Wiener Filmjuwel mit Parkhintergrund // Ali Salman Interview

Fotos: Daniel Shaked

In der erfolgreichen Kinokomödie „Die Migrantigen“ spielt Mehmet Ali Salman den bösen Ausländercoach mit Straßenattitüde für die braven Bobos mit Migrationshintergrund. Die Thematik begleitet den 35-jährigen tatsächlich sein Leben lang und so schwenkt auch unser Interview fortwährend zwischen dem Film und seinen wahren Erfahrungen.

Salmans Eltern kamen, wie der Großteil der türkischen Auswanderer, aus der mittelanatolischen Provinz Yozgat nach Wien. Das Wiener Leben würde er gegen keinen anderen Ort der Welt eintauschen, als Österreicher fühlt er sich dennoch nicht. Eine Schauspielschule hat der Getränkelieferant zwar nie besucht, dafür war er in seiner Kindheit und Jugend umso öfter im Meidlinger Steinbauerpark. Künstlerisch setzte er diesen Parkhintergrund bereits vor seiner Filmkarriere um – als rappender Ali Capone. Das Message-Magazin berichtete bereits vor zehn Jahren über Salmans Bludzbrüder-Crew. Der große Erfolg blieb zwar aus, schließlich war es dann aber doch Rap, der 2014 Salmans ersten Kinofilm „Risse im Beton“ möglich machte. Was bei seinem eigenen Sohn anders sein wird, warum er sich zwar vollkommen mit Beşiktaş Istanbul idenzifiziere, aber trotzdem nicht auf die Türkei stolz sein kann, und über seine Connections, die vom Burgtheater-Schauspieler Nicholas Ofczarek bis zu den Hooligan-Rappern der Droogieboyz reichen, erzählt der Wiener Künstler im Message-Interview.

The Message: „Juwel ist in Wien geboren, im Herzen Türke (…). Er hat aus seinen jugendlichen Fehltritten gelernt und geht einer ehrlichen Arbeit nach um seine kleine Familie über Wasser zu halten.“ Trifft die Rollenbeschreibung  aus „Die Migrantigen“ auf dich zu?
Ali Salman: Eins zu eins! Nur das „Im Herzen Türke“ ist fraglich. Ich kann selber noch nicht abwiegen, was wo ist und wo ich dazugehöre. Weil mir die ganze Zeit reingeredet wurde. Trotzdem kann ich mir aber alles rauspicken: Ich kann zu den Türken gehen und bin Türke, kann zu den Österreichern gehen und bin Österreicher. Ich kann zu den Jugos gehen und mit ihnen Jugo sein … mit Schwarzen bin ich schwarz. Das ist extrem leiwand!

Wer hat dir reingeredet?
Sei es von der Familie oder vom Staat. Wobei unser Lehrer noch Realist war und gesagt hat, dass wir Türken sind. Danach wurde schon gesagt: „Nein, ihr könnt‘s euch anders fühlen, ihr seid’s ja nicht Türken, ihr seid hier aufgewachsen“ … Zuhause hatte ich aber die ganze Zeit die türkische Kultur. Zuhause bin ich noch immer Türke. Meine Eltern werden sich nicht ändern – und sie sollen sich auch nicht ändern. Es ist schön, dass sie ihre Kultur hier weiterleben. Aber für uns, die hier aufgewachsen sind, ist es schon schwer.

Hat sich deine Einstellung durch die Filmerfahrungen geändert?
Ich bin viel weltoffener geworden. Ich komme ja aus einem Grätzl, wo nur Ausländer untereinander sind. Bis ich gearbeitet habe, habe ich überhaupt keine österreichischen Freunde gehabt. Erst dann habe ich gesehen: Gut, es ist ja gar nicht so, wie es scheint. Wenn du nur unter Ausländern bist, kriegst du dieses österreichische Feindbild automatisch.

In deinen Meidlinger Schulklassen gab es keine Kinder mit österreichischen Eltern?
In meiner Hauptschulklasse waren 24 Türken, ein Halb-Österreicher und eine Österreicherin. In der Volksschule waren hauptsächlich Österreicher. Wir Türken waren zu dritt in der Klasse.

Wie war dieser Wechsel für dich?
Ich hab‘ mich dann schon wohlgefühlt. Alle sind scheinbar wie ich, hab‘ ich gedacht. Sie reden wie ich, sie kleiden sich wie ich, sie benehmen sich wie ich. Jeder will das Brot vom anderen in der Pause haben… Aber jetzt ohne Spaß – geht’s denen eigentlich noch gut? Die haben Jugos in Jugo-Klassen gegeben, Türken in Türken-Klassen und Österreicher in Österreicher-Klassen. Mischt’s doch die Leute! Die Leute sollen lernen, miteinander umzugehen!

Zwanzig Jahre später sitzt du mit „Stonepark“-T-Shirt (eine Anspielung auf den Meidlinger Steinbauerpark, Anm.) im Abspann von „Die Migrantigen“. Wieso?
Man sollte seine Wurzeln nicht vergessen. Ich weiß noch jeden einzelnen Tag, den ich dort war. Jede Scheiße, die ich gebaut habe. Damals waren wir an guten Tagen 70 Leute, die Räuber und Gendarm gespielt haben. Und jeder wollte Räuber sein. Wenn jemand eine 1,5 Liter Flasche Mineralwasserflasche vom Billa geholt hat, ist die danach durch 20, 25 Münder und Lippen gegangen. Dort haben wir das Teilen und Sozialsein gelernt. Heute bin ich der, der einem Penner auf der Straße hilft. Irgendein Schnösel mit Krawatte beachtet ihn nicht einmal.

In Wien fühlst du dich am stärksten mit dem Steinbauerpark verbunden?
Nein, mit ganz Wien! Ich verbinde mit jeder kleinen Ecke irgendeine Erinnerung. Als ich klein war, war ich ein Streuner. Jeder in den Bezirken hat mich gekannt – zumindest die „Kanaken“.

Würdest du gegen eine andere Stadt tauschen?
Nein, auf keinen Fall! Keine Sekunde würde ich darüber nachdenken.

Als großer Fan von Beşiktaş könntest du in Istanbul immer zu den Spielen gehen.
Der Reiz ist, wenn du einmal im Jahr dort bist, ein riesiges Spiel siehst und diese Atmosphäre genießt. Dieses Gefühl, wenn 40.000 Menschen gemeinsam singen, ist unglaublich. Aber dort leben könnte ich nicht.

Denkst du dir, wenn du dort bist, dass du da nicht richtig dazugehörst?
Nein, als Beşiktaş-Fan gibt es so etwas nicht. Egal, welche Sprache du sprichst oder welche Hautfarbe du hast, du wirst gut aufgenommen. Deswegen liebe ich diesen Verein ja so. Rassismus existiert nicht bei dieser Mannschaft. Çarşı waren auch die Ersten bei den Protesten im Gezi-Park. Wir sind für die Freiheit von Menschen, das ist eine Lebensphilosophie.

 

Deine Eltern stammen aus der mittelanatolischen Provinz Yozgat. Wie viele Menschen mit dortigen Wurzeln kennst du in Wien?
Aus meinem Dorf? Genug … ich glaub‘, so bis zu drei- bis vierhundert Leute sind in Wien. Alle sind damals hierhergekommen. Kaum jemand ist nach Deutschland gegangen.

Wirst du im Heimatdorf deiner Eltern als Ausländer wahrgenommen?
Die sehen das an meinem Gang. Meine Familie verarscht mich auch, aber eher so zum Spaß: „Herst du bist eh schon Österreicher!“ So wie letztens bei der Passkontrolle: „Sag mal, Mehmet Ali, von wo kommst du?“ Darauf ich: „Eigentlich aus Yozgat“. Und er: „Du bist ja ein Österreicher und weißt es nicht einmal!“ Ganz leicht hat mir das schon wehgetan.

Ist es möglich, gleichzeitig stolzer Wiener und türkischer Patriot zu sein?
Ich bin kein türkischer Patriot!

Oder auf die Türkei stolz zu sein?
Ich bin nicht auf die Türkei stolz! Ich kann gar nicht auf die Türkei stolz sein. Ich hab‘ keinen Bezug zur Türkei. Ich hab‘ die österreichische Staatsbürgerschaft, in der Türkei dürfte ich nicht einmal wählen. Jedes Mal, wenn ich reinkomm‘, muss ich mir ein Visum kaufen. Was hab ich mit der Türkei zu tun?

In „Oglum Bak Git“ hast du zum Beispiel gerappt: „Sogar mit Adler bleibe ich Türke“…
Meine Raps sind dazu da, um zu provozieren. Ich tue sehr gerne genau das, was die Leute nicht wollen und warte auf ihre Reaktion.

Bist du Österreicher, Türke, Wiener …?
Wiener bin ich definitiv! De-fi-ni-tiv! Aber Österreicher? Geh‘ mal in irgendein kleines österreichisches Dorf, dann kommen’s gleich alle mit „Schau! A Tschusch!“ Aber in Wien sind, glaube ich, alle cool miteinander.

Wird dein Sohn noch einen direkten Yozgat-Bezug haben?
Geh bitte, was macht der dort? Der wird eher Gerasdorf kennen. Wenn es meine Familie nicht geben würde, hätte ich selbst keinen Bezug dorthin. Ich besuche sie nicht einmal jedes Jahr, obwohl ich die Möglichkeit hätte.

Bestehen zwei Generationen später andere Chancen, als für die ursprünglichen türkischen Migranten?
Auf jeden Fall! Ich würde meinen Sohn in allen seinen Talenten unterstützen, beziehungsweise schauen, dass er die Unterstützung bekommt, die er dafür braucht. Sei es Klavier spielen oder Ballett tanzen – ist mir egal! Ich kann dir 50 meiner Freunde zeigen, die alle genauso denken! Mein Sohn ist zwei Jahre alt und hat jetzt schon mehr Repertoire als ich! (lacht) Weil er so gut gefördert wird. Das ist extrem wichtig – Förderung von Kindern!

Was war in deiner Kindheit und Jugend anders?
Unsere Eltern konnten uns nicht helfen. Das waren Bauern, die nicht lesen und schreiben konnten. Sie kannten auch niemanden, der uns hätte helfen können. Ursprünglich haben sie sich nach der Ankunft gedacht: „Ich arbeite und geh bald wieder zurück“. Als die Kinder gekommen sind, haben sie nicht mehr gewusst, was sie machen sollen. Uns haben sie nur gesagt: „Lern jetzt!“ „Werd Doktor!“. Aber ich wollte nicht lernen. Also schon – aber Musik! Herst, du kennst die Formel selber nicht, wie willst du mir in Mathematik etwas beibringen?

Zeigt der Film nicht auch auf, dass es ein großes Talent-Repertoire gibt, das nicht ausgeschöpft wird?
Auf jeden Fall! Rabie Peric-Jasar, die Putzfrau, ist das beste Beispiel. Sie hat es von Natur aus drauf, obwohl sie auch keine ausgebildete Schauspielerin ist.

Wie arbeitsintensiv war das Filmen für dich?
Sehr! Ich arbeite ja auch als Getränkelieferant. Ich musste dieses und vergangenes Jahr ohne Urlaubstage durcharbeiten. Die Rolle selbst war für mich aber nicht schwer zu spielen.

Finanziell hat es sich dann ausgezahlt?
Nein, ich hab‘ so wenig wie möglich kassiert. Du verdienst ja im Endeffekt nichts, wenn du neu im Business bist. Man nimmt mich noch nicht ganz ernst. Es ist eine Indie-Produktion mit ziemlich wenig Budget gewesen. Aber ich musste es machen, ich war damals am Tief meines Lebens. Auch wenn es nur 500 Euro gewesen wären!

Dein erster Kinofilm war 2014 „Risse im Beton“.
Das ist alles wegen dem „Oglum Bak Git“-Video entstanden. Dieser kleine Sketch hat mir sehr weiter geholfen.

Murathan Muslu spielt in „Risse im Beton“ die Hauptrolle. Er hat auch eine Rap-Vergangenheit….
Aqil kenne ich schon ewig. Wir haben auch zwei, drei Rap-Nummern gemeinsam gemacht. Durch die Musik ist dann eine Freundschaft entstanden. Er ist noch immer ein Vorbild für mich. Er hat den verfickten Preis gewonnen! (Anm.: Österreichischer Filmpreis als bester Schauspieler für „Risse im Beton“; 2015)

In „Kumahat er einen Homosexuellen gespielt. Würdest du das auch machen?
Ja sicher, wenn es dafür Geld gibt (lacht).

Siehst du dich in einer anderen Rolle als der des bösen Ausländers?
Ich bin ja der, den sie wollen und will niemand anderer sein. Ich bin dieser dreckige „Kanake“. Ich kann ihn gut verkörpern. Ich kann auf der Straße gehen und so tun, als ob ich ein türkischer Prolet wäre und jeder würde es glauben. Das gefällt mir!

Erhoffst du dir eine schauspielerische Zukunft?
Momentan will ich nur meine Schulden loswerden (lacht) Ich steh‘ täglich um 6 Uhr auf, um zu arbeiten und bin trotzdem zufrieden. Wenn sich mehr ergeben würde, hätte ich natürlich nichts dagegen. Schauspielunterricht werde ich aber keinen nehmen, auch wenn ich letztens bei einer Agentur gefragt wurde, ob ich das nicht unfair gegenüber den ausgebildeten Schauspielern finde. Aber was kann ich dafür, dass die so scheiße sind?

Gibt es zwischen deiner „Migrantigen“-Rolle und dem Rapper Ali Capone einen Unterschied?
Capone ist definitiv böser. Der ist der „Motherfuckin Shit“. Ich war ja auch real. Ich hab´ Sachen gemacht, die andere Rapper nicht einmal gesehen haben. Ich hab‘ immer geschaut, nur irgendwie über die Runden zu kommen und dadurch sehr viel Zeit verloren. Ich war nicht einmal versichert. Wenn ich zum Zahnarzt musste, habe ich die E-Card von einem Freund genommen. Arbeitsamt? Sozialamt? Was interessiert mich das, ich bin zu stolz dafür.

Wie reagieren deiner Filmkollegen auf solche Geschichten?
Oft ist das ein gegenseitiger Kulturschock. Ich hab Leute getroffen, die kannten nicht einmal das richtige Schimpfen. Ich musste alle Wörter erklären. Wenn ich erzähle, was ich gemacht habe, glauben die, das ist eine ausgedachte Filmszene.

Hast du eine Zeit lang gedacht, dass mit Rap nicht doch etwas zu holen ist?
Na auf jeden Fall, wer nicht? Jeder Jugendliche träumt! Aber du investierst Zeit, Geld und hast das Risiko, das nicht mehr zurückzubekommen. Beim Film musst du nichts investieren und bekommst sogar den Text vorgegeben. Dann machst du bissi Spaß vor der Kamera und auf Wiederschaun!

Du hast ja sogar einige Rap-Konzerte und Partys veranstaltet …
Ja, ist auch ganz gut gegangen. Manchmal waren sogar 40 Leute da. (lacht)

Du hast vor Jahren den ersten größeren Droogieboyz-Auftritt im Reigen mitorganisiert, oder?
Keine Ahnung, war ich das? Guilty kenne ich schon ewig – er war auch oft im Steinbauerpark und hatte den gleichen Freundeskreis. Wir haben gemeinsam „Sachen gemacht“. Ich hab‘ aber vielen Leuten geholfen – der erste Auftritt, das erste Mal aufnehmen …

Deine Rap-Vergangenheit wurde in der bisherigen medialen Berichterstattung zum Film nicht erwähnt. Wie bist du sonst mit den Medien-Reaktionen zufrieden?
Sehr! Ich mein, Armin Wolf hat den Film geteilt! Arman (T. Riahi, Regisseur des Films, Anm.) und die Jungs haben sich einen Haxn ausgefreut! Und ich so: „Armin Wolf?“ „Wer is‘ das?“ Beim nächsten Interview erwähn‘ ich ihn auch (lacht).

Wie kam es zu dem Selfie mit Burgtheater-Schauspieler Nicholas Ofczarek?
Der Nicky ist cool! Wir haben heuer in Hamburg für einen ZDF-Film gemeinsam gedreht und haben auch noch persönlichen Kontakt. Ihn habe ich davor aber wirklich nicht gekannt. Muss man das? Irgendwann hat es geheißen, wir starten gleich und müssen nur noch auf den Nicky warten. Ich hab‘ gefragt: „Wer is‘ der Nicky?“ Unser Hamburger Fahrer war komplett erstaunt, wie das sein kann – er ist doch Österreicher und so ein bekannter Schauspieler?! Ich hab‘ zurückgefragt: „Schön für ihn, aber kennt er 2Pac?“

 

 

 

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