Ich rappe, also heiß ich // Gastkommentar

cc nd by Quinn Dombrowski

Foto: cc 2.0/Quinn Dombrowski

Para hier, Para da, Paradies. Der finanzielle Anreiz einer erfolgreichen Rapkarriere wird in Musikvideos und in sozialen Medien umfassend zur Schau gestellt. Ein ausgeprägter Geschäftssinn allein macht aber noch keinen Verkaufsschlager – Talent und Fleiß jedoch auch nicht. Fähigkeiten wie Flow- und Reimtechnik sind im Deutschrap längst verhandelbar, Aura und Haltung allenfalls Nice-to-haves. Wenn du dir 2017 im Deutschrap einen Namen machen willst, brauchst du vor allem Momentum, Unterhaltungswert und mediale Präsenz. Und natürlich einen Namen. Der Kommunikationsdesigner Iven Sohmann hat diesbezüglich ein paar Tipps für dich.

Willkommen bei Deutschrap-Marketing 101. Der erste Business-Move deiner Rapkarriere ist nicht das Lostreten eines Promo-Beefs, sondern die Entwicklung deines Künstlernamens. Merke: Erst heißen, dann beißen. Nach Leerzeichen ist nämlich schlecht googlen. Und das Auge liest ja bekanntlich mit. Klar so weit? Dann einmal den Ausweis bitte!

Dein Realname

Heißt du nicht gerade Friedrich Kautz oder Felix Blume, lässt sich bestimmt was aus deinem bürgerlichen Namen ableiten. Lautet dieser zum Beispiel Azad Azadpour, dann … mach die Augen auf, Junge! Hast nur du dich umgedreht, wenn auf dem Spielplatz nach dir gerufen wurde (Amewu, Kalim, Veysel)? Im Zweifel fügst oder lügst du einfach noch ein MC hinzu (MC Rene, Nina MC, MC Bilal) oder individualisierst die Schreibweise (Chefket, Laas, Olexesh). Vielleicht ergänzt du deinen Vornamen auch um ein weiteres Wort (Kool Savas, Farid Bang, Rhymin Simon) oder lässt beide miteinander verschmelzen (Afrob, Pyranja, Blumio)?

Markante Spitznamen (Snaga, Ćelo, Smudo) und zweite Vornamen (Leila Akinyi, Ahzumjot – abgeleitet von Alan Julian) funktionieren selbstverständlich auch. Möglicherweise ist dein Familienname noch besser geeignet (Pillath, Animus, Döll). Oder dein hebräischer Zuname (Ben Salomo)? Nachnamen lassen sich jedenfalls ebenso modifizieren (BTNG, Skero, Weekend). Außerdem kannst du auch irgendwas erfinden (Edgar Wasser, Damion Davis, Jack Orsen) oder wenn du keine Feinde (Max Herre) bzw. keine Gegners hast (Moses Pelham), einfach jedem deinen echten Vor- und Zunamen auf die Nase binden bzw. boxen.

Dein Namenszusatz

Bleiben wir bei deinem Ausweis. Je nach Ausstellerstaat könnten darauf akademische Grade, Adels-, Amts- oder Berufstitel mit Künstlernamenpotential vermerkt sein. Falls weder Stammbaum noch Zeugnis etwas hergeben, denk dir eben was aus. Mach dich schlau (Dr. Knarf) oder verwandt (Schwesta Ewa, Monobrother, Capital Bra, Stieber Twins) oder mächtig (Sir Serch, Lady Bitch Ray, Lord Scan). Oder sogar übermächtig (Prezident, Capo, King Orgasmus One)? Vielleicht lässt du dich aber auch einfach nur respektvoll anreden (Herr von Grau, Mr. Schnabel, Mistah Nice) oder begegnest deinen Mitstreitern auf Sonnenbrillenhöhe (Kollegah)?

Deine Herkunft

Auch die geografischen Bezeichnungen auf deinem Perso – bzw. dem deiner Eltern bzw. dem von irgendwem – kannst du für die Namensschöpfung verwenden. Benenn dich nach einem Land (Al-Gear, Haiyti, Germany) oder ordne dich einem zu (Dú Maroc, Ösi Bua, Italo Reno). Eine Nationalität (Swiss), eine Stadt (Miami Yacine), ein Stadteil (Hollywood Hank) oder die dazugehörige Himmelsrichtung (Abdï Süd) funktionieren ebenso. Dein Künstlername kann aber auch auf einen Kontinent (Der Asiate) oder eine Hautfarbe (Kalusha – »der Schwarze«) verweisen, um so den Alltagsrassismus deiner Mitmenschen aufzugreifen – Stadt, Land, Frust.

Deine Zahlen

Zahlen gibt es in deinen Papieren zuhauf. Mit einer Postleitzahl im Namen repräsentierst du abermals deine Herkunft (Mosh36, Ufo361, Playboy 51), mit einem Geburtsjahr immerhin dein Alter (AchtVier, Denyo 77, Illo 77). Die Zahlensymbolik eignet sich auch für politische Statements. Du kannst mit Linksextremismus kokettieren (RAF 3.0), Rechtsextreme vor den Kopf stoßen (Audio88) oder einfach dem Kapitalismus frönen (18 Karat). Wenn du vor deiner Rapkarriere schon als Writer aktiv warst, ist dir das mit den Zahlen sicherlich geläufig (grim104, Mach One, Shacke One). In diesem Fall brauchst du aber wohl eh keine Nachhilfe in Sachen Namensfindung (Fler, Prinz Porno, Mortis, eRRdeKa, MC Bomber), du widerlicher Schmierfink!

So, Anzeige ist raus, du kannst den Ausweis jetzt wieder einstecken. Kommen wir nun zu den sogenannten non-ID-based Stage Name Development Strategies. Ja, diesen Namen habe ich mir gerade ausgedacht, darum geht’s hier schließlich.

Das Englische

Es gibt viele Gründe, um bei deiner Namenswahl das Englische zu bemühen. Vielleicht bist du verflucht (Curse) oder erleuchtet (Torch) oder beides (MC Bogy) und willst deinen Rappernamen etwas mystifizieren? Vielleicht bist du jenseits der 30 und fühlst den alten Scheiß halt noch (Mädness, Sylabil Spill, Rockstah)? Vielleicht weißt du aber auch selbst nicht so genau (Why SL Know Plug), hast sonst keine Idee (Hugo Nameless) oder bist deiner Zeit einfach weit voraus (Brown-Eyes White Boy)? Achtung: Irgendwas mit Englisch ist schon okay, irgendwas mit Bindestrich (B-Tight, D-Flame, She-Raw) wurde Ende 2003 jedoch per Gesetz verboten und ist mit einer Freiheitsstrafe von nicht unter einem Jahr zu ahnden. Free Sinan-G!

Das Wort

Naheliegend, aber äußerst zielführend: Nimm dich beim Wort! Zum Beispiel bei einem deiner Attribute (Taktloss, Massiv, Credibil) oder einem zentralen Begriff aus deiner Biografie (Haftbefehl, Blut & Kasse, Xatar – »Gefahr«). Oder nimm irgendein Wort oder mehrere. Nimm Drogen (Crack Ignaz, Crystal F, Medikamenten Manfred) oder finde eine Perspektive (Nazar), such dir einen Job (Frauenarzt) oder beschimpf dich (Basstard). Oder greif zum Lexikon (Megaloh, Morlockk Dilemma, Retrogott) oder in den Scrabblebeutel (Spax, Chakuza, Sierra Kidd) und mach was draus. Du bist hier der Rapper!

 Das Wortspiel

Homonymie (Ali As), Polysemie (Fatoni), Paronomasie (Vokalmatador) – lass dich von dem akademischen Gequatsche nicht beeindrucken. Nochmal: du bist hier der Rapper! Vielleicht erfindest du eine lesbare Abkürzung (Sido, Gzuz, MOK) oder eine bemerkenswert unsägliche (DCVDNS)? Vielleicht wirst du locker easy in deiner Muttersprache fündig (MoTrip) oder in einer anderen (Pierre Sonality)? Bevor du es jedoch krampfhaft erzwingst (Disarstar) oder gegen jede Regel der Vernunft und außerdem gegen das Gesetz zur Vermeidung von Bindestrichen in Künstlernamen verstößt (G-Hot), überlass das Wortspiel lieber den anderen. Rap ist mehr als das.

Das Tier in dir

Wer soll dich dissen, wenn du dir selber Tiernamen gibst? So könntest du dich vom Untergrund (Dirty Maulwurf) nach oben graben, ein hohes Tier werden (Bass Sultan Hengzt), trotzdem down-to-earth bleiben (Alligatoah) und irgendwann an der Spitze der Nahrungskette stehen (Tierstar). Oder du bleibst für immer ein Hund (Deso Dogg). Merke: Statt einer Horde Gleichgesinnter, such dir lieber Freunde und bilde eine Rotte (Die Coolen Säue), eine Herde (Antilopen Gang) oder einen Schwarm (Fischmob). Oder hör stattdessen auf die Flora (Holunder, Buddy Buxbaum, Fruchtmax)!

Die Hommage

Wichtig: Bevor du ins Game steppst, um deine Idole zu töten, erweise ihnen wenigstens die letzte Ehre – insbesondere wenn sie deinen Weg bereitet haben (Schwesta Ewa, Manny Marc, Zugezogen Maskulin). Mit deinem Namen kannst du aber auch Wertschätzung für genrefremde Akteure zum Ausdruck bringen oder fiktive Figuren würdigen. Egal, ob reale Personen (Karate Andi, Marie Curry, Franky Kubrick, Brenk Sinatra), Filmcharaktere (Ferris MC, Casper, Sookee) oder literarische Figuren (Fumanschu, Hiob, Justus Jonas) – Props geben gehört dazu. HipHop, Dicker.

So viel zu den gängigsten Naming-Strategien für dein Rap-Debüt, jetzt liegt es an dir. Wie du deinen Künstlernamen bei Bedarf wieder loswirst (V-Mann, Reason, Kurt Hustle), ein Alter Ego etablierst (Sonny Black, Herr Sorge, MC Flowboter) und dich selber featurest (Marteria feat. Marsimoto, K. Ronaldo feat. Yung Hurn, Architekt feat. MC Zuhälter) behandeln wir dann im Vertiefungsmodul. Bis dahin, guten Start und viel Erfolg!

www.ivensohmann.de

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