Blumen & Amore // AnnenMayKantereit live

Ihr in Wien kennt ihr euch aus mit Amore!„, ruft Faber, der Singer-Songwriter aus Zürich, als er in der ausverkauften Arena seinen letzten Song performt und spielt damit auf Wanda an. „Amore!“, schreit der Schweizer Sänger ins Mikrofon, sein letzter Song ist auf Italienisch, ein Cover eines 60er-Jahre-Songs von Fred Bongusto. Sein Bandkollege Tillmann Ostendarp bläst dazu die Posaune, dessen Füße bedienen gleichzeitig die Basstrommel. Zusätzlich begleiten noch ein Keyboarder und ein Bassist das Duo. Zuvor haben die vier Musiker das Publikum mit nachdrücklichen deutschen Texten unterhalten, mal mit Ska-, dann wieder mit Swing-Einflüssen. Und man glaubt es dem Sänger, wenn er sich lächelnd für diesen außerordentlich lauten Empfang bedankt. Faber bezeichnet seine Musik selbst als „Akustik-Punk für Mädchen“, dabei spiegelt sich so viel mehr in seiner Musik wider. Einst von Sophie Hunger gefördert, begleitet er nun die Nummer-eins-Band AnnenMayKantereit auf deren Tour und spielt nebenbei noch Cover-Versionen von Georg Danzer.

„Suche 2 Karten und/oder Liebe“ steht auf dem Schild, mit dem sich zwei junge Männer vor den Eingang der Arena positioniert haben. Dreimal Wien, dreimal ausverkauft. Und das noch vor dem Debüt-Album. Im vergangenen Juni hat AnnenMayKantereit noch als Vorband von Bilderbuch in der Arena gespielt, im Herbst dann im WUK, weil das Flex zu klein wurde. Alles ausverkauft. Sänger der Band, Henning May, erklärt sich die Aufgeregtheit um seine ehemalige Schülerband damit, dass die Leute genug von verlogener und unehrlicher Musik hätten. Es gehe um Ehrlichkeit. Und wenn Henning singt, dass der WG-Balkon mit leeren Flaschen und überfüllten Aschenbechern übersät ist und der Vater nachts aufstehen musste, um den Sohn vom Club abzuholen, dann ist das die schonungslose Ehrlichkeit – oder Authentizität, mit der viele Medien die Musik der Kölner Band beschreiben. Die Texte von Henning begleiten dich zu den Abgründen der Banalität und bringen dich dann wieder zu den Höhepunkten der Realität zurück.

Es ist kein geiles Gefühl, ein Liebeslied zu spielen und dabei die ganze Zeit gefilmt zu werden. Den Scheiß guckst du dir eh nie wieder an!„, singt Henning in „Du bist überall“. Zack. Da ist er wieder, der Moment, der fiktiven Songtext und Realität verknüpft. „Das Einzige, was mich auf ’nem Konzert interessiert ist, wie teuer das Bier ist und wie gut die Band ist„, heißt es im Song weiter. Was man mit einer verwackelten, übersteuerten, vom Bass übertönten Handy-Aufnahme jemals wieder anfangen will, bleibt sowieso ein Rätsel. Dann lieber tanzen, so wie das auch Henning fordert. Selber bleibt der schlaksige Sänger das ganze Konzert über ruhig, bewegt sich nur minimal zur Musik, wechselt zwischen E-Keyboard und Mikrofonständer. Aber mehr braucht es auch nicht. Das rauchige Timbre füllt die ganze Halle. Bei solch einem Stimmvolumen würde eine Bühnenshow nur ablenken. Live ist auch das Dreckige, das bei der über Universal vertriebenen Platte „Alles Nix Konkretes“ fast schon zu rein klingt, wieder voll spürbar. Vor allem wenn Henning May mit seinen Band-Kollegen von Pop zu rockigem Soul wechselt und Bobby Hebbs Evergreen „Sunny“ anstimmt – und Schlagzeuger Severin Kantereit eine Bongos-Einlage wie ein Safri-Duo-Mitglied hinlegt. Dazu noch die Mundharmonika von Gitarrist Christopher Annen und da ist sie wieder: die „Authentizität“ der ehemaligen Schülerband, die vor Kurzem noch mit Cajón in der Kölner Fußgängerzone aufgetreten ist. Wenn dann Henning May auch noch seine Melodica auspackt, fühlt sich die Bühne wie eine Freiluftkulisse an, inklusive Kölner Dom im Rücken. Der befreundete Jazz-Trompeter Ferdinand Schwarz, der während des Abends für mehrere Soli zuständig ist, verleiht der Show eine weitere feine Nuance.

 

#annenmaykantereit

Ein Beitrag geteilt von Dominik Schallauer (@schalli_) am

>Ohne große Ansagen spielt sich AnnenMayKantereit durch die Nummern ihrer EP sowie des Debüt-Albums. Dass am Tag nach ihrem Konzert in Wien Bundespräsidentenwahl in Österreich sein wird und die Musiker eine eventuelle Wahlempfehlung abgeben könnten, wie das bei den vergangenen Wahlen schon Audio88 & Yassin, die Antilopen Gang oder Gold Roger gemacht haben, kümmert die Musiker nicht. Aber das ist auch nicht der Anspruch der deutschen Pop-Rock-Band. Das Politischste an ihnen ist noch das „Refugees Welcome“-T-Shirt des Bassisten Malte Huck. Dabei singt Henning May im Refrain von K.I.Z.’s „Hurra die Welt geht unter“ noch von einem durch den Klimawandel herbeigeführten Weltuntergang. Aber das hat wohl deren gemeinsamer Produzent Moses Schneider eingefädelt. Aber auch wenn AnnenMayKantereit keine gesellschaftskritische Musik machen und somit auch nicht die Welt zu verbessern versuchen; die Geschichten, die sie mit ihren Liedern erzählen, berühren die Menschen und holen sie dort ab, wo sie sind: im Alltag. Da passt es auch, dass Hennging May am liebsten die Wiener Band Wanda auflösen möchte, da er und seine Bandkollegen es nervig und albern fänden, wie Wanda ihren Alkoholismus zur Schau stellen. Und Rapper, die mit ihrem Hustensaft in Interviews herumwedeln, die mögen sie auch nicht. Das ist nämlich nicht die Welt, die die vier Musiker umgibt. Ihr Alltag ist geprägt von Liebeskummer, Morgenmuffeln und meckernden Mitbewohnern, die dazu auffordern, das Badezimmer zu putzen. Und die Blumen, die sind für den WG-Balkon. Damit zu den leeren Flaschen und überfüllten Aschenbechern auch ein wenig IKEA-Katalog-Flair in die Studentenbude kommt.

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