Still not lovin’ Police – Soundtrack

 

In kaum einem anderen Land sind die Rap- und Fußballfanszene so eng miteinander verbunden wie in Polen. Straßenrap ist dort seit Jahren Ausdrucksmittel der Kurven, den gemeinsamen Nenner liefert die Abneigung gegenüber der Polizei.

Text & Fotos: Jan Braula

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Es handelt sich um eine erweiterte Fassung des im Ballesterer#96 erschienenen gleichnamigen Artikels.

Zehn Jugendliche um die 20 stehen in sehr weiten Hosen auf der Bühne des Warschauer Studentenlokals „Remont“, immer wieder schreit einer von ihnen mit starkem polnischem Akzent „Warsaw Fan Hooligan“ ins Mikrofon, ein anderer motiviert das Publikum dazu, auf das morgige Auswärtsspiel gegen Widzew nach Łódź zu fahren, richtig laut wird es dann bei den expliziten Legia-Chants. Es ist aber nicht wie man meinen könnte ein Fanklubtreffen im Gange, sondern ein Konzert der Warschauer Rapcrew Molesta (dt.: Belästigung bzw. Vergewaltigung).

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Wir schreiben das Jahr 1998, und Molesta haben gerade ihr Debüt-Album Skandal veröffentlicht. Damit übersetzten sie den Gangsterrap aus den USA, namentlich vor allem Mobb Deeps „Infamous„, in den Alltag der polnischen Jugend zwischen grauen Wohnblöcken, Marihuana-Konsum und Fußballstadion. Das taten andere vor ihnen auch schon, allerdings zumeist nur auf inoffiziellen Tonträgern, sprich Kassetten, die in den Wohnblocks die Runde machten. Zudem hatten Molesta den damals einizigen polnischen Produzenten mit professionellem Euqipement an Bord: DJ 600 Volt, der später die gesamte polnische Straßenrapszene mit Beats versorgen sollte. Aber der Reihe nach … „Skandal“ ist das erste große Ausrufezeichen polnischen Straßenraps, über 30.000 Stück werden verkauft, noch öfter wird es von Kassette zu Kassette kopiert. Das Genre wird sich in der Folge zum bedeutendsten der polnischen HipHop-Szene entwickeln. „Skandal“ ist stilbildend und findet unzählige Nachahmer, viele davon mit Bezug zur Fußballfanszene. Heute genießt das Album landesweiten Kultstatus – und das, obwohl sich auf dem Album einige Sympathiebekundungen an den ansonsten verhasstesten Verein der verhasstesten Stadt des Landes gibt: Legia Warszawa.

So zum Beispiel: „Friede für alle Leute aus meinem Stadtteil, Grochów und Śródmieście (Anm.: Stadtteile Warschaus) unter uns lauter oarge Wettkämpfer, Legia Hooligans direkt aus der Hauptstadt, das ist meine Gegend„. Auf dem Titelfoto dieses Artikels findet sich auch ein abgewandeltes Rap-Zitat aus dem Molesta Umfeld: „Wir sind aus Grochów, dieser Stadtteil versteckt dich gut, hier wirst du über Legia Warschau kein schlechtes Wort hören„. In einer Solonummer mit dem programmatischen Titel „Niemals für das Geld, niemals für den Ruhm“ rappte ein Crew-Mitglied: „Włodi und HipHop, das ist wie Legia und Pogoń, nicht so wie manche, die nur dem Ruhm hinterherlaufen.“ Damit spielt er auf die in Polen sehr verbreteiten nationalen Fanfreundschaften und Pogoń Stettin an. Jeder polnische Verein unterhält mehrere nationale Fanfreundschaften, es kommt zu gegenseitigen Besuchen bei Heim- und Auswärtsspielen, und freilich sind die Zusammenschlüsse nicht zuletzt Hooligan-Aspekten und dem Wettstreit mit der Polizei geschuldet. Bisweilen werden sie aber auch vom ganzen Stadion und manches Mal sogar von Vereinsoffiziellen mitgetragen. Die Fanfreundschaft zwischen Legia und Pogoń gehörte dabei seit 1994 zu den beständigsten, zebrach aber 2013.

Das auf das „Skandal“-Konzert folgende Auswärtsspiel gegen Widzew verlief für Legia nicht gut: man unterlag 0:1. Damals, 1998, ging es dem polnischen Vereinsfußball noch nicht so schlecht wie heute: Legia qualifizierte sich in der Saison 1995/1996 für die Champions League, Widzew schaffte es in der darauffolgenden Saison. Danach sollte dies aber keinem polnischen Verein mehr gelingen. Es waren auch die letzten Jahre, als Spieler der polnischen Ekstraklasa nicht gleich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu einem ausländischen Verein wechselten. Dressen mit Namensbeflockung waren in Polen schon seit jeher selten, mittlerweile gibt es aber auch weit mehr Fangesänge auf Spielerlegenden, als auf die aktuellen Teammitglieder.

Das größte Transparent vor dem Legia-Block trug die Aufschrift „White Legion“. In der Mitte davon prangte eine Wolfsangel, ein Ersatzsymbol für das verbotene Hakenkreuz. Jenes Textil dominierte auch noch bis vor 2, 3 Jahren den Legia Fanblock, ohne dass jemand daran großartig Anstoss nahm. Auch in anderen Stadien tauchten immer wieder eindeutige neonazistische Symbole auf. Im polnischen Rap fehlten solche Messages zunächst. Bereits in den Anfangsjahren kam es zu ersten internationalen Kooperationen mit schwarzen Künstlern aus Frankreich und den USA. Włodi von Molesta sollte 2002 gar zum Islam konvertieren. Er wurde damit einer von rund 20.000 Muslimen in einem 40 Millionen Einwohnerland, das kaum von Immigration, seit jeher aber sehr stark von Emigration bestimmt wurde. Das hatte freilich auch Einflüsse auf die polnische Rap- und auch Fußballlandschaft.

Die Parallelen zwischen Rappern und Fans sind in Polen auch sonst zahlreich: Die Angehörigen beider Jugendszenen wachsen zu Zeiten des politischen Systemwechsels in den Plattenbausiedlungen der Städte auf. Hier wie dort werden Tradition und Authentizität hochgehalten, man gibt sich systemkritisch, antiautoritär und skeptisch gegenüber Medien und Politikern. Der Katholizismus spielt eine wichtige Rolle, auch wenn im Rap mit Maria oft Marihuana gemeint ist. Im Straßenrap werden der eigene Stadtteil und die Siedlung in den Texten gefeiert, in den Stadien finden sich die Namen auf Transparenten und T-Shirts der Fangruppen.

Der Hauptgrund für die weiterhin engen Verbindungen zwischen Rap und den Fanszenen ist aber ein anderer, wie Sokół, einer der erfolgreichsten Straßenrapper, in einem älteren Message Interview sagte: „Der wichtigste Schnittpunkt war der Hass auf die Polizei. Das hat sich auch bis heute nicht sonderlich geändert.“ Aus dem Molesta-Umfeld kam auch das polnische Äquivalent zu ACAB oder FTP auf: „HWDP“ – Huj W Dupę Policj (Der Polizei den Schwanz in den Arsch). Das Kürzel machte Ende der 1990er Jahre in HipHop- und Fußballkreisen die Runde und ist noch immer auf den Wänden der meisten polnischen Wohnblocks zu finden. Dafür ist es in manchen Stadien mittlerweile verboten. In Raptexten kam es auch häufig vor, so manche Nummer wurde sogar danach betitelt. Mittlerweile taucht das Kürzel auch immer häufiger in den Stadien Ostdeutschlands auf.

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Die Rivalitäten zwischen den Fußballvereinen haben die Anfangsjahre des polnischen Rap stark beeinflusst. Ein Konzert in der Stadt eines verfeindeten Vereins zu geben, das war Ende der 90er Jahre undenkbar. Der Rappionier Peja war von 1993 bis 1999 Teil des Lech-Posen-Mobs und war laut eigenen Ausssagen bei rund 60 Auswärtsfahrten mit von der Partie. Mit „Lech Poznan“ schuf der ehemalige Judoka-Jugendmeister zu seiner aktiven Fanzeit eine Lobeshymne auf die Posener Hooligans. Obwohl nie offiziell veröffentlicht, fand die Nummer Jahre einige Jahre später den Weg auf YouTube und hält bei über 1 Million Aufrufen.

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Über seine Fanzeit meint Peja heute: „Am häufigsten bin ich auch die Auswärtsfahrten zu unseren größten Rivalen nach Warschau, Stettin, Kielce und Breslau gefahren. In meinen Raps hatte ich anfangs auch Disses gegen andere Klubs.“ Selbst auf neutralem Terrain ging man sich möglichst aus dem Weg: „Wenn im Sommer alle in denselben Ort an der Ostsee auf Urlaub gefahren sind, sind in der einen Diskothek die Posener und in der anderen die Warschauer Rapper gesessen„, sagt Peja, der schließlich seine Fankarriere zugunsten der Musik aufgegeben hat. Heute genießt er landesweite Popularität. Eine Zusammenarbeit, wie er sie 2002 mit Włodi von Molesta für eine Nummer über die damals auf dem Rekordhoch von 20 Prozent stehende Arbeitslosigkeit, oder 2005 mit Sokół für das Lied „Reprezentuję biedę“ (Ich repräsentiere Armut) einging, wäre einige Jahre davor noch nicht denkbar gewesen. Im Fußballkontext spielen die Stadtrivalitäten aber freilich nach wie vor eine große Rolle: so ließ beispielsweise Legia Warschau letztes Jahr folgendes plakatieren:

legia lech plakatwerbungDu kannst sogar aus Posen sein, wenn du Legia-Fan bist.

Ab Mitte der 2000er Jahre entstand schließlich ein neues Phänomen: polnischer Kurvenrap auf YouTube. Schon bald hatte fast jede Mannschaft ihren eigenen Song im Netz. Meist auf bescheidenem musikalischen Niveau wird dabei der Stolz auf die Farben, das Logo und die Wohnsiedlung kundgetan. Häufig unterlegt mit Bildern von Vereinstätowierungen und -graffitis, noch häufiger mit Choreografien und Schlägereien. Die Kurvenrapper selbst bleiben meist anonym, die Anzahl ihrer Tracks geht jedoch in die Tausende. Der Rap auf Cracovia tanzt dabei aus der Reihe, wenn es heißt: „Sie nennen uns Juden, von uns geniert sich aber keiner dafür„. Ansonsten finden sich in den inoffiziellen Vereinshymnen nämlich zahlreiche antisemistische, rassistische und auch neonazistische Passagen. Bei Cracovia kam es aber ähnlich wie bei Tottenham oder Ajax zu einer positiven Umdeutung der antisemistischen Äußerungen ihrer Rivalen: die Hooligan Gruppierung Cracovias nennt sich „Jude Gang“ und war in Krakau auch graffititechnisch, meist in der Abkürzung JG, sehr präsent. Darauf antwortete Wisla mit einer eigenen Choreographie mit den Buchstaben „AJ“ (Antyjude).

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Die polnischen Kurvenrapper beschränken sich jedenfalls meist auf eine Nummer über ihren Verein, fast niemand von ihnen verkauft Tonträger oder gibt Konzerte. Wie in den folgenden beiden Videos zu sehen, erlebt heute ein eigenwiliger Kleidungsstil in der Fußballfanszene Polens eine Renaissance: im Sommer werden nämlich viel zu kurve Shorts und hochgezogene weiße Socken getragen, im Winter Trainingshosen und Kapuzenpullis. Zu jeder Jahreszeit kurz geschorene Haare. Dieser Look war bereits Ende der Neunziger unter den immer zahlreicheren Straßenrappern besonders populär.

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Aktuell sind bei den immer häufiger stattfindenden ultranationalistischen Aufmärschen neben Emblemen der Fußballklubs auch Merchandise-Artikel von Rapcrews und polnischen HipHop-Marken zu sehen. Dass die Vereinsrivalitäten zugunsten einer politischen Ideologie von vielen Fanszene Mitgliedern aufgegeben werden, zeigte sich letztes Jahr beim Marsch der Unabhängigkeit. Am 11.11. wird jährlich die Wiedererlangung der Staatssouverenität von 1918 gefeiert, die nur bis 1939 andauern sollte und zunächst von deutschen Nationalsozialisten, später von russischen Kommunisten wieder entrissen wurde. Während in den Jahren zuvor nur eine überschaubare Menge am Marsch teilnahm, machten letztes Jahr die wichtigsten Hooligangruppierungen Polens mobil und gemeinsame Sache. Nicht zuletzt nutzten sie den Marsch auch zur Manifestation ihrer Abneigung gegenüber dem polnischen Premier Donald Tusk und seiner Regierung. Es kam zu massiven Ausschreitungen.

Nichtsdestotrotz hat bisher kein Protagonist der HipHop-Szene die Annäherung von Rap und rechter Politik direkt angesprochen. Während neonazistische Symbole zwar langsam aus den Stadien verschwinden, konzentriert man sich in den Fankurven immer häufiger auf antikommunistische Kundgebungen. In fast jeder polnischen Kurve ist heute ein durchgestrichenes Hammer & Sichel Symbol zu sehen, in den YouTube-Kurvenraps taucht es auch häufig auf. Als kürzlich eine Fan-Gruppierung von Polonia Warschau einen Schal präsentierte, auf dem nicht nur Hammer & Sichel, sondern auch das Hakenkreuz durchgestrichen war, endete dies mit einem Angriff aus den eigenen Reihen. Die Schals tauchten danach nie wieder auf. Zuvor hatte jahrelang ein SS-Totenkopf das wichtigste Fanclub-Transparent von Polonia Warschau geziert. Bei jenem Verein, der in Polen noch am ehesten als links gilt.

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Während der polnische Fußballverband heute aktiv den Dialog mit den Fangruppierungen sucht und dabei auch Erfolge verbuchen konnte, stellte man sich die Fanwelt Ende der 90er noch etwas anders vor. So dürfte man tatsächlich geglaubt haben, mit einer Rap-Message die Fanblöcke zur Vernunft zu bringen. Mit Spielern wie Marek Citko (Jg. 1974) oder Artur Wichniarek (Jg. 1977) rappte damals die Crème de la Crème des polnischen Fußballs sehr holprig und in einem komödiantisch anmutenden Videoclip für mehr Toleranz und gegen Gewalt. Die gewünschten Effekte und weitere raptechnische Überzeugungsversuche des polnischen Fußballverbands blieben aus.

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