Zwischen Wien, Osttirol & Jamaika: 15 Jahre Irievibrations Records

Irievibrations
Fotos: Moritz Nachtschatt

Anlässlich des 15-jährigen Jubiläums von Irievibrations Records haben wir uns mit den Betreibern des in Wien-Währing beheimateten Labels verabredet. Bei stärker werdendem Sommerregen ist das straßenseitig im Parterre eines Altbau-Hauses gelegene Büro rasch gefunden. Pünktlich öffnet uns der sympathisch lächelnde Professa die Tür, bevor er uns über das Stiegenhaus, eine Garage und einen schmalen Hinterhof ins geräumige Studio führt. Dort wartet bereits sein jüngerer Bruder Syrix, mit dem er seit Jugendtagen das Reggae-Duo Iriepathie bildet und 2003 Irievibrations Records gegründet hat. Seither konnten sich die beiden einen Ruf als professionelle Anlaufstelle für Reggae- und Dancehall-Größen aus Jamaika erarbeiten – man zählt längst zu den Institutionen, produziert unter anderem für Konshens, Anthony B und Luciano. Im deutschsprachigen Raum ist das Label zudem verstärkt im HipHop-Bereich mit Rappern wie RAF Camora, Kroko Jack oder GreeeN vernetzt. Insgesamt sind bereits über 100 Alben, EPs und 7“ über Irievibrations erschienen.

Dass man eine derartige Größe erreicht, war bei der Gründung nicht geplant. Diese erfolgte vor allem zum Selbstzweck. Frisch nach Wien gezogen, waren die teils in Osttirol aufgewachsenen Brüder auf der Suche einer passenden Plattform für ihre Iriepathie-Aufnahmen. Anlässlich ihrer damals geplanten Debüt-EP haben sie einige Labels angeschrieben. „Wir haben aber nur sehr dürftige Antworten bekommen. Dann war es logisch, dass wir es selber machen“, führt Syrix aus. Die Aufgabenteilung war von Beginn an klar: Er, der deutlich impulsivere der beiden, fungiert als Hausproduzent, Sänger und Organisationstalent Professa kümmert sich ums Labelmanagement. Während die Anfangszeit mit einem Zimmerstudio in einer „ziemlich abgfickten Bude“ nahe des alten Südbahnhofs turbulent war, konnten sie sich mit den Räumlichkeiten in Währing längst eine würdige Homebase schaffen – auch wenn sie nach einem folgenschweren Wasserschaden alles neu aufbauen mussten und deshalb zwischenzeitlich ans Aufhören gedacht haben.

Reif für die Insel

Einen bedeutenden Teil ihrer Arbeit verrichten die zwei aber ohnehin im Außendienst in der Karibik. Da einige Familienmitglieder vor vielen Jahren nach Montego Bay an die jamaikanische Nordküste ausgewandert sind, konnten Professa und Syrix bei Besuchen in Plattenläden und desolaten Mini-Studios früh erste Kontakte zu lokalen Reggae-Künstlern knüpfen und mit ihnen aufnehmen. Einer davon hatte Connections zu Anthony B, der eines Tages unverhofft mit seinem BMW vor dem angemieteten Studio aufgetaucht ist – und so bereits 2006 erstmals mit dem Track „Cry Blood“ auf einem Irievibrations-Release gelandet ist. Seither hat Syrix zahlreiche Tracks für ihn produziert, sein letzter großer Hit „Freedom Fighter“ sowie das gleichnamige Album kamen über Irievibrations heraus.

Obwohl die auch mit vielen jüngeren Jamaikanern stattfinden Kooperationen heute weitgehend online koordiniert werden, sind die fast jährlichen Aufenthalte auf der Karibikinsel bis heute eng mit der Musik verknüpft. Die Intensität hat abgenommen, nachdem Syrix, der Jamaika als große Liebe und Paradies bezeichnet, mit einem Overkill zu kämpfen hatte: „Manchmal waren wir einen Monat dort und haben vielleicht zweimal das Meer gesehen, weil wir nur in Kingston rumgehängt sind und durchgehend im Studio waren. Das war nur mehr mit Arbeit verbunden.“ Angesprochen auf den musikalischen Zugang der Inselbewohner, kommen die Patois sprechenden Labelbosse ins Schwärmen: „Die Jamaikaner sind voll intuitiv, stellen sich vors Mikro und lassen einfach raus. Sie schreiben die Songs meistens auch gar nicht, sondern haben sie im Kopf und warten auf den richtigen Beat.“ Als Beispiel fällt Professa „The Journey“ vom Dancehall-Star Konshens ein, wo im dazugehörigen Video Ausschnitte der Entstehung zu sehen sind. Ausführlicher beleuchten Professa & Syrix das Studioleben der Inselbewohner in der Dokumentation „Studio Chronicles – Jamaica“, für die sie einige bekannte Produzenten und Studios besucht haben.

Dass der Umgang mit jamaikanischen Acts auch seine Tücken birgt, haben Professa und Syrix mehrmals feststellen müssen. Manchmal fehle fürs europäische Verständnis das zwischenmenschliche Gespür, die Folge sind absurd anmutende Situationen, mehrstündige Wartezeiten oder gänzliches Fernbleiben ohne Ankündigung. Schmunzelnd erinnert sich Professa an eine Situation mit Anthony B, als dieser zu Gast in Wien war: „Er hat mich gefragt, ob ich vorbeikommen mag. Er hat dann zweieinhalb Stunden mit irgendwem telefoniert. Ich bin dazwischen essen, tschicken, Joint rauchen und Bier trinken gegangen. Irgendwann habe ich gesagt: ‚Tony, i foa jetzt!‘ Dann hat er es bald mal beendet. Aber als ich dagesessen bin, war die einzige Höflichkeit, dass er mich ins Gespräch – nur Waschweibertalk – involviert hat, mich gerüttelt und dabei gelacht hat. Die haben einfach gar keinen Stress.“

Irievibrations

Dicke österreichische Rapfische

Viel verkopfter ist der musikalische Zugang des perfektionistischen Fünfhausers RAF Camora, der eine umfangreiche gemeinsame Geschichte mit Irievibrations aufweist. „Der Beginn war in etwa, als er seine Matura gemacht hat“, erläutert Professa. Doch auch lange nach der Zeit, in der er als Raf0Mic auf Französisch Dancehall gemacht hat, konnte man seine Karriere entscheidend mitprägen. Das 2012 via Irievibrations erschienene Dancehall-Album „Raf 3.0“ war der erste Charterfolg des Wahlberliners. Auch an seinem weite Kreise ziehenden Projekt mit Bonez war Professa beteiligt: „Nach ‚Zodiac‘ hat Raf mich angerufen und gesagt, dass er an einem Album arbeitet und wieder in diese ‚3.0‘-Schiene möchte. Dann hat er gemeint, dass er Bonez kennengelernt hat und mit ihm für eine Single nach Jamaika will.“ Für das Video zum Track „Geschichte“ sind die drei anschließend in die Karibik geflogen. Professa hat mitgeholfen und die Spots koordiniert – von der Krokodilfarm bis zur Ganjafarm. Für ihn war das der Startschuss für „Palmen aus Plastik“, zumal er auf den beiden ein gemeinsames Album vorgeschlagen hat. Drei Monate nach ihrer Rückkehr aus Jamaika sei alles fertig gewesen. Die Zusammenarbeit mit dem viel intuitiver arbeitenden Bonez habe sich jedenfalls voll ausgezahlt: „Raf hat dadurch weniger daran herumschleifen können uns es mehr über die Freshness gemacht“, fasst Professa zusammen.

Weniger positiv fällt der Rückblick auf die Arbeit mit Kroko Jack aus, dessen Comeback-LP „Extra Ordinär“ Ende 2017 über Irievibrations erschienen ist. Einer gewünschten längerfristigen Kooperation sei nach ausverkauften Releaseshows das Verhalten des Linzers in die Quere gekommen. „Wir kannten natürlich seine Geschichte und wussten, das er ein schwieriger Charakter ist“, meint Professa seufzend. In der Konstellation mit seiner Crew, den Beesn Buam, habe zunächst alles gut funktioniert, ehe es nach ersten ausverkauften Releaseshows und „Kroko is back!“-Mini-Hype zu einem abrupten Ende kam: „Wir haben ihm den Rücken freigehalten. Alle haben ihm geholfen und ermöglicht, dass er den Musikfonds erhält und sich voll der Musik widmen kann. Die gesamte Wertschöpfung ist ihm zugutegekommen. Er ist dann komplett abgehoben, viele fühlen sich ausgenützt und haben jetzt keinen Bock mehr, mit ihm zusammenzuarbeiten.“

Status quo & Zukunftsvisionen

Syrix ist schließlich durchgehend mit Produzieren, Mischen und Mastern ausgelastet und kann sich mittlerweile gut aussuchen, mit wem er gemeinsam an Musik feilt. Als Folge der Trademark, die man sich aufgebaut hat, gebe es vor allem im Reggae-Bereich Anfragen aus aller Welt. Professa sieht das als Ergebnis jahrelanger harter Arbeit: „Wir haben früher viel gearbeitet und investiert, wo es sich noch nicht so ausgezahlt hat.“ Sein Bruder ergänzt: „Es funktioniert jetzt so gut, weil wir nie einen Scheiß gemacht haben. Ich habe nie etwas produziert, wo ich nicht dahintergestanden bin. Du wirst in unserer Diskografie nichts finden, was wirklich scheiße ist. Qualität hat Bestand, auch wenn es ein langer Weg dorthin ist.“ Zuletzt haben sich etwa auch Said & Brenk vermehrt im Irievibrations-Headquarter eingefunden, um ihr gemeinsames Album „HAQ“ aufzunehmen sowie den Startschuss zum bereits lose angekündigten Nachfolger zu setzten.

Derzeit konzentrieren sich Professa und Syrix nach längerer Pause auch wieder auf neue Iriepathie-Tracks. In den kommenden Monaten sollen zwei EPs erscheinen, auch eine ausgedehnte Tour steht an. Weiters geben sie an, verstärkt mit Alexx-A-Game und Javada aus Jamaika sowie mit dem deutschen Rapper und Sänger GreeeN zusammenzuarbeiten. „Wir sehen in ihm genauso wie bei Raf das Potenzial, HipHop und Dancehall zu crossen, eben mit HipHop und Reggae. Er hat das Potenzial für etwas Größeres, weil er eine breitere Masse ansprechen kann,“ führt Professa aus. Natürlich seien auch weitere Projekte mit Raf geplant, allerdings noch ohne Terminisierung.

Auch veranstaltungstechnisch ist man aktiv – so läuft noch bis 21. Juli in der Lienzer RGO Arena das Eastrock Festival, das Professa heuer bereits zum neunten Mal organisiert hat. Das Line-up des zweitätigen Events ist gewohnt reggaelastig, neben Iriepathie und GreeeN treten etwa Mono & Nikitaman, Cali P, Drip oder Rekall auf. Für das Jubiläum im Jahr 2019 überlegt Professa, das Festival in eine andere Region mit einem größeren Einzugsgebiet zu bringen: „Wir wollen zwar der Provinz was zurückgeben, aber wenn du Raf und Bonez holst und dann zu Hans Söllner mehr Leute kommen, weißt du, dass du dir in gewissen Regionen mit einem Gabalier leichter tust.“ Weiters würde ihn das Aufziehen einer größeren Veranstaltung in Wien oder Linz reizen.

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