SterilOne & Basement: die Dystopie „Retropolis“ // Review

Retropolis Sterilone Basement VinDig
(SterilOne & Basement – Retropolis // VÖ.: 13. 5. 2016)

Basement und SterilOne: „Retropolis“. Das Releasedate liegt bereits einige Wochen zurück, aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wollen wir euch dieses Album nicht vorenthalten. Die austro-germanische Connection repräsentiert einen ganz eigenen Entwurf von Old-School-HipHop und vereint experimentellen Sample-Boom-Bap mit nachdenklich-melancholischen Texten. Jenseits von Klischees und Gefühlsduseleien. Ein Reiseführer durch „Retropolis“.

Nach einem instrumentalen Einstieg, der einen Hauch von Eastcoast-Nostalgie vermuten lässt, stellen die beiden unmittelbar klar, wie sie sich fühlen: und zwar „L.O.S.T.“. Dieser erste Track, die einzige Video-Auskoppelung des Langspielers, kann durchaus als Titeltrack verstanden werden und widmet sich der eifersuchtsbefreiten Kritik an einer kommerzialisierten Szene, mit der die Künstler sich nicht identifizieren können. Auf „Mezkalin“ nimmt sich SterilOne textlich mehr Freiheit, das sphärische Instrumental wird von einem Film-Sample eingeleitet und beweist unmittelbar, wie tief die beiden nach Samples diggen.

Auch wenn die Tracks thematisch oft stark variieren, weisen sie (fast) ausnahmslos stilistische Gemeinsamkeiten auf und machen die Platte damit zu einem sehr runden Hörerlebnis. Dieser eigenwillige und eigensinnige Stil zeichnet sich vor allem durch schleppend-verträumte Klangteppiche über herrlich rohe Drums aus. Skizzenhafte, teilweise fast beiläufig ausgeführte Gedanken zu dieser Gesellschaft und seiner Kultur sowie der HipHop-Szene veredeln einen Sound, der von einem Besseren träumt – ohne die Revolution selbst in Angriff nehmen zu wollen. Tracks wie „Trampelpfadgedanken“ oder „Regen“ unterstreichen dieses Bild.

„Zeit, bisschen Welle zu schieben,
wieder Musik zu hören statt auf Videos klicken,
statt die Aufrufe zählen ein bisschen rückbesinnen,
auf Beats, die glücklich stimmen“
(Zwei Seelen)

Trotz der harmonischen Zusammenstellung stechen zwei Nummern ganz besonders heraus: „Monochrom“ und „Zwei Seelen“. Ersterer löst sich von der auf „Retropolis“ dominierenden Zeitrechnung – also etwa 90 Schlägen pro Minute – fließt beinahe in Zeitlupe in die Gehörgänge und zwingt dank brillanten Drums und einer organisch-euphorischen Melodie zum Kopfnicken. Die Lyrics halten die Sehnsucht nach der alten Schule hoch, verzichten dabei aber auf den Zeigefinger. Im Ausklang wird verdeutlicht, welche Bedeutung Samplen für den vorliegenden Sound hat. „Zwei Seelen“ stellt einen mehr als atypischen Representer dar, der auf hundertmal gehörte Selbstbeweihräucherungen verzichtet, ohne die Überzeugung über das eigene Schaffen zu leugnen. Eine Anleitung zur Realness.

Auf „Lichtblick“ findet sich mit Melodic der einzige Featuregast, welcher einen schwer zu fassenden Part beisteuert, der sich gerade dadurch gut in die Platte einfügt. „Blindenschrift“ bedient sich an sanften Saxophon-Melodien und erzeugt eine schwerelose Klangwelt. „Masken“ stellt einen starken, lyrischen Schlusspunkt dar, Lines wie „Weil wir immer wir sagen, doch zu selten du meinen, und Gedanken wie U-Schleifen um uns kreisen“ bleiben hängen. SterilOne beschäftigt sich mit der Ungreifbarkeit des Wahrhaftigen. Retropolis klingt mit einem Instrumental aus, welches die Essenz dieser Idee von HipHop unterstreicht: Es braucht nur ein paar freshe Samples und einen stimmigen Loop. Fertig.

Fazit: Basement und SterilOne liefern mit Retropolis eine Platte ab, welche jenseits von Markttauglichkeit und Zielgruppen-Orientierung vor allem eines ist: eine Liebeserklärung an HipHop. Beats und Texte harmonieren und fließen, Abstraktion, Skizzenhaftigkeit und der Deutungsspielraum, welcher dem Hörer zukommt, sind ihre großen Stärken. Dass dieser Stil Geschmackssache ist, versteht sich von selbst. Zudem funktioniert der Langspieler nicht als Berieselung – Zeit zu investieren lohnt sich, da die Tracks mit jedem aufmerksamen Hören besser werden und Details preisgeben. Hier und da wäre aber dennoch ein bisschen mehr Geradlinigkeit wünschenswert gewesen, da sich die Nummern teilweise in Assoziationen verlieren. Einen echten Kritikpunkt an „Retropolis“ stellt die teilweise starke Untermischung der Vocals dar, was das Verstehen und Genießen der Texte zeitweise anstrengend gestaltet und vielleicht eine vermeidbare Herausforderung darstellt. Insgesamt ein starkes Album und ein klares Ausrufezeichen „Österraps“, jenseits von jeglichen aus dem Boden schießenden Sub-Genres. Fans von Labels wie Sichtexot kommen hier auf ihre Kosten.

4 von 5 Ananas
4 von 5 Ananas

Retropolis ist über VinDig erschienen und kann hier und auf Bandcamp erworben/gestreamt werden.

Retropolis by Basement & SterilOne

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