„Rap ist die Poesie von heute“ // Teesy Interview

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Fotos: Alexander Gotter

Teesy sitzt mit seinem Gitarristen im Garten seiner Wiener Promoagentur, die beiden jamen entspannt. Nach Wien gekommen ist der Berliner Musiker für sein neues Album „Wünschdirwas“. Teesy hat mittlerweile den Ruf, eine Art „deutscher Justin Timberlake“ zu sein, im Gespräch mit ihm ist von Starallüren nichts zu spüren, er lacht gerne und viel, wirkt sehr locker und nett. Für die Fotos, die wir im Anschluss machen, bringt er seine eigenen Ideen mit ein und positioniert sich ganz fröhlich mit dem Bombay Gin vor der Schnapsbar des Hauses oder klimpert am Sofa ein bisschen auf der E-Gitarre. Davor spricht Teesy aber noch über seinen Faible für Phil Collins und die Schmalzigkeit von deutschem R’n’B und er erklärt, warum er sich zu politischen Ereignissen nicht äußert und sich nicht für seine Musik rühmen will und kann.

The Message: Wie und wann hast du angefangen, Musik zu machen?
Teesy:
Ich habe schon in der Grundschule immer ganz gerne gesungen. Richtig angefangen hat es dann aber erst in der Oberschule mit einem Kumpel, der gerappt hat. Ich habe gemerkt, dass mir daß auch Spaß macht und mir dann ein Headset besorgt und selbst losgelegt.

Was hat dich musikalisch am meisten beeinflusst?
Die ganz frühen Jahre, bevor ich überhaupt angefangen habe, selbst Musik zu machen. Ich habe da viel Chartmusik gehört, Sachen wie Back Street Boys, Westlife oder Blue, auch Justin Timberlake. Aber auch Michael Jackson oder Phil Collins. Später kam dann irgendwann noch der R’n’B dazu.

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Was können wir uns von deinem neuen Album erwarten, bist du zufrieden mit dem Ergebnis?
Ich bin sehr zufrieden damit! Ich mag es wirklich sehr, viel mehr als das alte Album. Ich habe mir vorgenommen, das beste Album so gut wie möglich zu machen und denke, das habe ich für mich geschafft. Wir waren viel mit der Band im Studio, haben viel mit Gitarre, Drums und Bläsern aber auch Strings gemacht. Es ist definitiv viel lifiger geworden, dadurch hat es auch eine gewisse Lebendigkeit bekommen, es ist sehr leichtfüßig, frech. Teilweise auch unüberlegt. Ich habe wieder mehr zu mir zurückgefunden und wirklich das gemacht, was ich selbst machen wollte. Ich habe fast alles alleine gemacht und bin dadurch kompromissloser geworden. Das gefällt mir besonders an dem Album, diese Frische.

Was ist deine persönlicher Lieblingstrack auf dem Album?
„Elisabeth“ ist einer meiner Favorites, weil der so schön schnell ist und so frei nach vorne geht. Dann mag ich aber auch „Wen rufst du nachts an“, den finde ich sehr schön, der hat so einen leichten 80er-Flair, das gefällt mir sehr. Erinnert mich auch leicht an Phil Collins, wir haben da viel mit Synthis gearbeitet.

„Elisabeth“ ist ja schon samt Video erschienen, man sieht dich in einem düsteren Raum an einen Stuhl gefesselt, du wirst offensichtlich gestalkt. Beruht das auf wahren Begebenheiten oder ist das eher fiktiv?
Das ist eher fiktiv. Eigentlich ist diese Geschichte einer Freundin passiert, Elisabeth, die von einem Mann gestalkt wurde. Für den Song habe ich die Rollen dann einfach vertauscht, auch weil der Name Elisabeth ganz gut zu meinem Beat gepasst hat.

„Elisabeth“ erinnert stark an „Easy Lover“ von Phil Collins. Ist der Track als eine Art Hommage gedacht oder war die Ähnlichkeit eher zufällig?
Wenn man es so sehen will, kann es eine Hommage sein. Aber ich muss ehrlich sagen, dass mir die Ähnlichkeit beim Machen nicht aufgefallen ist. Ich habe tatsächlich zwei Wochen bevor ich „Elisabeth“ geschrieben habe, „Easy Lover“ gehört. Mir ist dann auf dem Moped einige Zeit später diese Melodie eingefallen, die ich gleich richtig gut fand. Später ist mir die Ähnlichkeit in den ersten paar Tackten natürlich auch aufgefallen.

Deine Musik geht großteils in Richtung R’n’B, was im deutschsprachigen Raum eher selten ist. Woran liegt es deiner Meinung nach, dass in der deutschen Musik R’n’B so wenig Einfluss hat?
Erstens glaube ich, dass gerade deutscher R’n’B oft zu schmalzig gemacht wird und deswegen nicht ankommt. Andererseits denke ich, dass das schon am Ursprung liegt, in Deutschland kommt man kaum mit R’n’B oder Soul in Berührung, wenn man kein besonderes Faible dafür hat. Es gibt kaum Vorbilder, vielleicht einen Max Herre oder Joy Denalane, aber das war’s dann auch schon. Man hat kaum Anhaltspunkte oder Inspirationen, daher ist die Motivation natürlich auch nicht all zu groß, selbst etwas in die Richtung zu machen. Im deutschen Raum ist R’n’B einfach nicht sehr tief verwurzelt. Wenn man R’n’B mundgerecht serviert, kann er durchaus auch hier gut bei den Leuten ankommen.

Du wirst ziemlich oft als „hoffnungsloser Romantiker“ oder als romanisches Pendant zu Leuten wie Cro bezeichnet. Bist du wirklich so romantisch veranlagt oder ist das eher etwas, das sich nur in deiner Musik niederschlägt?
Ich mag das Drama an sich schon sehr gerne, das Filmische. In Filmen ist auch alles immer ein bisschen größer als in der Wirklichkeit. Ich finde ein Song muss das auch haben, ein Song muss dich aus dem Alltag herausholen, wenn er das nicht kann, kannst du gleich in der Realität bleiben, dann brauchst du den Song gar nicht. Ich finde Musik muss das können, dafür romantisiere ich gerne ein bisschen. Im Alltag bin ich nicht all zu romantisch, da bin ich doch eher nüchtern und ziemlich direkt. Nostalgisches und Sonnenuntergänge mag ich aber schon sehr, auch mit Frauen bin ich eher romantisch, aber eben besonders in der Musik.

Der Track „Hochzeit“ auf deinem letzten Album beginnt mit einem Zitat aus dem Film „The Legend of Bagger Vance“, wie bist du darauf gekommen?
Das Zitat hat für mich sehr gut zu dem Song gepasst, außerdem mag ich den Film auch sehr. Allgemein baue ich meine Songs gerne ein bisschen wie Filme auf. Bei „Elisabeth“ wird zum Beispiel mit den ersten Worten schon die Vorgeschichte klar: Elisabeth wirft mir vor, dass eine andere Frau bei mir war. Das ist in Filmen auch oft so, anhand der ersten Szene wird erklärt, was sich vorher abgespielt hat. Dann bist du mitten in der Handlung, die Spannungskurve setzt ein, am Ende löst sich alles auf. Nach diesem Konzept gestallte ich meine Songs auch ganz gerne.

Du hast einmal gemeint, Lehramt zu studieren – wie sieht’s damit derzeit aus?
Ich habe meinen Bachelor fertig gemacht, aber momentan mache ich nur Mucke.

Könnte man im Unterricht nicht auch deine Musik einsetzen, oder Musik im Allgemeinen? Statt einen Goethe einen Teesy analysieren?
Ja klar, warum nicht. Ich habe in meiner Bachelorarbeit auch Marteria und Bushido analysiert, das war sehr spannend, da kann man tatsächlich viel drin erkennen, mehr als man denkt. Rap ist die Poesie von heute, also warum nicht?

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Deine Musik ist ziemlich unpolitisch, was ist deine persönliche politische Einstellung? Besonders angesichts der Tragödien, die gerade in Europa und im Rest der Welt passieren?
Ich versuche eher mich rauszuhalten. Ich denke von mir selbst, dass ich noch nicht den Blick dafür habe, politische Ereignisse öffentlich beurteilen oder kommentieren zu können. Ich habe auf dem neuen Album einen Song, der relativ gesellschaftskritisch ist, „Nie Mehr“, aber da meckere ich nur im Allgemeinen. Ich versuche, nicht wirklich in die Tiefe zu gehen, weil ich mich dafür zu wenig auskenne und dann dafür auf den Sack kriegen würde. Ich meckere einfach nur wie jemand aus dem gemeinen Volk meckern würde, ohne die Hintergründe wirklich zu kennen. Regierung scheiße, Fernsehen kacke, die betrügen und belügen uns doch nur, das wollte ich damit abbilden. Auf dem vorigen Album gab es den Track „Generation Maybe“, der auch etwas gesellschaftskritischer ist, aber auch nicht wirklich politisch. Da habe ich aber ein bisschen aus meiner Sicht erzählt, weil ich in dieser Generation groß werde und dazu viel erzählen kann.

Muss Kritik für dich immer so fundiert sein? Wenn du zum Beispiel bei „Generation Maybe“ sagst, du beschreibst das Gefühl einer Generation und prangerst es an, muss das dann immer so bis zum letzten Detail begründet sein? Künstler haben ja nicht die Aufgabe, einen Aufsatz zu schreiben, sondern können auch einfach nur ein Gefühl transportieren.
Nein, muss es nicht, aber ich muss ehrlich sagen, dass ich immer ein bisschen Angst habe, dass mir solche Aussagen irgendwann vor die Füße fallen. Dass mich dann im Interview mal tatsächlich jemand zu dem Thema befragt, und ich dann nichts dazu sagen kann, weil ich nur so getan habe, als würde ich mich auskennen. Deswegen lass ich mich gar nicht dazu hinreißen. Bei „Generation Maybe“ habe ich bewusst keinen Zeigefinger erhoben, sondern einfach aus meiner Perspektive erzählt, damit mir da keiner einen Strick draus drehen kann.

Aber dieses Statement ist ja schon per se politisch.
Es ist was anderes, wenn man sagt „wir müssen Sachen anders machen“ oder „ich mache Sachen“. Wenn ich sage „ich mache Sachen“ habe ich alle Freiheiten der Welt, da kann ich alles erzählen. So habe ich das bei „Nie Mehr“ auch wieder gemacht, ich mag es einfach nicht, einen Zeigefinger zu heben, ich möchte niemanden belehren. Deswegen gebe ich gerne ein Statement aus der Ich-Perspektive und der Hörer kann dann selbst entscheiden, ob er sich damit identifizieren will oder nicht. Generell glaube ich, dass ich meine politische Position noch nicht wirklich gefunden habe. Ich bin natürlich offen und sage auch „Refugess Welcome“,aber ich finde, dass Musik gerade auch dazu genutzt werden kann, um mal eine Auszeit von der Realität zu bekommen. Politisch passiert gerade so viel um uns herum, da ist es ganz angenehm, wenn man mal drei Minuten abschalten kann.

Der Song „Geiz“, den du mit Disarstar gemacht hast, ist sehr politisch. Wie seid ihr da vorgegangen? Habt ihr euch ausgetauscht oder wart ihr zusammen im Studio?
Wir waren zusammen im Studio. Das war für einen Sampler des Backspin-Magazins, der „Die Sieben Todsünden“ hieß. Man sollte über eine Todsünde schreiben, wir haben uns für Geiz entschiedenen und haben das wie ein Theaterstück aufgezogen. Ich war der Geizknochen, der nichts hergibt und an jedem Ende sparren will. Disastar war der Linke, der sein letztes Hemd gibt und mich nicht verstehen kann. Wir haben das dann auch etwas überspitzt dargestellt – ich habe zum Beispiel gesagt, „Was interessiert mich Afghanistan“ oder „Was interessiert mich, ob die was im Magen haben“. Da war ich eben in einer bestimmten Rolle, aber ich kenne mich einfach nicht gut genug aus, um wirklich etwas Politisches machen zu können.

Denkst du, dass du selbst auch eine „Maybe“- Einstellung hast?
Ich lasse die Dinge eigentlich eher passieren. Ich habe nicht wirklich viel dafür getan, dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Ich kann auch nicht genau sagen wie ich Alben mache, es kommt einfach durch mich durch, es passiert einfach. Ich kann mir das meistens selbst gar nicht richtig erklären, deswegen kann ich mich selbst auch nicht so sehr für meine Musik rühmen.

„Wünschdirwas“ ist am 15. Juli über Chimperator erschienen. teesymusik.de

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