Don’t call it a comeback! // Waxolutionists Interview

WAXOS by Daniel Shaked © 2015-5112

Das Splash Festival in Chemnitz, eine etwa zehnköpfige Band betritt entspannt die Bühne. Es ist Nachmittag, heiß und Savas hat soeben sein Album „Der beste Tag meines Lebens“ veröffentlicht. Im deutschen HipHop geht es steil bergauf – dachte man damals. Dass es noch viel steiler gehen würde, konnte niemand ahnen. Gemütlich positioniert sich die Band, Instrumente werden eingestellt, ein Schal des 1st Vienna Football Club wird sorgfältig über das Keyboard gezogen. Das Supercity Soundsystem hat einen respektablen Slot am Festival bekommen und Funke manövriert als MC die doch etwas sprachverwirrten deutschen Zuseher in gewohnt elegant-lässiger Manier und mit FK-Austria-Wien-Schal durch die Show.

Lange Zeit hielten diese Jungs die Fackel für Wien hoch. Als Kern der Szene kann man getrost die Waxolutionists sehen, jene dreiköpfige DJ-Crew, die lange Zeit den internationalen Anspruch der heimischen Rap-Szene verkörperte. In einer Zeit, in welcher die österreichische Szene – diplomatisch gesagt – überschaubar war. Ihre Produktionen standen lange Zeit für den Wiener Sound. Als DJs prägten sie Generationen nachkommender DJs und Acts. Nachhaltig. Doch irgendwann war die Luft draußen. Musikkrise, Finanzkrise und vielleicht auch der Standort Österreich und die Digitalisierung trugen ihren Teil dazu bei.  Spätestens nach der Organisation des Run Vie Festivals stand der Produktionsprozess als Band still. Es dauerte bis 2015, dass Zuzee, Bionic Kid und DJ Buzz als Waxos wieder im Kellerstudio zusammenfanden, um ein neues Album zu releasen.

Interview: Wanja Bierbaum
Fotos: Daniel Shaked

Ab 2009 sind die Waxos ein bisschen von der Bildfläche verschwunden. Warum habt ihr nie wirklich an das Universal-Release anknüpfen können oder wollen?
Buzz: Man kann nicht permanent releasen, wenn die Labels scheiß Arbeit leisten und die Alben nicht rauskommen, wegen irgendwelcher Probleme – die Finanzmenschen dort stecken irgendwelche Ziele, komplett jenseits der Realität, weil dann eine Doppelvinyl für 40 Euro im Geschäft steht. Da wär es uns lieber gewesen, wenn es die Leute gestohlen hätten.
Bionic Kid: Wir sind genau in die Nische reingekommen, wo es noch klassische Labels gab. Dann kam das Internet. Aber da war dann alles nur so halb. Und die Major Labels hatten hinten und vorne keinen Plan.
Buzz: Auch die Künstler falsch eingeschätzt.
Bionic Kid: Man merkt erst in den letzten Jahren, dass die Major Labels lernen, mit Acts, dem Internet und den neuen Strukturen umzugehen – Streaming, Sublabels. Wir sind da genau in ein Loch rein – wir konnten uns noch nicht wirklich selber im Internet hochpromoten – gleichzeitig bist du bei einem Major Label, das auch aus der alten Zeit kommt.

Was erhofft ihr euch dann von einem Independent Release?
Buzz: Das wissen wir noch nicht. Da müssen wir nächstes Jahr noch einmal reden. (lacht)
Bionic Kid: Deswegen war auch eine Pause wichtig. Wir wollten einfach ein Album machen, wenn wir Bock drauf haben. Und das haben wir gemacht. Wir werden uns nicht zwingen, das rauszubringen, wenn wir nicht wollen. Entweder es kommt auf einem kleinen Label oder nur wir kennen es. Dann kann es sich ein Typ um fünf Milliarden kaufen. (lacht)

Was wurde aus Supercity? Zumindest beim Blog sind doch auch Leute nachgekommen.
Bionic Kid: Das war auch etwas, das nur bis zu einem gewissen Grad funktioniert hat. Man kann einfach nicht alles machen. Für ein Label, einen Blog und Musikmachen sind wir – so blöd es klingt – zu alt. Da gibt’s Junge, die machen zehnmal so viel und gehen noch dazu jeden Abend weg. Das ging vor 20 Jahren, aber jetzt auch nicht mehr.
Buzz: Damals waren die Leute auch noch mehr auf Facebook fokussiert. Heute macht eh jeder alles und hat seinen eigenen Blog – dann bin ich noch dazu auch gleich Fotograf. (lacht)
Bionic Kid: Aber die meisten Blogs aus der Zeit gibt es nicht mehr oder sind eingeschlafen.

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Am Phänomen von Crack Ignaz kann man sehr gut sehen, dass Österreich wieder ein Hoch im HipHop erlebt, auch in Deutschland. Wie bekommt ihr das mit?
Buzz: Das hat alles seine Berechtigung, auch wenn das nicht so meines ist. Die jungen Kids hören so was, da darf man nicht drübergranteln, sondern muss Respekt zollen – sie machen ihre Arbeit gut und kommen raus. Dass wir uns das nicht mehr anhören, hat sicher etwas mit dem Altersunterschied zu tun. Da muss man ehrlich zu sich selber sein.
Bionic Kid: Das kommt alle zehn Jahre circa.
Buzz: Ich habe auch von Samy Deluxe mal gehört, dass Waxo so eines der wenigen Dinge war, die er aus Österreich kannte damals. Für ihn war das international – natürlich viel dadurch bedingt, dass es nur instrumental ist. Es gab Leute, die haben geglaubt, dass wir aus England oder den Staaten sind – oder dass wir eine Rap-Crew sind, weil wir Rap-Features hatten.

Damals war der Turntableism in dem Sinne auch noch sehr jung. Das hat sehr abgenommen …
Zuzee: Das war schon immer komplettes Nerdtum. Und jetzt ist es wieder, wie es mal war.

Nerdet ihr noch, oder hat sich bei euch auch viel digitalisiert?
Buzz: Ich hab noch nie in meinem Leben aus dem Internet gesampelt. Nur von Platten. Ich bin mir bewusst, dass ich mir damit auch selber Steine in den Weg lege, aber ich finde das aber viel intuitiver. Man ist im Laden schon inspiriert und dann muss ich direkt heimrennen und die Samples ausprobieren.
Bionic Kid: Ich vergleiche Musikmachen immer mit Kochen. Du kannst dir im Supermarkt ein Packerlessen holen oder du suchst dir einzelne Zutaten raus und machst es selber – und hast eine Gaudi dabei. Das können wir gar nicht anders.
Buzz: Da sind wir auch ein bisschen festgefahren – ich muss einfach in den Laden gehen und mir Platten checken, dass ich in die richtige Stimmung komm. Für Skits oder Interludes schaut man schon mal ins Internet, aber die Produktion bleibt klassisch.

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All Good-Autor Stephan Szillus hat „Nachtschattengewächs“ als einen der besten österreichischen Rapsongs aller Zeiten betitelt. Gab es noch mehr Klassiker aus der Zeit, die es mit dem Song aufnehmen hätten könnten?
Zuzee: Damals gab es eigentlich nichts Vergleichbares, was es so über die Grenzen geschafft hat. Jetzt weiß ich das nicht so. Bei uns war das natürlich auch ein Zufall, damit hat ja keiner gerechnet, dass das so einschlägt.

Seht ihr den Song als Waxos-Nummer?
Zuzee: Schon, wir haben gecuttet, obwohl die Nummer ursprünglich von Felix (Bionic Kid, Anm. d. Red.) und Manuva war. Deswegen habe ich auch kein Problem zu sagen, dass das ein Klassiker ist. (lacht)
Buzz: Das ist auf jeden Fall bis heute ein Klassiker.
Bionic Kid: Das ist auch 17 Jahre her.
Buzz: Aber in zehn Jahren sampeln sie uns dann. (lacht)

Wie geht ihr – vor allem im Vergleich zu früher – mit der enormen Masse an Musik um, die releast wird?
Buzz: Wir haben Alben zweimal hintereinander gehört. Es kam auch nicht so viel gutes Neues. Ich merke es an mir selbst, heute kann ich mir Lieder manchmal auch nicht länger als 30 Sekunden anhören. Ich muss mir ja noch andere 200 Artists durchhören.
Zuzee: Ich hab es auch einfach verlernt zu entscheiden, was ist cool und was nicht. Mich überfordert diese Masse. Jede Generation hat ihre goldenen Zeiten.
Bionic Kid: Ich werde sicher wieder mal einen Anrufbeantworter haben. Manche Sachen haben sogar besser funktioniert, obwohl die Möglichkeiten so viel schlechter waren. Bei uns hat man das alles mit Anrufbeantwortern gemacht, was draufgesprochen und sich getroffen. Du musstest auch raus, um was mitzukriegen. Das war aber szeneübergreifend so.
Buzz:  Ich schau mir manchmal fünf Konzerte, in fünf verschiedenen Locations an. Und Facebook sagt mir dann, ich habe noch 15 Konzerte zu besuchen. Dann hab ich schon in der Früh einen Stress.

Aber trotzdem hält sich der Trend, analog zu arbeiten. Und hat ja auch zeitweise einen Aufschwung bekommen.
Bionik Kid: Das wird auch so bleiben. Die Mischung macht es auch aus.
Buzz: Bei den Drum’n’Bass-Festln habe ich das erste Mal Leute gesehen, die nur mit CDs aufgelegt haben. Das war für mich damals nicht vorstellbar. Ich kann bis heute nicht gescheit mit CD-Playern auflegen. Da habe ich bei Serato mehr das Gefühl, dass ich eine Platte aufleg. Damals warst du mit Exclusiv-Tracks cool. Was die sich den Arsch aufgerissen haben, damit die jede Woche im Club zehn bis fünfzehn neue Tracks spielen konnten.
Zuzee: Was nicht heißen soll, dass wir solche Sachen nicht nutzen.

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Wie wird sich das denn auf dem kommenden Album abzeichnen? Alles analog?
Buzz: Ja, auf jeden Fall. Das Album ist fertig, es fehlt noch ein Label und das Cover. Zur Zeit sind wir auf Label-Suche.

Tendiert ihr zu einem österreichischen Label?
Buzz: Ja, wenn das strukturell passt.

Feature-Gäste?
Buzz: Kein Rapper.
Bionic Kid: Nur DJs. Mirko Maschine, DJ Flip, Chrisfader, Testa und Dorian Concept sind drauf.
Buzz: Für mich interessiert es nur, dass es auf Vinyl rauskommt. Ein Album ist nicht fertig, solange du nicht das Vinyl in der Hand hältst.
Zuzee: Alles andere ist nicht greifbar. CDs digitalisierst du eh.

Der Vinyl-Verkauf ist auch wieder sehr gestiegen.
Buzz: Früher hat es 1000 Leute gegeben, die Platten rausgebracht haben, heute gibt’s Millionen. Jetzt limitieren sie es halt. Viele Junge kommen einfach darauf, dass es mit einer Platte ein anderes Hörerlebnis ist. Man nimmt sich  mehr Zeit dafür.
Zuzee: Immer mehr junge Leute kaufen sich Platten.
Buzz: Aber finanziell rentiert sich das nicht. Die billigen Pressungen werden auch immer mehr.

Aber das gab es früher auch, das erste Wu-Tang-Album kann man nicht auflegen.
Buzz: Die hat nur gerauscht. (lacht)

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