Jeder Tag ein Sonntag // Waldo The Funk Interview

Waldo The Funk by Daniel Shaked -1755

Mit dem Video „Uhrwerk Toykis“ und frisch rasiertem Fu Manchu kam Waldo The Funk 2012 aus dem Urlaub zurück. Ein paar Monate später erschien die EP „Toykis“ und die Resonanz war durchweg positiv. Kein Wunder, wenn man von Beginn an mit der Talentschmiede WSP arbeitet und mit Beats von Dexter, Suff Daddy oder Loop Skywalker versorgt wird. Während „Toykis“ noch eine wilde Ansammlung von über die Jahre entstandenen Textfetzen war, erscheint am 1. Juli sein Debütalbum „Domingo Vogel“. Vor seinem Konzert der gemeinsamen Tour mit Curlyman, Schote und Enaka (Konzertbericht gibt’s hier) nutzten wir die Gelegenheit, um mit ihm über das Album, Sampling-Kultur, HipHop-Medien und seine Connection zur Wiener Beatszene zu sprechen.

Fotos: Daniel Shaked
Interview: Simon Huber & Wanja Bierbaum

The Message: „HipHop ist immer“ lautet der Titel eurer gemeinsamen Toursingle. Inwiefern war HipHop auch schon vor „Toykis“ ein wichtiger Bestandteil deines Lebens?
Waldo The Funk:
Die ersten Berührungspunkte in der Schule mit Luniz, dann kamen irgendwelche Ausflüge in die Popwelt, wo man alles mögliche hört. Danach die Hardcore-Engstirnigkeitsphase zwischen 11 und 18, wo ich die ganze Zeit nur HipHop gehört habe, nicht anderes. Und natürlich alle scheiße fand, die das nicht gemacht haben. Bis zu meinem 18. Lebensjahr habe ich mich aber nicht wirklich getraut, das in die Öffentlichkeit zu tragen. Erst mit 18 habe ich angefangen, eigene Texte zu schreiben und die auch zu veröffentlichen. Ich zwinge mich mittlerweile auch, nicht nur HipHop zu hören, im Endeffekt höre ich dann aber doch selten was anderes.

Wann kam der Zeitpunkt, bei dem du dir gedacht hast, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?
Die „Toykis“-EP war eher so eine Ansammlung an Texten, die mit mir gewachsen sind und teilweise deswegen auch schon zu Release schon ein paar Jahre alt waren, aber ich fand die immer noch geil. Damals habe ich noch nicht drüber nachgedacht, das professionell zu machen, aber der Anklang danach war eben sehr überraschend. Wir haben damals im Urlaub das Video zu „Uhrwerk Toykis“ gedreht und das ist dann für unsere Verhältnisse ziemlich abgegangen. Dadurch fühlt man sich bestätigt und verfolgt das weiter.

Du hast eben gemeint, dass du nicht vorhattest, professionell Musik zu machen. Wie sieht das jetzt aus,  haben sich da neue Möglichkeiten ergeben?
Ja, auf jeden Fall, es hat sich schon nochmal gewandelt. Früher hätte ich gesagt, dass ich einmal einer werde, der einen regulären Job hat und nebenher HipHop macht, inzwischen ist es genau andersrum – ich sehe mich als Typ, der jetzt hauptsächlich Musik macht, aber nebenher auch einen Job braucht, weil es eben noch nicht reicht. Der Fokus liegt in meinem Leben zumindest zurzeit definitiv auf der Musik.

Wie geht es dir dabei, im Jahr 2016 noch als Newcomer betitelt zu werden?
Das ist mir eigentlich relativ egal, es liegt ja hauptsächlich an mir, dass ich nichts releast habe. Mädness hat es auch in „Maggo“ gerappt, der wird jetzt noch als Newcomer betitelt, obwohl jeder, der sich zwei Stunden mit HipHop beschäftigt, eigentlich weiß, dass der schon ganz andere große Sachen gemacht hat und ewig dabei ist. Wie verschiedene Medien das dann aufgreifen oder hinbiegen, finde ich nicht so schlimm.

Wie viel Wert legst du in der Hinsicht auf HipHop-Medien allgemein?
Wahrscheinlich mehr, als ich mir eingestehen will, aber  ich versuche auch, das so wenig wie möglich an mich ranzulassen. Natürlich ist aber keiner befreit davon. Die erste Juice-Review war auch voll positiv, aber trotzdem gibt’s immer Kleinigkeiten, wo ich mir denke: ‚Oh, wie meint derjenige das jetzt?‘

Findest du, dass die HipHop-Landschaft in den HipHop-Medien gut repräsentiert ist? Es zeichnen sich ja doch einige Trends ab. Wird jeder Sparte genug Aufmerksamkeit geschenkt?
Ne, das sehe ich tatsächlich nicht so. Ich finde den Fokus auf Boulevard und Beefgeschichten zu groß, auch wenn ich das teilweise konsumiere, finde ich, dass sich viele Medien es zu einfach machen. Wenn man sich beispielsweise Noisey in den USA anschaut, die machen vielleicht auch manchmal nicht so gute Sachen, aber da versucht man, sich Aufhänger zu überlegen, wie man auch hinter die Fassade blicken kann. Da wird sich in Deutschland manchmal nicht so viel Mühe gegeben. Ich selber konsumiere nur gewählte Sachen und habe auch für mich festgestellt, dass ich nicht überall stattfinden will. Ich will nicht mit irgendwem Kartfahren gehen oder in die Kamera sagen, was meine drei aktuellen Lieblingssongs sind.

Wählst du die Medien auch nach irgendwelchen Kriterien aus oder würdest du zu jemanden Nein sagen?
Ich würde bestimmt Nein sagen. Wenn mir die ganze Art und Aufmachung nicht gefällt, dann auf jeden Fall. Es ist aber nicht so, dass ich mich da total verschließe. Wenn ich etwas mache, dann weil ich die selber schon als Konsument kenne und lese und auf den Plattformen ruhigen Gewissens stattfinden kann.

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Wie beurteilst du als langjähriger Fan die Comebacks alter Rapgrößen?
Schwierig, weil die wenigsten verstehen, dass sie sich eigentlich mit den Jahren verändert haben sollten, was völlig normal ist. Und hätten sie konstant Musik gemacht, wäre ihre Musik heute auch anders. Aber zu viele kommen zurück mit dem, was sie eigentlich schon damals gemacht haben, weil sie es nicht schaffen, sich neu zu überdenken. Dann sollte man es vielleicht lassen. Aber wer bin ich, darüber zu urteilen? Wenige schaffen das und finden ihren Platz. Beispiel Dendemann: Ich weiß nicht, ob mir ein neues Album gefallen würde, aber überraschenderweise passt er bei Jan Böhmermann  perfekt rein. Das ist ja auch eine Weiterentwicklung für ihn.

Auf „OADM2“ ist diese Haftbefehl-Anspielung, auf die einerseits beispielsweise K.I.Z., aber auch ein Prezident Bezug genommen haben. Wie ist dein Standpunkt zur aktuell aufkommenden Diversität im Deutschrap und dem Input von allen Seiten, der auch von den jeweils anderen Sparten adaptiert wird?
Es ist auf der einen Seite natürlich, aber andererseits auch immer riskant oder ekelhaft, wenn etwas was von allen Seiten gehypt wird. Das ist das Gleiche, was mit einem Yung Hurn passiert, wenn dann irgendwelche Werbeagenturen darauf zugehen, weil sie seine Texte oder die Aussprache witzig finden. Ich habe das immer ernst genommen und als Kunst aufgefasst. Als ich Haftbefehl das erste Mal gehört habe, fand ich, dass das krass und etwas Neues ist. Ich bin wahrscheinlich zu sehr mit HipHop aufgewachsen, als dass ich das irgendwie persiflieren könnte. Auf der anderen Seite ist es jetzt am Deadend, man sieht schon die nächsten jungen Straßenrapper, die dann wieder das Gleiche machen, weil sie denken, dass es reicht, ein Video vor einem Hochhaus zu drehen. Aber dass ein Nimo noch eine Schippe drauflegt, sehen viele nicht. Jetzt muss es wieder gebrochen werden, es reicht nicht mehr, die gleichen Stereotypen wieder zu reproduzieren. Es polarisiert, aber wenn sich zu viele drauf stürzen, ist das nie gut.

Welche Ansprüche stellst du da an deine eigene Musik? Du wirkst wenig verkopft und scheinst, sehr viel „aus dem Bauch heraus“ zu schreiben.
Das ist Original das, was ich am öftesten höre, dieses „aus dem Bauch heraus“, auch wenn ich mir nicht erklären kann, woher das kommt. Mir ist Ruhe sehr wichtig, und dass ich auch nicht immer ruhig bin. Ich versuche zumindest, immer gelassen zu bleiben, das ist mir ein wichtiges Gut und das überträgt sich vermutlich auf die Musik. Außerdem habe ich eine heimliche Vorliebe an Alben, die man an einem Stück durchhören kann. Das ist auch nicht so einfach zu machen. Es ist ja nicht so, dass ich ein Konzept für die Releases habe, sondern dass jeder Song für sich eine kleine Gefühlswelt ist, aber am Ende ist es in sich schlüssig, weil es eben immer ich bin. Das ist gut, das bestätigt mich, indem was ich tue und es fühlt sich gut an.

Welche Bedeutung hat in der Hinsicht der Titel „Domingo Vogel“ für dich? (domingo: spanisch für „Sonntag“, Anm.)
Das ist eigentlich eine Metapher für den Paradiesvogel. Ich war vergangenes Jahr in Mexiko und dann ist mir dieser Titel in den Sinn gekommen. Oft denke ich mir: ‚Wie würde ich das beschreiben, was ich mache?‘ Es geht immer um ein Gefühl, das aus einer Line heraus entsteht und das ich versuche, den Track über zu erhalten. Aber es ist nicht so, dass immer ein Konzept dahinterstehen muss. Der Name transportiert ein Gefühl, er löst etwas in mir aus und deswegen ist es gut so.

Die Auswahl der Produzenten trägt auch zur dieser Grundatmosphäre bei. Enaka, der einen Großteil der Platte produziert hat, war ja bei der EP noch nicht vertreten.
Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass ich viele Producer kenne, mit denen ich auch tatsächlich gut befreundet bin und wir gerne zusammen abhängen und Musik machen. Man schätzt sich gegenseitig. Da ich jetzt nach Karlsruhe gezogen bin und Enaka da wohnt, war es fast klar, dass wir zusammenarbeiten werden. Dadurch, dass Schote zusammen mit Enaka zu WSP gekommen ist, schließt sich der Kreis. Ich habe unserem Labelchef schon ein Jahr vorher gesagt, dass ich Schote gut finde und dass man ein Auge auf ihn werfen sollte.

In Karlsruhe wurde jüngst auch der Fall Moses Pelham behandelt. Hattet ihr eigentlich schon mal Probleme mit Sample-Clearance?
Nein, auch da habe ich das Glück, dass ich viel mit Dexter arbeite und ich glaube, es gibt kaum jemanden, der sich da weniger Gedanken machen muss, weil er so unfassbar tief diggt, dass es schwer nachzuvollziehen ist. Und auch Leute wie Fid Mella und Brenk  machen ihre Arbeit einfach extrem gut und auch sehr nerdig, die kennen sich auf jeden Fall aus.

Findest du es wichtig, dass dieses Urteil gefällt wurde, also dass es ein „Grundrecht auf Sampling“ gibt?
Das ist immer Auslegungssache. Man darf jetzt natürlich nicht einfach kopieren und es ist auch wichtig, dass es einen rechtlichen Schutz für die Künstler gibt, die das Original produziert haben. Aber gerade weil wir in Deutschland immer so überkorrekt sein müssen, kann es nicht schaden, dass Sampeln auch als Kunst anerkannt wird und man eine Art Erlaubnis dafür hat. Das wird positive Auswirkungen haben. Und wenn ich meiner Mutter erkläre, was ein Sample eigentlich ist, versteht sie das jetzt auch besser.

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Auf der WSP-Seite ist zu lesen, dass du das Glück hattest, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Aber das alleine reicht ja meistens trotzdem nicht aus. Was macht dich zur idealen Ergänzung für WSP?
Heilbronn ist überhaupt nicht groß, bekannt für seinen industriellen Charme und die meisten Leute geben dir ihr Beileid, wenn du ihnen sagst, dass du dort aufgewachsen bist. Mit Dexter und WSP wurde ein Grundstein gelegt, aufgrund dessen sich viele Leute denken: ‚Okay, und das alles kommt jetzt aus Heilbronn? Wieso? In anderen Städten, die größer sind, geht viel weniger.‘ Der zweite Teil der Frage ist total schwierig. Vielleicht hat mein Labelchef irgendwas in mir gesehen… ‚In dir steckt ein Star‘ (lacht). Vielleicht passe ich auch wegen der vorher angesprochenen süddeutschen Gelassenheit so gut rein.

Gibt es etwas, worauf du bei deinem Debütalbum besonders stolz bist?
Am stolzesten bin ich eigentlich auf die Produktion und darauf, wieder mit Dexter zusammenarbeiten zu dürfen, der das Album mitgeprägt hat und mir da immer zur Seite steht.  Heute hat mich Brenk angerufen und meinte, dass er es extrem gut findet. Das aus solchen Mündern zu hören, ist schon schön. Mal gucken, wie es ankommt, es beinhaltet auch teilweise ruhigere Stellen, aber wenn die Leute sich drauf einlassen, wird es genau das, was es sein soll: ein cooles Album, das man an einem Stück durchhören kann, gerne auch in der Bahn zum „aus-dem-Fenster-Schauen-und-Rumträumen“.

Wie ist die Connection zu Brenk entstanden?
Ihn habe ich auf einem Beat-BBQ in Köln vor ein paar Jahren kennengelernt. Ich stand neben ihm an der Bar, die grad zumachen wollte, aber er hatte noch neun Märkchen. Wir haben uns dann zufällig gegenseitig erkannt und von den Märkchen gleich Gin Tonic bestellt. Als die Betty Ford Boys dann angefangen haben, richtig auf Tour zu gehen, war ich ein Jahr lang auf ganz vielen Konzerten, weil es sich einfach immer gut ergeben hat.

Besteht dann auch eine Verbindung zu Wien?
Für das Album war ich vor zwei Jahren schon hier zum Beats picken und habe da die ganze Wiener Riege besucht. Das war echt eine tolle Reise. Ich mag dieses HectorMacello-Umfeld einfach sehr gerne. Aber auch Lex Lugner oder Wandl sind echt krasse Produzenten. Hier ist schon ein ganz eigener Flavour, ihr würdet es wahrscheinlich Schmäh nennen, ich würde Swag sagen – aber egal, wie man es nennt, es macht einfach Spaß, hier zu sein.

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