Ananasmixtape Vol. 3 (Thomas Kiebl) // Playlist

Original: Ivan Constantinovich Aivasovski, adaptiert von Matthias Schuch

Einmal im Monat präsentiert ein „The Message“-Mitglied – RedakteurInnen wie FotografInnen – das Ananasmixtape. In Form einer Spotifyplaylist zeigt das Mixtape einen Querschnitt des aktuellen Musikgeschmacks. Den Startschuss für das Jahr 2019 darf ich machen. Deshalb ging ich in den vergangenen Tagen ein bisschen in mich und überlegte, welche Tracks dieses Kriterium erfüllen.

Zugeben: Die Reduktion auf 15 Titel war eine Herausforderung. Aber gerade in dieser Reduktion liegt die Kunst, und nach einiger Zeit voller sorgfältiger Überlegung traf ich eine Auswahl, die meine uneingeschränkte Liebe bekommt. Genretechnisch ist meine Playlist auf den ersten Blick ein wild zusammengewürfelter Mix, der aber stimmungstechnisch ein weitläufig kohärentes Bild ergibt. Es folgt eine Auswahl aus unter anderem  (Industrial) Techno, Psychedelic Jazz, EBM, Noise Rock, Alternative Soul und Südstaaten-Rap.

01. Ellen Allien – Wolken ziehen

Die Berliner DJane Ellen Allien (eigentlich Ellen Fraatz) hat 2001 mit dem Album „Stadtkind“ eine ergreifende Hommage an ihre Heimatstadt Berlin fabriziert. Produziert gemeinsam mit Holger Zilske von SmashTV, ist das Album Ausdruck der Stilvielfalt von Allien: Minimal Techno ist das Gerüst, manchmal wird jedoch in den Industrial abgetaucht – und Pop schwingt dank der überwiegend deutschen Sprachfetzen sowieso immer mit. „Stadtkind“, nur wenige Tage nach 9/11 erschienen, fing den neuen Zeitgeist auf unbeabsichtigte Weise ein. Der Impact für die Berliner Technoszene war ebenso enorm wie auf Ellen Allien selbst, die mit „Stadtkind“ ihren Status als eine der zentralen Protagonisten ebendieser untermauerte.

„Stadtkind“ erschien über Alliens eigenes Label BPitch Control, welches sie 1999 gründete und das schnell zu einer zentralen Anlaufstelle im Feld der elektronischen Musik wurde. Eine große Erfolgsgeschichte, wie so vieles im Leben der Ellen Allien. Bei all dem Wirbel um sie wäre es keine Überraschung, wenn die Gerüchte stimmen, dass Paul Kalkbrenner bei seinem Film „Berlin Calling“ die Person der Labelchefin Alice (gespielt von Megan Gay) an Ellen Allien angelehnt hätte. Was aber ein bisschen fies wäre, besticht Alice nicht gerade durch hohe Sympathiewerte. Wie dem auch sei: Aus diesem wichtigen Album ist neben dem Titeltrack „Wolken ziehen“ einer der Standout-Tracks, der gar eine euphorische Stimmung entfacht: „Wolken ziehen, du brennst auf meiner Haut“ , so heißt es darin hypnotisch.

02. Scarface – I Seen a Man Die

Scarface ist einer besten Rapper überhaupt, wenngleich in diversen Bestenlisten gerne vergessen. Welch großartige Fähigkeiten im Storytelling er besitzt, zeigt sich beispielsweise in „I Seen a Man Die“, eine Nummer, so grandios geschrieben und gerappt, dass sie einfach unter die Haut geht. Produziert wurde der Track von N.O. Joe und Scarface, unter der Mithilfe von Mike Dean, heute Intimus eines gewissen Kanye West. 1994 als Single aus dem dritten Scarface-Album „The Diary“ ausgekoppelt, erreichte „I Seen a Man Die“ Platz 37 in den amerikanischen Singlecharts. Classic.

03. Point Blank – Wreckless ft. K-Rino

Ursprünglich stammt Point Blank aus Chicago, zog aber als Teenager nach Houston, Texas. Dort sorgte er als Rapper mit besonders harten Texten für Aufregung. 1990 schloss sich Point Blank dem passenden Verbund der South Park Coalition an; passend auch, weil er im Houstoner Stadtteil South Park wohnte. 1996 gründete er mit dem Wreckless Clan eine eigene Crew (gemeinsam mit Ice Lord und PSK-13), die mit „Blowin‘ Up Tha Scene“ im gleichen Jahr ein ordentliches Album hinlegte, das zugleich der einzige Release der Band blieb. Zur Zeit des Releases von „Blowin‘ Up Tha Scene“ war Point Blank schon ein gestandener Künstler, der zwei Soloalben in seiner Diskografie vorweisen konnte.

Sein Debüt veröffentlichte er mit „Prone to Bad Dreams“ 1992 über Big Tyme Records. Ein starkes Album mit Texten, wo an mehr als einer Stelle die Grenze des Erträglichen ausgelotet wird. Den Ruf als härtester Rapper bei der sowieso schon nicht zimperlichen South Park Coalition musste er anscheinend bestätigen. Als Featuregäste engagierte er neben den Labelkollegen UGK (Pimp C produzierte auch den Track „Cut U n 1/2“) auch einige seiner South-Park-Coalition-Kollegen, wie Ganksta NIP und K-Rino. SPC-Gründer K-Rino assistierte Point Blank auf „Wreckless“, ein Track, namenstiftend für Point Blanks zukünftige Crew und Label. Der Song bietet brachiales Storytelling, bei dem sich nicht nur mit der Zeile „I hate the whole fucking world so the world better hate me“ in der Hook Misanthropie breit macht. Eine Zeile, mit der Point Blank übrigens das Album eröffnet.

04. Demon Fuzz – I Put a Spell on You 

Lediglich vier Jahre lang bestand die Band Demon Fuzz, zusammengesetzt aus sieben Musikern, die allesamt aus den weiten Teilen des britischen Commonwealth nach London zogen. Zunächst im Soul unterwegs, führte eine Marokkoreise von Frontmann Paddy Corea zu einem Richtungswechsel. Plötzlich stand Afro-Rock mit psychedelischen Elementen auf der musikalischen Speisekarte.

In Albumform gegossen haben Demon Fuzz jene im Jahr 1970, als „Afreaka!“ erschien, das später unter anderem Diamond D als Samplequelle diente. Auf dem Album befindet sich als besonderes Highlight mit „I Put a Spell on You“ ein hörenswertes Cover des Jalacy- „Screamin Jay“-Hawkins-Originals aus dem Jahr 1956.

Leider lässt Spotify das Einbinden dieses Tracks in eine Playlist nicht zu, weswegen sich im „Ananasmixtape“ stattdessen das nicht minder wunderbare Hawkins-Cover (1965) von Nina Simone befindet.

05. Ibeyi – Transmission/Michaelion

„Transmission/Michaelion“ ist das Herzstück von „Ash“, dem zweiten Album von Ibeyi,  in dem unter anderem ein Exzerpt aus dem Tagebuch der Frida Kahlo vorgetragen wird. Eine ausgesprochen spirituelle Nummer, zu der vergangenes Jahr ein sehenswertes Video mit einer berührenden Geschichte gedreht wurde (mehr dazu hier).

06. Daughters – Satan in the Wait

Früher noch im Grindcore unterwegs, hat sich die amerikanische Band Daughters über die Jahre stilistisch hin zum Noise Rock bewegt. Wie wohl sich die Gruppe rund um Frontmann Alexis S.F. Marshall dort fühlt, konnten sie mit ihrem letzten Album „You Won’t Get What You Want“ beweisen. Das kristallisierte sich gar als mein Lieblingsrelease des Jahres 2018 heraus – ein S/O an dieser Stelle an meinen Kölner Bruder Fabian, der schon bei der ersten Single prognostizierte, was sich da zusammenbrauen wird.

Apropos erste Single: Die nennt sich „Satan in the Wait“ und besticht durch starke Songwriting-Qualitäten und ein treibendes musikalisches Korsett, das sieben Minuten lang mit schleppenden Drums für Gänsehaut sorgt. Im April sind Daughters live in Europa zu sehen (noch kein Wien-Date).

07. HEALTH x Youth Code – Innocence

Die Noise-Rocker HEALTH machen für „Innocence“ gemeinsame Sache mit dem EBM-Duo Youth Code. Eine hervorragende Idee, die überzeugend in die Praxis umgesetzt wurde. Ein guter Appetizer für die Projekte von HEALTH („Innocence“ wird auf deren kommenden Album „Vol. 4: Slaves of Fear“ vertreten sein) sowie von Youth Code, die für 2019 ebenfalls einiges geplant haben – und nebenbei eine der besten Live-Bands der Gegenwart sind.

08. Hprizm – Asia (Adrenaline)

Hprizm aka High Priest, eines der Gründungsmitglieder der Avantgarde-Rap-Gruppe Anti-Pop Consortium, veröffentlichte Ende Dezember mit „Magnetic Memory“ ein sträflich vernachlässigtes Album. Dieses zeichnet sich nicht nur beattechnisch, sondern auch durch einen durchdachten Plot aus. Auf dem Album zu finden ist der Track „Asia (Adrenaline)“, eine energetische Uptempo-Nummer, auf der sich Hprizm richtig profilieren kann. Als Rapper und als Produzent.

09. Boy Harsher – Fate 

Boy Harsher lautet der Name eines Coldwave-Duos, das mit „Yr Body Is Nothing“ ein Album und mit „Country Girl“ und „Lesser Men“ zwei EPs in der Diskografie stehen hat. Veröffentlichungen, die Einblick in das mächtige Potential von Boy Harsher geben. Am 5. Februar präsentieren Produzent Augustus Muller und Sängerin Jae Matthews mit „Careful“ ein neues Album. Die erste Video-Single aus dem Album, „Fate“, enthält die typischen Boy-Harsher-Inhaltsstoffe. Düster, aber absolut tanzbar.

10. Miserable – Cheap Ring

Kristina Esfandiari ist nicht nur Frontfrau der Doom-Metal-Band King Woman, sondern hat mit Miserable ein weiteres Projekt am Laufen. Im Oktober servierte Miserable mit „Loverboy/Dog Days“ eine Doppel-EP als Einstand auf Sargent House. Auf dieser wird sphärischer Doom-Rock mit Ausflügen in den (Dream-)Pop serviert. Ja, Kris Esfandiari kann fantastische Popsongs schreiben. Zu ihren Popausflügen zählt „Cheap Ring“ nicht, ist dieser Song doch Teil der „Loverboy“-EP. Ein Werk mit ungemein verschwommener Stimmung, nebulös und nicht fassbar, auf dem Esfandiaris Stimme so richtig glänzt.

11. Helena Hauff – Spur

Mit „Qualm“ legte Helena Hauff 2018 eindrucksvolle Gründe vor, warum sie zu den ganz wichtigen Figuren des Techno in der Gegenwart zählt. Der hier ausgewählte Track „Spur“ stammt aus dem Vorgänger „Discreet Desires“, 2015 veröffentlicht über Ninja Tune. Aggressive Bassline, reinhämmernde Snare, stark.

In der (leider!) letzten Print-Ausgabe des Groove erzählt Helena Hauff übrigens eine ganz interessante Geschichte darüber, warum sie einst Vegetarierin war und was sie dazu bewog, wieder Fleisch zu essen: So konnte ihre Mutter nicht gut kochen, womit es egal war, ob Tofu oder Huhn am Teller landete. Die Hingabe zum Fleischgenuss erfolgte dann unter anderem durch die Erkenntnis, dass in der Natur kaum ein Tier an Altersschwäche stirbt, und Kühe verhungern, wenn sie ihre Zähne abgekaut haben. Ein Gedankengang, den man noch nicht oft gelesen hat.

12. Moodie Black – Ye.Death ft. Ceschi

Die Noise-Rap-Crew Moodie Black aus Minneapolis bewegt sich auf „Ye.Death“ in den Bahnen, die ihnen den Spitznamen als „Nine Inch Nails des Rap“ einbrachten. Unaufgeregt scheppern die Drums, bis ein Mark und Bein durchstoßender Synth-Sound in der Hook die trügerische Ruhe beendet. Wobei: diese besteht sowieso nicht, bei der Performance, die Moodie-Black-Frontmann K.Death (Chris Martinez) darbietet. Unterstützung bekommen Moodie Black bei dem Song, der sich dem tagtäglichen Wahnsinn in unserer westlichen Gesellschaft widmet, vom Boss ihres Labels Fake Four Inc., Ceschi.

13. Ancient Methods – Array the Troops feat. Regis 

Industrial-Techno-Größe Michael Wollenhaupt bka Ancient Methods reüssierte 2018 mit einem ambitionierten Projekt: Mit „The Jericho Records“ versuchte er sich an einer Vertonung der biblischen Schlacht von Jericho (wer seine Diskografie kennt, weiß, dass sich Wollenhaupt für „The Jericho Records“ nicht zum ersten Mal Inspirationen aus der Bibel holte). Das Album ist mit „The City of Jericho“, „The Battle“ und „The Aftermath“ in drei Teile gegliedert, „Array the Troops“ mit Synthies vom langjährigen Kollegen Regis eröffnet den zweiten Teil. Intensives Erlebnis.

14. Petite Noir – Beach feat. Danny Brown & Nukubi Nukubi 

Zum zweiten Mal kollaborierten im Oktober der südafrikanische Noirwave-Originator Petite Noir und das Detroiter Rap-Enfant-Terrible Danny Brown. Das erste Mal ereignete sich auf Danny Browns Album „Atrocity Exhibition“, wo Petite Noir den Track „Rolling Stone“ bereicherte. Zwei Jahre später revanchierte sich Danny Brown in Form eines Featurebeitrags auf „Beach“, einem Track auf Petites Noire Mini-Album „La Maison Noir/The Black House“. Er ist dabei nicht das einzige Feature, teilt er sich das Mic mit dem geheimnisvollen Sänger Nukubi Nukubi. Produziert wurde der Song vom Wiener Cid Rim.

15. Natalia Doco – Remolino

Natalia Doco ist eine argentinische Sängerin, deren Wege einst nach Frankreich führten. Dort schlug Natalia Doco Wurzeln. Den Kontakt zu ihrem Heimatland ließ sie aber nicht abreißen – vor allem nicht musikalisch. Spanisch dominiert weiterhin in ihren Songs, wichtige Inspirationen für ihre Texte holt sie sich unverändert aus der Natur Südamerikas oder den traditionellen Rhythmen der Inkas. 2017 veröffentlichte sie ihr zweites Album „El Buen Gualicho“ („Der gute Zauber“), das gemeinsam mit dem argentinischen Jazz-Musiker Axel Krygier in Buenos Aires aufgenommen wurde. Auf dem Album enthalten der Track „Remolino“, eine melancholisch klingende Latin-Pop-Nummer.

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