da findest Du immer wieder etwas, was du vorher in der Art vielleicht noch nie gehört hast. Oft liegt die Produktion schon Jahre zurück und dann verstehst du erst im Nachhinein, warum sich eine Richtung auf eine bestimmte Art entwickelt hat.“

Nennenswert ist an dieser Stelle eine Produktion von Cybotron. Das aus Detroit stammende Duo bildete sich aus der Kooperation von Richard Davis und Juan Atkins. Letzterer gilt als einer der Urväter des später als Techno bekannt gewordenen Genres, das sich durch Produktionen mit großzügigeren Reduktionen in der Instrumentation auszeichnet. Die Single „Alleys of Your Mind“ (1981) deutet diesen Hang zur Reduktion bereits in der Gestaltung der Becken an. Auf die Verwendung einer Hi-Hat wird hier verzichtet, wodurch der Bassline und der Stimme mehr Raum zum Wirken gelassen wird.

 

„Because nobody remembers their first download“ – YOSHI und Vinyl

Bei YOSHI handelt es sich um ein Vinyl-Only Label. In Zeiten, in denen die Streamingdienste die Vormachtstellung der Musikdistribution erklommen haben, kommt diese Entscheidung der Enterung eines sinkenden Schiffes gleich. Trotz den Entwicklungen im Kaufverhalten der Endabnehmer gab es seit 2014 auf YOSHI insgesamt fünf veröffentlichte Platten. Hierbei ist es den Betreibern wichtig, durch ihre Releases vor allem nationale Künstler und damit die heimische Szene zu fördern. Obwohl die angestrebte Richtung des Labels mit Techno und House angegeben wird, finden sich durchaus auch einzelne Songs, die nicht notwendig in eine der beiden Kategorien eingeordnet werden können (so etwa der Titel „11-19“ von Dan Lodig aus 2017).

Rol:e über die Entscheidung für Vinyl: „Ein Mitgrund, wieso wir uns für dieses Medium entschieden haben, war die Überlegung, dass an einer Platte, vom Produktionsprozess bis hin zum Verkauf, viele unterschiedliche Personen beteiligt sind. Jeder von ihnen ist darauf angewiesen, dass Musik nicht einfach nur zum Herunterladen zur Verfügung gestellt wird. Wir wollen durch die Ausrichtung des Labels dazu beitragen, dass dieser Zweig und damit ein Stück Kultur nicht völlig abstirbt.“

Auf dem letzten Release des Labels („Leiwandizer Vol. 1“, 2018) lässt sich, gleich neben der Auslaufrille eingeritzt, folgender Satz lesen, der die Überlegungen der Betreiber auf gelungene Weise zusammenfasst: „Because nobody remembers their first download.“

Doch das Label ist nicht das einzige Projekt der hier vorgestellten Musiker. Unter dem Titel „Funkroom“ haben die Betreiber bereits vor zehn Jahren ein Kollektiv ins Leben gerufen, das DJs unterschiedlicher Musikrichtungen beherbergt und die heimische Szene durch die Organisation von Partys im Raum Wien und Umgebung bereichert. Freunde des Grooves werden dabei auch künftig auf ihre Kosten kommen. Somit bleibt abschließend zu erwarten, dass es in den kommenden Jahren nicht leiser um diesen Kreis wird, weder live, noch auf den folgenden Releases bei YOSHI.

 

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