Deutscher Rap wollte Ghetto werden: 15 Jahre „Carlo Cokxxx Nutten“

Von musikalischen Revolutionen wird häufiger geschrieben, als sie tatsächlich stattfinden. Aber was sich 2002 in Berlin zusammenbraute und im Oktober an die Oberfläche gespült wurde, hat diesen Terminus zweifelsfrei verdient. Aggro Berlin leitete eine Deutschrap-Revolution ein, Bushido aka Sonny Black und Frank White aka Fler waren die Anführer. Denn musikalisch zogen aus Berlin dunkle Wolken auf, das Hippie-Studenten-Gewäsch der rappenden Konkurrenz sollte mit einer klatschenden Backpfeife auf den Asphalt befördert werden. Ganz nach dem Motto: „Bei Rap geht es um Krieg“. Natürlich spuckte man auch außerhalb Berlins Jahre zuvor harte Töne ins Mikro, aber zwei Alben bedeuteten in dieser Hinsicht nichtdestotrotz eine Zeitenwende, die sich erst retrospektiv feststellen ließ: Einerseits Bushidos Solo „Vom Bordstein bis zur Skyline“ (2003), andererseits „Carlo Cokxxx Nutten“ (2002), das Kollabo-Projekt von Bushido und Fler, für das beide in ihrer Aliasse Sonny Black und Frank White schlüpften.

„Yo, Carlo Cokxxx Nutten! Ich komm‘ auf die Party und mach‘ Stress ohne Grund!“
(Frank White, „Carlo Cokxxx Nutten“)

Ins kollektive Deutschrap-Gedächtnis hat sich „Carlo Cokxxx Nutten“, das am 21. Oktober seinen 15. Geburtstag feierte, als kleiner Bruder von „Vom Bordstein bis zur Skyline“ eingebrannt. Tatsächlich ist „Vom Bordstein bis zur Skyline“ das vollkommenere Werk, „Carlo Cokxxx Nutten“ hingegen ein ideales Vorspiel. „CCN“ enthält schließlich bereits alles, was Bushidos Musik in den besten Tagen ausmachte:  Die MPC-Sample-Beats mit Electro-Avancen klangen monoton, die Lines waren stumpfsinnig-arrogant und der Flow bissig-aggressiv. Von einem durchdachten Gesamtwerk ist die Kollabo von Bushido und Fler zwar meilenweit entfernt, aber genau das machte den Reiz aus. „Damals bin ich einfach aufgestanden, habe mit Fler telefoniert, Scheiße gebaut, Mucke gemacht, äußerte sich Bushido gegenüber der JUICE zu den damaligen Umständen seiner Musik. Nicht nachdenken, einfach machen. Reimtechnisch gehört „CCN“ zwar keineswegs zu den schillernden Exemplaren der Rapkunst, aber das war nie die Ambition. Fler und Bushido wollten mit Tracks wie „Cordon Sport Massenmord“, „Behindert“ oder „Badewiese“ stets nur die schroffe Attitüde der Berliner Randbezirke in die Friede-Freude-Eierkuchen-Welt des Deutschrap katapultieren. Härte als primäres Features der musikalischen Kunst, alles andere ordnete sich dem unter.

„Zwei Mann, eine Gang es ist Black komm und bounce/
Du willst Party hart? Frank gib mir die Basy ich hau drauf“
(Sonny Black, „Cordon Sport Massenmord“)

Die Wortwahl auf dem Album fällt dementsprechend explizit aus, bei manchen Tracks wird gar der Bogen überspannt. Ein zweites „Drogen, Sex, Gangbang“ mit Orgi ist im Jahr 2017 von Bushido und Fler beispielswiese nicht mehr denkbar. Kein Grund zur Trauer, bei dem frauenfeindlichen Müll, der da abgesondert wird. Sonst steckt das lyrische Universum der beiden aber jedes Kriminaldelikt in der Gegend zwischen Bordstein und Skyline ab, außerhalb der eigenen Gang ist sowieso jeder ein Opfer oder ein Streber, der brav zur Schule geht, während man bis 13 Uhr ausschläft („Dein Leben“). Drogen gilt es nicht nur zu verticken, sondern auch zu konsumieren – heißt ja nicht umsonst „Carlo Cokxxx Nutten“ – aber anstatt der grünen Brille bekommt die weiße Lady die volle Zuneigung ab. Klamottentechnisch gleicht das Album einem Plädoyer  für Carlo-Colucci-Pullover, Cordon-Sport-Jacken und Airmax, keine Spur von weiten Baggy-Pants oder Durags, die in der Rapszene damals den Ton angaben. „Carlo Cokxxx Nutten“ bedeutete damit aber mehr als bloß Musik, mit „Carlo Cokxxx Nutten“ zog eine komplett neue Ästhetik in den Deutschrap ein.

„Ich bin, einfach cool und ihr wollt gerne mit mir feiern/
Ich trainiere jeden Morgen mit Gewichten an den Eiern“
(Sonny Black, „Geh nach Hause“)

Außerhalb der Pöbeltracks mit Lines, die zum Deutschrap-Kulturerbe avancierten („Ich komm‘ auf die Party und mach‘ Stress ohne Grund), bieten die beiden auf dem Album allerdings auch nachdenkliche, von Selbstreflexion geprägte Facetten auf, „Schau mich an“ und „Sag nicht“ lassen einen Blick unter die harten Gangsta-Fassade zu. Den Schlusspunkt des Albums setzt ein Sample eines Kindes mit dem Ausspruch „Wenn ich ein Gangsta wär‘, dann würd‘ die Polizei jetzt kommen.  „CCN“ entpuppte sich genau als dieses Kind. Ein Kind, das mittlerweile erwachsen wurde und die Naivität und Unbekümmertheit der Jugendjahre hinter sich gelassen hat. Also Eigenschaften, die „CCN“ bei der Auswahl der Samples und der Gestaltung der Texte aufwies. So etwas kommt, zumindest von Bushido und Fler, nicht mehr wieder. Hinsichtlich Wut, roher Energie und Aggressivität sind „Carlo Cokxxx Nutten“ und „Vom Bordstein bis zur Skyline“ aber immer noch unübertroffen. Deutschrap-Klassiker, aber sowas von.

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