Der Name ist Programm // 12Inch Motion Interview

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Wie ein Wackeldackel nickt er, der Suff Daddy, in Rückansicht vor seinem Klavier, eine Flasche harten Getränks oben am Piano – und in 12″-Plattenform. Gestaltet wurde das Kunstwerk im Spätherbst 2015, damals noch auf Tumblr hochgeladen. Der Startschuss für etwas, das möglicherweise eine der gegenwärtig  interessantesten Verbindungen zwischen Musik, Cover-Art und Motion-Design darstellt. Wie bei vielem ein anfängliches Liebhaberprojekt. Und weil man eben bei Herzensprojekten damit anfängt, was einem am Nächsten liegt, begann Felix Neumann, der Mann hinter 12Inch Motion, mit einer Animation von Suff Daddy „Suff Sells“, welches er nach eigenen Angaben damals richtig viel gehört hat. Die Lieblingsscheibe eben. Mittlerweile animiert der in Berlin lebende 2D-Motion-Designer auf Wunsch diverser internationaler Labels und freut sich, dass seine Werke diesen Sommer im Rahmen des „Art of Sampling“-Events in Liverpool erstmals live gezeigt werden. Auf Leinwand, der Natur des Mediums geschuldet also noch immer nicht zu einhundert Prozent greifbar, aber zumindest außerhalb der Social-Media-Blase erfahrbar.

The Message: Wie kam es zur Idee für 12Inch Motion?
Felix Neumann: Ich stöberte schon als Kind super gerne im CD-Regal meiner Mutter und hörte mir nicht nur die Musik, sondern schaute mir auch die Cover der Alben an. Außerdem hatte ich später selber, bedingt durch einen Nebenjob, eine relativ große CD-Sammlung. Als ich dann alles auf iTunes auslagerte und die CDs verkaufte, merkte ich schnell, dass ich zwanghaft Ordnung in meiner iTunes-Library haben muss. Und ganz besonders eben in Sachen Albumcover. Dieses Standard iTunes-Bild mit der Note hat mich immer wahnsinnig gemacht! Gleichzeitig merkte ich, dass Musik heute einfach anders konsumiert wird – und dabei wird den Leuten das Artwork immer egaler. Das fand ich schade und suchte deswegen nach einem Weg, das Albumcover als Darstellungsform wieder ins Bewusstsein der Leute zu rufen. Von da war es nicht mehr weit mit Überlegungen, wie ich mein Interesse an Musik und meine Arbeit als Motion Designer in einem freien Projekt miteinander verbinden kann.

Seit wann betreibst du 12Inch Motion?
Das erste animierte Cover lud ich vor über zwei Jahren, im Oktober 2015, hoch, damals noch auf Tumblr. Das war von Suff Daddy. Einfach, weil ich das Cover so schön schlicht fand, die Platte zu der Zeit richtig viel hörte und die Animation bei diesem Beispiel auch sehr simpel in der Umsetzung war. 

Was ist das Faszinierende an einem LP-Cover?
Es ist einfach eine weitere künstlerische Ebene, die im Optimalfall den musikalischen Inhalt einer Platte noch einmal unterstützt. Ich mag’s einfach, wenn Artwork und Musik ineinandergreifen und als großes Ganzes funktionieren. Wenn ich mir eine neue Platte kaufe und das erste Mal auf den Plattenspieler lege, setze ich mich sehr gerne mit der Hülle und dem Cover auf die Couch und gucke mir alles ganz genau an, lese mir die Credits durch und so weiter. So merkt man dann auch einmal, wie viel Arbeit und Liebe in der Produktion einer Platte stecken – auf ganz vielen Ebenen.

Was sind die technischen Herausforderungen beim Gestalten der bewegten Cover?
Die größten „Probleme“ bekomme ich immer dann, wenn das Ausgangsmotiv eine Fotografie mit vielen kleinen Details ist. Einfach, weil es je nach Foto und Auflösung tricky ist, alles anständig auseinanderzunehmen und den Hintergrund von Hand nachzubauen. Anderes Beispiel: Cover-Designs in einem sehr individuellen Illustrations-Stil sind nicht ganz einfach. Da muss ich dann teilweise ganze Teile der Illustration selber zeichnen und will dabei natürlich dem Stil des Originals so nah wie möglich kommen. Aber ich mache mir da nicht so einen großen Druck. Wenn’s klappt, dann klappt’s, wenn nicht, dann nicht. In jedem Fall probiere ich bei fast jeder neuen Animation neue Techniken und Effekte aus und lerne so auch regelmäßig etwas Neues.

Mit welchen Programmen arbeitest du?
Ich bereite alles in Photoshop und Illustrator vor und animiere dann in After Effects.

Wie lange sitzt du durchschnittlich an einem Cover? 
Das lässt sich schwer sagen. Manchmal bin ich in zwei Stunden fertig, manchmal lasse ich mir mehrere Tage Zeit. Das ist wirklich immer abhängig vom Ausgangsdesign und auch ein bisschen davon, ob ich mich in Details verliere oder die Animation eher simpel halten will. Und manchmal gibt es natürlich auch bestimmte Kundenwünsche, die in der Umsetzung unterschiedlich lange dauern.

 

Wie ist deine Herangehensweise, wie ist dein Zugang zur Animation?
Wenn ich mich für ein Cover entschieden habe, überlege ich mir im nächsten Schritt, welche Elemente des Designs ich in welcher Form animieren will. Dann geht es in die Vorbereitung: Also alle Elemente, die sich bewegen sollen, muss ich freistellen und vom Hintergrund lösen. Den Hintergrund muss ich dann natürlich auch nachbauen. Manchmal sehe ich ein Cover und weiß sofort, was ich wie animieren kann, und bin dann schnell fertig.

Ist die Herangehensweise getrieben vom persönlichen Geschmack?  Suchst du die Sujets nach Cover aus, nach musikalischer Vorliebe und technischer Möglichkeit oder intuitiv?
Von allem ein bisschen. Für die allerersten Cover konzentrierte ich mich auf die Platten, die ich zu der Zeit viel hörte. Irgendwann fing ich aber an, auf Spotify nach spannenden Designs zu suchen, die ich gerne in Bewegung sehen wollte. So entdecke ich auch immer mal wieder coole neue Musik. Ab und zu habe ich außerdem kleine nostalgische Anfälle und höre dann wieder Musik, die mich in irgendeiner Form in meiner Jugend begleitet hat. Das sind dann so Sachen, die ich heute eigentlich nicht mehr verfolge. Aber in dem Fall verbinde ich damit einfach bestimmte Erinnerungen – und wenn dann das Cover noch etwas hermacht, dann animiere ich eben auch einmal Plattencover wie „Bleed American“ von Jimmy Eat World oder „The Colour And The Shape“ von den Foo Fighters.

Wenn du ein Cover ausgesucht hast, interessierst du dich auch für die Gestalter, sprich den Fotografen oder Grafiker? Bei Hi-Hat Club oder Ähnlichem nennst du Robert Winter in deinen Credits.
Auf jeden Fall interessiert mich das. Alleine schon deshalb, weil ich bei jedem Cover versuche, alle Beteiligten auch namentlich zu nennen und in den Credits zu verlinken. Das gehört sich einfach so. Und an den Arbeiten von Robert Winter kommt man eigentlich nicht vorbei, wenn man sich auch nur ansatzweise mit (deutschem) HipHop und Beats beschäftigt.

Gibt es Labels oder Grafiker, die es dir besonders angetan haben?
Die Arbeiten von Robert Winter sind auf jeden Fall immer richtig nice. Leider sind Fotos nicht immer die einfachste Grundlage, um daraus eine Animation zu basteln. Stones Throw ist bei den Labels sicherlich ganz weit oben. Nicht nur musikalisch, sondern auch in Sachen Artwork liefern die eigentlich konstant geilen Kram – Jeff Jank ist da der Name, den man immer wieder begegnet. Ansonsten habe ich auch schon diverse Designs von Go De Jong animiert. Aber auch Storm Thorgerson ist so ein Name, der einem definitiv des Öfteren begegnet, wenn man sich mit Albumcovern auseinandersetzt. Und aus dem deutschsprachigen Raum liefern die Leute von Sichtexot immer gut ab. Eine aktuellere Herzensangelegenheit war das Cover der Deluxe-Version von „Wolf“ von Tyler, The Creator. Das hat Mark Ryden gemacht, der malt so creepy surreale Bilder. Den fand ich schon als Jugendlicher richtig gut.

Was hörst du privat, gibt es Lieblingsgenres und vielleicht auch Epochen, die dich besonders ansprechen in der Gestaltung?
Da bin ich über die Jahre tatsächlich immer toleranter und offener geworden. Ich komme aus der Rock/Indie-Richtung und war damals sehr engstirnig nur in der Szene unterwegs, spielte auch mehrere Jahre Gitarre in einer Band und akzeptierte eigentlich keine anderen Musikstile. Irgendwann öffnete ich mich dann dem Techno, bis mein alter Mitbewohner mich vor Jahren so ganz nebenbei komplett mit HipHop und Beatmaker-Stuff infizierte. Dann landest du natürlich schnell bei Jazz und Soul. Im Herbst gebe ich mir gerne die volle Melancholie-Dröhnung und höre traurige Folk-Sachen. Also du siehst … ich bin da super flexibel. Ich habe da mittlerweile den Ansatz, dass ich die Musik mag und höre, die mir in irgendeiner Form ein gutes Gefühl gibt – völlig egal, aus welchem Genre sie kommt.

Könntest du dir vorstellen, auch Schlager oder Heavy-Metal-Cover zu animieren?
Wie gesagt: Ich bin da echt tolerant. Seit ein paar Monaten arbeite ich regelmäßig mit Concord Music aus Beverly Hills zusammen. Die sind hauptsächlich als Vertrieb für Funk-, Rock’n’Roll-, Jazz- und Soul-Klassiker wie Isaac Hayes oder Little Richard zuständig, haben aber manchmal auch Aufträge im Bereich Rock/Metal für mich. In Sachen Schlager müsste ich aber vielleicht noch einmal in mich gehen und darüber nachdenken. Aber das liegt hauptsächlich daran, dass ich vor Jahren mal als Praktikant eine Animation für Helene Fischer machen musste. Zwei Wochen „Atemlos“ in Endlosschleife hinterlässt  einfach Spuren (lacht).

Gibt es Cover, die gar nicht funktionieren würden?
Alles, wo ich mit 3D-Animation arbeiten müsste, fällt in meinem Fall einfach automatisch weg. Weil ich auch beruflich 2D-Animationen mache. Mit 3D bin ich nie so richtig warm geworden. Das ist tatsächlich manchmal schade und ärgerlich, wenn ich zum Beispiel Cover entdecke, die mir vom Stil her total gefallen, in der Animation aber nur im 3D-Raum funktionieren würden. Da kann ich dann leider nichts machen. Und die Zeit, um mir nebenbei 3D-Animation selber beizubringen, hab ich leider bisher noch nicht gefunden.

Worauf achtest du als Erstes bei einem Cover – oder ist das verschieden?
Das variiert total. Ich stehe persönlich total auf strukturiertes, gradliniges Design mit geometrischen Figuren. Solche Cover haben dann natürlich sofort gewonnen bei mir, weil mir da einfach für die Animation direkt die meisten Ideen kommen. Aber auch eine klassische Cut-Out-Puppet-Animation von Menschen oder kleinen Charaktern ist immer spannend.

Schmerzt es dich manchmal, dass deine Cover nie an deiner Wand hängen können, sondern „nur“ digital vorhanden sind?
Durch 12Inch Motion fand ich auf der digitalen Ebene einen Weg, wie ich eigentlich die Cover sehen kann. Damit bin ich ganz zufrieden, also schmerzt mich das in keinster Weise. Und seit ein paar Monaten habe angefangen, Vinyl zu sammeln. Die Cover stehen somit ja dann in meinem Regal. Also alles positiv in der Hinsicht.

Wie kommen potentielle Auftraggeber auf dich und wie werden Projekte dann umgesetzt?  Wenn ich mich nicht aufdränge und selber bei Labels oder Künstlern anklopfe, dann kommen potenzielle Auftraggeber zumeist über Instagram auf mich zu, bevor es via Email weitergeht. Dann schaue ich mir erstmal das Artwork an, gucke was ich an Dateien dazu bekommen kann, schätze den Aufwand ab und mache ein faires Angebot. Dann animiere ich und habe dabei in den meisten Fällen immer große kreative Freiheit, was ich sehr zu schätzen weiß. Und dann werden die fertigen Animationen auf Instagram, Twitter, Facebook und so weiter veröffentlicht. Manchmal mache ich auch noch zusätzliche Edits für YouTube, aber in den meisten Fällen bleibt das alles im klassischen Social-Media-Kontext.

Gab es schon direkte Reaktionen seitens der Künstler?
Ja, es gab schon öfter direkte Reaktionen von Künstlern, deren Albumcover ich animiert habe. Spätestens, wenn ich sie in der Videobeschreibung auf Instagram verlinke und tagge, dann kriegen die das in vielen Fällen mit. Und dann gibt’s halt Herzchen, Likes und so. Manchmal bin ich aber auch ganz offensiv und Frage direkt Künstler oder Labels an, ob sie Bock hätten eines ihrer Cover in Bewegung zu sehen. Das habe ich zum Beispiel beim DexterAlbum so gemacht („Haare nice, Socken fly“). Über das Label bin ich so in Kontakt mit dem Designer getreten und hab sogar eine Datei mit separaten Ebenen von ihm bekommen, so dass ich das freier animieren kann. Die Animation hat Dexter dann auch noch als Visual für seinen Auftritt beim diesjährigen „Splash! Festival“. benutzt, was ich ganz nice fand.

Für ein Video gab es eine Zusammenarbeit mit Fulgeance. Wie und wann ist es dazu gekommen?
Das war irgendwann im April 2016. Ich hab die allererste Mail leider nicht mehr gefunden, aber Fulgeance ist damals wohl irgendwie auf 12Inch Motion aufmerksam geworden und hat dann gefragt, ob ich nicht das Artwork zu seiner neuen Platte „Homecooking“ animieren will. Da ging es gar nicht ausschließlich um das Cover, sondern darum, aus dem kompletten Artwork ein Musikvideo zu machen. Der Stil hat mir total gefallen und dann hab ich das für ihn umgesetzt – inklusive animiertem Plattencover on top dazu.

Hast du schon einmal daran gedacht, eine Ausstellung zu diesem Projekt zu machen?
Ehrlich gesagt noch nicht. Gar keine so schlechte Idee. Ist nur die Frage, wie man das Digitale am besten an die Wand hängt und präsentiert. Wobei… vom 13. bis 15. Juli steigt in Liverpool ein Event zum Thema „The Art Of Sampling“, veranstaltet vom Anti Social Jazz Club. Da gibt’s drei Tage Live-Musik, Ausstellungen und Party zum Thema Sampling. Und da laufen auch meine Animationen auf einer großen Leinwand. Es gibt meinen Stuff also auch manchmal außerhalb von Social Media zu sehen, was mich sehr freut.

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