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Am höchsten Punkt der Siedlung: OG Keemo mit „Geist“ // Review

(Chimperator Productions/VÖ: 22.11.2019)

Karrieren brauchen oft diesen einen Song, um in Schwung zu kommen. Das gilt auch für OG Keemo. Mit diversen Tracks stellte sich der Mainzer Rapper 2017 dem Deutschrap-Publikum vor und galt schnell als Geheimtipp. Mit seinem Track „Vorwort“ brach er im Vorjahr schließlich aus den digitalen Mauern diverser Facebook-Nerdgruppen heraus. Um OG Keemo entwickelte sich so etwas wie ein Hype, den er mit dem „Skalp“-Tape rechtfertigte. OG Keemo wurde zu einem Synonym für „vielversprechende Deutschrap-Aktie“. Weil OG Keemo nicht nur textlich vieles bietet, sondern auf Beats rappt, die Tradition und Moderne harmonisch vereinen.

Ohne Zweifel: OG Keemo steht für Überraschungen, für frischen Wind. Das gilt auch für „216“, der ersten Single seines Debütalbums „Geist“, in dem er sich schonungslos ehrlich zeigt und in dem jedes Wort sitzt – über Rassismus und Polizeigewalt, über „Daniel-Aminatis-Ni**as“, die sich „die Locken aus den Haaren glätten“, über Polizeikontrollen, bei denen man weiß, dass man „mit dem Gramm in der Tasche eine von zwei Möglichkeiten hat“, weil man nun mal eine Person Of Color ist und Racial Profiling nun mal ein faktisches Ding ist. Es ist Rap, der sich wichtig anfühlt. Nichts, was man hört, während man zum Shisha-Schlauch greift.

OG Keemos Debüt ist erneut auch das Spielfeld von Funkvater Frank, der seinem rappenden Kompagnon eine explosive Mixtur aus Soul-Samples und Trap zusammenbraute. Die beiden sind ein eingespieltes Team, ergänzen sich gegenseitig, sehen sich selbst gemeinsam als „OG Keemo“ an. Eine Harmonie zwischen Rapper und Producer, die sich in einem entsprechenden musikalischen Ergebnis niederschlägt.

„Sie weint zu Marvin, während wir beide auf dem Marmor liegen / Flüchtet ins Bad und zieht ’ne Bahn vom Spiegel / Und hofft, dass man ihr den Scheiß nicht ansieht / Sie weiß, ich hasse Junkies / Und reibt sich mit der Hand Beweise vom Nasenflügel, ey“.

OG Keemo auf „Zinmann“

Was spätestens bei „Vorwort“ faszinierte, war Keemos andere Art, Geschichten zu erzählen. Es waren die kleinen Details, die smart gewählten Lines wie „Meine Depression ist stärker als der Großteil von euch Ni**as“ oder „Kaum ist der Mulatto angetroffen / Ist der Schampus schneller angebrochen als dein Wangenknochen“, die durch Direktheit und Wortspiele punkten konnten. Erinnerungen an Sean Price wurden geweckt. An dieser Wortgewandtheit hält OG Keemo auf „Geist“ fest und verschafft dem Album etliche Glanzmomente.

Auf „Nebel“ lässt er seine Vergangenheit Revue passieren, erzählt detailverliebt von seiner Jugend, verfällt aber keineswegs in nostalgische Sentimentalitäten. Er erzählt von der zu kleinen Wohnung, in der seine Familie gelebt hatte, von den „blassen Fingern“ in der Schule, die durch seine gelockten Haare streiften, von Streits, weil ihm gegenüber jemand einen rassistischen Ton anschlug, oder von gestohlenen Autos.

Keine Bange, ich bin allein mit meinen Gedanken / Meine Leute tanzen vor der Leiche von einem Polizeibeamten / Ich hab‘ keine Zeit für Angst, ich werde nicht fünfzig / Werf‘ eine Münze, ganz egal, wie sie aufkommt, sie wird nie auf der richtigen Seite landen, ja“.

OG Keemo auf „55 (Interlude)“

OG Keemo balanciert auf „Geist“ konstant zwischen Storytelling und Representen. Sein Flow fesselt, der durch sich so manche Songs ziehende Spannungsaufbau resultiert aus der Dramaturgie der Lyrics sowie der brachialen Sounduntermalung. Stellenweise weckt seine Power Assoziationen an Meek Mill, lyrisch erinnert er an Earl Sweatshirt, und musikalisch oft an Vince Staples. Die Songstruktur geht oft eigene Wege, auf eine Hook wird gerne einmal verzichtet. Das Album ist mit knapp 35 Minuten ungemein dicht, eine düstere Stimmung hält einen die ganze Zeit im Bann. Keemos kanalisierte und verbalisierte Wut fließt in die Musik, seine Geschichten erzeugen Gänsehaut, geschilderte Momentaufnahmen lassen ausdrucksstarke Bilder in den Köpfen seiner Hörerschaft entstehen. Das Thema „Geist“ funktioniert konzeptionell auf Albumlänge.

„Was weißt du von Polizeikontrollen, wenn ein junger Nigga spät im Dunkeln unterwegs ist? / Und allein dein Hautton ist Grund genug nicht lang rumzureden / Und der Bulle tut so, als wäre es unpersönlich / Obwohl er der Großvater von zwei gesunden dunklen Babys ist / Und nur aufgrund des Fakts, dass sein Mädchen auf Dschungel-Penis steht / Fast alles unternehmen wird, um uns das heimzuzahlen“.

OG Keemo auf „216“

Einige Thematiken stechen hervor: weil sie sich über mehrere Songs ziehen, immer wieder angesprochen werden und so auch den Grundstein der Atmosphäre legen, in der sich „Geist“ abspielt. Die Siedlung, in der Keemo aufwuchs, findet ihre Hommage nicht nur auf dem Song „Siedlung“, sondern dient als generelle Szenerie des Albums. „Diggah, ich bin in der Siedlung, zwölf Stockwerke/Sechs Blocks, plus mein Block und kein Cop in Sicht“, heißt es so auf „Siedlung“. Auf „55 (Interlude)“ geht OG Keemo sogar lyrisch noch einen Schritt weiter – als „Kind der Siedlung“ verkörpert er selbst diverse Vorkommnisse in der Siedlung in 55127 (Mainz) und sieht sich selbst als Teil derer an.

„Ich bin die Kugel im Lauf / Ich bin der Shooter und auch der, der blutet / Guck, ich bin der Bruder im Bau / Ich bin der Lude, so wie die Hure, die ihn braucht / Ich bin das Puder und der, der’s verkauft / Ich bin der User, der’s raucht“.

OG Keemo auf „55 (Interlude)“

Wenig überraschend ist auch der Tod ein tonangebendes Thema des Albums. „Ich hab keine Zeit für Angst, ich werde nicht fünfzig“, heißt es auf dem Interlude, und auf dem Outro dann: „Legenden sterben jung und deshalb leb ich nicht lang / Sag dem Tod, ich hab die Segel gespannt/Ich hör die Siedlung singen“. Die plakativ düsteren Themen überschatten jedoch zu keinem Zeitpunkt Keemos Representer-Mood. „Denkt ihr, ich knock niemand‘, nur weil ich „Vorwort“ geschrieben hab?“, sagt er auf „Daimajin“. Die Silberzähne, die Schimaske, die Beute. Keemo zeigt sich hart, in den Kontext gebracht übertrumpft dann aber die Authentizität. Nichts von dem, was er von sich gibt, wirkt allzu protzig, allzu übertrieben, sondern immer passend.

Fazit: „Geist“ ist ein Konzeptalbum der neuen Zeit, ein Konzeptalbum, auf dem auch die einzelnen Songs für sich alleine genommen funktionieren. Die Figur des Geistes hat sich über das Album hinweg entwickelt – „15 Meter groß“ („Daimajin“), mit „geteerter, dunkler Haut“ („Teer (Prolog)“), die „Bienen aus dem Mund spuckt“ („Zinmann“). Lediglich „Belly Freestyle“ fällt mit seinen 16 Bars aus dem Hier und Jetzt aus dem Konzept heraus. Ein gelungener und bewusster Break, eine kleine Pause vom Düsteren. „Geist“ hebt sich ab vom gegenwärtigen gängigen Deutschrap-Sound, fremdelt aber nicht gänzlich damit. „Geist“ ist keine leichte Kost, es ist ein schwer im Magen liegendes Album mit bedeutenden Themen wie Rassismus, Kriminalität, Tod. Es ist OG Keemos Welt, in der man in „Ghost“ 35 Minuten lang abtaucht – wie er und Funkvater Frank diese Welt konstruieren, gehört schließlich zum Spannendsten, was Deutschrap 2019 zu bieten hat.

4,5 von 5 Ananas
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