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Bacchus alias Mister Freestylesession

Seit fünf Jahren finden im eigenwilligen Wiener Gürtellokal Einbaumöbel wöchentlich Freestylesessions statt. In dieser Zeit hat sich hier eine lebendige Art Subszene österreichischen Raps entwickelt. Bacchus: Rapper, DJ, Produzent und Organisator ist der Gründervater der Freestylesession. Nach der 250. Auflage und dem bald anstehenden zehnten „Fest der Reime“ höchste Zeit für ein Message-Interview…

TM: Wie kam es zum Einbaumöbel?
Bacchus: Ich kannte ein, zwei Leute vom Verein, der hier eine neue Location machen wollte. Nachdem ich mich ein bisschen bitten ließ, habe ich mich dann immer mehr engagiert. Der Name „Einbaumöbel“ und auch der Fassadenschriftzug stammten noch vom Vorgänger…einem Tischler.

Von Beginn an wurde das Lokal von einem Verein betrieben?
Es waren immer 10 Schlüsselträger und aktive Mitglieder, die mindestens einmal im Monat zu Plena zusammengekommen sind und versucht haben anstehende Entscheidungen einstimmig zu treffen. Am Anfang gab es viele Rock Veranstaltungen für Gemeinnütziges, außerdem haben Studenten der Internationalen Entwicklung und Politikwissenschaft hier Feste gefeiert. Es gab dann die ersten Minimal Clubs, ich habe eine Drum and Bass Party gemacht…

Und die erste Freestylesession?
Zwei Jahre nach der Gründung hatte ich die Freestylesession Idee. Weil ich selbst musikalisch als Fan durch Hip Hop sozialisiert wurde. Ich wollte das ausleben was Mongo Clikke und die Kolchose vorgelegt haben. Mein Bruder und einer der häufigsten Residents, Noah, haben mich dazu motiviert, das tatsächlich durchzuziehen.

Wie haben die Leute aus dem Plenum auf den Freestylesession-Vorschlag reagiert?
Sehr kontrovers. Einerseits war der Vorschlag willkommen, weil es eine partizipative Idee war. Aber natürlich haben sich damals einige gedacht: ok Hip Hop…das ist doch Aggro Berlin?! Sind das nicht Leute, die ungut sind und die da nicht so gut in den Raum passen?! Schlussendlich gab es aber ein einstimmiges Ja.

Mittlerweile dürftest du der Vereinsaktivste sein?
Momentan vielleicht schon. Wir halten immerhin bei über 250 Freestylesessions, außerdem habe  ich hier bisher 55 Drum and Bass Parties organisiert.

Wie haben sich die Freestylesessions mit der Zeit entwickelt?
Anfangs ist man da halt am Donnerstag zu fünft gesessen und wusste nicht, ob das irgendwie in Schwung kommt. Wir haben das damals sehr dilettantisch betrieben. Aber manchmal hat es an der Tür geklingelt und wir waren richtig gespannt, wer da jetzt kommt. Damals war zum Beispiel Kid Pex sehr oft hier. Bei der ersten Session war Confusi da. Yasmo ist ebenfalls von Beginn weg häufig gekommen. Oft waren das auch ganz zufällige Leute, die nicht gezielt zu uns gekommen sind. Heute sind wir es eigentlich gewohnt, wenn es an der Tür klingelt.

Wieso muss man überhaupt anläuten und warten bis jemand aufmacht, um reinkommen zu können?
Da geht es um die Rechtsauslegung des Vereins. Wir dürfen nur einmal in der Woche ein öffentliches Fest veranstalten. Die Freestylesession war selten von mehr als 20 Leuten besucht und galt als interne Veranstaltung.

Die FSS-Teilnehmerzahlen dürften sich ja nach der Anfangszeit verändert haben, oder?
Später waren häufig mehr als 50 Leute da. Sie war dann schon zu gut besucht. Das war auch der Grund warum nach drei Jahren von Donnerstag auf Mittwoch und Samstag umgestellt wurde. Das Problem war, dass wir uns gegenüber dem Bezirksmagistrat wegen Lärmbelästigung rechtfertigen mussten. Wir hatten innerhalb von einer Woche fünf Abteilungen hier, die uns von allen Seiten Feuer gemacht haben. Wir mussten die Notbremse ziehen.

Andererseits findet hier aber auch regelmäßig das „Fest der Reime“ mit zahlreichen Hip Hop Konzerten und mehr Besuchern statt…
Das „Fest der Reime“ war in der Organisation immer ein Gemeinschaftsprojekt von Leuten aus den Freestylesessions. Es ist toll, dass wir das neun mal bei freiem Eintritt hingekriegt haben und so viele, zumindest für meinen Geschmack, bekannte nationale Acts (Anm.: u.a. HSC, Demolux, Average) mitgemacht haben. Das Fest zeigt aber auch, dass der Raum eben manchmal zu klein ist.

Das zehnte „Fest der Reime“ steht bevor. Diesmal wird es erstmals Eintritt kosten, weil Edgar Wasser als Hauptact geholt wurde…
Wir wollten die Jubiläumszahl zelebrieren und einen Act, der auch für das „Fest der Reime“ außergewöhnlich ist, auf die Bühne bitten. Edgar Wasser war von vielen Seiten fast gefordert und bei uns allen im Wohnzimmer aktuell. Wir haben ihn über eine Booking Agentur engagieren müssen, so dass es finanziell nicht möglich ist, das Ganze gratis zu machen.

Es ist ja auch so, dass ihr im Lokal alles selber macht und niemanden anstellt, oder?
Es gab immer eine gewisse Eigendynamik, irgendwie hat das immer funktioniert.  Jemand der rappt bezieht gerne sein Honorar, wenn der Mensch der hinter der Bar arbeitet auch Geld bekommt. Wenn das nicht der Fall ist, verzichtet er oder sie auch auf das Geld. Das ist auch der Grund warum sich überhaupt Menschen im Einbaumöbel engagieren und Dinge auf die Beine stellen, die sonst nur in großen Locations mit großen Bar-Umsätzen möglich wären.

Du hast schon erwähnt, dass auch immer wieder zufällige Leute vom Gürtel reingeschaut haben…da waren sicher auch ungewöhnliche Leute dabei, oder?
Auffällige Freaks gab es auf jeden Fall immer wieder. Wir hatten immer einen sehr hohen Anteil an psychisch Kranken. Manche waren mit ihren Betreuern da. Die sind gerne gekommen und haben sich bei uns akzeptiert gefühlt. Menschen, die in diesem System wirklich anders sind und mit ihrem Umfeld zu kämpfen haben ernst genommen zu werden. Oft sind das 50 jährige Obdachlose oder 20 jährige Drogenpsychosen. Jemand im Anzug und Krawatte wäre hingegen skurril, ist aber auch schon vorgekommen. Das Wildeste bisher war vielleicht ein 50 jähriger mit roter Nase, der sehr schnell Bier getrunken hat. Seinen kleinen Hund hat er auf die Bar gesetzt und ihm immer wieder Bierpfützen ausgeschüttet, die der Hund brav aufgeleckt hat. Der Typ hat das fast als Show verkauft. Drei vier mal hat er das noch gemacht, bis wir es ihm verbieten mussten und er dann nicht mehr gekommen ist.


Das Einbaumöbel hat sich nicht nur unter Rappern herumgesprochen, sondern auch in den Medien…

Die Hip Hop Szene hat eigentlich sehr lange keine Reaktion gezeigt. Wir haben auch immer aufgefordert, dass nur aktive Teilnehmer kommen sollen. De facto haben wir nur Werbung über hiphop.at und auch bisschen MySpace gemacht. Das erste mal, dass man wirklich von breiterer Aufmerksamkeit sprechen konnte, war wegen des zweiten Mundl Films. Für den Film wurden einige Szenen im Einbaumöbel gedreht. Zum Einen war uns der Produzent eigentlich ziemlich sympathisch. Er hat uns zum Beispiel von den Gassergassen Besetzungen (Anm.: anno 1980) erzählt. Zum anderen war der Deal, einen Dreh so zu arrangieren, dass vor dem Lokal ein eintägiges Parkverbot durchgesetzt werden sollte und 400 Euro. Das Parkverbot war auf jeden Fall mehr wert…an dem Tag haben wir unseren Geburtstag gefeiert.

Gab es noch weitere mediale Anfragen?
Wie gesagt waren Leute von Sidos „Blockstars“ Sendung hier. An dem Tag war ich aber zufällig nicht da. Noch früher wollte ATV hier eine Aktion machen. Wir sollten einen Außenreporter ausbilden, der dann beim „Battle of the wackest“ mitmachen sollte. Im Endeffekt haben wir abgesagt, weil das Einbaumöbel einfach zu klein ist und eine derartige Medienpräsenz nur zerstörerisch sein kann. So ist auch unser Zugang zu Medien. Wir verzichten auch auf Terminankündigungen im Falter, weil wir Angst haben, dass diese 50 Quadratmeter sonst überrannt werden.

Auf diesen fünfzig Quadratmetern steht auch ein Bücherregal, wo unter anderem eine Biographie von Michael Häupl zu finden ist. Was hat es damit auf sich?
Es haben schon viele häufig schade gefunden, dass man nicht nach irgendwas greifen kann, vor allem, wenn am ersten Donnerstag des Monats die Volxlesung stattfindet und man etwas für ein Bier einfach vorlesen kann. Als wir die Vitrine bekommen haben, war klar, dass wir das jetzt wirklich und endlich verwirklichen können. Aber die Bücher, die zu uns gekommen sind, sind nur solche, die nicht mehr daheim stehen sollen. Eine Subvention an Lesematerial würden wir jedenfalls nicht verachten.

Außerdem gehen sich noch einige Couches aus…
Hin und wieder stellen wir sie auch raus. Bei Edgar Wasser werden wir sicherlich vieles weggeben. Die Wohnzimmeratmosphäre wird von vielen geschätzt und macht auch die Vielseitigkeit aus. Manchmal kommst du zu einer bumvollen Party rein und manchmal unterhalten sich gerade nur drei Leute gemütlich bei Hintergrundmusik. Das ist dank der Möbel möglich.

Was passiert mit dem Geld, das ihr einnehmt?
Es wird in das Lokal investiert. Es werden Schadensfälle, Reparaturkosten und Anlagen damit gezahlt. Das Einbaumöbel wurde nie subventioniert. Als wird eingezogen sind gab es nur eine Art Plumpsklo. Bar hat es keine gegeben und der Boden war von einer Zentimeter-hohen Leim-Schicht bedeckt. Es gibt auch laufend etwas zu sanieren und zu reparieren.

Als bei einem der vergangenen Fest der Reime Auftritte mehrere Leute auf der Bühne gesprungen sind, hatte man das Gefühl sie würde gleich zusammenbrechen…
Ja aber sie hat gehalten. Wir haben sie übrigens selbst gebaut.


Was unterscheidet das Einbaumöbel von anderen Lokalen?
Es gibt eine, wie ich sie nennen will, autonome Szene in Wien, wo doch einige Vereine hinzuzählen sind. Wie das Tüwi, die I:DA, der Verein Subterrarium und eben auch wir. Bei uns steht aber aufgrund unserer günstigen Lage der Musikaspekt mehr im Vordergrund.

Was sagst du zum sonstigen Musiklokal Angebot in Wien?
Man sieht, dass es sehr schwierig ist. Ich denke jetzt an das Werk, an den Zoo und das Loft, auch wenn es eine komische Reihe ist. Man sieht immer wieder Lokale, die Wien gut tun würden, die sich aber nicht halten können, weil sie in Wohnhäusern untergekommen sind. Sie haben lärmtechnisch einfach nicht die Möglichkeiten wie ein Flex, eine Arena, ein Wuk oder auch ein Gürtelbogen. Insofern gibt es eine Dynamik und etwas zu beobachten. Ich bin froh, dass wir diese Locations haben, die aus linken Initiativen entstanden und nach wie vor Vereine sind, wenn auch mittlerweile stärker durch-strukturiert. Beim Flex, der Arena und dem WUK ist der anarchistische Grundgedanke verloren gegangen, während er beim EKH noch vorhanden ist. Wenn man zum Beispiel nach Berlin schaut, wäre noch sehr viel mehr möglich. Das Einbaumöbel spielt dabei aber nur eine Nebenrolle und ist nur eine sehr kleine, unbekannte Nacht-Alternative.

Es ist immer wieder die Rede davon, dass es so etwas wie eine österreichische Hip Hop Szene nicht gäbe, kann man hingegen von einer Einbaumöbel Szene sprechen?
Natürlich, aber das geht über das Einbaumöbel hinaus. Die Aussage, dass es keine Hip Hop Szene gäbe, bezieht sich ja immer darauf, dass die Künstler davon nicht leben können. Und das ist genau das was im Einbaumöbel keine Rolle spielt. Während die Hip Hop Musiker und Studio-Techniker, die sich da tagsüber wirklich viel Arbeit antun, um eine ordentliche Produktion zu machen, sehr wohl diese Erwartungshaltung haben und das zurecht. Sie wird in Österreich aber nicht erfüllt.

Über welche österreichischen Rapper, die früher viel gefreestylet haben und die noch nicht im Einbaumöbel waren, würdest du dich freuen?
Bis zum Einbaumöbel waren die Open Mic Sessions in Wien sehr rar gesät. Immer nur einmalige Aktionen, keine Reihen. Insofern habe ich nicht das Gefühl, dass es so viele präsente Freestyle Rapper gab, nur ein paar Battle Gewinner, die sich einen Namen gemacht haben. Aber natürlich sind es die Leute aus den ersten Tagen, die ich hier gern einmal sehen würde, wie zum Beispiel den Manuva. Von Texta war auch noch niemand hier. Ansonsten war ich überrascht wie viele Menschen, die ich als Hip Hop Fan sehr wohl wahrgenommen habe, früher oder später auch im Einbaumöbel aufgetaucht sind.

Auf dem Album von Yasmo „Keep it realistisch“ hast du ein Feature. Wie ist es dazugekommen? Du hast ja bisher sonst nichts releast?
Durch die Freestylesession habe ich begonnen sehr viel zu rappen. Rap Fan war ich schon immer. Ich bastel auch an Beats, habe aber auch keine releast, weil ich damit auch noch nicht zufrieden genug bin. Ich bin dem nicht abgeneigt, bin aber auch nicht sehr ehrgeizig. Ich bin sehr gerne der Freestylerapper, der hin und wieder zu den Decks geht und einen Cut macht. Dennoch hat mich Yasmo dazu motiviert für ihr Album auch etwas zu schreiben. Ich bin sehr stolz drauf, wenn auch die Erwartungen an meinen Text nach so vielen Freestylessions vielleicht höher gewesen sind (lacht).

Interview: JB
Fotos: AR bzw. 1BM

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